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Grüne Tomaten schlafen wütend

Endstation Ehe

Letztens zauberte die Presse wieder eine obskure Sekte aus dem Hut, die zum Jahresende den Weltuntergang prophezeit. Als wäre das nicht Anlass genug, sich Gedanken über das Leben, das Universum und den ganzen Rest zu machen, flatterte mir zur gleichen Zeit auch noch eine Hochzeitseinladung ins Haus. Heiraten, das ist wie das Geschlecht wechseln und Veganer werden, eine Entscheidung, nach der das Leben nie mehr sein wird, wie es war. Es mag Zufall sein, dass mich beide Nachrichten gleichzeitig erreichten, aber ich glaube nun einmal zufällig nicht an Zufälle…

Wenn die Apokalypse schon nah ist, warum muss ein Mann sich dann kurz vorher noch durch eine Heirat in den Suizid stürzen? Der Teufel wird einem die Hölle noch früh genug heiß machen, da braucht es vorab nicht noch eine Ehefrau, die das tut! Andererseits wird eine Ehe geschlossen bis der Tod sie scheidet. Und da man den Weltuntergang kaum überleben dürfte, zumal wenn man statt Geld stets Einkaufswagen-Chips in die Kirchenkollekte geworfen hat, ist das „Ja“ kurz vor der Apokalypse für einen Mann vielleicht die einzige Möglichkeit, seine Ehe bis zum Ende zu genießen zu können…

Kein Mann möchte in Sachen Beziehung auf dem Abstellgleis landen, wenn Freunde ihn in Richtung Familie überholen. Aber unausweichlich mit Volldampf auf einer Strecke mit letztem Haltepunkt Ehe auf den Abgrund zurasen? Das Traurige am Heiraten ist jedoch nicht einmal das Männerschicksal, dass aus den Eheringen von heute die Handschellen von morgen werden, und mit dem „Ja, ich will“ ein Puma kastriert und zum Schmusekater dressiert wird. Das Schlimmste – zumindest für mich als Freund des Bräutigams – ist der Junggesellenabschied, von dem man nicht fernbleiben kann…

Nüchtern betrachtet hat niemand Lust, eines seiner wenigen freien Wochenenden mit einem Haufen Typen zu verbringen, die man zum Teil gar nicht kennt, nur um einem alten Freund die letzte Ehre zu erweisen und vorzugaukeln, dass sich an seiner Freiheit und seinen Männerfreundschaften nach der Heirat nichts ändern wird. Genauer betrachtet sind vermeintlich lustige Junggesellenabschiede nichts anderes als Trauerspiele ohne Happyend. Als würde man mit einem zum Tode durch den Strang Verurteilten bei der Henkersmalzeit ausmachen, auch zukünftig weiter gemeinsam abzuhängen…

Ist eine feste Beziehung was Männerfreundschaften angeht bis zur Hochzeit noch wie offener Vollzug, bei dem Mann bei guter Führung zweimal im Jahr mit anderen Inhaftierten bis Mitternacht Freigang bekommt, wird mit dem Verlassen des Standesamts daraus Einzelhaft in einem Beziehungsverlies, in dem es keine Möglichkeit mehr gibt, auf Anrufe oder Nachrichten von Kumpels zu reagieren. Kronzeugen, die gegen die Mafia ausgesagt und eine neue Identität bekommen haben, haben meist noch mehr Kontakt zum alten Freundeskreis als ein Mann, der die Steuerklasse 1 verlassen hat…

Dass sich mit einer Ehe etwas ändert, sehen andere aus der Männergruppe, mit der ich mich einige Wochen nach der Hochzeitseinladung auf dem Weg zum Junggesellenabschied befinde, nicht so. Was daran liegen mag, dass auch sie bereits zum Ja-Wort genötigt wurden. Sie bestehen darauf, dem Bräutigam einen Abschied mit Alkohol, Spielen und Strapsibar zu bescheren. Denn für Verheiratete wie sie sind solche Abschiede die letzte Möglichkeit, noch einmal den stehend pinkelnden Hengst von früher raus und den Wallach von heute daheim zu lassen, der nur feuchtes Toilettenpapier benutzt…

Um nicht Gefahr zu laufen, im Suff statt heißer Miezen unterkühlte Kühe anzuflirten, die die Braut kennen, steigen Junggesellenabschiede meist fern der Heimat in Köln, Düsseldorf oder sonst einer Stadt, in der Mann auf Frauengruppen hofft, die auch um die Häuser ziehen, um sich das andere Geschlecht schön zu saufen. Auf der stundenlangen Bummelbahnahnfahrt dorthin, auf der man jeden Dorfbahnhof der Eifel kennenlernt, bleibt einem als Mitfahrer genug Zeit sich zu fragen, wie viel Alkohol es wohl braucht, damit man sich am Folgetag an nichts mehr erinnern wird…

Aus Dokus kennt man Wolfrudel auf der Jagd. Sie sind nichts im Vergleich zur Männergruppe, mit der ich an diesem Tag durch die Kölner Altstadt ziehe. Mein Alkoholpegel ist inzwischen so, dass ich mich nicht mehr fremdschäme, aber noch nicht so hoch, dass es lustig wäre. Wie Bluthunde ziehen die Familienväter um mich herum durch die Kneipen auf der Suche nach Beute. Seit Überziehen des gemeinsamen Partyshirts sind alle Regeln außer Kraft und das Hirn ist auf Standby. Und mit jedem Glas geht ihre Verwandlung vom Ehemann zum Supermann voran…

Ich fühle mich wie in einer Zombie-Apokalypse und spiele mit dem Gedanken, alle um mich herum zu töten oder zumindest früher als der Rest ins Hotel zu gehen. Ich habe Angst vor dem Moment, an dem der Alkoholpegel auch bei mir so hoch ist, dass ich beginne, die Mädels und MILFs auf der Tanzfläche attraktiv zu finden, und am nächsten Morgen nicht wegen des Schnaps, sondern wegen der Selfies übergeben muss, die ich auf meinem Handy finde und die mich mit der weiblichen B-Ware von letzter Nacht zeigen. Glück für den, der an solchen Abenden im Suff sein Smartphone verliert…

Egal was an einem solchen Abend passiert, der Ehrenkodex besagt, dass Stillschweigen bewahrt wird. Was vielen wegen ihres Filmrisses auch nicht schwer fällt. Es ist dennoch ratsam seine Mitfahrer zu kennen. Da wäre natürlich der Junggeselle. Er ist der, dessen Ehe nie zustande kommen wird, wenn Details über den Abend bekannt werden. Er steht im Mittelpunkt bis jeder Mitfahrer eine weibliche Bekanntschaft gefunden hat und trägt ein Hasen-, Clown- oder Riesenpeniskostüm. Wegen seiner Aufregung hat er schon früh einiges intus, was dazu führt, dass er später nur aus sozialen Netzwerken erfahren wird, dass ihm in der Öffentlichkeit Beine enthaart, Nägel lackiert und Nippel gepierct wurden…

Schuld an allem ist der Trauzeuge. Er ist der Organisator des Abschieds und verantwortlich, dass der Bräutigam nicht schlafend auf der Diskotoilette vergessen wird. Er konnte die Heirat bislang nicht verhindern und sieht im JGA die letzte Chance dazu. Er spricht Frauen an, die er dann nach eigenem Ermessen zum Küsschenverteilen an den Bräutigam weitergibt oder selbst behält. Von den Frauen der Mitfahrer wird er später völlig unberechtigt für den einzigen der Gruppe gehalten, der anständig geblieben ist. Seinen Erzählungen gelten, auch wenn sie frei erfunden sind, später als Wahrheit…

Nervig für alle ist der Miesepeter: Er passt nicht zur Gruppe und will das auch nicht. Er trägt als einziger kein Partyshirt und hat an allem etwas auszusetzen. Er ist derjenige, von dem alle froh wären, man würde ihn im Gedränge verlieren. Er verschwindet im Laufe des Abends meist auch irgendwann von selbst ohne Bescheid zu geben, taucht aber leider zum Frühstück wieder auf. Alle sind sich einig, dass er zuhause bleibt, wenn der Bräutigam noch einmal einen Junggesellenabschied brauchen sollte…

Besonders gefährlich ist allerdings der Stille. Es ist mit Braut oder Bräutigam verwandt, weswegen er mitgenommen werden musste. Er ist schüchtern und spricht noch weniger als er trinkt. Er macht andauernd Fotos, die niemand jemals sehen darf, später dann aber in einer Präsentation für die Hochzeitsgesellschaft auftauchen. Bräutigam und Trauzeuge haben meist schon am Morgen danach Probleme zu verhindern, dass er von der Gruppe gelyncht wird, da er sich als einziger an jede Peinlichkeit des Vorabends erinnern kann und bereits Fotos davon ins Internet gestellt hat, bevor alle aus dem Koma erwacht sind…

Ebendiese Mischung an Charakteren machen Junggesellenabschiede unerträglich. Und das Kopfweh am Tag danach! Ach wäre die Welt bloß schon vor dem letzten Bier untergegangen… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Wer eine Frau mit Burka zum Brüderschafttrinken überreden will, hat nicht Allah Tassen im Schrank!

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