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Grüne Tomaten schlafen wütend

Im Laufe der vergangenen knapp 200.000 Jahre, in denen wir Menschen unser Unwesen auf der Erde treiben und der irrigen Ansicht sind, dort die beherrschende Lebensform zu sein, haben wir wohl die meiste Zeit damit verbracht, uns selbst oder anderen Lebewesen den Garaus zu machen. Kämpfe, Fehden und Kriege lasteten unser menschliches Gehirn über Jahrtausende hinweg weitgehend aus und ließen kaum Raum für Dinge, die nichts mit irgendwelchem Gemetzel zu tun hatten. Erst im 20. Jahrhundert schaffte es der Homo sapiens endlich ein paar Erfindungen hervorzubringen, die keine Waffen waren, dennoch aber von jedem und allen täglich gebraucht und gerne genutzt wurden…

Seitdem sind vor allem technische Errungenschaften wie Digitaluhren, sprechende Thermometer und batteriebetriebene Milchaufschäumer aus unserem Leben nicht mehr weg zu denken. Seit der Erfindung von Streaming-Diensten nimmt kaum noch jemand ein Grammophon mit, um beim Joggen Musik zu hören. Auch das Kofferpacken ist einfacher geworden, seit es Reisewecker gibt und nicht mehr der Hahn mit ins Gepäck muss. Sogar das über Generationen traditionell praktizierte Baden am Samstag ist mit Erfindung des Deodorants fast in Vergessenheit geraten. Und nur noch Survival-Experten wie Bear Grylls nutzen heute statt eines Feuerzeugs noch Zunder und Feuerstein…

Wer jedoch der Annahme ist, unser Gehirn besäße durch den einfacher gewordenen Alltag nun genug freie Kapazitäten, um endlich den Warp-Antrieb, bissfeste Dosenravioli oder ein vernünftiges Fernsehprogramm für den Samstagabend zu erfinden, dem ist entgangen, dass die allumgebenden technischen Helferlein uns immer unselbstständiger werden lassen. Sie führen dazu, dass wir das Denken mehr und mehr der Technik überlassen und bereits in Panik geraten, wenn der Saugroboter nicht aufgeladen ist, da wir es verlernt haben, einen Besen zu benutzen. Bei vielen ist das Gehirn schon ein Organ wie der Blinddarm, auf das ohne größere Einschränkungen verzichtet werden kann…

Früher musste man sich merken, wo in eine Kaffeemaschine Bohnen und wo Wasser hinein gehörten. Heute sprechen Espresso-Vollautomaten mit ihrem Bediener. Und das sogar mehr, als es dessen langjähriger Partner noch mit ihm tut. Dank Induktionsherd und LED-Glühbirnen muss man nicht einmal mehr befürchten, sich irgendwo die Finger zu verbrennen. Längst sagt nicht mehr der Verstand, sondern die elektrische Zahnbürste, wann wir genug geputzt haben. Viele sind daher schon damit überfordert, sich Essen aufzuwärmen, da sie auf der Tupperdose nirgends ablesen können, wie lange man die Reste vom Vortag zubereiten muss, damit es statt Baguettes keine Briketts gibt…

Schuld an den immer längeren Standby-Zeiten unseres Gehirns sind auch unsere Smartphones mit ihren vermeintlich lebenserleichternden Apps. Mit Einschalten einer App schalten viele ihren Verstand aus und vertrauen blind auf das, was ihr digitales Ersatzhirn vorgibt. Früher galt es darauf zu vertrauen, was einem der gesunde Menschenverstand oder zumindest die Eltern sagen. Das hieß warm genug anziehen, nicht zu viel trinken und ein Taschentuch dabei haben. Heutzutage übernimmt eine App die Auswahl der zum Online-Wetter passenden Kleidung, während eine andere App sagt, wie viel man bis zur gewünschten Promillegrenze trinken darf. Und was das Taschentuch angeht, findet sich auf Smartphones mittlerweile mehr Rotz als in jedem Tempo…

Früher als der Touchscreen noch eine Wählscheibe war, der bevorzugte Messangerdienst Postkarte hieß und es Chips nicht mit Gigahertz, sondern nur mit Paprika gab, blieb einem nichts anderes übrig als das eigene Hirn zu nutzen. Man musste ohne Stadtplan-App und Ortungsdienst sein Auto auf dem Supermarktparkplatz wiederfinden. Staus waren noch eine Überraschung und wurden nicht per App angekündigt. Die großen Entdecker reisten nur mit Sextant und Seekarte um die Erde. Heute trauen sich viele nicht mehr ohne Navi-App zum Bäcker. Der Landwirtschafts-Simulator hieß früher übrigens Opas Rasenmäher und war mindestens genauso realistisch wie heute auf dem Retina-Display…

Dank verschiedenster Apps sind aus Telefonen mit Zusatzfunktionen mittlerweile Zusatzfunktionen mit Telefon geworden. Smartphones sind wahre Alleskönner, die man laut App-Store-Angebot längst auch als Notizbuch, Schallplattenspieler, Fliegenklatsche, Schwangerschaftstest oder Bumerang nutzen kann und auch soll. Manche Apps sind echt der Hammer. Hat man sie installiert, kann man sogar Nägel in Wände schlagen. Andere Apps konfigurieren den Vibrationsalarm so, dass man sein Smartphone als Sexspielzeug nutzen kann; sogar bei einem Funkloch in der Netzstrumpfhose. Dagegen funktionieren Apps zum rektalen Fiebermessen meist eher nur beschissen…

Ein echter Download-Hit ist auch die Einkaufslisten-App. Kaum vorstellbar, dass man früher Bleistift und Zettel mit sich herumschleppen musste. Dazu noch eine Strichcode-App, die in Echtzeit zu jedem Produkt im Supermarktregal Informationen liefert, an die man sonst nur käme, wenn man auf dem Dosenetikett nachlesen würde. Waren das noch beschwerliche Zeiten als man aufpassen musste, wie lange man Brot im Toaster lässt. Dank App können heutzutage Bräunungsgrad und Knusprigkeit frei gewählt werden. Abhängig von Luftfeuchte und Eckigkeit des Brots wird individuell die ideale Toastzeit errechnet. Wird der Toast doch einmal zu dunkel, hilft zur Not die Rauchmelder-App für 4,99 Euro…

Taschenlampe, Kompass, Erste Hilfe, es gibt durchaus sinnvolle Apps, die selbst MacGyver nutzen würde. Ob jedoch – und damit möchte ich niemanden verAPPeln – eine Toiletten-App notwendig ist, die mit fancy Geräuschen Darmwinde übertüncht, sei einmal dahingestellt. Das ersatzweise Ertönen eines trompetenden Elefanten aus einem WC dürfte mehr Aufsehen erregen als ein einfacher Pups. Ich selbst wäre eher verwundert, wenn ich aus der Nebenkabine ein vierbeiniges Tier mit Rüssel anstelle eines zweibeinigen Menschen mit Durchfall hören würde. Ähnlich sinnvoll ist auch die Lokus-Tagebuch-App, die den Erfolg von Toilettengängen mit Fotos ar(s)chiviert. Eigene Ein- und Ausdrücke können dabei durch Code-Eingabe sogar vor fremden Schnüfflern geschützt werden…

Die TEEmperatur-App zeigt übrigens beim Eintauchen des Handys in Heißgetränke deren Temperatur an. Leider aber nur einmal. Die App, mit der man Apfelsaft machen kann, ist derweil nur für iPhone verfügbar, dagegen die, die aus dem Smartphone einen Fensterputzschwamm macht, für Windows optimiert. Ein Downloadhit ist auch die App, die mit einer Luftpolsterfolie als Hintergrundbild optimalen virtuellen Displayschutz bietet. Sollte das Display dennoch einmal zu Bruch gehen, kann die Glückskeks-App über den Ärger hinwegtäuschen. Sie ist kostenlos im App-Store erhältlich bei Bestellung von Nr. 13 süß-sauer mit Reis…

Ich selbst nutze mein Smartphone zwischendurch übrigens auch gerne einmal zum Telefonieren. Ziemlich ungewöhnlich, ich weiß. App und zu… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Die Corona-Warn-App ist völlig unbrauchbar. Sie warnt gar nicht vor mexikanischem Import-Bier, das am Folgetag Kopfschmerzen hinterlässt.

 

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