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Mel´s Mikrokosmos

Der Geduldsfaden

Hallo Mikrokosmonauten: Es lebe die Ungeduld!

Peter Maffay hat neulich in einem Interview erzählt, dass er mit dem Alter immer ungeduldiger wird. Man fragte ihn daraufhin erstaunt, wie das denn sein könnte, schließlich wäre es doch eigentlich so, dass ältere Menschen geduldiger seien. Er meinte daraufhin, die Ungeduld spüre er darin, dass er heutzutage zum Beispiel ein uninteressantes Gespräch schneller abbrechen würde, da es für ihn vergeudete Zeit wäre und Zeit hätte er eben nicht mehr so viel wie früher. Ich konnte ihn gut verstehen, fragte mich aber gleichzeitig: Wieso wird einem dann immer wieder eingetrichtert, man solle in allem geduldig sein?

Es beginnt mit dem Drang, das Gewicht vom rechten auf den linken Fuß zu verlagern und umgekehrt. Dann kommt ein leichtes Drücken im Bauch hinzu, das nach kurzer Zeit über den Brustkorb in den Kopf wandert, wo es sich dann anfühlt wie ein zu straff gespannter Luftballon. Spätestens jetzt wäre der richtige Moment, diesem Idioten an der Supermarktkasse zu sagen, dass ich ihn rücksichtslos finde, weil er erst in aufreizender Langsamkeit seine Waren in den Rucksack packt, ehe er sich bequemt, sein Portemonnaie aus dem vorderen Reißverschlussfach heraus zu fummeln und endlich zu bezahlen. Allerdings weiß ich, dass man dann mich schief ansehen würde und nicht meinen trödelnden Vordermann. Es ist ein Gefühl, das ich häufiger habe: Ich bin ungeduldig, das ist nichts Besonderes. Niemand steht gerne Schlange oder im Stau, keiner freut sich auf die sinnlose Zeit, die im Wartezimmer oder am Telefon in der Warteschleife vergeht. Auch mit meiner Abneigung gegen langatmige Präsentationen, öde Gespräche und träge Kellner bin ich nicht allein. Trotzdem wird immer wieder so getan, als sei Ungeduld etwas Abnormes, Verwerfliches, etwas, was man dringend loswerden muss, weil es von Unreife und Jähzorn zeugt. „Geduld ist eine Tugend.“, „Geduld macht gelassener und erfolgreicher.“, „Alles kommt im richtigen Moment zu dir, sei geduldig!“. Gebe ich das Wort „Geduld“ bei Google ein, spuckt man mir zig altkluge Sprüche über die Geduld aus. Von Kind an lehrt man uns, geduldig zu warten, sei es aufs Christkind oder den Osterhasen. Der Buddhismus lehrt uns Geduld, Achtsamkeit und Entschleunigung. Im Netz stoße ich auf jede Menge Untersuchungen, die belegen sollen, dass ungeduldige Menschen zu Fettleibigkeit und Alkoholsucht neigen, dass sie weniger intelligent sind als die Geduldigen. In einer Langzeitstudie in Neuseeland wollen Forscher beobachtet haben, dass geduldigere Schüler im Schnitt einen besseren Schulabschluss machen. Wow! Aber jetzt mal ehrlich: „Wieso wird denn die Ungeduld nicht mal öfter gehyped? Das krasse Gegenteil also von dem, was man uns unser ganzes Leben antrainieren will oder bereits antrainiert hat?“

Wenn dich etwas langweilt – brich es ab!

Wie wunderschön frei muss es sich anfühlen, sich von den Schwingen der Ungeduld durch die Welt tragen zu lassen? Und ich meine die Ungeduld in Form von – sagen wir mal – Andersartigkeit. Sich frei zu fühlen, Entscheidungen zu treffen, die man von einem nicht unbedingt erwartet hat. Ganz entgegen der ständig gepredigten Gedulds-Sprüche.

Wie oft kommt es vor, dass man sich in Gespräche verwickeln lässt, die einen schlicht und ergreifend null interessieren? Die schlimmsten, finde ich, gibt es beim Friseur. „Das Wetter ist wirklich schrecklich. Viel zu heiß, kalt, regnerisch oder stürmisch, oder? Also man könnte jetzt wirklich endlich Sonne, Regen, ein Gewitter oder Schnee gebrauchen, oder?“. Jedes Mal! Vor allem kommt dieses Gespräch immer dann auf, wenn man auf Menschen trifft, die entweder a) das Gespräch zu dir suchen oder b) eigentlich nicht wissen, was sie mit dir reden sollen. Aber warum redet man dann überhaupt? Ist Schweigen denn echt so unangenehm? Und jetzt kommt es: Wie viele von uns knüpfen an dieses eher anspruchslose Gespräch an und bemühen sich – sehr geduldig wohlgemerkt -, zu plänkeln, obwohl einem gerade gar nicht danach ist? Wir degradieren uns ja nicht gleich zum Soziopath, wenn wir einfach nicht in Stimmung sind. Spätestens zu Beginn einer solchen Unterhaltung reißt bei mir übrigens oft schon der Geduldsfaden. Ich mag einfach keine Gespräche führen, die gehaltlos sind und auf die ich kein Bock habe. Ich fange dann immer an, mit meinem Fuß hin und her zu wippen, so als könne ich die Person damit irgendwie verscheuchen. Genauso regelmäßig sehe ich mich in diesen Situationen also gezwungen, höflich zu lächeln und meinen Blick mehr als auffällig auf die Seiten eines Boulevard-Magazins zu richten, in welches ich mich für die gesamte Aufenthaltsdauer in jener Einrichtung zu verkriechen pflege. Ach ja, Zeitschriften oder Smartphones fühlen sich manchmal richtiggehend wohlig an, wenn man bedenkt, dass außerhalb dieser „Fluchtzonen“ wieder Menschen lauern, die mit einem sprechen möchten. Über das Wetter! Als ich also neulich vor einem weiteren Small-Talk-Koma erfolgreich flüchten konnte, wurde mir bewusst:

Ungeduld schafft Ruhe.

Für mich ist es Quatsch, dass Geduld der Schlüssel zur Gelassenheit ist. Sie ist nur gezähmte Leidenschaft. Völlig abwegig erscheint es mir auch, wenn Geduldige als Genießer bezeichnet werden. Dabei weiß doch jeder, dass heißes Essen besser schmeckt als lauwarmes und Champagner nur knackig kalt perfekt ist. Ich bin sicher, dass ungeduldige Menschen zufriedener sind. Warum? Weil sie ihre Zeit sinnvoller nutzen, als andere. Hätte ich in meinem Leben stets alle blöden Menschen und dummen Gespräche über mich ergehen lassen, hätte ich immer nur geduldig gewartet, bis man sich bei mir meldet, hätte ich mich immer nur hinten angestellt, dann hätte ich verdammt aufregende Zeiten verpasst! Das könnt ihr ruhig glauben.

Wozu soll es gut sein, auf etwas zu warten?

Die Antworten sind meist denkbar schwammig. Der Kluge wartet ab, heißt es, weil das Gute schon irgendwann von selbst zu ihm kommt. Er reflektiert, statt im Affekt nur zu reagieren. Weil er gelernt hat, seine Reflexe zu kontrollieren. Mag sein. Ich plädiere ja auch nicht dafür, sich als Erster mit ausgefahrenen Ellbogen aufs Buffet zu stürzen. Ich will nur, dass es eröffnet wird, bevor die langatmigen Reden gehalten werden. Denn wer satt und zufrieden ist, kann nicht nur besser zuhören. Es gelingt ihm auch leichter, wohlwollend über ungelenke Formulierungen und zähe Zahlenkolonnen hinwegzulächeln. Er ist ein besserer Mensch. Und ganz nebenbei erwähnt: In den allermeisten Fällen basiert die Karriere von Topmanagern, Vorstandsmitgliedern oder Filmstars nicht darauf, dass sie sich im Leben immer geduldig hinten angestellt haben. Alphatiere warten nicht, sie greifen zu. Man könnte auch sagen: Sie sind ungeduldig.

Forscher aus Singapur haben übrigens herausgefunden, dass Menschen, die ungeduldig sind, schneller altern. Na und? Die müssen ja auch gar nicht so lange leben, weil sich ihre Wünsche und Bedürfnisse viel schneller erfüllen als die der Genügsamen.

 

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