• Termine News und Wissenswertes aus Saarbrücken, dem Saarland und der Welt:
Mel´s Mikrokosmos

Bösewichte

Meine Mutter fragt mich oft, warum ich eigentlich so fies bin? Nachtragend wäre ich und außerdem ein Racheengel. Es gäbe kaum jemanden auf der Welt, der es mir irgendwie dauerhaft recht machen könne. Und am Ende würde ich immer auf Rache sinnen und abrechnen. Es wäre demnach kein Wunder, dass ich irgendwann als Wasserleiche in der Saar enden würde. Und ich frage mich: Hat sie recht?

Ganz allgemein frage ich mich ja schon lange, warum manche Menschen regelrechte Racheengel sind, während andere lieber auf die altbewährte Methode des Nicht-Beachtens des Hassobjektes zurückgreifen. Ob es sich um die Freundin handelt, die sich entschlossen hat, dich nicht zu ihrer Hochzeit einzuladen. Oder ein Ex-Partner, der in der Beziehung mehr Pissnelke als Prinz war? Oder ein Arbeitskollege, der dich auf der letzten Weihnachtsfeier ablecken wollte, wie Flocki seinen Knochen. Statt auf Rache zu sinnen, sagt man sich einfach: „Hör auf zu existieren!“. Und bei vielen klappt das auch.

Bösewichte unter uns?
Getreu dem Motto „Wer alles ertragen kann, darf alles wagen!“ kam es schon so manches Mal vor, dass ich im stillen Kämmerlein klangheimlich meine Vernichtungspläne schmiedete. Manchmal dauerten sie Jahre, wenngleich meine Zielobjekte heutzutage immer noch bumsfidel rumlaufen. Irgendwie hat es dann doch nie so geklappt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Obwohl: Ohrfeigen und böse Worte waren einst meine Betäubungspfeile. Manchmal reichte das aus, damit mein Gegenüber zumindest taumelte. Andererseits blieben verstopfte Auspuffrohre und gesäter Rasen auf deren Teppichen aus. Vielleicht, weil die Wut irgendwann verpuffte. Aber warum gibt es so viele Menschen, die jahrelang eine oder gar mehrere Rechnungen offen haben und diese in ständigen Machtkämpfen austragen müssen?

Gewinner oder Verlierer?
Generell ist es so: Wer in einer Auseinandersetzung unterlegen ist, geht nicht etwa zur Tagesordnung über, sondern er „nimmt übel“ – erst recht, wenn die Auseinandersetzung mit (nach seiner subjektiven Bewertung)  unfairen Mitteln und/oder auf eine persönlich kränkende, entwertende Art und Weise geführt wurde. Dabei neigen Menschen dazu, ihren eigenen Anteil an der Eskalation entweder ganz auszublenden oder ihn als „unvermeidliche“ Antwort auf das Verhalten der Gegenseite zu betrachten. Infolgedessen fühlen sich die Verlierer häufig unfair oder ungerecht behandelt – und sinnen auf Rache. Sobald sich eine Gelegenheit ergibt, dies ohne großes Risiko zu tun, werden die offenen Rechnungen beglichen, und zwar mit Zinsen und Zinseszinsen. Allerdings komme ich bei dieser Sache nicht umhin, mich zu fragen: Was, wenn der andere wirklich ein Drecksack ist und man nur austeilt, was man so lange mit sich rumgeschleppt hat?

Kann Rache Genugtuung sein?
„Rache ist süß“, heißt es oft. Und tatsächlich sollte man seine Rachegedanken nicht immer sofort verschämt unterdrücken. Denn sie kann durchaus gut tun. Rache ist meines Erachtens sogar ein Phänomen, das im Alltag oft vorkommt. Es gibt Rachefantasien und in die Realität umgesetzte Rache. Und natürlich gibt es Rache, die inakzeptabel ist und alles nur noch schlimmer macht. Aber es gibt auch Rache, die etwas bewirken kann. Wenn man aber immer nur von ihr träumt, kann sie niemals befriedigend sein. Forscher fanden unter anderem heraus, dass diejenigen, die keine Rache üben, mehr Wut empfinden, als diejenigen, die sie ausleben.
Tatsächlich verbinden viele Menschen mit Rache nicht nur eine bestimmte Hoffnung. Sie kann unter Umständen vielleicht sogar befriedigend sein. Warum? Rache ist etwas sehr Funktionales. Damit kann man dem anderen zeigen: „So kannst du mit mir nicht umgehen.“ Man macht klar: „Ich bin keine Person, auf der man herumtrampeln kann.“ Es geht also in erster Linie auch um den eigenen Selbstwert. Und darüber hinaus sei gesagt: Rache ist nur dann befriedigend, wenn die Botschaft beim anderen ankommt. Und schlussendlich muss man den Racheengeln unter uns eines zu Gute halten: Sie kämpfen um die Gerechtigkeit. Wer Rache übt, erreicht oft noch etwas anderes. Sie wird eingesetzt, um in einer bestimmten Beziehung wieder ein Gleichgewicht herzustellen. Darauf weisen Stillwell und ihre Kollegen hin. Hatte man vorher noch das Gefühl, dem anderen unterlegen zu sein, kann man mit Rache möglicherweise beide Positionen aneinander angleichen.

Blinde Rache, schlimme Sache
Machen wir uns mal nichts vor: Rache ist nicht immer der beste Weg, um vermeintliche Ungerechtigkeit zu sühnen. Oft schafft sie nur eine kurze Befriedigung, bringt auf Dauer aber nicht viel. Schließlich ist Rache an sich etwas sehr Spaltendes. Einerseits mag es zwar richtig sein, dem Kollegen oder der ehemaligen besten Freundin zu signalisieren: „Ich wehre mich“. Insgeheim hoffen viele Menschen aber, dass der andere mit seinem verletzenden Verhalten aufhört. Gerade in Partnerschaften können Probleme selten mit Rache gelöst werden. Wenn zum Beispiel der Partner fremd geht und man sich sagt: „Das mache ich jetzt auch“, kann man zwar vielleicht sein eigenes Selbstwertgefühl heben, schafft das eigentliche Problem aber nicht aus dem Weg. Eine Verletzung kann nicht geheilt werden, indem man jemand anderen verletzt. Das ist ein sehr unguter Kreislauf, der eher im Krieg und Kampf miteinander endet, bei dem beide Seiten verlieren und bei dem das Wichtigste auf der Strecke bleibt: die Liebe. Je mehr man sich gegenseitig verletzt, desto schwerer wird es, auf den anderen wieder zuzugehen und eine Einigung zu finden. Statt Rache zu üben, ist es auf Dauer besser, das Gespräch oder nach anderen Möglichkeiten zu suchen, um das zugrundeliegende Problem zu lösen.

Am Ende ist es doch so: Manchmal wünschte ich, ich wäre ein bisschen weniger impulsiv und könne bei unangenehmen Menschen einfach eine Egal-Einstellung an den Tag legen. Warum auch nicht, schließlich muss man nicht zwangsläufig längere Zeit mit ihnen verbringen als nötig. Aber nein, Rachegedanken bestimmen dann doch immer wieder mein Leben. Aber wisst ihr was? Man sollte nicht versuchen, diese zu unterdrücken. Denn sie kommen ansonsten immer wieder. Besser ist es, sich zu überlegen, was man mit der Rache genau erreichen will. Verbreitet zum Beispiel ein Kollege Gerüchte, könnte man im Gegenzug auch Gerüchte verbreiten – über ihn. Denn das ist doch auch der Grundgedanke bei Rache: jemandem das heimzuzahlen, was er einem angetan hat. Und seien wir mal ehrlich: Rache ist süß. Und macht obendrein nicht dick.

Previous ArticleNext Article