
Handyfotografieren ist mega-in. Manche können es sogar besser. Eine Ausstellung in Saarbrücken zeigt Phoneografien von Filmschauspielern und Regisseuren zwischen genialem Schnappschuss und Kunst. Und die Ausstellung ist Vorreiter: sie ist glatt die weltweit erste dieser Art.
»Alles spontan – wie das Beste im Leben«, antwortet Marcus Mittermeier auf die Frage, wie er zu seinen Bildmotiven kommt. Marcus Mittermeier, Schauspieler und Regisseur des, wie eine große Umfrage schwarz auf weiß ermittelt hat, besten Max-Ophüls-Preis-Gewinnerfilms aller Zeiten, »Muxmäuschenstill« (jüngste Regiearbeit: »Shortcut to Hollywood«), bringt auf den Punkt, was den Reiz der Phoneography, also des Fotografierens mit dem Smartphone, ausmacht: die Spontaneität, die es ermöglicht, die beinahe ununterbrochene Verfügbarkeit und die Leichtigkeit, mit der sich ein Moment festhalten lässt. Marcus Mittermeier ist einer von 40 Filmschaffenden, von denen Phoneographien in Saarbrücken zu sehen sein werden. Kollegen wie Jan-Josef Liefers, Sebastian Koch, Lisa Martinek, Matthias Brandt, Robert Stadlober, Christopher Buchholz, Sebastian Urzendowsky und viele andere sind ebenfalls vertreten und sorgen für eine immense Bandbreite der Themen, Motive, Perspektiven und Stile.
Warum eigentlich eine Ausstellung mit Phoneographien von Schauspielern und Regisseuren und nicht von Architekten oder Friseuren? Zum einen findet die Ausstellung im Rahmen des Filmfestivals Max-Ophüls-Preis statt, der in diesem Monat Filminteressierte aus dem ganzen Land anlockt. Zum anderen sind Schauspieler und Regisseure aus beruflichen Gründen besonders prädestiniert: Sie sind viel auf Reisen, drehen an malerischen Orten und in pittoresken Städten, erleben Freuden und Dramen von Dreharbeiten und haben – sonst wären sie nämlich nicht geworden, was sie sind - den wachen, neugierigen Blick des Künstlers. Neben Reiseimpressionen und Filmspezifischem zeigt die Ausstellung aber auch reichlich Motive anderer Art, von der skurrilen Alltagsbeobachtung bis zur fein inszenierten Miniatur.
Die Begeisterung für die Phoneographie, die dank ständig verbesserter Technik und erweiterter Möglichkeiten mittlerweile längst auch unter Profifotografen zu grassieren beginnt, teilen die Künstler alle. Warum Phoneography statt Fotografie? »Weil das Handy meist griffbereit ist – was immer ich sehe, ich kann es sofort festhalten«, antwortet Schauspielerin Lisa Martinek (»Das Duo«, »Bella Vita«, »Meine Tochter nicht«), und ihr Kollege Sebastian Urzendowsky (»The Way Back«, »Ping Pong«, »Polizeiruf 110 – Denn sie wissen nicht, was sie tun«), der schon immer gerne fotografiert, teilt ihre Meinung: »Die Fotokamera habe ich nicht immer dabei – die ist analog und schwer.« Überhaupt scheinen die Tage des Fotoapparats mittelfristig gezählt. »Mittlerweile braucht man ja nicht mal mehr einen Fotoapparat«, findet Marcus Mittermeier, »weil die Handys so gut sind und die Apps erstaunliche Bildbearbeitung zulassen.« Und die Schauspielerin Jule Ronstedt (»Almanya«, (»Nanga Parbat«, »Der letzte Angestellte«) sieht den Zusammenhang zwischen Technik und unserer Gegenwart: »Die Phoneography entspricht einfach sehr unserer temporeichen Zeit, denke ich. Wie wir wahrnehmen, überflutet werden, Reizen ausgesetzt sind« Nicht wenige der Schauspieler und Regisseure, die in der Ausstellung zu sehen sind, kommen – wie Sebastian Urzendowsky - ursprünglich von ambitionierter Spiegelreflex-Fotografie und sind allmählich zur Handyfotografie umgeschwenkt, sei es als Ergänzung oder bereits als echter Ersatz. »Ich habe analog fotografieren gelernt«, sagt der Schauspieler und Produzent Heiko Pinkowski zum Beispiel, der in diesem Monat beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis gleich in vier Filmen (u.a. »Dicke Mädchen«) zu sehen und nach Saarbrücken kommen wird, »und schon immer fotografiert, mit eigener Dunkelkammer. Durch Zeitmangel ist das dann eingeschlafen und wurde durch das iPhone sanft aus dem Dauerschlaf geweckt.«
Die Kunst des Augenblicks – für alle ist die Handyfotografie in erster Linie zunächst ein spontaner Spaß, ein Sammeln von Schnappschüssen mit Erinnerungs- und Tagebuchfunktion, in das sich oft aber anspruchsvolle Aufnahmen und nicht selten ein kreatives Bedürfnis mischen. »Ich benutze das Handy für Schnappschüsse – da sind dann aber immer mal wieder Sachen dabei, die ich sehr mag«, stellt Sebastian Urzendowsky fest, und sein Schauspielerkollege Marek Harloff (»Der Skorpion«, »Der Totmacher«, »Vergiss Amerika«) formuliert es so: »Zwischen den Schnappschüssen ist oft auch ein Bild«.
Zum Faszinierenden an der Handyfotografie gehört, neben ihrer fast unbegrenzten Verfügbarkeit und Schnelligkeit, die beinahe grenzenlose Vielfalt der Ver- und Bearbeitungsmöglichkeiten. Apps wie Lo-Mob, Best Camera, Auto-Stitch oder ShakeItPhoto und unzählige andere liefern eine Fülle von Bildvariationen, -formaten und rasant errechneten Bildstilen. Eine eindeutige Favoritenrolle kommt dabei bei den Künstlern der Ausstellung Hipstamatic zu, das per Voreinstellung eine Fülle von fotografischen Vintage-Stilen ermöglicht. »Handyknipserei fand ich lange doof und habe sie nur als Notnagel oder für Schnappschüsse genutzt“, berichtet der langjährige Saarbrücker »Tatort«-Kommissar und Autor Gregor Weber. »Erst die Hipstamatic-App hat mich dann wirklich begeistert, und durch sie ist es für mich eine ernsthafte Spielart des Fotografierens geworden. Letzten Endes ist das natürlich eine Bildbearbeitung, aber wenn ich mich mit den verschiedenen "Filmen" und "Linsen" vertraut gemacht habe, kann ich zu bestimmten Motiven bewusste Entscheidungen treffen und so schon von vorneherein gestalten. Denn darum geht es ja beim Fotografieren: Das Bild zu sehen, bevor man es gemacht hat. Lichtsituation, Farbigkeit, Emotion manchmal innerhalb von Sekunden zu erfassen und dann an den Einstellungen der Kamera die zu wählen, von denen man glaubt, dass sie das Bild am besten einzufangen helfen.« Auch Heiko Pinkowski bezeichnet sich als »Hipstamatic-Crack«. Einen sinnvollen Einwand formuliert aber zum Beispiel Sebastian Urzendowsky, der generell selten Apps benutzt und damit für einen entgegengesetzten Trend spricht, den ebenfalls nicht wenige teilen: »Ich benutze selten Apps. Ich habe oft das Gefühl, da macht eine Einstellung mehr für das Bild, als ich selbst.«
Natürlich kommen etliche der Künstler nach Saarbrücken, um die Präsentation ihrer Fotos und die der Kollegen anzusehen. Unter anderem hatten sich zur Zeit des Redaktionsschlusses bereits Jan Josef Liefers, Lore Richter, Charly Hübner, Heiko Pinkowski, Robert Stadlober, Marek Harloff und Sebastian Urzendowsky fest angekündigt.
Text: Michael Klein


