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Grüne Tomaten schlafen wütend

Bitte warten

Im Laufe der Zeit hat sich bei uns Menschen die Ansicht darüber, wann eine Gegend bewohnbar und wann sie lebensfeindlich ist, grundlegend verändert. War für Neandertaler noch die uneingeschränkte und schnelle Verfügbarkeit von Nahrung bestimmend dafür, wo sie sich ansiedelten, ist es mittlerweile eher die uneingeschränkte und schnelle Verfügbarkeit von Breitbandinternet. Die 1G-Abdeckung, die einem die Erdanziehung flächig liefert, sorgt heutzutage bei niemandem mehr für Höhenflüge. Es müssen schon 4G oder 5G sein und so steht der Homo sapiens des 21. Jahrhunderts mit dem Smartphone lieber irgendwo draußen in der Kälte, wo er Empfang hat, als irgendwo drinnen im Warmen zu sitzen, wo selbiger fehlt und er Gefahr läuft, sich unterhalten zu müssen….

Konnte man Freizeit früher noch problemlos ohne das Internet gestalten, führt mittlerweile allein der Gedanke, ein Wochenende ohne das weltweite Web auskommen zu müssen, zu Kurzatmigkeit. Der vernetzte Multimediamensch von heute ist nicht einmal mehr in der Lage, Pizza vom Lieferservice über das Telefon zu bestellen, da sämtliche Papierprospekte längst ins Altpapier gewandert sind. Sobald Smartphone, Tablet oder Computer ihren Nutzer wissen lassen, dass es keine Online-Verbindung nach draußen gibt, fühlt dieser sich in den eigenen vier Wänden gefangen wie in Isolationshaft. Kein Angestupse in sozialen Netzwerken, keine lustigen Katzenvideos bei YouTube, keine Getrolle auf irgendwelchen Internetseiten, die die eigene, einzig richtige Meinung nicht teilen…

Nicht etwa Alkohol, Nikotin oder BILD-Zeitung ist die meistkonsumierte Droge unserer Zeit, sondern das Internet! Nie war der Mensch abhängiger als heute, wo viele nicht einmal mehr in der Lage sind, ohne Internetzugang das Wetter vor der eigenen Tür in Erfahrung zu bringen. Sie finden sich eher fröstelnd mit Flipflops im Schnee stehend wieder als auf die Idee zu kommen, vor der Kleiderwahl aus dem Fenster zu schauen. Nicht auszudenken, wenn man ohne Schneehöhen-App für die Antarktis, ohne kostenlose Pornoseiten und ohne Dashcam-Videos spektakulärer Autounfälle auskommen müsste! Was sollte man dann bloß tun? Etwa Freunde besuchen? Unterhaltungen außerhalb von Chats? Ganz ohne Smileys, dafür mit gekämmten Haaren? Das wäre das Schlimmste…

Das Schlimmste tritt glücklicherweise selten ein, wenn, dann jedoch mit verheerenden Folgen. Das war mit den Weltkriegen so und auch mit dem Durchfall am Schulwandertag in der vierten Klasse. Und eben auch letztens, als ich schockiert feststellen musste, dass mein Internet tot war. Als meine Oma damals vom gleichen Schicksal ereilt wurde wie nun mein DSL-Router und ihr über Nacht die Lichter ausgingen, war ich gefasst. Schließlich wusste ich, dass dieser Tag einmal kommen würde. Dass es aber jemals den Tag geben könnte, an dem ich ohne Internetverbindung zur Außenwelt bin, hatte mir nie jemand gesagt! Immer ging es nur um schnelleres Internet, nie jedoch um gar kein Internet! Am liebsten hätte ich meinen Frust gepostet, aber eben das ging ja gerade nicht…

Während man sich nach dem Tod eines geliebten Verwandten an einen Bestatter wenden kann, der sich kümmert, ist man nach dem Tod des geliebten Internetanschlusses auf sich allein gestellt. Was einem bleibt, ist die Kundenhotline, mit deren Anruf jedoch ein Martyrium beginnt, das mittelalterlichen Selbstgeißelungen nahe kommt. Wie jeder weiß, sind Dinge, die nichts kosten, nichts wert. Was das angeht, hat die Kundenhotline des bekannten magentafarbenen Telekommunikationsunternehmens allen Grund, kostenlos zu sein! Ich mag keine Hotlines, was daran liegt, dass ich noch aus dem Kinderfernsehen von „1, 2 oder 3“ weiß, dass man schnell verloren hat, wenn man sich auch nur einmal für eine falsche Zahl entscheidet. Bei Hotlines ist das nicht anders…

Ich wähle dennoch in einem Zustand aus Verzweiflung und Hoffnung die Hotlinenummer und lande erwartungsgemäß in der Warteschleife. Nach einem lustigen Jingle bittet mich eine Bandansage um einen kurzen Augenblick Geduld. Bereits der nächste freie Mitarbeiter sei für mich reserviert. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass die Zeit, die vergehen wird, bis ich jemanden in der Leitung habe, der geeignet ist, um Internet von Rindermett zu unterscheiden, ausreichen würde, um eine Niere zu transplantieren und vorher noch hierfür das Medizinstudium zu machen. Es kommt mir vor als müsste ich eine 22monatige Elefantenschwangerschaft von der Zeugung bis zur Entbindung am Telefon mitverfolgen, ohne mehr tun zu können, als zu warten …

Während ich warte, macht mich die Bandansage auf die Internetseite des Unternehmens aufmerksam und die Möglichkeit, Störungen auch dort zu melden. Welche Ironie, so dürfte sich ein Blinder fühlen, dem man von den Möglichkeiten der neusten Fernsehergeneration erzählt! Eine halbe Stunde später ist noch immer der nächste freie Mitarbeiter für mich reserviert und der anfangs lustige Jingle entwickelt sich zum Tinnitus. Wieso geht keiner ran? Arbeiten im Callcenter gerade nur Menschen mit sehr kurzen Armen, die nicht an den Hörer kommen? Plötzlich knackt es! Die Chancen stehen gut, nun aus der Leitung geflogen zu sein, was bedeuten würde, wie bei Mensch-ärgere-dich-nicht von vorne beginnen zu müssen. Doch, ich traue meinen Ohren kaum, jemand meldet sich…

Es beginnt nun das Callcenter-Glücksspiel, bei dem man wie eine Roulettekugel von Mitarbeiter zu Mitarbeiter herumgereicht wird, um am Ende rot oder schwarz zu sehen oder bei einer Null zu landen. Die Chancen, jemanden an den Hörer zu bekommen, der kompetent und motiviert gleichzeitig ist, sind ähnlich hoch wie zwei Sechser im Lotto nacheinander. Stellt man zehn Hotlinemitarbeitern die gleiche Frage, hat man zehn Antworten! Nachdem mein erster Gesprächspartner mich nur zu Klingeltönen beraten kann, der zweite meine Kundennummer nicht findet und der dritte nur Sächsisch spricht, lande ich bei einer Dame, die mich allen Ernstes fragt, ob das Telefon, über das ich anrufe, noch funktioniert. „Ja, das tut es! Und das WLAN-Kabel ist auch eingesteckt“, antworte ich…

Lieber möchte ich aber zurückfragen, ob ihre Eltern Geschwister sind. Nämlich ob passend oder nicht, ein Callcenter-Mitarbeiter liest ab, was auf seinem Monitor steht, wie es ein dressierter Papagei nicht besser könnte. Fleißiges Vorlesen behebt jedoch keine Störung und so ist die Fragenliste irgendwann zu Ende und damit auch die Fachkompetenz. Aus Verzweiflung werde ich wieder weiterverbunden. Weiterverbinden scheint Lösung Nummer 1 für jedes Problem. Soll sich doch ein Kollege mit dem blöden Kunden rumschlagen. Die Wahrscheinlichkeit als Anrufer zweimal beim gleichen Mitarbeiter zu landen, ist nämlich gering. Schließlich ist die Inkompetenz ist einem Callcenter breit aufgestellt! Da fragt man sich wirklich, ob jede Nagelstylistin aus Ostdeutschland nebenbei im Callcenter arbeitet…

Gibt es außerhalb Sachsens überhaupt Callcenter? Wie konnte man damals im Osten so viel Ahnung vom Abhören haben, wenn sie dort heute nicht einmal mehr Zuhören können. Nach einer guten Stunde verliere ich im Wust aus Weiterverbindungen den Überblick und lande bei Enrico, der mir mit der Freundlichkeit eines DDR-Grenzsoldaten mitteilt, was ich längst weiß: Nämlich dass mein Internet nicht funktioniert! Leider weiß Enrico jedoch weder, was der Grund dafür ist, noch was weiter zu tun ist, sondern nur, dass vor nächste Woche Dienstag nichts zu machen sein wird. Es könne auch Mittwoch oder Donnerstag werden. Ich solle einfach noch einmal anrufen, vielleicht Freitag oder so…

„Ich hoffe, Sie waren mit dem Service zufrieden“ beendet Enrico das Gespräch. Ich zeige ihm durchs Telefon den Mittelfinger und lege auf. Willkommen dort, wo die Servicewüste am trockensten ist. Kurz darauf klingelt das Telefon: „Hier ist die Störungsstelle. Sie haben ein Problem?“. „Mein Problem“, antworte ich, „sind Sie“. Anrufe an: gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Warum ist die Ziffernanordnung auf dem Telefon eigentlich anders als auf dem Computer?

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