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Mel´s Mikrokosmos

Halb so wild

Hallo Mikrokosmonauten: Das wird schon wieder: Manchmal bekommt man vom Leben ganz schön eins auf die Fresse. Neulich schnürte ich meine Laufschuhe, quälte mich nach draußen, um Joggen zu gehen und war schon richtig stolz auf mich, weil ich endlich mal wieder aktiv wurde und dann geschah das Unfassbare: Ich stolperte und flog mit meinen ganzen – ach lassen wir das, Gewichtsangaben sind hier nicht relevant -, also ich flog so richtig brutal auf die Schnauze. Ein Sturz wie aus dem Bilderbuch; Aufprall auf die Knie, Schlittern über kalten Asphalt und Bremsen mit den Handinnenflächen. Ein Traum! Zuerst weiß man ja nach solchen Aktionen gar nicht, was passiert ist. Ich glaube, so ähnlich fühlt es sich an, wenn man erschossen wird. Peng! Einfach tot! Erst nach einigen Sekunden Bodenaufenthalt realisierte ich, dass ich noch lebte und wenig später kamen dann diese typischen Schmerzen, die ich zuletzt gespürt hatte, als ich noch ein Kind war. Es waren nostalgische Schmerzen und ich erinnerte mich an meinen legendären Fahrradsturz von 1988. Danach ähnelte mein Gesicht moderner Street-Art-Kunst. Wie dem auch sei: Schwer verletzt und obendrein in zerrissenen Lauf-Tights schleppte ich mich nach Hause und bemitleidete mich selbst. Dass mir am gleichen Tag auch noch der Geldbeutel samt Ausweispapieren gestohlen wird, daran dachte ich in diesem Moment noch nicht. Aber es kam so, denn als ich mich nachmittags mit ausgiebigem Shopping  belohnen wollte und humpelnd einen Laden nach dem anderen aufsuchte, entging mir wohl, dass ein Langfinger sich derweil an meiner Tasche zu schaffen machte. An der Kasse fiel es mir dann auf und ich verfiel augenblicklich in Schockstarre. Zu realisieren, dass man beklaut wurde, dauert seine Zeit. Besser gesagt, man weiß es insgeheim eigentlich recht schnell, weil da dieses mulmige Gefühl ist, aber hofft minutenlang, dass der Geldbeutel doch nur in die Tiefen der Handtasche gerutscht ist. Es wäre nichts ungewöhnliches, schließlich findet Frau in so mancher Handtasche Dinge, die sie jahrelang vermisste. Und dennoch trügt das Bauchgefühl am Ende nie. Und so wusste ich nach der ganzen Sucherei, dass ich also tatsächlich beklaut worden war.

Was für ein scheiß Tag!

Obwohl es an diesem Tag nicht gerade warm war, hatte ich Hitzewallungen und mein Herz pochte wilder, als damals, als ich zum ersten Mal ein Happy Hippo im Ü-Ei hatte. Nicht genug damit, dass ich schwer verletzt war, nein, noch dazu war ich jetzt auch noch ohne Geld, Identität und Lebenswillen. Und ich begann mich zu fragen: „Warum trifft es ausgerechnet mich so hart?“

Machen wir uns nichts vor: Jeder hat mal Pech. Aber wieso fallen einem gerade an absoluten Scheißtagen so viele Menschen ein, die Glück haben und denen es gut geht? Als ich so ohne Geld und Papiere da stand, kamen mir urplötzlich Menschen in den Sinn, die reich sind. Die Geissens. Dieter Bohlen. Daniela Katzenberger. Und ich fragte mich, warum man die nicht beklaut sondern mich, die ohnehin schon nicht viel hat. Ja, ja, in Sachen Selbstmitleid wächst man in solchen Situationen über sich hinaus. Dabei ist es genau das Falsche, was man an Tagen wie diesen tun kann.

Du bist, was du denkst

Ich kannte mal jemanden, der hat das Pech regelrecht angezogen. Es war so, als würde es immer nur auf ihn regnen, während die Menschen um ihn herum von der Sonne geküsst wurden. Er war ein Mensch, der weder von sich etwas hielt, noch von der Welt. Er war immer pessimistisch und ging stets vom Schlechten aus. Kurzum: Er sabotierte sein eigenes Glück. Ich glaube, dass es äußerst schwierig ist, mit dieser Mentalität irgendwie weit zu kommen. Halbherzig an Dinge heranzugehen und dem Glück von vornherein eine Abfuhr zu erteilen, ist nicht unbedingt klug. Und dennoch stelle ich mir unweigerlich die Frage: Was tun, wenn die Pechsträhne einfach nicht enden will?“

Am Anfang ist es „nur“ ein Sturz oder der geklaute Geldbeutel. Dann aber folgt alles Schlag auf Schlag. Vielleicht eine Trennung, ein Jobverlust, der Tod einer geliebten Person, ein Freund der dich enttäuscht hat oder auch mehrere kleinere Dinge. Fakt ist, dass man sich in Zeiten einer Pechsträhne fühlt wie vom LKW überrollt. Man kann kaum mehr atmen, grübelt und hinterfragt mitunter sein komplettes Leben. Und sich selbst. Daraufhin folgt irgendwann die Ausbruchphase. Man stürzt sich Hals über Kopf in eine neue Sportart, eine Affäre oder ins Nachtleben. Man tröstet sich mit Schokolade oder Netflix. Man will vergessen oder verdrängen. Und steht früher oder später wieder am gleichen Punkt wie zu Beginn. Man wird überrollt von der Last, dem Schmerz, dem Pech. In Zeiten einer Pechsträhne ist es wichtig, nicht den Verstand zu verlieren und sich keineswegs mit der vermeintlichen Opferrolle anzufreunden. Viel eher kommt es jetzt darauf an, aus dem ganzen Pech einen Gewinn zu ziehen. Klingt komisch, kann aber funktionieren.

Nicht in der Erkenntnis liegt das Glück, sondern im Erwerben der Erkenntnis

So jedenfalls hat es einst Edgar Allen Poe ausgedrückt. Und ich finde, er hat recht damit, denn schlussendlich ziehen wir alle Gewinn aus einer Pechsträhne, wenn wir etwas daraus ziehen können oder bereits gezogen haben. Nach meinem Sturz wurde mir bewusst, dass ich mit dem Kopf an jenem Morgen schon zehn Schritte voraus war. Ich war nicht im Jetzt, sondern irgendwo anders. Ich dachte daran, was ich noch alles erledigen muss und noch nicht erledigt habe und wollte schnellstmöglich mit dem lästigen Lauftraining fertig werden. Seitdem konzentriere ich mich alleine aufs Laufen, wenn ich mich mal dazu aufraffe. Nach dem Tod meines Großvaters hingegen wurde mir bewusst, dass ich ihn eigentlich viel zu wenig gefragt habe, als er noch gelebt hat. Ich hätte gerne noch so viel gewusst. Es war mir nicht mehr möglich. Aber ich akzeptiere diese Erkenntnis. Und das ist viel wert. Und ich weiß, dass ich es bei anderen Menschen, die mir nahe stehen definitiv anders machen werde. Und als ich damals meinen Job verlor und den nächstbesten annehmen musste, gewann ich erst Jahre später meine gewünschte Erkenntnis. Nämlich, dass ich alles richtig gemacht hatte, weil ich heute nicht da wäre, wo ich bin, wenn ich einfach aufgegeben hätte.

Am Ende ist es doch so: Eine Pechsträhne ist nie schön, aber wir alle werden nicht vom Pech verfolgt. Zumindest nie auf Dauer. Pech und Glück liegen immer relativ nah beisammen. Man muss es nur erkennen.  Und daran wachsen. So schwer es manchmal auch ist.

Übrigens: Laut Wikipedia leitet sich die Bezeichnung Pechvogel von der mittelalterlichen Vogeljagd ab. Damals wurden Vögel mit Leimruten gefangen. Die mit Vogelleim bestrichenen Ruten wurden auch „Pechruten“ genannt. So wurde der gefangene „Pechvogel“ zum Symbol für jemanden, dem das Schicksal übel mitspielt. Also passt auf, dass ihr nicht kleben bleibt!

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