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Titelstory

KINGS OF KICKS & KLICKS

Mehr YouTube geht nicht! Über 1,7 Milliarden Views – da haben auch die allgegenwärtigen Lifestyle-Influencerinnen und Let’s-Player das Nachsehen. Die absolute Nummer Eins der deutschen YouTube-Channels ist mit 5,8 Millionen Abonnenten der Fußball-Kanal „freekickerz“ – und damit auch ein junger Mann aus dem saarländischem Fürth.

Jan Stemmler ist 22 Jahre alt, Auszubildender, Torwart bei der SVGG Hangard – und eben Teil von „freekickerz“. Dieser YouTube-Channel zeigt mindestens einmal die Woche eine Mischung aus spektakulären Torschüssen, Fußballtricks, Torwartparaden und Produkttests. Immer öfter auch mit prominenter Unterstützung internationaler Fußball-Topstars, wie Lewandowski, Carlos, Reus, Fàbregas, Griezmann, aber auch NBA-Star Dirk Nowitzki und Rennfahrer Mick Schumacher haben schon ihr Talent am Fußball unter Beweis gestellt. Damit ist „freekickerz“ in Sachen Klicks weltweit die Nummer Eins unter den Fußball-Kanälen, unter anderem auch weit vor denen von Real Madrid, Adidas oder Lionel Messi. Gegründet wurde „freekickerz“ 2010 vom Zweibrücker Konstantin „Konzi“ Hert, der bis heute die Zügel in der Hand hält. Schon nach wenigen Monaten ist dann mehr oder weniger zufällig Jan Stemmler dazu gestoßen, denn die ersten Videos wurden ausgerechnet auf seinem Heimatplatz gedreht. Inzwischen überzeugt er in unzähligen Videos im Tor und hat dabei auch seine persönlichen Idole getroffen. Im echten Leben schließt er nächstes Jahr seine Ausbildung zum Industriekaufmann ab, um sich anschließend neuen, eigenen YouTube Projekten zu widmen. Für L!VE hat er sich die Zeit für ein interessantes Gespräch im ehemaligen Neunkircher Hüttenareal genommen.

Bist du schon Ehrenbürger von Fürth?

Nee, noch nicht ganz. Außerdem gibt es ja noch andere Bekannte Fürther, gerade was den Sport angeht, wie beispielsweise die Marathonläuferin Tanja Hoos und ihren Mann. Aber vielleicht kommt das ja noch irgendwann mal.“

Aber für einen Bayern, wegen des bekannteren Fürths bei Nürnberg, wirst du nicht gehalten?

Auch nicht, denn meine Reichweite ist ja international. Wenn ich im YouTube-Channel mit dem Namen meines kleinen Heimatdorfs ankäme, wüsste keiner Bescheid. In der Regel nehme ich deswegen Saarland als Herkunft und wenn es einer genau wissen will sage ich: Nähe Ottweiler.“

Wie bist du selbst auf Freekickerz-Channel aufmerksam geworden?

Das war reiner Zufall. Die ersten Videos entstanden sogar in Fürth auf dem Sportplatz, ohne dass ich davon wusste. Irgendwann hat mir dann aber mal ein Kumpel einen Link geschickt und gemeint „Du guck mal, das ist doch der Fürther Sportplatz.“ Da hab’ ich die Macher über Facebook direkt angeschrieben und gefragt: „Braucht ihr nicht ’nen Torwart, der auch mal was hält?“ Und tatsächlich bekam ich eine Antwort und nur zwei Monate später meine Chance mich zu beweisen – und konnte überzeugen.

Kein YouTuber spricht über Geld, aber am Anfang gab es doch so richtig gar nichts oder?

Bei meiner Premiere hatten wir gerade erst 30.000 Abonnenten und ich bin dann ein paar Mal hin- und hergeflogen, was mir ja auch Spaß gemacht hat. Zu meiner Überraschung habe ich hinterher gleich ein paar Profi-Torwarthandschuhe in die Hand gedrückt bekommen. Später gab es dann mal ein Paar Fußballschuhe und irgendwann hat Adidas mir sogar eine komplette Ausrüstung geschickt. Das war natürlich sehr cool, aber trotzdem war bis vor etwa einem Jahr die Vergütung der Klicks die einzige wirkliche Einnahmequelle. Das hat sich erst durch Product-Placement bzw. die Zusammenarbeit mit großen Werbepartner ein wenig geändert. Und für mich zählt trotzdem nur, dass mir mein Frisör Daniel Hoffmann von „Art of Hair“ weiterhin umsonst die Haare für die Videos macht. “

Haben sich die Videos in den Jahren grundlegend verändert?

Ein wenig schon, anfangs waren es fast ausschließlich Freekicks, also Frei- und Trickschüsse, oder auch Torwart-Paraden und Handschuhtests, aber in letzter Zeit kommen die Challenges oder Schuhtests mehr in den Vordergrund, die in Zusammenarbeit mit Sportartikelherstellern sehr aufwendig in allen möglichen (Fußball-)Großstädten produziert werden. Da kann ich im Augenblick leider nicht mehr ganz so oft dabei sein, weil ich ja dabei bin meine Ausbildung abzuschließen.“

Saarländer und Pfälzer kommen in euerm Team offensichtlich gut miteinander aus?

Nein, Schwierigkeiten gab’s noch nie, auch wenn Konzi aus der Pfalz kommt, aber es waren ja von Beginn auch Saarländer dabei – quasi zum Ausgleich. Im Augenblick sind wir zu neunt, wobei Konzi ganz klar der Chef ist. Die anderen kommen von überall her aus Deutschland. Da sind zum Beispiel neben Saarländern und Pfälzern auch Leute aus dem Ruhrgebiet oder dem Schwabenland dabei – und alle vertragen sich.“

In Fußballerkreisen seid ihr ja alles andere als unbekannt und speziell du machst eine sehr gute Figur im Tor: Kam es da schon zu Abwerbeangeboten?

Trainieren tun wir zwar alle, allein schon um fit zu bleiben, aber richtig aktiv in Vereinen spielen zurzeit nur zwei, darunter eben auch ich. Von daher gibt es also nicht so viele potentielle Wechselkandidaten. Und ich war als Jugendspieler schon bei einem Profiverein, weiß also, dass ich da mithalten könnte. Es könnte theoretisch für mich durchaus eine Option sein, aber aktuell gibt’s – leider – keine Anfragen.“

Produziert ihr alles selbst?

Angefangen hat das mit zehn Bällen und einer Kamera – und dann wurde halt einfach draufgehalten. Aber Konzi ist wirklich ein echter Computer- und Technik-Crack und hatte von Anfang an ein echtes Talent dafür, die Szenen so zu platzieren, dass es passte und gut aussah. Die Fußballschuh-Reviews sind dann so gut gelungen, dass die Leute sich danach ein Urteil bilden konnten und nur so wurden wir glaubhaft. Außerdem sind wir ja wie jeder Channel bei einem Netzwerk, in unserem Fall Athletia Sports, das uns nicht nur promotet und vermarktet, sondern uns auch mit Know-How, der neuesten Technik und eben dann und wann mit hochprofessionellen Cuttern unterstützt.“

Bei euch wirken sogar die Weltstars vor der Kamera ziemlich gechillt. Sind die wirklich so cool?

Tatsächlich kann ich, nicht nur nach meinen eigenen Erfahrungen, sondern auch nachdem was mir andere Freekickerz erzählt haben, praktisch nix Negatives berichten. Die sind wirklich bei solchen Drehs meistens richtig gut gelaunt, immerhin geht es ja auch um ihren Lieblingssport. Letztes Jahr habe ich drei Stunden lang mit Manuel Neuer drehen dürfen. Da gab es auch mal Momente, wo er etwas genervt war. Zum Beispiel, wenn er Sachen tun sollte, bei denen er sich, wenn’s blöd läuft, verletzten konnte. Aber das war vollkommen nachvollziehbar. In den Drehpausen hat er sich trotzdem einfach zu uns gesellt, mit Ball hochhalten gespielt oder rumgelabert.“

Bist du nervös, wenn du Stars triffst?

Sagen wir mal so, natürlich war ich nervös, als ich da das erste Mal Manuel Neuer traf. Aber dann steht der neben einem, haut ’nen Spruch raus, dann wirst du ganz schnell wieder locker. Dann fragst du ihn in einer Pause auch mal was Privates oder lässt dir dieses oder jenes erklären, in den Momenten ist dann von Nervosität nichts mehr zu spüren. Trotzdem bleibt, wenn ich weiß, gleich geht’s wieder vor die Kamera, immer eine gewisse Anspannung, aber meistens machen das dann die Stars durch ihre Professionalität wett. Und schließlich kannst du bei den Challenges gegen Profis eigentlich nicht verlieren, da kannst du nur gewinnen.

Welche Begegnung hat dich am meisten beeindruckt?

Ich bin Torwart und als ich ein kleiner Pimpf war, hing Olli Kahn in mindestens zehnfacher Ausfertigung in meinem Zimmer, Giggi Buffon ist eine lebende Legende und spätestens seit Manuel Neuer zu Bayern gegangen ist, wurde er mein absolutes Vorbild. Für mich ist es nur ein absoluter Segen, dass ich die alle drei treffen durfte und weiß, selbst wenn ich morgen sterben müsste, hätte ich in der Hinsicht ein geiles Leben gehabt!

Fällt es dir schwer vor der Kamera zu agieren?

Am Anfang war das komisch. Das kannst du nicht von heute auf morgen lernen, das ist eigentlich schon ein längerer Prozess, in den man sich reinfinden muss. Trotzdem gibt ein Video, da war ich 17 und hab’ die ersten Handschuhe von Freekickerz bekommen. Da wurde die Kamera einfach draufgehalten, wie ich die Dinger auspacke und mich im breitesten saarländischen Platt freue „Oh, is’ das geil, hasche do Grip!“ – und das Video kriegt über ’ne Million Klicks. Das war schon unglaublich und viele feiern mich für das Video.

Hat sich dein Leben durch die Bekanntheit verändert?

Sagen wir’s mal so, ich persönlich denke nicht, dass mich das verändert hat. Wenn ich erkannt werden, nehme ich es mit einem Lächeln hin und freue mich drüber. Aber ich bin jetzt keiner, der sagt: „Hast du gesehen, da haben mich wieder welche erkannt.“ Neulich war ich privat ein Spiel gucken und stehe an der Bande, als zwei Jungs kommen und fragen: „Bist du nicht der Torwart von den Freekickerz?“ und ich natürlich „Ja klar, bin ich.“ und im Handumdrehen war ich von einem ganzen Haufen mit Zetteln umringt, die alle Unterschriften und Selfies wollten. Da musste ich schon Grinsen.

Machen deine Kids beim Kinder und Jugendtraining nicht große Augen, wenn sie im Trainer den berühmten YouTuber erkennen?

Natürlich, die feiern mich auch voll und ich erzähle denen ja auch alle Stories, die sie hören wollen. Aber trotzdem bin ich der Trainer und im Training ist kein Platz für sowas. Hinterher ist, was Anderes. Aber es war schon cool zu sehen, wie die zu mir aufgeschaut, auf mich gehört haben und sich dann weiterentwickelt haben.

In der deutschen Medienwelt sind YouTuber wie Daggi Bee, Gronkh oder Simon Desue wesentlich präsenter, ihr aber seid die unumstrittene Nummer Eins. Was ist euer Geheimnis?

Das zeichnet die Qualität von Konzi und seiner Ideen aus – und Fußball kapiert die ganze Welt. Es ist einfach so: du trittst gegen einen Ball, der geht in den Winkel oder wird gehalten – das versteht jeder, dazu braucht man keine Sprachkenntnisse. Wenn sich aber ein Mädel schminkt und dabei was erzählt, dann gucken das nur Deutsche. Wir aber sind international erfolgreich!

Wie geht es nach der Ausbildung weiter?

Ich beobachte die ganzen Szene schon lange und habe auch sehr gute Kontakte zu anderen erfolgreichen Channels geknüpft. Wie das Business läuft, habe ich also verstanden. Mir fehlen nur noch die Skillz und das Equipment meine Ideen so umzusetzen, wie ich das gerne hätte. Schon Anfang des Jahres habe testweise eigene Videos gedreht und von Konzi ausgediente Rechner mit Profi-Schnittprogrammen bekommen und sitz’ dann stundenlang davor. Ich hoffe aber noch dieses Jahr eine gute Handvoll Videos auf meinem eigenen Kanal rauszubringen, um mir langsam eine Reichweite aufzubauen und nach der Ausbildung vielleicht schon davon leben zu können.“

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