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Mel´s Mikrokosmos

Ein Hoch auf Mich!

Heirate dich selbst“ – auf der Bestseller-Liste derzeit auf Platz 1 – von Veit Lindau beschreibt wohl gerade exakt jenes Lebensgefühl, das die meisten Menschen nicht haben. Nämlich die Fähigkeit, sich selbst zu lieben. Radikale Selbstliebe ist offensichtlich auch nur was für ganz glorreichen Idealisten unter uns. Wenn es nämlich einen Menschen gibt, den wir regelmäßig zu unserem Feindbild Nummer 1 machen, dann fällt die Wahl – oh Wunder – gerne mal auf uns selbst! Es ist geradezu abartig, wie massiv wir uns im Laufe unseres Lebens zu einem selbst ernannten Nichtsnutz degradieren. Und ja, wir sind es selbst, die an uns rumnörgeln, uns klein machen und uns kritisieren, wann immer es geht. Ich kenne genug Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die zerfressen sind von Selbstzweifeln und von negativen Gedanken, die sie sich so lange einreden, bis sie sie selbst glauben. Und mehr noch: Bereits als Kinder wird uns eingetrichtert, dass wir so, wie wir sind, offensichtlich nicht richtig ticken, nicht gut genug sind und es nicht ausreicht, wie wir gestrickt sind. Unser Wille wird demnach schon relativ früh gebrochen und wir fangen bereits in jungen Jahren an, Selbstzweifel zu hegen und uns zu fragen, warum wir für die eine Sache gelobt und für eine andere getadelt werden. Nicht umsonst frage ich mich an dieser Stelle:

Wann haben wir angefangen, unser Selbst für ein bisschen Liebe, Lob und Anerkennung abzulegen?“

Irgendwann haben wir dann nur noch funktioniert. Wir sagten „Guten Morgen!“, „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“ oder „Guten Appetit!“, weil wir wussten, dass man uns dann lieb hat. In der Jugend wurden wir dann plötzlich kaltschnäuzig, abweisend und arrogant, oder das andere Extrem: Strebsam, ehrgeizig und engagiert, weil wir wussten, dass wir nur so irgendwie dazugehören und bestehen können. Und als Erwachsene verleugnen wir uns schlussendlich in einer solchen Perfektion, dass wir gar nicht mehr wissen, wer wir überhaupt sind. Stattdessen wüten da diese ewigen Dämonen in uns, die uns weismachen wollen, dass wir zu faul, zu fett, zu dumm oder zu wertlos sind. Die inneren Dämonen sind auch Schuld daran, dass wir morgens aufwachen und schon getrieben sind, ehe wir den ersten Kaffee intus haben.

Die inneren Dämonen Namens Schuldgefühl, Angst, Hochmut, Egoismus, Neid und Eifersucht

Mit den inneren Dämonen ist das so eine Sache: Sie kommen immer dann, wenn man sie eigentlich nicht braucht. Wenn man ohnehin schon einen schlechten Tag hat, machen sie dich dumm von der Seite an, dass es ja kein Wunder wäre, weil du es einfach nicht wert bist, einen guten Tag zu haben. Wenn du keine Lust hast, dich sportlich zu betätigen, erzürnen sie sich darüber, wie faul du doch bist und dass du schon Fett ansetzt. Bist du während eines unangenehmen Zahnarzt-Besuchs ein nervliches Wrack, lachen dich die inneren Dämonen aus und hämmern dir in Endlosschleife in den Kopf: „Du bist so peinlich, du Angsthase!“ Die Abwärtsspirale und das eigene „Ich“ in Frage stellen beginnt! Dabei sind gerade die inneren Dämonen ein wesentlicher Teil von uns selbst. Meistens spricht aus ihnen das innere Kind in uns, das wir irgendwann mit Gewalt zum Schweigen bringen mussten, weil es eben so, wie es war, nicht gut genug war. All die Dämonen in uns sind Ängste und negative Gefühle, die wir schon vor langer Zeit ablegen mussten, damit wir in der Welt bestehen können oder zumindest glauben, in der Welt bestehen zu können. Wahrscheinlich wird es uns nie so richtig gelingen, negative Gefühle komplett auszulöschen, aber wir können diese inneren Dämonen akzeptieren und mit ihnen umgehen lernen, um uns mit ihnen abzufinden und um zu vermeiden, dass sie die Oberhand gewinnen. Ich frage mich deshalb:

Sind wir uns wirklich darüber bewusst, wer unsere Feinde sind? Sind sie in der Welt da draußen oder in uns?“

Fakt ist: Es sind nicht unbedingt immer die anderen, die uns degradieren, ausbremsen, provozieren, kritisieren oder ablehnen. Die Ablehnung beginnt in uns selbst, denn offensichtlich sind wir uns ja nie gut genug. Der größte Kritiker lebt in uns und tobt in uns. Ebenso der Antreiber, der Neider und der Egoist. Wir glauben nur das, was diese inneren Dämonen uns einzureden versuchen. Tag für Tag. Letztendlich ziehen wir dann oft genau die Menschen an, die uns eigentlich nur bestätigen, was wir selbst von uns denken. Und wir dann zu uns selbst sagen können: „Siehste!“

Befreie dein inneres Kind

Wichtig ist, dass wir unserem inneren Kind Gehör verschaffen. Was will es uns sagen? Warum lässt es uns in manchen Situationen unangebracht reagieren? Warum findet es immer und immer wieder Mittel und Wege, damit wir es beachten? Die Antwort ist klar: Damit wir Frieden mit uns schließen. Damit wir endlich anfangen uns anzunehmen, wie wir sind. Und damit wir unsere Wunden endlich heilen und unseren Geist befreien. Wenn wir uns als Kind oft allein gelassen gefühlt haben oder ungeliebt oder im Stich gelassen, kommen diese alten Verletzungen immer wieder in uns hoch und wir müssen anfangen, damit zu arbeiten. Das hört sich jetzt alles unglaublich esoterisch an, ist es aber eigentlich nicht. Aber soll das heißen, dass wir uns ab jetzt jeden Tag selbst übers Köpfchen streicheln und uns beglückwünschen für den, der wir sind? Das können wir schon machen, ist aber kaum effektiv, wenn wir es nicht wirklich glauben. Der Schlüssel liegt ganz einfach darin, dass wir Verantwortung für uns selbst übernehmen. Und für die innere Wahrheit. Falsche Glaubensmuster müssen eliminiert werden und wir sollten endlich anfangen, für unser eigenes Glück zu sorgen, offen für Neues zu werden und vor allem stark genug, für uns selbst zu sorgen.

Uns selbst heiraten?

Machen wir uns nichts vor: Sich selbst heiraten ist eine komische Vorstellung und klingt echt seltsam. Und trotzdem: Die Fotografin und Filmemacherin Grace Gelder beschloss, sich nach sieben Jahren als Single selbst zu heiraten. Sie war der Meinung, die Beziehung zu sich einfach feiern zu müssen. Allerdings betont sie auch, dass Mut und Geduld die Grundlage seien, um eine stabile Liebesbeziehung zu sich selbst aufbauen zu können. Dennoch feierte sie ihre eigene Hochzeit genauso, wie sie es mit einem Partner getan hätte. Im Brautkleid und mit Gelöbnis (an sich selbst natürlich) und einer schönen Fotostrecke fürs Hochzeitsalbum. Ganz ehrlich habe ich schon häufig daran gedacht, in ein Brautmoden-Geschäft zu gehen und den ganzen Tag wie wild Hochzeitskleider anzuprobieren. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wie die Verkäuferin reagieren würde, wenn ich ihr von meiner „Ich heirate mich selbst“-Idee erzählen würde. Vielleicht würde sie mich für verrückt erklären, aber sei es drum: Wieso sollte es einem Menschen nicht zustehen, sich selbst zu ehelichen?

Am Ende ist es doch so: Innere Kinder und Dämonen weisen uns doch nur darauf hin, was nicht richtig läuft. Sie sind Seismographen für das, was nicht im Gleichgewicht ist und wenn wir sie anerkennen und annehmen, ist das schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Die Beziehung zu uns selbst – die wichtigste Beziehung überhaupt – ebnet uns den Weg für alle weiteren Beziehungen in unserem Leben und wir werden irgendwann merken, dass wir nur geliebt werden können, wenn wir uns selbst lieben.

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