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Grüne Tomaten schlafen wütend

Brokkoliliebe

Mein Bruderherz Ulf hat letztens wieder einmal eine neue Flamme angeschleppt. Etwas blass um die Nase, die gute Emma, aber sonst ganz hübsch und damit ganz anders als der nicht mit übermäßiger Schönheit gesegnete Zweitsohn meiner Eltern, mit dem ich mir neun Monate lang eine Gebärmutter teilen musste. Ganz anders ist nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ihre Lebenseinstellung. Denn Emma lebt vegan und lässt nichts über ihre Lippen kommen, was tierisch ist. Nicht einmal Frikadellen vom Imbiss, obwohl in denen bekanntlich alles drin ist außer Fleisch. Einzige Ausnahme mache sie bei meinem Bruder, sagt sie grinsend. Liebe geht halt manchmal durch den Magen…

Eine Veganerin als potenzielle Schwiegertochter? Ein Schock für unsere Eltern, bei denen Karfreitag der einzige Tag im Jahr ohne Fleisch auf dem Tisch ist. Nie gab es in unserer Familie jemanden, der auf Wurst, Milch, Eier und Co. verzichtete. Außer Opa Ewald während seiner Gefangenschaft in Russland und unserem Hamster Heinz, den wir als Kinder hatten und dem damals das beigefütterte Schnitzel nicht so gut bekam, wodurch er recht bald nach seinem Einzug in den Käfig unterm Fenster schon in eine Kiste unter den Baum umzog. Egal ob jemand lieber Frauen oder Männer mag, an den einen Gott glaubt oder lieber an einen anderen, unsere Eltern lehrten stets Toleranz! Aber auch die hat Grenzen und die waren in unserer Familie bislang dann erreicht, wenn jemand lieber trockenes Grünzeug isst, statt zu warten, bis es durch ein Rind zu einem saftigen Steak geworden ist…

Insofern war Emma eine Herausforderung für alle. Mein Bruder hat es aber unseren Eltern mit seinen Beziehungen noch nie leicht gemacht. Er begann spät sich für Mädchen zu interessieren und war in der Pubertät, als ich es längst auf Strandbilder unserer vollbusigen Klassenkameradin Sandra abgesehen hatte, noch auf die Fußballbilder unseres nicht weniger vollbusigen Klassenkammeraden Frank aus. Während es mir schon darum ging, Kaugummi gegen Zunge auszutauschen und zum Schuss zu kommen, tauschte mein Bruder noch Klinsmann gegen Matthäus und beschäftigte sich mit deren Schüssen. Was dazu führte, dass sich unsere Eltern frühzeitig mit dem Gedanken auseinandersetzten, mein Bruder Ulf könnte so sein wie Onkel Thomas, der eines Tages in Frauenkleidern vor der Familie stand und ab diesem Zeitpunkt Tante Sabine war…

Ein schwuler Sohn wäre für unsere Eltern kein Problem gewesen. Sie hätten es akzeptiert, auch wenn ihre Schwiegertochter einen Vollbart getragen hätte wie Tante Sabine. Der Gedanke jedoch, dass das eigene Kind wie seine neue Freundin Veganer sein und die Familie über Jahrzehnte angelogen haben könnte, wenn es darum ging, ob der Sonntagsbraten geschmeckt hat, trieb Mutter Tränen in die Augen. War das Leibgericht meines Bruders gar nicht Schweinskopfsülze, wie sie dreißig Jahre lang dachte, sondern etwa Brokkoli? Vater waren die Selbstzweifel und die Frage anzusehen, was er wohl falsch gemacht hat, dass einer seiner Söhne Veganer werden konnte? Kam Ulfs erstes selbst geschlachtetes Kaninchen im Alter von zwei zu spät? Waren die Steaks im Kindergarten nicht blutig genug? Oder waren es die vielen Pommes ohne Wurst, die es in jungen Jahren gab…?

Eltern machen sich im Laufe der Erziehung viele Gedanken, wie ihr Nachwuchs gesund und anständig bleibt. Dass das eigene Fleisch und Blut – in diesem Fall besser gesagt – der eigene Spross Veganer werden könnte, hält jedoch kaum jemand für möglich! So etwas passiert höchstens im Fernsehen bei GZSZ oder vielleicht in Familien, in denen Eltern Oberstudienräte sind! Dass es nicht nur in hippen Großstädten, sondern auch mitten unter uns Veganer gibt, die fast menschenähnliche Leben führen, davon hat man noch nicht einmal in der Apothekenumschau gelesen! So etwas war abwegig bis Ulf Emma vorstellte. Was werden die Nachbarn jetzt bloß sagen, wenn sie herausfinden, dass plötzlich Gemüse und Tofu statt Spareribs und Steak auf dem Grill liegen? Da kann man sich schon ausmalen, was tags darauf beim Metzger um die Ecke getuschelt werden wird…

Unsere Eltern waren hilflos. Außer Schnupfen und Husten hatte in unserer Familie noch nie niemand eine ernste Krankheit, geschweige denn eine Behinderung. Und dann plötzlich Veganismus! Was für eine Erleichterung, als Ulf uns mitteilte, dass er Pastinaken und Petersilienwurzeln zwar durchaus schmackhaft findet und Emma ihn auch schon einmal gegen seinen eigentlichen Willen überredet hat, Seitan zu probieren, dass er aber dennoch weiter Fleisch isst! Wenn auch weniger und bewusster. Glücklichere Gesichter kann man sich bei unseren Eltern kaum vorstellen. Nicht einmal, wenn man ihnen gerade gesagt hätte, dass sie im Lotto gewonnen haben! Vater fiel ein Stein vom Herzen, dass er sogar den teuren, nur für besondere Anlässe abgehangenen Schinken hervorholte und allen ein großes Stück abschnitt. Allen bis auf Emma versteht sich…

Was unsere Eltern überglücklich machte, ließ mich nachdenklich werden. Ist weniger und bewusster Fleisch essen nicht der erste Schritt dazu, irgendwann für immer die Hände vom Hackbrötchen zu lassen? Die wenigsten Veganer werden als Veganer geboren. Im Gespräch mit Emma merkte ich, dass sie keine von denen ist, die nur daher auf tierische Produkte verzichten, weil es gerade im Trend liegt oder sie fürs Diddl-Karten-Sammeln als Hobby zu alt sind, sondern weil sie nicht mehr anders kann! Wie Extremsportler sich an Adrenalin gewöhnen und immer Waghalsigeres tun müssen, um noch glücklich zu werden, genügt es ökologisch bewusst lebenden Menschen irgendwann nicht mehr, einfach Fleisch, Eier und Gemüse in Bioqualität zu kaufen…

Denn Produkte vom Bauernhof sind weit schlimmer als solche aus Massenhaltung, wo Tiere wegen der dortigen Zustände froh sind, wenn sie verwurstet werden. Man erlöst mit seinem Bioschnitzel schließlich keine im Dunkeln eingepferchte Zuchtsau, sondern ermordet ein eben noch über die Wiese hüpfendes Ferkel. Als Folge ihrer Gewissensbisse reduzieren viele den Fleischkonsum, beschränken ihn auf einzelne Sorten wie Huhn oder Käsewürstchen oder stellen ihn ganz ein, bis sie schließlich den Punkt erreichen, an dem sie es auch nicht mehr mit sich vereinbaren können, dass Kühe zum Milchgeben versklavt und Hennen fürs Eierlegen zur Prostitution gezwungen werden. Es ist ein schleichender Prozess, der damit beginnt, dass man beim Discounter nach frischer Bioware Ausschau hält, und damit endet, dass man sich nur noch von faulem Obst ernährt, das freiwillig vom Baum fällt…

Erst ökologisch, dann vegetarisch und schließlich vegan! Es ist eine Sucht. Anfänglich ist man bloß neugierig und will einfach nur dazuzugehören, wenn vegane Freunde in den Hofladen gehen, um sich astreine Ware zu besorgen. Es dauert bis man die anerzogene Abneigung gegen runzeliges Obst und fleckiges Gemüse abgelegt hat und sich erstmals traut, das zu probieren, was zuhause längst auf dem Kompost gelandet wäre. Vom neuartigen Glücksgefühl in Kopf und Magen angefixt, wirft man alle Bedenken gegen Schimmel und Würmer ab. Man will mehr, wird abhängig und gleitet vom geordneten Leben mit makellosem, normgroßem, glänzendem Überseeobst aus dem Discounter ab, hin zu schmutziger, fleckiger, in Hofgärten mit Eigenmist gezüchteter Bioware. Wie Junkies brauchen Veganer im Laufe der Zeit immer derberes Zeug und landen irgendwann bei Mangold, Topinambur oder Nachtkerzen. Ab diesem Punkt haben sie den Anschluss an die Gesellschaft verloren…

Wie man vielen Menschen nicht ansieht, dass sie Nazis sind, sieht man auch vielen Veganern nicht an, dass sie Veganer sind! Auch wenn es Anhänger beider Gruppen gibt, die ihre Gesinnung offen zur Schau stellen, ob nun durch kurz geschorene Haare und Hakenkreuz auf der Bomberjacke oder durch verfilzte Haare und Reformhauslogo auf der Jutetasche. Gerade diejenigen, deren Ideologie man nicht direkt erkennt, machen es Außenstehenden im Alltag schwer, sich abschätzig gegenüber ihnen zu verhalten und Vorurteile zu schüren. Mit dem Resultat, dass man unwissentlich statt gewollt einen Shitstorm auslöst, wenn man einem von ihnen am Partybüffet einen Mohrenkopf anbietet…

Doch auch für langjährige Veganer wie Emma besteht Hoffnung! Es gibt Selbsthilfegruppen, die beim schwierigen Weg zurück an die Wurstbude helfen! Wer Veganer kennt, sollte sie nicht abschreiben, sondern Hilfe anbieten. Mit einem Fleischkäsweck aus dem Globus zum Beispiel. Postwurstsendungen bitte an: gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Veganer sind vorbildliche Katholiken. Sie entsagen vor der Ehe jeglicher Fleischeslust.

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