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Grüne Tomaten schlafen wütend

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Früher konnte es vorkommen, dass man beim Wochenendeinkauf zufällig einen alten Freund trifft, den man ewig nicht gesehen hat, und sich beim Austausch von Neuigkeiten verquatscht bis einem die gerade gekaufte Eiskrem auf die Schuhe tropft. Dank medialer Errungenschaften wie Facebook und Twitter ist das Risiko, dass Tiefkühlware einem das Schuhwerk versaut, erheblich reduziert worden. Seitdem über Smartphone und PC ständig und überall über das Leben der Anderen informiert wird, bleiben einem lästige Unterhaltungen von Angesicht zu Angesicht glücklicherweise oft erspart. Statt Erzählungen über Haus, Auto und Kind im Supermarkt, bringt man Freunde nun über spontan getippte Zweizeiler von der Toilette aus auf den neusten Stand, was im eigenen Leben gerade so läuft…

Was einmal mit bunten Klebezetteln begann, die man Mitbewohnern an den Kühlschrank heftete, ist zum Zwang geworden, jedes Bauchgefühl zwischen Herz und Genitalien in Echtzeit ins weltweite Netz hinaus zu posaunen, noch ehe das eigene Hirn die Chance hatte, sich über Sinn oder Unsinn Gedanken zu machen. Irgendwas in der evolutionären Entwicklung scheint den Homo sapiens des 21. Jahrhunderts dank Internet-Flat und Smartphone-App dazu zu bewegen, Mitmenschen, die er beim Bäcker nicht einmal grüßt, in sozialen Netzwerken über persönliche Details zu informieren, die sie nichts angehen, aber interessieren könnten. Früher wäre niemand auf die Idee gekommen, allen seinen Schulfreunden Bikinifotos zugänglich zu machen oder Aufnahmen eines vermeintlich intimen Tattoos an eine Pinnwand zu hängen. Aber früher war schließlich Photoshop auch noch ein Laden, der aus Negativen Positive machte und nicht ein Programm, das aus Negativem Positives macht…

Die Möglichkeit, anderen über Instant Messages etwas mitzuteilen, hat durchaus Vorteile. Bedurfte es früher zig Telefonate bis jeder wusste, dass man mit dem Freund Schluss gemacht hat, reicht nun eine kurze Nachricht, dass sich der Beziehungsstatus zu „Single“ geändert hat, um sich vor weiblichen Beileids- und männlichen Beischlafbekundungen nicht mehr retten zu können. Saß man früher schon einmal Stunden vor einem leeren Blatt Papier, wenn einem keine Worte einfielen, um der Angebeteten die Liebe zu gestehen, stupst man sie heutzutage einfach virtuell an und – um sicher zu gehen – auch noch ein paar ihrer Freundinnen, die man auch gut findet. Früher war es schwer, ein paar Freunde von der Klassenliste auszuwählen, denen man eine teure Urlaubskarte schickt, heute ist es leichter einfach alle Freunde von der Kontaktliste zu nehmen und ihnen ein billiges Foto zu senden…

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde „Post“ noch deutsch ausgesprochen und war etwas, was man wenige Male im Jahr an Menschen schickte, die man schon ewig kannte oder oft sah. Damals öffnete man den Briefkasten mit Spannung und in der Hoffnung, darin einen Schnappschuss aus dem Urlaub eines lieben Freundes zu finden. Mittlerweile wird „Post“ englisch ausgesprochen und ist etwas geworden, was man mehrere Male am Tag an Menschen schickt, die man erst kurz kennt oder oft noch nie gesehen hat. Man öffnet seine Mailbox heutzutage daher auch eher mit Anspannung und in der Befürchtung, darin einen Schnappschuss aus dem Schlafzimmer eines unliebsamen Fremden zu finden. Aus lieben Grüßen mit einer Aufnahme vom Großglockner sind so Liebesgrüße mit einer Aufnahme von großen Glocken geworden…

Das Interessante an Meldungen bei Facebook, Twitter und Co. ist, dass diese keineswegs belanglose Alltäglichkeiten, sondern stets nur wichtige Informationen enthalten. Kaum vorstellbar wie es früher war, als Freunde noch nicht live mitteilten, dass sie einen Knoten im Schuh haben oder es zu Mittag leckere Pasta gab. Bedurfte es früher vieler Worte, um einer Freundin die Klamotten zu beschreiben, die man sich kaufen will, genügt heute das Posten eines Handyfotos aus der Umkleide, um nicht nur von der besten Freundin, sondern auch von hundert weiteren Freunden ein „Daumen hoch“ zu bekommen. Viele scheinen mittlerweile nichts mehr zu tun, ohne nicht vorher die Netzgemeinde um Rat gefragt zu haben. Da postet man lieber erst ein „Es brennt. Soll ich die Feuerwehr rufen!?“ und wartet ab, wie viele Kontakte oder Follower diese Idee gut finden…

User ist nicht gleich User. In sozialen Netzwerken lassen sich unterschiedliche Nutzertypen mit grundverschiedenen Einstellungen zum Thema Lesen und Lesen lassen unterscheiden, die jeder aus seiner eigenen Kontaktliste bei Facebook kennt. Da wären zum Beispiel…
Die Stalker: Sie sind immer und überall online und damit beschäftigt, Beiträge von den Freunden, von denen sie aus Mitleid noch nicht geblockt wurden, innerhalb von Sekunden zu kommentieren. Auf Fotos weiblicher Freunde reagieren sie offiziell mit einem unverfänglichen „Gefällt mir“ und ein paar herzigen Worten und inoffiziell mit einer persönlichen Nachricht und ein paar eher offenherzigen Worten, die unzweifelhaft wissen lassen, dass bei ihnen nicht nur der Daumen hochgeht. Postet eine weibliche Bekannte, dass ihre Muschi kratzt, besteht der männliche Stalker in einer Nachrichtenflut auf Beweisfotos und lässt erst locker, wenn er enttäuscht feststellen muss, dass die geforderte Aufnahme doch nur eine Frauenhand mit Spuren einer Hauskatze zeigt…

Die Schönen: Sie stellen mit beharrlicher Regelmäßigkeit unzweifelhaft nachbearbeitete Fotos von sich und Infos über ihren aktuellen Aufenthaltsstandort ins Netz, bei denen sie besonders gut wegkommen, um lobende und neidvolle Kommentare zu provozieren. Dass das Cabrio, in dem sie abgelichtet wurden, geliehen, und die Julia Roberts, mit der sie gerade frühstücken, nicht der Star aus Hollywood, sondern ihre Tante aus Castrop-Rauxel mit gleichem Namen ist, wird gerne verheimlicht. Auch dass das „Miami“, in dem sie vorgeben zu sein, ein Sonnenstudio ist, erfährt der Leser ebenso wenig wie, dass die Urlaubsfotos aus dem Karibikurlaub am Stausee geschossen wurden. Die Schönen verkaufen sich immer als junges Gemüse, auch wenn sie längst schon altes Dörrobst sind…

Die Nervigen: Sie posten schon mal, dass sie in der Mittagspause einen Halbmarathon laufen. oder philosophieren, wie blöd Montage doch im Gegensatz zu Freitagen sind. Sie sind der irrigen Meinung, dauernde Nachrichten über ihren Lieblingsverein, ihre Lieblingspartei oder ihre Lieblingskirche würden jemanden interessieren. Irgendwas lässt sie warum auch immer glauben, Katzenvideos, Fotos von der Außentemperaturanzeige ihres Autos oder von ihrem Abendessen wären besonders verbreitenswert. Gerne überraschen sie vermeintliche Freunde mit täglichen Einladungen zu Browser-Spielen, unschlagbaren Sonnenbrillen-Angeboten oder schockierende Meldungen über einen angeblichen Schäferhund-Vollwaisen mit Leukämie, der eine Spenderniere braucht…

Die Kritiker: Sie haben nicht nur zu allem eine Meinung, sondern zu allem auch die einzig richtige Meinung. Sie nutzen das Netzwerk, um ihre Meinung zu Weltpolitik, Service an der Wursttheke und Verlässlichkeit der Bahn kund zu tun. Sie kennen die wirkliche Wahrheit zum 11. September und prophezeien eine baldige Apokalypse, sollte der Werteverfall in Deutschland nicht umgehend gestoppt werden. Manche von ihnen treten für die Todessstrafe für Nicht-Veganer ein und stellen für jede Currywurst, die in der Kantine serviert wird, in Gedenken an alle Schweine und Glutamattierchen, die dafür ihr Leben lassen mussten, eine virtuelle Kerze ins Netz….

Egal zu welcher dieser oder anderen Gruppe die eigenen Facebook-Freunde gehören, das Gute an sozialen Netzwerken ist, dass Klassentreffen verzichtbar geworden sind, da man nun ja schon alles langweilige Neue von alten Schulkameraden kennt! Apropos eigene Statusmeldungen: Ich hatte heute Morgen Stuhlgang. Gefällt mit! – Freundschaftsanfragen an: gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Wieso gibt es bei Facebook eigentlich keinen „Gefällt mir nicht“-Button?

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