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Mel´s Mikrokosmos

Alles super!

Hallo Mikrokosmonauten: Ich bin schon wieder genervt!

Jeder kennt es: Man ist verabredet. Man ist zu spät dran. Man findet zu allem Übel keinen Parkplatz. Die Anspannung steigt. Die Ampeln springen aus unerklärlichen Gründen alle auf Rot. Das Smartphone piepst. Eine Whats App-Nachricht: „Schon da?“. Keine Zeit zum Antworten, denn die Ampel springt genau jetzt auf Grün. Verzweifeltes Rumgurken durch die Stadt auf der Suche nach ner Parklücke. Ruhig bleiben völlig ausgeschlossen. Rumschreien hinterm Steuer, da die nächste Ampel wieder auf rot springt. Wut auf sich selbst, dass man nicht einfach zehn Minuten früher losgefahren ist. Letztendlich widerrechtliches Parken auf Privatgrundstück. Hetzen zum Treffpunkt. Warten am Treffpunkt, da Verabredung trotz eigener Verspätung noch nicht da ist. Brodelnde Stimmung. Schweißausbrüche. Blödes Gefühl, weil Angst, dass Auto eher abgeschleppt wird als man selbst. Aufkeimende Aggressionen. Und schließlich taucht die Verabredung seelenruhig lächelnd auf und fragt total entspannt: „Na, alles gut?“, und insgeheim tut man plötzlich nichts anderes, als die Messer zu wetzen angesichts dieses provokant gutgelaunten Verhaltens. So eine Frechheit auch! Tickende Zeitbombe zu sein ist nicht leicht. Generell schwingt immer diese Grund-Aggression in einem mit, die mal mehr und mal weniger zum Ausbruch kommt. Bei mir äußert sich dieses Verhalten zuweilen in motzigen Tiraden, ungeduldiger und voreiliger Entschlussfreudigkeit und der leicht entflammbaren Lust, so manch nervigem Zeitgenossen einfach mal ein Bein zu stellen. Meist verstärken sich solcherlei Gelüste, wenn ich Menschen begegne, die einfach um nichts in der Welt zu reizen sind. Im Gegenteil: Liebenswürdigkeit bei anderen Menschen strafe ich in Momenten des Zorns mit abgrundtiefer Verachtung. Blumenkind-Mentalität à la Pfadfinder-Hilfsbereitschaft und grenzenloser Teamfähigkeit erwecken in mir den Drang, mich jeden Moment hinter einen Pflanzenkübel zu übergeben. Und es gibt diese Leute tatsächlich. Optimisten! Die, die einen morgens mit einem schrill klingenden „Guten morgääääähn“ im Büro oder der örtlichen Bäckerei überfallen. Oder die, die mittags ein gut gelauntes „Maaaahlzeit“ auf den Lippen haben und man sich wundert, warum sie sich eigentlich nicht gleich in ein Li-La-Launebär-Kostüm werfen und tanzend an einem vorbei hüpfen. Ich hasse Menschen, die sich bei Teamwork-Meetings vor Freude in die Hosen machen, weil sie das vermeintliche Zusammengehörigkeitsgefühl als eine Art Endorphin-Overflow empfinden. Und ich kann es nicht leiden, wenn es bei Gruppen-Projekten so dermaßen ausartet, dass man meint, man hätte gerade ein Motivations-Training bei Scientology belegt. Ebenfalls explosionsartig reagiere ich auf Menschen, die andauernd solche Sätze auf Lager haben wie „Positiv denken!“ oder „Alles wird gut!“. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass ich irgendwann mal einen Bericht darüber gelesen habe, dass ausgerechnet die, die solche Sätze predigen den deutlicheren Hang zum Amok laufen haben als die, die so etwas nicht sagen.

Kann das denn sein?

Ich habe zwar noch nie von einem Amokläufer gehört, über den man hinterher gesagt hat „Er hat uns immer mit einem offenen Lächeln und einem ‚Alles wird gut‘ ermuntert.“ Aber mal ehrlich: Sind uns bedingungslose Optimisten nicht irgendwie unheimlich? Und kommt es nur mir so vor oder kratzt ein gut gelauntes, euphorisches Lachen nicht gelegentlich an der Grenze zu psychopathischem Gelächter?

Es scheint zumindest manchmal so. Und wundern tut es mich nicht, denn irgendwie befinden wir uns alle mehr oder weniger in einem Pfadfinder-Camp, in dem es unter der „Wir haben uns alle so lieb“-Oberfläche ums knallharte Überleben geht. Da steht man getarnt als idealistisches Blumenkind natürlich gleich viel höher im Kurs, denn Wut zu verbergen, ist heutzutage eine Kunst für sich. Als tollwütiger Rambo kann ich Altruismus absolut nicht verstehen, denn obendrein gibt es Menschen unter uns, die tatsächlich optimistisch, idealistisch und beseelt sind und nicht nur so tun, als ob. Ich frage mich oft, ob diese Menschen unter Drogen stehen, aber die freundliche und immer lachende Bedienung vom Asia-Imbiss verneinte neulich diese Behauptung vehement. Und bog sich gleichzeitig vor Lachen, weil ich solche komischen Vermutungen hege. Vielleicht isst sie ja den ganzen Tag Glückskekse oder so.

So reizbar wie Spiritus fühle ich mich manchmal aber doch recht einsam. Zwar haben sich Freunde und Familie mittlerweile an mein doch sehr cholerisches Temperament gewöhnt. Aber trotzdem bewundere ich dann letztendlich diesen entwaffnenden Charme, den so mancher Mensch da draußen an den Tag legen kann. Und der noch nicht mal gespielt ist. Manchmal, aber nur manchmal kann es sogar passieren, dass ein Motzkoffer wie ich von so einer Art überwältigt werden kann. Ob das nur in schwachen Momenten ist oder ich sogar insgeheim darauf warte, bleibt mal so dahingestellt.

Andererseits: Warten wir tickenden Zeitbomben vielleicht tatsächlich auf ein singendes Blumenkind, das uns das imaginäre Maschinengewehr aus der Hand schlägt und uns mit einem selbstgebastelten Blumenkränzchen besänftigt? Und wollen wir es vielleicht einfach nicht wahrhaben, dass wir uns in Wahrheit nach einem Ruhepol auf Friedensmission sehnen?

Vielleicht heißt es gar nicht „Fressen und gefressen werden“ sondern „Zähmen und gezähmt werden.“ Manchmal zumindest ist es leichter, einen wilden Bären zu zähmen, als sich von ihm fressen zu lassen.

Am Ende ist es doch so: Ich ziehe aufrichtig meinen Hut vor denjenigen, die immer wieder versuchen, hinter meine harte Schale zu blicken. Diejenigen, die sich nicht einschüchtern lassen von meinen Tobsuchtsanfällen und schlechter Laune. Ich bewundere all diejenigen, die keine Angst zeigen, wenn ich mich eigentlich schon zum Kampfe bereit mache. Ich staune nicht schlecht, wenn ich Menschen begegne, die den Mut nicht verlieren, immer wieder auf mich zuzugehen, selbst wenn ich sie zuvor schon unzählige Male abgewiesen habe.

Nur durch solche Menschen sollten wir uns stets vor Augen halten, dass wir unsere Waffen niederlegen und unsere unbändige Wut doch einfach runterschlucken sollten. Manchmal.

Oder ein paar Glückskekse essen.

Hilft vielleicht auch.

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