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Mel´s Mikrokosmos

Das gelbe Monster

Hallo Mikrokosmonauten: Ich bin ein Neider, leider.

Ich ziehe ständig Vergleiche. Es ist wie ein Zwang. Führe ich Gespräche mit Menschen, erfrage ich oft deren Lebenssituation und bilanziere im Geiste, inwiefern es diesem Mensch besser oder schlechter geht als mir. Und wie es ihm überhaupt ergeht in dieser Welt im Vergleich zu mir. Und was er hat, was ich nicht habe. Nicht, dass ich unglücklich wäre oder so, aber zuweilen versetzt es mir echt einen Stich, wenn ich herausfinde, dass jemand mehr besitzt als ich oder vermeintlich glücklicher ist. Getreu dem alten Werbeslogan: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot!“, verspüre ich Neid! Und zweifellos muss ich gestehen, dass Neid einfach hässlich ist. Das macht mich richtig traurig, denn ich wollte nie so sein. Allerdings habe ich oft das Gefühl, dass Neid genau das ist, was man sich heutzutage gegenseitig herauskitzeln möchte. Eben weil es für viele eine regelrechte Genugtuung ist, wenn andere neidisch sind. Instagram ist dafür übrigens die perfekte Plattform. Wenn ich mir zu lange Storys von Influencern anschaue, will ich manchmal einfach nur sterben und fühle mich schlecht, hässlich und arm. Ernsthaft? Ja! Ich frage mich, wie man beispielsweise als ehemalige RTL-Bachelorette ne‘ goldene Rolex tragen und in einer riesen Finca auf Ibiza wohnen kann und dabei noch so verdammt gut aussieht?! Das perfekte Leben, die perfekten Klamotten, das perfekte Aussehen! Wahnsinn! „Das ist doch alles nur Schein!“, mögen einige jetzt ausrufen, aber ihre Rolex sagt was anderes! Und mehr noch: Ich könnte mir niemals eine Finca auf Ibiza leisten. Urlaube dort sind ja schon unverschämt teuer!

In der Kunst erscheint der Neid über alle Epochen hinweg als gelbes Monster, das die Betroffenen von innen zerfrisst. Zu Recht! Kennt ihr die Szene aus „American Psycho“ als alle ihre Visitenkarten auf den Tisch legten und er vor Neid fast platzten, weil die Visitenkarte des jeweils anderen mehr glänzt? Seit einigen Jahren entdecke auch ich solche unschönen Dinge an mir. So unschön, dass ich sogar meine Falten attraktiver finde. Unter der selbst auferlegten Folter, immer perfekt sein zu müssen, friste ich ein zuweilen geknebeltes Leben voller Entbehrungen und der immer wiederkehrenden Vorstellung, dass andere es trotzdem besser haben. In „American Psycho“ hat er seinen Kollegen mit der besseren Visitenkarte übrigens irgendwann umgebracht. Und ich muss euch etwas verraten: Ich kann diese Entscheidung wirklich verstehen. Diese Bachelorette weckt in mir gelegentlich auch Mordgelüste. Und wenn andere einen größeren Pool haben, spiele ich mit dem Gedanken, ihn in einer Nacht- und Nebelaktion zu verwüsten. Oh Gott, das Ganze geht sogar so weit, dass ich es nicht ertrage, wenn schlanke Menschen Pizza und Nudeln essen können, ohne sich auch nur einen Hauch Gedanken zu machen, dass sie davon zunehmen, weil sie es schlichtweg nicht tun! Und wenn ich in den Urlaub fahre und eine andere Frau trägt so ein ähnliches Outfit, wie das, welches ich nicht eingepackt habe, wurmt mich das so sehr, dass ich ihr das Teil am liebsten vom Leib reißen würde. Mein Bankberater erzählte mir neulich, eine Kundin habe 100.000 Euro in Fonds angelegt, während es bei mir eine lächerlich geringe Summe war. Sofort ratterte es in meinem Kopf: „Woher hat sie nur dieses ganze Geld, um es einfach mal so in Fonds anzulegen?“. Ich fragte mich sogar, wie diese Frau aussehen könnte? Ob sie wohl Rolex trägt? Und so passiert es immer wieder, dass ich mich mit anderen battlen muss, obwohl ich eigentlich besseres zu tun hätte. Wenn mich jemand bei Runtastic in der Rangliste der meist gelaufenen Kilometer überbietet, laufe ich genau einen Meter mehr, bloß damit ich wieder an erster Stelle stehe.

Übertriebener Ehrgeiz oder „Neidhammelei“?

Wenngleich mich nicht alles neidisch macht, wovon andere sich vielleicht wünschen würden, es würde mich vor Missgunst zerreißen (hehe). Wenn verflossene Ex-Freunde heiraten zum Beispiel. Das toucht mich so gar nicht. Im Gegenteil. In diesen Momenten empfinde ich tatsächlich so etwas wie Erleichterung. Ich denke dann: „Gottseidank hat er nach diesem Trauma am Ende doch noch sein Glück gefunden.“ Und ich differenziere natürlich auch zwischen Freund und Feind. Ich kann mich mit meinen Freunden freuen – yeah, ich bin wohl doch noch nicht komplett weird -, wenn ihnen etwas Gutes wiederfährt, es sei denn, es handelt sich um einen Lottogewinn in Millionenhöhe, denn dann würde ich wahrscheinlich unvermittelt die Farbe wechseln: In Gift- und Gallengelb!  Feinden gönne ich natürlich nichts! Leider erfahre ich über Umwege gelegentlich, dass es ihnen jedoch ganz gut geht und sie zu meinem Bedauern doch nicht als Loser ihr Dasein fristen. Es kann dann passieren, dass ich seelischen Beistand brauche, weil mein Ego schwer darunter leidet, wollte ich sie doch am Boden liegen sehen! Jetzt weiß ich endlich, warum „Gucci Envy“ lange Zeit eines meiner Lieblings-Parfums war. So kann es nicht weitergehen, dachte ich mir neulich und fasste einen weitreichenden Entschluss:

Neid ist Chance

Machen wir uns nichts vor: Neid macht unzufrieden. Allerdings sollten wir Neidgefühle zum Anlass nehmen, mehr aus unserem Leben zu machen. Wir sollten überlegen, welche Schritte man unternehmen kann, um auch dahin zu kommen, wo der andere ist. Was hat er getan, was man nachahmen kann? Was hat er genau gemacht? Statt einfach nur missgünstig zu sein, sollten wir den Beneideten nach seinen Erfolgsstrategien fragen. Nehmt ihn euch zum Vorbild und lasst euch inspirieren!

Eines sollte immer klar sein: Was auch immer du tust, dein Wert verändert sich nicht! Dein Wert ist unabhängig von deinem Verhalten, deinem Besitz, deinem Aussehen, deinen Eigenschaften, deinem Wissen, deinen beruflichen Leistungen, deinen Fähigkeiten. Der andere und du, ihr seid lediglich unterschiedlich, keiner ist ein besserer oder schlechterer Mensch.

Irgendwie scheint uns manchmal nicht ganz klar zu sein, wie das Leben anderer hinter deren Fassade aussieht. Finca, Rolex und Luxushochzeit in Rom hin oder her, aber stehen diese Menschen tatsächlich immer im gleißenden Licht? Ich glaube nicht. Viele sind todunglücklich, haben körperliche oder seelische Probleme und sind innerlich zerrissen. Weiß ich wirklich, ob die schlanke Frau neben mir im Restaurant die fettige Pizza zwar isst, aber diese hinterher erbricht?

Ich habe auch einiges zu bieten

Es gerät in Vergessenheit, aber wir sollten es uns alle vor Augen führen: Wir haben verdammt nochmal auch etwas zu bieten und wenn es nur das Talent ist, sich Salzbrezeln aus der Nase zu schnäuzen. Klar fehlt ein jedem immer irgendwas, aber haben wir nicht auch Erfolge, Stärken und erreichte Ziele? Ja, die haben wir!

Am Ende ist es doch so: Neid ist die Sünde des Unbehagens über das Glück des Nächsten. Damit muss endlich Schluss sein! Ich lasse jetzt einfach los und erteile den anderen die Erlaubnis, das zu haben, was ich nicht besitze. Ihr dürft das!

Das gelbe Monster hat gesprochen.

P.S. Übrigens ist es völlig egal, ob man grün oder gelb vor Neid wird, in beiden Fällen macht es einen unschönen Teint!

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