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Mel´s Mikrokosmos

Ungeschminkte Wahrheit

Neulich machte ich beim Firmenlauf in Dillingen mit und lief einige Zeit hinter einem DRK-Krankenhaus-Team her, weil mich der Spruch auf deren T-Shirts ziemlich amüsierte. Er lautete: „Überholen Sie ruhig, wir reanimieren sie!“ Und ich dachte dabei an all die hochmotivierten Läufer, die mir allsamstäglich auf dem Leinpfad in Saarbrücken entgegenkommen. Oder die mich in einer leichtfertigen Arroganz regelmäßig zu überholen versuchen. Und es gelingt ihnen sogar, denn entgegen hoch gesteckter Ziele und jahrlanger Plackerei in Laufschuhen komme ich zu der weitreichenden Erkenntnis, dass meine Jogging-Qualitäten nach Jahren voller Blut, Schweiß und Tränen immer noch auf dem Niveau einer Schnecke sind. Einer flinken Schnecke wohlgemerkt, aber eben einer Schnecke. Was mich aber wirklich frustriert und nahezu rasend macht (rasend in emotionaler Form wohlgemerkt, weniger in körperlicher) sind diese ganzen „Ich bin soooo unsportlich!“-Leute! Diese eine Sorte Mensch, die ihren Fitnesslevel ständig runterspielt mit tiefstapelnden Facebook-Posts à la „Heute wieder nur im Schneckentempo unterwegs“ oder „Kleiner Abendlauf an der Saar“, deren vermeintliches „Schneckentempo“ für mich jedoch Sprint-Niveau bedeutet und „kleiner Abendlauf“ einfach nur übersetzt heißt: „13 Kilometer-Runde“! Hallo? Geht’s noch?
Ich bin nicht die Sportlichste. Fakt! Aber ich lasse mich tatsächlich durch diese Art von Wichtigtuerei leicht aus der Fassung bringen. Man munkelt nicht umsonst, dass soziale Medien Menschen in Depressionen stürzen. Das fängt bei Posts über Sport an und hört bei euphorischen Statements über die angebliche Traumbeziehung auf. Und im Grunde steht man dann selbst ständig unter Druck. Mehr Sport. Mehr Urlaub. Mehr Geld verdienen, um sich diese Urlaube leisten zu können. Mehr healthy food. Mehr Disziplin. Mehr, mehr, mehr! Damit man auch ja mithalten kann mit dieser angeblich so glücklichen, sportlichen und gesunden Gesellschaft. Damit man auch weiterhin mit gebleachten Zähnchen, Bauchfrei-Top, stolz eine mega-gesunde Acai-Bowl haltend in die Kamera grinsen kann. Ganz ehrlich:

„Fressen die nur noch heimlich?“
Augenscheinlich nein, denn obwohl sie immer dünner werden und man längst munkelt, sie litten eventuell unter einer Essstörung, gibt es von Stars wie Heidi Klum, Chiara Ferragani oder Miranda Kerr regelmäßig die geballte Fast-Food-Bombe in Form von Fotos, auf denen sie schlemmend mit Pizza und Co. zu sehen sind. Kein Gramm Fett am Körper aber dann Fritten und Burger? Die Promis fotografieren regelmäßig Fast-Food-Sünden und süße Leckereien und teilen die Bilder dann auf ihren Instagram-Accounts. Aber ob sie die Kalorienbomben auch wirklich essen? Mmmmh… da bin ich mir nicht so sicher! All die weiblichen Alpha-Kevins da draußen glauben es aber und am Ende wird dann wieder rumgeheult, weil die ja alle viel glücklicher sind als wir, weil sie nämlich essen können und noch dünn und sportlich dazu sind. Depressions-Faktor Plus 1000! Ich stelle mir deshalb unweigerlich die Frage: Sind wir wirklich so leicht aus der Bahn zu werfen?
Wie eine Bowlingkugel rollen wir ins Aus. Wir fühlen uns fett, ungeliebt und unsportlich, sobald in unserer Freundesliste bei Facebook wieder geprahlt, gelogen und gelacht wird. Je mehr die anderen fröhlich lachen, desto mehr verkriechen wir uns, weil wir uns einreden, dass unser Leben scheiße ist. Es gibt zwar keine eindeutigen Forschungsergebnisse, die die Verbindung von Depression und der Nutzung von Social Media bestätigen. Aber viele Studien untersuchen, ob soziale Medien Depressionen verursachen. Auf jede Studie, die die Gefahr von Social Media beweisen will, kommt jedoch eine, die das widerlegt mit dem Befund, es käme lediglich darauf an, wie man Social Media anwende.

Gibt es also doch noch Hoffnung?
Wer seine Bekannten online verfolgt und ihre Leben mit dem eigenen vergleicht, kann also durchaus in eine Depression rutschen. Wer sich hingegen wohlwollend über seine Freunde und Familie informiere, bleibt glücklich. Da drängt sich die Frage auf: Haben Forscher Facebook überhaupt schon einmal genutzt? Es gibt zwar keine wissenschaftlichen Arbeiten über die Auswirkungen sozialer Medien auf eine bereits bestehende Depression, aber Experten halten einen negativen Zusammenhang für so selbstverständlich, dass er keiner besonderen Erwähnung mehr bedarf. Soziale Netzwerke und ständige Erreichbarkeit erzeugten eben Stress, Außerdem möchte man nicht sehen, wie schön das Leben anderer Leute ist, wenn man eine Depression hat.
Ich glaube ja, in Wahrheit ist alles ganz anders. Diese ganzen Leute, die noch eine angeblich gechillte Runde durch den Wald joggen, die in Wirklichkeit einen halben Marathon umfasst, wären manchmal glücklicher, wenn sie bei Facebook und Co ehrlicher sein könnten. Wenn sie einfach so raushauen könnten: „Seht her! Ich bin der Marathon-Mann! Ich bin zwar total im Arsch nach diesem ätzend langen Lauf, aber ich habe es wieder in Rekordzeit geschafft!“ Um Gottes Willen! Die ganze Facebook-Welt würde ihn für einen reißerischen Poseur halten! Oder die ganzen Fast-Food-Mädchen mit Essstörung. Stellt euch vor, die würden posten: „Toller Burger, tolles Bild, leider kann ich nur einen Krümel davon kosten, weil ich eigentlich magersüchtig bin!“ Oder die Acai-Bowle-Trägerin im Bauchfrei-Top, die sich hinterher eine Pizza in den Ofen schiebt. Ich glaube, sie alle sind in Wirklichkeit ganz anders und spinnen sich ein gefaktes Leben zusammen, in der Hoffnung, die da draußen finden es toll oder können sich damit irgendwie identifizieren.

Gesunde Balance – der neue Trend im Internet
Am Ende ist es doch so: Wir sollten endlich der Wahrheit ins Gesicht sehen. Und als hätten es gewisse „Influencer“ bereits geahnt, gibt es seit geraumer Zeit diejenigen in den sozialen Netzwerken, die eben ganz natürlich sind. Fitness-Blogger, die ihre Speckröllchen zeigen beispielsweise. Wie Louisa Dellert. Sie trifft mit ihrem Blog Fit-Trio und ihrem Instagram-Account den Nagel auf den Kopf. Selbstliebe steht bei ihr im Vordergrund. Neben Fitness, Ernährung und Motivation. Sich selbst so zu akzeptieren, wie man eben ist, ist jedoch ihre vordergründige Message. Und Selbsthass in Selbstliebe umzukehren. Ihrer Meinung nach ein lebenslanger Prozess. „Beschissene Tage haben wir alle. Jeder kennt die Situation in der Umkleidekabine. Wir probieren ein Kleid an, schauen in den Spiegel und fühlen uns wie eine Presswurst und gehen sauer und enttäuscht nach Hause. Am liebsten würden wir uns jetzt nie wieder in einem Spiegel anschauen.“ Laut Dellert ist ein Umdenken aber nie zu spät. „Was habt ihr später davon, wenn ihr auf dem Sterbebett nur daran zurückdenken könnt, wie ihr euch mit Diäten, Vergleichen und Selbsthass durchs Leben gequält habt. Ja, es ist einfach zu sagen, wenn man nicht in eurer Haut steckt! Das weiß ich! Aber glaubt es mir – jede von uns trägt ein persönliches Päckchen, das wir am liebsten verschenken würden. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten den Inhalt dieses Päckchens in etwas Wundervolles zu verwandeln. In eure Lebenszeit, die so wertvoll ist.“ Ja, ich weiß, ich beschäftige mich oft und viel mit dem Thema Selbstliebe und Akzeptanz des eigenen Ichs. Aber sind wir doch mal ehrlich: Es ist ein Thema, mit dem wir uns alle im Grunde ständig beschäftigen. Viele von uns jedenfalls. Deshalb hier nochmal ein kleiner Reminder an uns alle: Wenn euch zukünftig beim Laufen einer überholt: Lächelt und seid nicht sauer: Wir sind eben wie wir sind. Mal schneller. Mal weniger schnell. Mal besser. Mal schlechter. Das ist das Leben. Und das ist die Wahrheit.

 

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