• Termine News und Wissenswertes aus Saarbrücken, dem Saarland und der Welt:
Titelstory

GUDD STUBB 2.0

Der St. Johanner Markt ist und bleibt Herz und Seele Saarbrückens. Jetzt, wo das Ende der Bauarbeiten in Sicht ist, kommt wieder richtig Bewegung in das Zentrum der Altstadt. Genau der richtige Zeitpunkt, um die Macher am Markt mal zu Wort kommen zu lassen.

Der St. Johanner Markt hatte es in den letzten Jahren nicht immer einfach. Doch jetzt setzt sich Optimismus auf breiter Front durch. Bei Geschäftsleuten und Wirten zeigt sich der Wille zum Schulterschluss und die Stadt lädt zu gemeinsamen Workshops. Das wird auch höchste Zeit. Denn der Mittelpunkt der Altstadt ist drauf und dran die Erfolgsgeschichte der ersten Fußgängerzone Saarbrückens fortzuführen. Einstmals vom Start weg von den Saarbrückern ins Herz geschlossen, konnte man sich gar nicht mehr vorstellen, wie man einst Shoppen war, ohne anschließend einen Crémant zu trinken und sich dem Sehen und Gesehen am Markt hinzugeben. Bis plötzlich irgendwelche Bauzäune den Blick versperrten.

Wer schön sein will, muss leiden
Wenn jetzt endlich die letzte Bauzäune verschwinden, braucht es noch ein gutes Stück Arbeit, den Markt wieder richtig zu positionieren. Eine Anstrengung, die bei allem Optimismus der Wirte und Einzelhändler, nur mit echter Unterstützung der Stadt gelingen kann. Darauf baut auch Jochen Graeser, der mit dem „Sankt J.“ die vielleicht bekannteste Gaststätte am ganzen Markt leitet. Noch dazu war der Laden Mitte der Siebziger das erste Lokal, das nicht dem Rotlicht-Milieu entstammte, und schließlich die Vorlage für das Erfolgsmodell „Marktkneipe“ lieferte. Bei so viel Erfahrung bleibt ein besonders kritischer Blick nicht aus: „Das Problem ist, dass die Stadt viele andere Plätze und Locations ganz aktiv beworben hat, wie Kaiser- und Luisenviertel und die Berliner Promenade, und dabei wohl gemeint hat, dass der St. Johanner Markt von ganz alleine funktioniert. Dem ist aber nicht so! Wenn ich sehe, dass hier an 80 Metern Straße sage und schreibe sechs Jahre gebaut wird, dann kann ich nur noch an der Sachkompetenz der Verantwortlichen zweifeln. Diese jahrelange Bautätigkeit blieb nicht ohne Folgen. Klar denkt jeder, wenn hier abends bei schönem Wetter die Bude voll ist, was jammert der denn? Dabei ist bei uns das Tagesgeschäft, ab 9 Uhr morgens, fast komplett weggebrochen… Aber wir wollen ja auch nicht nur jammern: Wenn die Bauzäune und Flickenteppiche endlich Geschichte sind, werden wir auch wieder selbst, was auf die Beine stellen. Bleibt nur zu hoffen, dass uns die Stadt das dann auch mal genehmigt, so wie es an anderen Stellen auch üblich, und uns nicht weiter das Leben schwer macht, indem beispielsweise „fahrende Händler“ Kaffee am Markt ausschenken dürfen. Das muss den Verantwortlichen doch klar sein, dass sowas nicht im Interesse der Marktwirte ist. Es wäre schön, wenn zwischen der Stadt und der Gastronomie, aber auch zwischen den Marktwirten untereinander wieder eine echte Zusammenarbeit stattfinden würde, damit der Markt auch wirklich wieder zur „Gudd Stubb“ von Saarbrücken wird, die er eigentlich sein sollte.“

Obwohl Händler und nicht Gastronom, beurteilt Oliver Marquis die Situation ganz ähnlich. Er ist gleich an zwei Boutiquen in der Fröschengasse beteiligt und hat sich auch schon das ein oder andere Mal geärgert: „Die Wahrnehmung des St. Johanner Marktes durch die Stadtverwaltung ist problematisch. Dort wird nämlich geglaubt, da müsse man nichts tun, den Markt kann man so mitlaufen lassen – aber das stimmt nicht. Während der Rest der Stadt marketingmäßig immer mehr unterstützt wurde, blieb das eigentliche Herz, die Lunge und das Gehirn der Stadt vernachlässigt. In der Politik fehlt jemand, der wirklich Ahnung hat, vom Handel, der versteht, was es hier in Zukunft braucht – und der auch bereit ist Kritik anzunehmen und umzusetzen. Stattdessen wird noch der Mythos gelebt, dass am Markt alles in bester Ordnung sei. Das war vielleicht noch vor zehn Jahren so, aber inzwischen ist es sehr viel schwieriger geworden. Handel und Gastronomie leiden gleichermaßen darunter, dass der Markt unattraktiver geworden war und schlichtweg nur noch halb so viele Leute hierher kommen wie früher. Deswegen hoffe ich, dass jetzt auch von der Stadt die Chance ergriffen wird, den Markt wieder in den Vordergrund zu rücken. Die Bahnhofstraße mit den ganzen Filialisten könnte genauso in jeder beliebigen, anderen Stadt stehen, aber der Markt ist individuell und unverwechselbar. Da muss jetzt an der Marketingschraube gedreht werden und die Originalität dieses kleinen Juwels herausgestellt werden. Das neue Pflaster zum Beispiel ist wirklich etwas Positives, weil es sehr einladend ist und es gibt schon noch weitere positive Entwicklungen. Ich hoffe, dass in Zukunft auf Qualität gesetzt wird und nicht auf Quantität, auf Kaufkraft statt auf braune Papptüten.“

Tuncay Zafer, seit drei Jahren im Old Murphys, sieht in erster Linie die Chancen, die sich jetzt für die Altstadt ergeben: „Die Bauarbeiten haben natürlich auch bei uns zu Einbußen bei den Sitzmöglichkeiten, beziehungsweise bei den Terrassenflächen geführt. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, da einen Konsens zu finden. Immerhin hat die Stadt ja bereits verschiedentlich das Gespräch gesucht, zum Beispiel was die künftige Aufmachung des Marktes und angestrebte Personalisierung angeht. Es gilt hier unbedingt den individuellen Charme der Lokale zu erhalten und es geht um die Möglichkeit sein Flair zu vermitteln, auch durch die Wahl der Bestuhlung und der Schirme. Aber da ist Gott sei Dank das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Markt ist ein echter Anziehungspunkt und hat jetzt definitiv eine Chance an alte Zeiten anzuknüpfen.“

Ende gut, alles gut!
Joseph Kalinski von der Wurstwirtschaft der Gebrüder Kalinski konnte sich in den letzten Jahren über größten Publikumszuspruch und sogar bundesweite Ehrungen für die Currywurst freuen und das, obwohl er lange die Baustelle direkt vor der Tür hatte. „Ich kann nur auf die letzten vier Jahre zurückblicken und in der ganzen Zeit war hier leider Baustelle. Aber dieses Jahr sind sie wirklich schnell vorangekommen, was vielleicht auch an dem guten Kaffee lag, mit dem wir die Bauarbeiter bestochen haben. Jetzt sind wir an dem Punkt, wo das Ende in Sicht ist und da freuen wir uns natürlich. Immerhin kommen auch die Bäume wieder hin, wie sie mal waren. Wenn dann noch die Laternen aufgebaut werden, wird das richtig schön hier. Nur das mit den vereinheitlichen Schirmen bleibt halt noch abzuwarten. Wir haben unseren ganz eigenen Stil, was den Laden angeht, und den wollen wir natürlich fortführen.“

Genau so optimistisch blickt Christoph Bäumer von Bäumer Einrichtungen Fröhlich GmbH am anderen Ende des Marktes in die Zukunft. Immerhin ist das Saarbrücker Traditionshaus momentan dabei, sich kurz vor der Obertorstraße flächenmäßig deutlich zu vergrößern: „Für mich ist der St. Johanner Markt das Zentrum der Stadt und das Herz von Saarbrücken und hat natürlich eine Zukunft. Wir sind hier wirklich zufrieden, aber ich habe keine Ahnung, ob die hier auch noch anfangen zu bauen. Das wäre natürlich nicht so toll, denn das neue Pflaster da hinten hat ja gar keinen Charakter, aber es ist trotzdem gut, dass die Arbeiten ein Ende haben.“

… und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende?
Tatsächlich hätte nun endlich alles so schön sein können, da wurden jetzt die Pläne der Stadt öffentlich, wie es zukünftig um die Rettungswege am Markt und vor allem um die Vorstellungen der Stadtverwaltung zur Gleichschaltung von Schirmen, Tische und Stühlen bestellt ist. Beides trifft die Kaltenbachstraße doppelt hart. Denn gerade die Saarbrücker „Freßgass“ zeichnet sich durch viele originelle, inhabergeführte Läden und Lokale auf einem Fleck aus. Die haben dort noch einen eigenen Charakter und (Terrassen-)Platz ist ohnehin Mangelware. Dass jetzt ausgerechnet hier durch uniforme Gleichmacherei gerade deren Alleinstellungsmerkmale verloren gehen und die Flächen für Außenbestuhlung reduziert werden sollen, ist besonders schade und bedroht erheblich die Geschäftsgrundlage der Anlieger.

Peter Weis ist einer davon und mindestens so ein Unikum, wie seine Kneipe, das legendäre Glühwürmchen. Seit 1984 war er zuerst Stammgast, hat dann hier gejobt und den Laden schließlich übernommen. Diese Existenz sieht er nun in Frage gestellt: „Vor meiner Tür wird im Prinzip künftig gar nichts mehr genehmigt. Wir haben seit 40 Jahren vor dem Laden eine Feuerwehrzufahrt und seit 40 Jahren Außenbestuhlung. Damit soll jetzt auf einmal Schluss sein. Jedenfalls soll ich meine Tische nicht mehr vor meinem Lokal aufstellen dürfen, sondern zwei Häuser weiter, vor ein anderes Lokal stellen. Da die Stadt die Kaltenbachstraße einheitlich gestalten will, soll zwölf mal die gleiche Schirme auf- und identische Stühle und Tische hingestellt werden. Da soll mir nur mal jemand erklären, wie man dann unterscheiden soll. Wer sitzt vorm Ovid, wer vorm Glühwürmchen, wer vorm Brot & Seele und so weiter. Bei den Speisegastronomen lässt sich das vielleicht noch am unterschiedlichen Angebot erkennen, aber die Kneipen haben die gleichen Produkte, nur eben in unterschiedlichen Qualitäten und zu unterschiedlichen Preisen. Der nächste Punkt ist, wenn meine Tische dann vor einem anderen Laden stehen, habe ich überhaupt keinen Einfluss mehr darauf, was den Gästen dort um die Tische geboten wird. Ich muss mitmachen, was der andere Laden macht. Wenn die zum Beispiel die Fenster aufmachen und laut Housemusik spielen, laufen meine Leute, die vielleicht 60 oder 70 sind, in Scharen davon. Dann brauch’ ich da niemand mehr hinsetzen. Jetzt sieht es also fast so aus, als würde das, was die Baustellen in den letzten sechs Jahren nicht geschafft haben, mit einem Beschluss des Stadtplanungsamts nachgeholt werden. Nämlich, dass ich die Kneipe absperren kann.

Traurig, dass die Stadt gerade jetzt, wo die Baustelle beendet und die Anlieger endlich mal wieder durchatmen können, schon wieder neue Problemen schafft. Für die geplante einheitliche Gestaltung müssen schnell Lösung gefunden werden, die nicht noch weitere Existenzen gefährden. Denn das „Glühwürmchen“ ist ja nur eines der Lokale, das von der Problematik betroffen ist. Dass mit der verordneten Uniformität des Erscheinungsbildes eine gesteigerte Attraktivität des Marktes erreicht werden könnte, erschließt sich den Altstadt-Anliegern nicht. Und selbst wenn dem so wäre, gäbe es perfider Weise durch die gleichzeitige Reduzierung der Terrassenflächen, ja nicht mal genug Sitzplätze, um den „neuen Besucherdrang“ gerecht zu werden.

Unterm Strich ist gleichwohl nicht zu übersehen, dass rund um den Brunnen eine Aufbruchstimmung und Zuversicht herrscht, wie sie so schon lange nicht mehr in Saarbrücken zu spüren war. Wenn jetzt wirklich alle Beteiligten an einem Strang ziehen, wie es Jochen Graeser vom Sankt J. vorschlägt, dann müssen wir uns in den nächsten Jahren, um den Markt keine Sorgen mehr machen, sondern dürfen uns an der Gudd Stubb 2.0 ohne Reue erfreuen. Vielleicht sogar unter bunten Sonnenschirmen.

Previous ArticleNext Article