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Edel und erlesen XXL

Jetzt kommt es richtig dick. Prächtige Literatur für Leser und Hörer mit dem langen AtemDer Schriftsteller Hanjo Kesting hat vor vier Jahren eine in Inhalt und Umfang wuchtige Drei-Bände-Kassette über große Bücher der Geistesgeschichte veröffentlicht, nun sind in gleicher Ausstattung drei neue Bände erschienen: »Große Romane der Weltliteratur«. Um es gleich zu sagen: besser, kompakter und neugierig-machender kann man in die Welt des Denkens und Lesens nicht eingeführt werden. Vierzig Romane stellt Kesting vor, in ausführlichen Essays von zirka dreißig Seiten, die in Entstehung, Handlung, Motive, Zeitumstände, Bedeutung, Wirkung und alle wesentlichen Aspekte eintauchen, stets fundiert und in einer formidablen, treffsicheren Sprache, dazu Zitate aus den Werken, die uns ihren besonderen Stil und die besondere Schilderungskraft ihrer Autoren nahebringen. Präzise wird dem Leser anschaulich, was die Größe dieser Romane ausmacht, ihre bedeutende menschliche und literarische Substanz. Kesting lässt die vierzig Romane nicht unverbunden stehen, die Bezüge untereinander werden in den Texten aufgezeigt und in einem langen Vorwort die Auswahl erklärt und in Zusammenhang mit den Grundlinien der jeweiligen Literaturepochen und umbrüche gestellt. Es ist eine sichtlich durchdachte Auswahl, die keine Konvention nötig hat. Neben den erwartbaren Klassikern der Weltliteratur finden sich Texte über wiederentdeckenswerte Außenseiter. Joris-Karl Huysmans »Gegen den Strich« hätte man nicht zwangsläufig erwarten können, und Karl Emil Franzos ist eine echte Überraschung, selbst mehrbändige Literaturlexika führen ihn nur mehr mit wenigen Zeilen. Aber Kesting ist erwiesenermaßen ein zu großer Literaturkenner, um nicht zu wissen, was er tut. »Erfahren, woher wir kommen« ist der gemeinsame Untertitel der beiden Buchkassetten. Er zielt auf die kultur- und literaturhistorische Perspektive – es geht um für unser heutiges Denken wegbereitende und prägende Bücher –, ist aber ebenso auf den individuellen Leser gemünzt. Denn es geht um Werke, die, wenn wir sie richtig lesen, uns immer etwas darüber sagen, wer wir sind und wie wir Ereignisse in unserem Leben klüger deuten und damit letztlich klüger leben können. »Große Romane der Weltliteratur« ist nicht nur das Beste und Begeisterndste, das ich seit Langem über Literatur gelesen habe, sondern vor allem ein echter Leselustwecker. Man möchte sogleich fünf Romane auf einmal beginnen!

Zwei der bedeutenden Werke, die Hanjo Kesting vorstellt, kann man in frischen Hörbuch-Neuerscheinungen nachvollziehen. Miguel de Cervantes’ »Don Quijote« ist eine zeitlose Figur geworden. Der fahrende Ritter von der traurigen Gestalt auf seinem Klepper Rosinante, sein Knappe Sancho Pansa auf seinem Esel und der Kampf gegen Windmühlen sind ins allgemeine Bewusstsein eingegangen, so dass sie auch unabhängig vom Roman heute jeder kennt. Schöner und berührender als in dieser Figur des absurden Romantikers, des edlen Träumers, der lieber in einem Wahn als in den bizarren Niederungen der illusionslosen Welt lebt, und in diesem Roman seiner Abenteuer kann man die Höhen und Tiefen der menschlichen Existenz nicht darstellen. »Tatsächlich war damit der moderne Roman erfunden und auch gleich vollendet«, schreibt Hanjo Kesting über das in zwei Teilen 1605 und 1615 erschienene Werk, »denn der Don Quijote ist nicht nur der Ursprung, sondern auch die Summe des modernen Romans. Die Universalität und Flexibilität des Mediums war hier in einer Weise ausgeschritten, die spätere Epochen allenfalls ergänzen, aber nicht mehr übertreffen konnten.« Das in jeder Hinsicht gelungene Hörbuch präsentiert den kompletten Roman auf zwei MP3-CDs mit zusammen über fünfzehn Stunden Laufzeit, herrlich eingelesen vom 2002 verstorbenen, unvergessenen Hans Paetsch mit seiner prägnanten Erzählerstimme, dazu ein graphisch allerfeinst gestaltetes Cover und Booklet.

Dem zweiten Roman, der sukzessive zwischen 1759 und 1767 erschien, muss man ebenfalls Zeitlosigkeit und ungebrochene Modernität zusprechen. In einem ausufernden, bunt durch Zeiten, Motive, Handlungsstränge und Konstruktionslogik springenden Stil erzählt Laurence Sterne darin von der Familie und den Bekannten eines gewissen »Tristram Shandy«. Er tut das einerseits völlig ungeordnet und in einem vermeintlichen Stil des permanenten wilden Assoziierens, anderseits mit großem Humor und einer Erfindungslaune, die vor keinem noch so kuriosen Einfall Halt macht. Shandys Familie ist eine Ansammlung von Sonderlingen, und der Erzähler breitet die Geschicke ihres Lebens weidlich aus. Das Hörspiel des Bayerischen Rundfunks überträgt Sternes Spiel- und Experimentierfreude ins neue Medium, wartet mit exzellenten Sprechern wie Peter Fricke, Stefan Merki und Hans Kremer auf und tut das Seine, dass wir dem abwechslungsreichen Spiel angenehm verwirrt genussvoll folgen.

Und dann schummeln wir noch ein Werk hinterher, das in Kestings Romanauswahl keinen Eingang gefunden hat – auch nicht ernsthaft in die Riege der bedeutendsten Weltromane gehört, freilich doch ins Regal gleich daneben –, denn von »Tristram Shandy« führt ein direkter Weg zu »Was wird er damit machen?« Die Bücher sind in ihrer Lust an der vermeintlichen Abschweifung und in ihrer zügellosen Eloquenz ebenso einander ähnlich wie in der Ellenlänge, der Tatsache, dass ihre Handlung nicht zusammenfassbar ist, und in der furiosen Übersetzung. Den »Shandy« hat Michael Walter mit großem Schwung und echter sprachlicher Fabulierlaune übertragen, Bulwer-Lyttons prächtigen Erzählexzess hat einen Großmeister des Stils mindestens ein Jahr seines Lebens gekostet und beglückt, Arno Schmidt nämlich. Man darf in Bezug auf »Was wird er damit machen?« mit Fug und Recht von einem gemeinsamen Werk sprechen, denn Schmidt überträgt den Text nicht nur, er veredelt ihn. Auf 1520 Seiten präsentiert sich der Mammutroman in der kürzlich erschienenen Neuausgabe des Suhrkamp Verlags, aufgeteilt auf sechs fein gebundene Leinenbände in einem dezent-schönen Schuber. Bulwer-Lytton, der in der viktorianischen Zeit mit Romanen wie »Pelham«, »Die letzten Tage von Pompeji« oder eben diesem Werk ein hocherfolgreicher Schriftsteller war, entwirft ein breites und durchaus auch weitschweifiges Gesellschaftsbild des Englands in der frühen Mitte des 19. Jahrhunderts und lässt eine Vielzahl von Figuren in verschlungenen Episoden und Handlungssträngen Abenteuer und menschliche Grundsituationen durch alle Schichten und Milieus erleben. Zwei Figuren ragen innerhalb dieses Panoramas heraus, der Protagonist Pisistratus Caxton und der Bösewicht Jaspar Losely, dessen Name bereits Programm ist. Die anderthalbtausend Seiten dieses Erzählpanoramas voller sprachlicher Spiellust und intelligentem Witz sind innen und außen eine Freude für jeden echten Literaturfreund. Für die Lektüre braucht man den langen Atem, man kann aber infolge der episodischen Struktur auch mal pausieren.
Texte: Michael Klein

Große Romane
Hanjo Kesting
Wallstein Verlag, 3 Bde, 1308 Seiten
39.90 €

 

Don Quijote, Titel

 

 

 

 

 

 

 

 

Don Quijote
Miguel de Cervantes
Hörverlag, 2 CDs (MP3)
29.99 €

 

Tristram Shandy, Titel

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Leben des Tristram Shandy
Laurence Sterne
Hörverlag, 9 CDs
39.99 €

 

Was wird er damit machen, Titel

 

 

 

 

 

 

 

 

Was wird er damit machen?
Bulwer-Lytton
Suhrkamp Verlag, 6 Bde, 1520 S.
48 €

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