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Grüne Tomaten schlafen wütend

Allein unter Ja-Sagern

Wer sich als Mann mit knapp Vierzig noch immer wohl in Steuerklasse 1 fühlt und es genießt, Frauen zu treffen, von denen er weder die Lebensgeschichte noch den Namen kennt, der ist nur noch von wenigen Gleichgesinnten umgeben. Immer mehr Kumpel beschließen, von alltäglicher Langeweile oder der biologischen Uhr der Freundin getrieben, aus der kurzen Leine, an der sie in ihrer Beziehung gehalten werden, den Strick am Ehe-Galgen zu machen. Während man selbst den ersten Ehevertrag noch vor sich hat, haben andere bereits den zweiten Scheidungsvertrag hinter sich. Jeder kennt diese Art Paare, die mit ihrer Beziehung am Abgrund stehen, um dann den nächsten Schritt zu machen…

Als guter Freund erfährt man von einer Verlobung nicht, wie mittlerweile eigentlich üblich, über soziale Netzwerke während man gerade auf der Toilette sitzt, sondern an einem der nur jedes Schaltjahr von der zukünftigen Ehegattin noch geduldeten Männerabende, die nichts mehr mit den Treffen von früher zu tun haben, in deren Mittelpunkt kühle Drinks und heiße Mädels standen. Plauderte man damals bei einem Pils in bierseliger Vorfreude über das, was in nächster Zeit laufen wird, schwelgt man heute bei einem Mate-Tee nur noch in armseliger Erinnerung an das, was in vergangener Zeit einmal lief als Männer beim Feiern noch Ringe um die Augen statt Ringe um die Finger hatten…

Aus einst berauschenden Männerabenden sind beschämende Altherrenabende geworden, die in der Abenddämmerung beginnen statt im Morgengrauen zu enden. Niemand trinkt mehr Alkohol, da jeder noch fahren muss oder Magenprobleme hat, was früher egal oder erst tags darauf der Fall war. Was einem Straftäter auf Freigang die elektronische Fußfessel ist einem Ehemann in spe auf Freigang das Handy, über das er viertelstündlich nach Hause meldet, dass er anständig ist, sein Schatzimausi ganz doll lieb hat und zur Wiedergutmachung, da er nicht daheim ist, die nächsten zwei Jahre den Müll raus bringt. Da fühlt man sich selbst wie der letzte wilde Wolf im Rudel kastrierter Schoßhündchen…

Die Nachricht von der baldigen Hochzeit erhält man an solchen Abenden irgendwann beiläufig am Pissoir oder beim Stöbern in der Getränkekarte. Als wäre die Neuigkeit, bald den nächsten Gefährten zu Grabe tragen zu müssen etwas, was man nebenbei gesagt bekommen möchte, wenn eine Hirnhälfte dabei ist, sich zwischen Wodka oder Gin zu entscheiden, und die andere die Kellnerin begutachtet. Kann Mann keinen besseren Moment finden, um alten Freunden mitzuteilen, dass ihm nur noch ein paar Monate auf dieser Welt bleiben? Würde man bei einer schlimmen Krankheit etwa auch sagen: „Ich werde übrigens sterben. Einen Caipi bitte!“…

Am Tag nach solchen Treffen fragt man sich als jemand, der Frauenbekanntschaften lange Zeit wie Unterwäsche nach Lust und Laune wechselte und seine längste Beziehung im Kindergarten hatte, ob es für einen selbst nicht auch Zeit wird, sich für ein Leibgericht zu entscheiden statt überall nur an Häppchen zu naschen. Wer eine Auswahl an Obst gewohnt ist, dem fällt es jedoch schwer, sich für ein bestimmtes Früchtchen zu entscheiden. Schließlich wird aus jedem frischen Pfläumchen irgendwann eine alte Zwetschge, die nicht mehr recht schmecken mag, und aus jedem zarten Pfirsich, den man einmal süß fand, eine schrumpelige Orange, die nur noch sauer ist…

Aber wo findet sich die richtige Partnerin, die nicht nur bis zum Frühstück bleibt, sondern auch noch so lange, um danach das Geschirr zu spülen? Einige Jahre ohne feste Beziehung mit einsamen Winterabenden im Internet machen einen Mann nicht gerade beziehungstauglicher. Daher heißt es an sich selbst arbeiten, wenn Mann nicht mehr an sich selbst arbeiten will! Da ist es noch das Geringste, seine Ansichten dahingehend zu ändern, Chips und Bier nicht mehr als vollwertige Mahlzeit anzusehen. Neue Beziehungen wertet Mann im Alter anders. Da sind es weniger die Schmetterlinge im Bauch, die einen nicht mehr schlafen lassen, als vielmehr die Flöhe im Schritt…

Wer ein Inserat nach der Liebe seines Lebens neben Gesuchen nach Unfallfahrzeugen ab Baujahr 1980 in irgendeinem Stadtmagazin nicht für vielversprechend erachtet und sich nicht durchringen kann, am Kaffeenachmittag der Pfarrgemeinde teilzunehmen, bei dem nicht gerade schwer attraktive, dafür aber schwer übergewichtige Enkeltöchter an den Mann gebracht werden, dem bleiben wenig Möglichkeiten. Wie bei Staubsaugern sind auch bei Frauen vermeintliche attraktive Internetangebote aus China meist enttäuschend, da sie für richtig schmutzige Dinge doch ungeeignet sind und darüber hinaus nicht einmal vernünftig sauber machen…

Manch einer versucht sein Glück bei Partnerbörsen im Internet und läuft Gefahr, sich nach Erfolg versprechendem Chat-Kontakt auf ein Blinddate mit einem stark behaarten Metzger einzulassen, der sich als „Sandra 1978“ vorgestellt hatte und nach einer Schulter zum Ausweinen sucht. Oder man hofft, beim Mumienschieben in der Ü40-Disko jemanden zu treffen, der die Nadel im Heuhaufen ist. Wobei bei der dortigen Auswahl trotz schlechten Lichts meist allenfalls ein rostiger Nagel im Misthaufen zu finden ist. Aber ab einem gewissen Alter ist ein Mann zu allem bereit, damit er nicht endet wie Onkel Hartmut, der irgendwann aus lauter Verzweiflung eine Stehlampe heiratete…

Ein besserer Ansatz: Man leiht sich bei Freunden ein Baby, einen Hund oder am besten gleich beides und versucht, im Stadtpark ins Gespräch mit Frauen zu kommen. Selbst die mieseste Anmache wird verziehen, wenn man offenkundig verantwortungsvoller Papi und Tierfreund ist, der nur auf der Suche nach Unterhaltung ist. Bei dieser Masche gilt es jedoch darauf zu achten, Angaben zu Zwei- und Vierbeiner nicht irrtümlich zu verwechseln, wenn es Nachfragen zu Alter, Geschlecht und Rasse gibt. Die Tarnung fliegt dann auf, wenn man nicht mehr genau weiß, wer von beiden nun kastriert und wer getauft ist und ob das in der Kinderhand nun ein Froot-Loop oder ein Frolic ist…

Doch besser zum Speed-Dating? Zehn Frauen in zehn Minuten, etwas, was man sonst nur von Pornoseiten im Internet kennt. Warum ganze Abende, dutzende Dates und teures Geld in Restaurants verschwenden, wenn man schon nach einer Minute wissen kann, dass man nicht zusammen passt. Andere Männer schaffen das erst nach zig Ehejahren. Hier hat man sechzig Sekunden, um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren: Vorlieben beim Sex, Abneigungen gegen Bananen und Füße und die Frage, wer schnarcht und pupst. Da weiß man was Mann hat! Dennoch ist Speed-Dating wie kurz vor Feierabend zur Frittenbude zu kommen, wo es nur noch armen Würstchen gibt, die niemand wollte…

Was nun aber tun, wenn Mann den Rest seines Lebens nicht alleine schweigend auf der Couch sitzen will, sondern jemand möchte, mit dem er das gemeinsam tut? Im Zweifelsfall bleibt wohl doch nur die gute alte Zeitungsannonce: „Einsamer sucht Einsame zum Einsamen“. Allein unter Ja-Sagern… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

P.S. Angeblich kommt es Frauen über Dreißig bei der Suche nach einem Partner vor allem auf innere Werte an. Mein Blutdruck ist 120 zu 60.

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