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Titelstory

Eine Melange aus HipHop und Rock

Mit der EP „Fast Unfassbar“, einer ausverkauften Release-Show, Auftritten beim heimischen „Halberg Open Air“ und der Kultshow „Circus HalliGalli“ sowie dem „New Music Award in Berlin“ legten Tiavo im letzten Jahr schon ordentlichen vor. Dieses Jahr kam dann die vorläufige Krönung mit einem Gig an der Seite von Genetikk auf der Main-Stage des legendären Splash-Festivals. Kein Wunder, dass für alle Homies die Single „Huckleberry Finn“ dank Heavy-Rotation-Airplay längst die heimliche Saarbrücken-Hymne ist. Diesen Herbst steht nun der erste Long-Player an. Grund genug für L!VE, die beiden „hottest kids in town“ zu treffen und dem Phänomen „Tiavo“ nachzuspüren. Das Interview führte Marisa Winter im gerade wieder eröffneten „Ubu le Roi“ im Nauwieser Viertel. Leandros und David kamen lässig gechillt und gänzlich allürenfrei daher, einzige Bitte „Lass uns doch draußen sitzen“.L!VE: Wer ist Tiavo eigentlich genau? Im Pressetext ist nur von einem die Rede, bei den Auftritten seid ihr sieben Mann?

Leandros: Tiavo sind wir beide. Bisher war Tiavo nur ich, aber jetzt ist es nicht mehr mein Name, sondern unser beider Name, als Formation, als Duo. Und du bist jetzt auch die erste, mit der wir ein Interview machen, seit dieser Veränderung. 

David: Ja es ist wirklich noch ganz frisch.

Und wo kommt Ihr her?

David: Ich bin gebürtiger Trierer und dann irgendwann aufgrund meines Studiums nach Saarbrücken gezogen.

Leandros: Ich bin in Homburg geboren, bin bis zu meinem 6. Lebensjahr immer rumgereist mit meinen Eltern zwischen Saloniki in Griechenland,  Brünn in Tschechien und Blieskastel, wo mein Elternhaus war. Dann sind meine Mutter und ich nach Saargmünd in Frankreich gezogen. Mittlerweile wohne ich wieder bei meinem Vater in Blieskastel, bis ich hier in Saarbrücken ‘ne eigene Wohnung gefunden hab. Saarbrücken ist die Stadt, in der sich alles abspielt, meine ganze Jugend war das hier immer meine Stadt. 

Seit wann machst du Musik?

Leandros: Seit ich 13 bin. Ich bin mit 14 schon schwarz mit dem Zug zu Gigs nach Heidelberg, Koblenz, Frankfurt und so gefahren. Ich kenn kein scheiß JUZ wo ich nicht früher mal aufgetreten bin. Das hätten andere Eltern vielleicht gar nicht erlaubt, aber da meine Eltern sich getrennt hatten, konnte ich das immer ausspielen. Wenn der eine mir was verboten hatte, hab ich einfach die andere gefragt. Ich war immer schon Ausreißer und hab gemacht, was ich wollte, war früh selbständig. Mir konnte auch keiner was sagen, und das war gut so, denn es hat mir schon ganz früh geholfen, meiner eigenen Sache nachzugehen. 

Und du wusstest schon mit 14, dass du professionell Musik machen wolltest und keinen anderen Beruf ins Auge fassen würdest?

Leandros: Klar. Auch wenn ich jetzt noch aktuell Wirtschaftsinformatik studiere. Ich hab durch das Studium super viel Zeit, Mucke zu machen. Ich mach das Studium höchstens fertig, um meine Eltern ein klein bisschen glücklich zu machen. Ich druck ihnen dann diesen Bachelor aus und dann können sie sich den in ihre Wohnzimmer hängen und sagen „Mein Sohn hat studiert!“ 

Warum fehlt euer bekanntester Song „Huckleberry Finn“ auf der EP „Einfach unfassbar“?

Leandros: Am Ende geht es nicht darum, welche die besten Songs sind, sondern welche am besten als Einheit zusammenpassen. „Huckleberry Finn“ und „Ouzo“ sind Single-Auskopplungen. „Huckleberry Finn“ hatten wir extra für „Circus Halligalli“ aufgenommen, da hatten wir ja diesen Schrankauftritt und bisher ist es verrückter Weise unser erfolgreichster Song. 

Wieso verrückter Weise?

Leandros: Na, weil es der am wenigsten durchdachteste Song ist. Wir haben den einfach an nur einem Abend gemacht! Das was heute die Bridge ist, war früher der Refrain. Huckleberry Finn war da noch gar nicht drin, der Arbeitstitel war „Bluesy“. Uns hatte der Song gefallen, und dann haben wir gedacht, „Ey lass uns das für die Pro7-Show machen und dazu noch ein cooles chilliges Sommervideo.“ Und er hat super funktioniert, also ohne Label, Werbung, ohne gar nix. Das ist grandios.

Es gibt auch viele Leute, die ihn als Saarbrücken-Hymne feiern.

Leandros: Ach echt? Das war uns noch gar nicht so bewusst. Wir haben ihn auch nicht als Saarbrücken-Werbung geschrieben, aber ist natürlich schön, wenn er ein Lebensgefühl transportiert, auch wenn wir die Stadt darin ja eher etwas subtiler feiern. Wenn jemand in Berlin hört „Das geht von Saarbrücken bis Missouri“ das ist doch cool, keiner in Berlin würde sagen „Ich ess‘ Lyoner“.

Verarbeitest du in deinen Texten auch persönliche Erlebnisse?

Leandros: Ja, die EP ist fast ausschließlich sehr persönlich und spiegelt mich quasi wider, die Themen sind meine, ich packe da persönliche Erlebnisse und Denkweisen in die Songs, Sachen, die mich einfach gerade beschäftigen. „Hinter der Maske jeden Alters steckt ein Kind“ (Zitat aus „Huckleberry Finn“ – Anm. d. Red). Damit bin ich gemeint. Ich bin 20 Jahre alt, aber wenn ich auf der Straße rumlaufe und du würdest 100 Leute fragen, wie alt ich bin, wär wahrscheinlich der geringste Wert 24 und der höchste 33. Ich sah mit 14 schon aus wie 19 und trug Vollbart. Aber trotzdem bin ich ja mit 20 noch Kind und irgendwie werde ich auch mit 25 noch Kind sein, und irgendwo soll jeder Kind sein, das soll einfach ein gutes Gefühl rüberbringen, man soll den Song anmachen und  sich in sein Auto setzen und nach Ormesheim fahren, gemütlich rauchen, darauf zielt dieser Song ab. Meine Texte sind oft sehr selbstkritisch und das wird auch weiterhin so bleiben. Rapper wollen sich oft nur von ihrer stärksten Seite zeigen, als gestandene Männer, zeigen nicht ihre schwache Seiten, zeigen nicht, was sie nicht können. Aber ich finde, dass gerade das von Stärke zeugt, wenn man zeigt, worin man nicht gut ist.

Was macht ihr, wenn’s mal richtig gut läuft? Bleibt ihr Saarbrücken treu oder zieht ihr dann auch nach Berlin?

David: Nein, auf gar keinen Fall, wir ziehen nicht nach Berlin, wir bleiben hier.

Leandros: Ich hab sogar irgendwo ‘ne Line auf dem neuen Album, wo ich das disse, wo es heißt „ich zieh nicht nach Berlin, damit ich cooler bin“. 

Habt ihr Lieblingsplätze in Saarbrücken?

David: Ja das Nauwieser Viertel und sein magisches Dreieck mit Fleur, Kurzes Eck und Mono. Außerdem der Bürgerpark. Da war ich früher oft unterwegs, weil ich dort in der Nähe gewohnt hab, also nicht dass es jetzt mein Lieblingsort wär, aber ich kann damit was verbinden.

Leandros: Mein Lieblingsort war die Alte Post. Da hab ich mich immer rumgetrieben mit 13, 14 – jeden Tag. Das war ein Spielpark mit sehr urbanem Feeling, die Jungs draußen haben geskatet, wir waren unterwegs in der Alten Post, alles voller Graffiti, das hat mich immer angezogen. So oft hab ich oben auf dem Dach gelegen und mich gesonnt und gechillt… Aber die Location gibt’s ja so nicht mehr. Heute bin ich gar nicht mehr so viel zu Fuß unterwegs, sondern mehr mit dem Auto, und es gibt einen Punkt, wo ich immer hinfahre, wenn ich mit meiner Begleitung irgendwo sitzen will, wo’s spannend ist. Dann fahren wir immer nach Alt-Saarbrücken hoch, da geht ne Straße hoch gegenüber von meiner alten Günther-Wöhe- Schule und dann kommt man an einen Aussichtspunkt, wo man Saarbrücken wirklich von oben sehen kann. Ich bin da noch sehr oft. Zum Feiern gibt´s für mich nur eine Sache, den utopischen Deutschrap-Turnup im Blau.

Welche Musik hört ihr denn gerne, wenn’s nicht gerade eure eigene ist?

Leandros: Momentan hör ich wieder mehr HipHop. Als wir die EP gemacht haben, hab ich „Limp Bizkit“ gehört, „Rage against the Machine“, „Highly Suspect“, da hab ich viel nachgeholt, denn mit 16 hättest du mich mit jeder Gitarre in nem Song jagen können, aber jetzt versteh ich sogar so Sachen wie „While She Sleeps“, wo die schreien und jeder HipHopper sagen würde „Alter, mach das aus, spinnst du?“ Das kann ich mittlerweile feiern. Aber jetzt hören wir viel A$AP Mob und Migos, weil’s einfach lustig ist, so’n Song wie „T-Shirt“ ist echt super. Und dann aber auch ganz andere Sachen. Ich hör viel Jack Garratt, für mich der beste Musiker dieser gottverdammten Welt. Ich ziehe meinen Hut. Ich hab zwar ein bisschen verlernt, Fan von etwas zu sein, aber von ihm bin ich richtig Fan. Dieser Kerl ist einfach in allem, was er macht grandios. Wenn ich jemand Neues beeindrucken will, dass ich gute Musik höre, funktioniert Jack Garratt immer. Es ist die perfekte Musik, wenn man Fräuleins neben sich im Auto hat, funktioniert grandios. Ich empfehle jedem Jack Garratt.

David: Ich komm ursprünglich komplett aus der Rock-Schiene und hab früher eigentlich nur härteren Rock gehört, also Metal Core, Hard Core, Progressive Metal und natürlich auch viel Cross Over, also die ganzen Geschichten, die Leandros jetzt nachgeholt hat, auch die ganze Grunge-Phase mit Alice in Chains, Pearl Jam

Leandros: Alter, „Nirvana“ hab ich vergessen, das ist für mich aktuell die größte Inspiration. Nicht nur musikalisch, sondern das Gesamtgefühl. Ich kuck eine Nirvana-Doku und sitz dann da und mir geht´s den ganzen Tag scheiße, aber darin fühle ich mich wohl. Das ist ja auch eine Sache, die Tiavo ausmacht, ich fühle mich darin wohl, wenn’s mir nicht gut geht. Ich denke eine der Faszinationen, die von Künstlern wie Kurt Cobain ausgehen, ist, sich in einer gewissen Melancholie und Schwäche wohl zu fühlen, bei ihm wohl um einiges stärker ausgeprägt, hoffe ich – lacht – sonst überdauert’s mich nicht so lange.

David: Ja und dann so nach und nach musste ich mich auch mehr mit HipHop auseinander setzen, ich hab ja früher ungefähr so viel Hip Hop gehört wie Leandros Rock, und aktuell ist es so, dass ich meinen Konsum stark umgekrempelt hab und krass viel HipHop höre, 80 %. Mit Trap und Vin Staples hab ich angefangen, dann Migos und darüber dann Kendrick Lamar und all die anderen. 

Die Melange aus HipHop und Rock prägt ja auch eure Musik.

David: Das macht die Musik, zu dem was sie ist. Wir versuchen auf keinen Trend aufzuspringen. Wir haben zwar immer Anleihen und versuchen einen modernen Sound zu bieten, aber es ist uns ganz wichtig, eine eigene Soundwelt zu kreieren.

Leandros: Die meisten Rapper lassen sich ihre Beat Packages von verschiedenen Produzenten zusenden, picken die und bringen das am Ende dann irgendwie in einen Kontext, so dass es halbwegs passt. Das einzige Merkmal, das sie haben, sind ihre Stimmen und ihre Art zu rappen. Wir machen unsere Instrumentals dagegen selbst. Bei uns bin ich eben bei jedem Tönchen dabei, ich kann zwar keine Noten lesen und kein Instrument spielen, sondern nur summen, aber das kann ich gut. 

David: Leandros bringt ein Gespür mit für Sound, die Zusammenarbeit ist wirklich bei jedem Track vorhanden.

Leandros: David versteht mich halt, wenn ich sage „Das muss kälter sein“ oder „das muss mehr drücken“, dann könnte man da ganz vieles drunter verstehen, er versteht aber genau, was ich meine. Ein normaler HipHop-Song ist ja ganz einfach gemacht, da passiert arrangementtechnisch nix, den Refrain erkennt man daran, dass es eine Textstelle ist, die sich wiederholt, das war’s. Wenn wir den HipHop-Leuten einen unserer Songs zeigen, dann sagen die immer „Alter, krass, was is das für’n Sample?“ Und dann sagen wir immer „Kein Sample, wir haben das selber gespielt“.

Wie war der Auftritt mit Genetikk auf dem Splash-Festival?

Leandros: Das war das beste Gefühl, das ich jemals verspürt habe. Das war echt zu groß für meinen Leib. Ich bin gar nicht drauf klar gekommen. Ich bin da raus und hab erst mal den zweiten Part von Karuzo zu „Rap Superstar“ gemacht, steh dann da und die 28.000 Leute denken „Hey wer ist das?“ Unbekanntes Gesicht auf der Main Stage, und dann haben wir „Huckleberry Finn“ gespielt und wirklich ohne Scheiß, wir haben das maximale an Respekt bekommen, was man als unbekannter Guest beim Splash vor diesem überaus kritischen HipHop-Publikum bekommen kann, alle Hände waren oben, aber das hab ich erst gemerkt, als der Refrain fertig war, erst in dem Moment sind meine Augen richtig aufgegangen, weil vorher war ich wie im Tunnel und hab nur die ersten zwei drei Reihen gesehen. Das war wirklich für mich sowohl als Künstler als auch als Mensch ein absoluter Meilenstein, denn da wollte ich immer hin, das war immer mein Traum. Ich erinnere mich noch an damals in der 8. Klasse, als zum ersten Mal über das Splash-Festival gesprochen wurde und meine Mitschüler haben gesagt, „Lass doch mal zum Splash fahren, kuck mal wer da alles spielt“ und dann haben sie mich gefragt „Bist Du dabei?“ Und ich so „Ich fahr erst zum Splash, wen ich da spiele!“ Die haben mich alle richtig ausgelacht, und was mach ich? Ich mach’s einfach, das ist krank. Das ist ein sehr, sehr geiles Gefühl, denn die Splash-Hauptbühne ist die Königsdisziplin für einen deutschen Rapper, das absolute Maximum. Und danach kam Machine Gun Kelly zu uns, und wir sind Riesen-Machine-Gun-Kelly-Fans, und dann gibt der uns da übertrieben Props für die Show. Der ging nicht zu Sido oder Savage, der kam zu uns, wie cool ist das denn? Und ich bin Genetikk sehr dankbar dafür, dass die uns pushen und sowas machen für uns. Was aber nicht heißt, dass wir es jetzt geschafft haben.

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