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Titelstory

Cool, Cooler, Collodion

Fotografieren wie im vorletzten Jahrhundert ist mega-in. Deshalb werden heute Bilder mit einem ganz besonderen Zauber geschaffen, die sich nicht in Megapixel umrechnen lassen. L!VE kennt einen der weiß, wie’s geht!

Das im Jahre 1850 von Frederick Scott Archer und Gustave Le Gray entwickelte Collodion Wet Plate Verfahren – oder auf Deutsch die Kollodium Nassplattentechnik – gilt heute als eine der Königsdisziplinen der alternativen Fotografie und erlebt gerade weltweit ein ungeheures Revival. Die Aufnahmen erfreuen sich ungemeiner Beliebtheit, dabei haben sich erst ganz wenige Fotografen mit der alten Technik vertraut gemacht.

Das Verfahren ist eigentlich recht einfach. Eine Glasplatte wird mit einer iod- und bromsilberhaltigen Kollodiumschicht versehen, die noch feucht belichtet wird, anschließend mit einer Eisensulfatlösung entwickelt, mit Natriumthiosulfat fixiert und schließlich mit einer Firnis versehen. Vor diesem dunklen Hintergrund wirkt das Bild wie ein Positiv, denn an den durchsichtigen Stellen wird der schwarze Hintergrund sichtbar und die dichten Stellen des Negativs erscheinen durch das graue Silber wie weiß.

30 Jahre später verschwand das Kollodium-Verfahren fast völlig, verdrängt von den preiswerteren, industriell gefertigten Trockenplatten. Die lieferten zwar lange nicht so gute Ergebnisse wie Nasskollodium, ermöglichten aber ein wesentlich komfortableres Arbeiten. Doch jetzt ist diese einzigartige Technik zurück und wird weltweit gefeiert. Aber wer tut sich heutzutage diesen Aufwand an, zum Teil sogar Kameras und Platten selber zu restaurieren oder ganz neu aufbauen, statt entspannt die Speicherkarte in den PowerMac zu stecken? Mark Doerr ist so einer. Von Haus aus Softwareentwickler kommt er mit Geburtsjahrgang 1974 noch aus der prädigitalen Ära.

Eine gewisse Portion Leidenschaft und Wahnsinn

„Früher habe ich so manchen Tag in der Dunkelkammer verbracht, bis so etwa 1997, als die digitale Fotografie in vernünftiger Qualität verfügbar wurde. Froh, die mühsame Arbeit in der Dunkelkammer los zu sein, ging es für mich von da an digital weiter. Irgendwann trat dann eine Art Übersättigung von digitalen Fotos bei mir ein. Die Kurzlebigkeit digitaler Bilder und die immer mehr um sich greifende Reduzierung auf das Äußere, auf den Effekt, anstelle von Bildinhalten, brachte mich schließlich wieder zur analogen Fotografie. Kam man digital mit hunderten oder sogar über 1.000 Bilder von einem Shooting nach Hause, macht man sich analog mehr Gedanken und muss sich auf das das Notwendige reduzieren. Und als ich die ersten Ambrotypien bei einem Fotografen in der südfranzösischen Stadt Arles sah, wusste ich, dass ich genau das auch tun möchte “

Am Anfang musstest Du Dir alles selbst beibringen oder?

„Richtig losgelegt habe ich im Dezember 2016, nachdem ich einem Fotografen aus Trier, der selbst gerade erst damit begonnen hat, über die Schulter schauen durfte. Danach ging es dann bei mir richtig los. Try & Error, wobei ich kaum Error erleben durfte. Selbst das allererste Bild ist überraschenderweise etwas geworden, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie lange ich mit dem mir zur Verfügung stehenden Licht belichten musste. Aber meine Erfahrungen aus der analogen Zeit und der Dunkelkammer waren da schon hilfreich. Mittlerweile nutze ich überwiegend die Nassplatten-Methode und das sogar mehrmals die Woche.“

Wie alt sind deine Kameras?

„Angefangen habe ich mit einer alten 9×12 cm Voigtländer Plattenkamera von ca. 1920, danach legte ich mir eine Schweizer Reisekamera aus Holz für das Plattenformat 13×18 cm von zirka 1890 zu. Beide Kameras fand ich relativ günstig über Kleinanzeigen. Letztere Reisekamera stand seit den 1950er Jahren in einem alten Fotogeschäft als Deko, bis dieses vor meinem Kauf aufgelöst wurde. Da dort die Kassetten für die Platten fehlten, musste ich noch einigermaßen passende Kassetten finden und die dann in Handarbeit für die Kamera modifizieren.“

Klingt aufwändig.

„Es ist schon sehr aufwändig und auch teuer. Gerade das Verbrauchsmaterial ist nicht billig. Man kann zwar etwas sparen, wenn man die Chemikalien (spezielles Poliermittel, Kollodium-Mix, Silberbad, Entwickler, Fixierer, Konservierungs-Harz) selbst anmischt oder die Glasplatten selbst schneidet. Allerdings hantiert man hierbei mit Chemikalien, wie Säuren, Basen, Ether und reinem Alkohol. Und man kann die belichtete Glas- oder Blechplatte mit jedem Schritt ruinieren. Selbst noch ganz am Ende, wenn man die Platte mit einem Harz gegen Korrosion des Silbers versiegelt. Man muss außerdem sehr viel Zeit einplanen, pro Bild sicherlich eine Stunde.“

Da waren die ersten Versuche wohl schon etwas schwieriger als gedacht?

„Es ist schon nicht einfach, gerade was auch das Licht angeht. Die Kollodium Nassplattenfotografie ist extrem lichthungrig, besonders nach Licht im UV Bereich. Die Empfindlichkeit meiner genutzten Kollodiummischung („New Guy“) liegt bei etwa ISO 0,4 – 0,6. Sicherlich sind Bilder dabei, die ich nicht veröffentlichen würde, aber wirklichen Ausschuss habe ich bis jetzt noch nicht produziert – toi toi toi. Aber das wird sicherlich noch passieren.“

Was ist der Reiz daran?

„Der Reiz ist das Unberechenbare, die Einzigartigkeit. Eine Fotografie auf Kollodium-Nassplatte ist etwas Besonderes. Hier kann man keinen Moment einfangen, hier muss man den Moment kreieren. Dafür lässt diese Art der Fotografie einen Blick in die Seele zu. Bei Belichtungszeiten von 3 bis 30 Sekunden fällt jede Maske bei den Menschen. Deswegen benutze ich sie ja auch ausschließlich für Akt und Portrait“

Gibt es noch andere Aktive im Saarland?

„Ich bin meines Wissens nach aktuell der Einzige im Saarland, aber wer sich das mal anschauen will und besondere Portraits möchte, kann mich ja buchen. Die Szene der Kollodium-Fotografen ist jedenfalls noch überschaubar. Man muss eben schon eine gewisse Portion Leidenschaft und Wahnsinn mitbringen, um sich das anzutun.“

Text: Kasimir Ehmke / Fotos: Mark Doerr / kollektivmaschine.de

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