• Termine News und Wissenswertes aus Saarbrücken, dem Saarland und der Welt:
Grüne Tomaten schlafen wütend

Ginny in a Bottle

Wer beim Aufräumen zufällig auf Fotos stößt, die anno dazumal in den 80ern, 90ern oder 2000ern auf vermeintlich legendären Familiengeburtstagen geschossen wurden, der ist meist ziemlich verwundert über den damaligen Frisuren- und Kleidergeschmack. Aber auch darüber, wie fit Oma im Vergleich zu heute aussah, als sie noch lebte. Ebenso seltsam wie die einst als modisch erachteten Tapeten- und Hemdenmuster mutet heute auch das an, was man seinen Gästen damals zu trinken anbot: Ob Persico, Edelkirschlikör, Schinkenhäger oder sauerster Riesling, den Opa nach dem Krieg günstig en gros bezog, was freiwillig ausgeschenkt und auch freiwillig getrunken wurde, war in Sachen Farbe, Geschmack und Magenfreundlichkeit nicht weit weg von dem, was heute nur noch Toilettenreiniger zu bieten haben…

Lange waren Hipster von heute auf der Suche nach einem Getränk, das zu ihrem Lebensstil ebenso gut passt wie Eierlikör damals zu Tante Walburga und Doppelkorn zu Onkel Ede. Es galt etwas zu finden, das trendig ist, farblich zu Holzfällerhemden passt und den gestylten Bart nicht verklebt. Es sollte ein Getränk sein, das individueller ist als Craft-Bier, umweltfreundlicher als Biowein und exklusiver als Aperol Spritz. Zudem sollte es natürlicher sein als Himalayawasser und vor allem mehr Geschmack und eine besserer Ökobilanz haben als das. Das Getränk musste mehr Alkohol haben als Mate-Tee, aber weniger als Absinth, damit man nicht bereits nach dem ersten Glas vom E-Scooter fällt. Zudem sollte es veganer sein als Milch und unbedingt zu gesundem Obst und Gemüse passen. Das machte die Sache nicht ganz einfach…

Irgendwann muss dann irgendein Hipster wohl irgendwo in seinem Jutebeutel statt des Mundwassers irrtümlich den Nagellackentferner seiner Freundin gegriffen, davon getrunken und danach versucht haben, den stechenden Geschmack im Mund durch einen Schluck herumstehende Bitterlimonade und den Biss in eine Zitrone zu mildern. Was ihm nicht nur gelang, sondern ihn auch auf den Geschmack und zu der Erkenntnis brachte, dass selbst das übelst schmeckende Alkoholgemisch mit etwas Tonic und Zitrone trinkbar wird. So erlangte das Getränk, das in grauer Vorzeit von Briten nicht wegen seines Wohlschmeckens, sondern zum Schutz vor Malaria erfunden und getrunken wurde, zu wiederaufflammender Bekanntheit. Es ist das Getränk, ohne das kein Hipster heute mehr auskommen mag und kann: Gin Tonic…

Gin fristete bis vor wenigen Jahren außerhalb Englands ein eher unbeachtetes Dasein bei Menschen unter Siebzig und war für jede Cocktailbar das, was ein Bösewicht für jeden James-Bond-Film ist: Etwas, das niemand mag, das als Zutat für eine gute Mischung jedoch gebraucht wird. Gin war das Böse im Yin und Yang des Alkohols: Während Wodka, Rum und Co. stets lecker waren und blieben, wurde alleinig dem Gin die Schuld gegeben, wenn man nach dem zehnten hochprozentigen Cocktail die Nacht über der Toilettenschüssel verbringen musste. Wie während der Pubertät die pummelige Rothaarige aus der Parallelklasse war auch Gin lange Zeit das, an das man erst ran ging, wenn alles andere schon weg war, da einem bewusst war, dass es einem am nächsten Morgen bitter aufstoßen würde. Gin mochte niemand…

Das ist inzwischen anders. Gin ist das Getränk der Zeit. Beim Blick in die Supermarktregale gewinnt man den Eindruck, dass derzeit alles, was zu schlecht ist, um es als Brennspiritus zu verwenden und zu gut, um davon blind zu werden, in Designflaschen hochpreisig als Gin verkauft wird. Die Zahl verschiedener Gin-Sorten hat die Zahl verschiedener Nudel-Sorten längst übertroffen, auch wenn sich manch ein Gin vom anderen geschmacklich kaum mehr unterscheidet als Rigatoni von Penne. Wer als Mann heutzutage angesagt sein will, braucht nicht nur eine schwarze Fensterglasbrille, einen Lieblings-Barbershop und Steuerklasse Eins, sondern zuhause auch zwei Dutzend Gin-Sorten. War in jungen Jahren noch im Trend, wer Biere aus aller Welt oder Telefonnummern von One-Night-Stands sammelte, ist heute eine große Auswahl an Gins für einen Deutschen ebenso wichtig wie eine große Auswahl an Schusswaffen für einen Amerikaner…

Wenn ein Hipster von heute schon nicht jeden Morgen neben derselben Frau aufwachen will, dann will er erstrecht nicht jeden Abend neben dem gleichen Gin einschlafen. Dabei ist nicht etwa Geschmack ausschlaggebender Faktor, wenn es darum geht, mit einem Gin Erfolg zu haben, sondern das Image. In Kleinmengen regional produziert muss ein Erfolgs-Gin heute sein. Er soll dem Käufer den Eindruck vermitteln, seine Zutaten seien in einer Manufaktur einzelnen von frisch gecremten Hipster-Händen gepflückt, selektiert und nur mit ihrem Einverständnis gebrannt worden. Es gilt eine Beziehung zum Gin aufzubauen, den man trinkt. Schließlich investiert man schon einmal 50 Euro und damit mehr in eine Flasche als in seine Beziehung. Früher waren es Walpatenschaften, heute sorgt man dafür, dass Gin-Brenner überleben…

Gin ist nicht gleich Gin. Längst sind nicht mehr nur Wacholder und Kopfschmerzen die essenziellen Bestandteile für einen gefragten Gin. Wichtiger sind die produktindividuellen Zutaten – im Hipster-Deutsch Botanicals – und natürlich die coole Flasche. Es erinnert an den Druiden Miraculix, der wahllos Kräuter und Beeren in einen Topf wirft und hofft, dass etwas herauskommt, was unglaubliche Kräfte oder besser noch unglaubliche Einnahmen beschert. Das Blatt Basilikum, das einst unliebsames Überbleibsel am Glas nach dem Spülen war, wird so zum extravaganten Botanical. Was gut schmeckt ist das eine, was sich gut anhört das andere. Und so darf es auch gerne japanische Tee-Hortensie, grönländischer Porst oder Maniok-Bisameibisch sein, weil sich das eben gut auf dem Flaschenetikett liest, auch wenn es nicht anders schmeckt als Rheumasalbe riecht…

Die Menge an Gins wächst und wächst. Das erfordert einprägsame Namen. Waren früher Friseure wie Haarbracadabra und Hairoin führend, wenn es um kreative Namen ging, haben Gin-Produzenten diesen den Rang abgelaufen. Neben altdeutschen Namen wie Ferdinand, Siegfried und Adolf werden gerne Tiere wie Hunde, Affen, Elefanten und Wollmäuse als Gin-Namenspaten herangezogen. Da bleibt nur zu hoffen, dass diese keine geheimen Botanicals für den besonderen Geschmack beisteuern. Namen wie Gingis Khan, GinChilla und Frank Ginatra heben sich eben von der Masse ab, auch wenn unklar bleibt, ob mongolische Massenmörder, plüschige Nagetiere und ein toter Swing-Sänger wirklich für guten Gin stehen. Beim Probieren des ein oder anderen Gins mit kreativem Namen und oft ebenso kreativem Preis muss die Frage erlaubt sein, ob nicht etwas weniger Zeit für den Namen und dafür etwas mehr Zeit für die Rezeptur besser gewesen wäre….

Was übrigens für Gin gilt, gilt für seinen kongenialen Partner Tonic ebenso. Vorbei sind die Zeiten, in denen Tonicwater einfach Tonicwater hieß und auch so schmeckte. Früher gab es nur zwei Sorten der Bitterlimonade: eine in Dosen und eine in Flaschen; beide mit gelbem Etikett. Heute existiert zu jedem individuellen Gin ein ideal passendes, individuelles Tonicwater mit fancy Namen und eine dringend empfohlene Obst- oder Gemüsesorte, welche nur zusammen und im richtigen Glas mit der richtigen Zahl Eiswürfel ihr Aroma richtig entfalten. Die Strategie dahinter ist clever: Wenn ein Gin & Tonic beschissen schmeckt, liegt es nie am Gin, sondern stets daran, dass entweder der Gin nicht zum Tonic bzw. das Tonic nicht zum Gin passt oder eine Zitrone statt einer Gurke bzw. eine Gurke statt einer Zitrone im Glas war oder alles zusammen zu warm oder zu kalt war…

Aber Vermarktung ist nicht alles. Manche Gins liegen nicht jedem, da sie seltsam schmecken oder verbittert und den Alkohol nicht wert sind, selbst wenn der äußere Eindruck gut war. Je aufwändiger die Verpackung und je teurer die Anschaffung, umso enttäuschender ist nicht selten der Abgang. Das haben manche Gins mit Frauen gemeinsam. Mir persönlich schmeckt Gin übrigens am besten, wenn man ihn vor dem Servieren gegen ein Bier eintauscht. – Ginny in a Bottle… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

P.S. Wenn es zu jedem Gin die passende Sorte Tonic gibt, gibt es dann zu jedem Gin auch die passende Sorte Kopfschmerztabletten?

 

Previous ArticleNext Article