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Mel´s Mikrokosmos

Herdentrieb

Wenn man einmal erkannt hat, dass alle Menschen Aliens sind, man selber aber offensichtlich ganz anders tickt, fängt es an, kompliziert zu werden. Spätestens dann nämlich katapultiert man sich in eine mehr als schwierige Position. Ungewollt meistens. Alles andere wäre nämlich mehr als befremdlich. Es würde Anpassung bedeuten, und Anpassung an eine Spezies, die wie die Lemminge immer in eine Richtung rennt, vor Feiertagen in die Supermärkte einfällt, als gäbe es demnächst eine atomare Katastrophe und Lotto spielt, obwohl die Chance auf den großen Jackpot unmöglich erscheint, erscheint mir dann doch etwas weit hergeholt. Oder doch nicht? Denn so oft ich auch die Dinge und die Menschen gerne über einen Kamm schere oder in Schubladen stecke, so stelle ich mir mindestens genauso oft die Frage: In welcher dieser Schubladen stecke ich eigentlich?
Der Mensch – ein Herdentier. Zumindest zeigen Studien, dass sich in der Tat rund 95 Prozent von uns wie Schafe verhalten, das heißt unabsichtlich der Menge folgen, gerade so, als könnten sie nicht für sich selbst denken. Na ja, viel Hoffnung für die Menschheit erweckt das ja nicht gerade. Und was bedeutet das jetzt für mich? Will ich nicht immer so individuell, so besonders sein? So ganz anders, als andere, weil alle anderen ja zu weltfremd und zu gewöhnlich sind? Wollen wir das nicht alle irgendwie?

Vermeintliches Unikat folgt der Masse?
Jeder von uns ist schon einmal in einer Situation gewesen, in der er von der Masse mitgerissen wurde. In einem psychologischen Experiment stellte sich heraus, dass sich die Teilnehmer am Ende einheitlich entschieden, obwohl sie weder miteinander sprechen noch sich durch Gesten verständigen durften. Zumeist bemerkten die Teilnehmer nicht einmal, dass sie von anderen geführt wurden. Also irgendwie ist das schon beängstigend. Sind wir solche Herdentiere, dass wir es einigen Informierten gestatten, uns herumzuführen, ohne dass wir überhaupt wissen, was vor sich geht? Leider scheint es so zu sein, denn wie viele fallen durch Freunde oder informierte Quellen auf Schwindeloperationen aller Art herein, seien es Schneeballsysteme, religiöse Verführung oder politische Verschleierungsversuche. Offensichtlich glauben wir praktisch alles, oder tolerieren es blind, solange es mit ausreichender gesellschaftlicher Glaubwürdigkeit vorgetragen wird.

Der Herde anschließen, um dazuzugehören?
Das Bedürfnis nach Anschluss ist im ältesten Teil unseres Gehirns verankert: Dem Hirnstamm. Neben den Reflexen und automatisch ablaufenden Vorgängen wie Atmung oder Verdauung. Solche tiefer liegenden Hirnregionen beeinflussen uns offenbar stärker als die Großhirnrinde, die zum logischen und bewussten Denken befähigt. Fazit: Wir klicken zum Beispiel im Netz am liebsten auf Webseiten, die mehrere Bereiche unseres Denkorgans zugleich ansprechen und uns außerdem erlauben, mit anderen Usern zu kommunizieren. Soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Snapchat rufen demnach Gefühle in uns hervor, die Freude und Genuss versprechen und bestimmte Regionen zwischen Großhirnrinde und Hirnstamm aktivieren. Und darüber hinaus geben sie uns das Gefühl, Teil des großen Ganzen zu sein. Eben dazuzugehören.
Ob jetzt schwarzes oder weißes Schaf, aber hinsichtlich diverser Kooperationen finde ich es sinnvoll, dass wir Menschen manchmal einfach nur mit einer großen Schafsherde gleichzusetzen sind. Von der Familie bis hin zum Sportverein: Gruppen-Dynamik klappt augenscheinlich besser als eigenwilliges Einzelgänger-Gehabe. Und beim Shopping ist es immer noch so, dass ich automatisch den Laden ansteuere, in dem auch was los ist und nicht der, in dem gähnende Leere herrscht. Ob die Sachen im überfüllten Laden besser sind, sei dahin gestellt. Schließlich sind die Männer, um die sich viele Frauen reißen auch nicht immer die bessere Wahl, oder?

Gegen den Strom schwimmen erfordert Kraft
Sind wir doch mal ehrlich: Der Spruch „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.“ mag zwar für viele wie eine Maxime klingen, erfordert jedoch in der Umsetzung viel Energie. Wenn du als einziger in einer Gruppe nämlich über einen Witz nicht lachst, bist du schnell der Freak oder der Außenseiter. Bist du oft anderer Meinung als die Mehrheit, empfinden dich andere als schwierig, störrisch und kompliziert. Und trägst du lieber pink als schwarz, hörst mit Mitte Dreißig noch Benjamin Blümchen oder isst zum Frühstück lieber kalte Pizza, als das klassische Brötchen passiert es nicht selten, dass man dir mit einem Stirnrunzeln oder unverständlichem Kopfschütteln begegnet. Und am Ende fragt man sich: „Sind die anderen vielleicht doch die Normalos und ich das Alien?“ Oder sollten wir uns vielleicht doch anpassen um nicht anzuecken?

Nun denn: Glauben wir doch alle, wir seien fabelhafte Individuen mit eigener Meinung, ist es in Wahrheit so, dass wir doch nur einem bestimmten Strom folgen. Dem Strom der Hipster, Gypsys oder eben der Andersdenkenden. Aber ist das denn so schlimm? Manchmal ist es sogar lebenswichtig, dem Strom zu folgen. Wenn es brennt zum Beispiel. Oder wenn jemand schlimme Blähungen hat. Oder eben einfach an einem Samstag in der Bahnhofstraße. Jeder, der dem Strom entgegenläuft, sollte sich nämlich auf diverse Anrempler und daraus resultierende blaue Flecken einstellen. Wer das so möchte, soll es tun, aber in gewissen Situationen lasse ich mich lieber mit der Menge treiben. Das ist einfach entspannter. Natürlich könnte ich mir besseres vorstellen, als dicht an dicht in gedrängt mit der ganzen Schafherde auf einem Stadtfest am Bierstand anzustehen, in der Nase die unterschiedlichsten menschlichen Gerüche aus Schweiß, After-Shave und Knobi. Aber soll ich mich jetzt alleine zuhause verkriechen, bloß, weil ich mich in meiner Andersartigkeit in der Masse irgendwie seltsam fühle? Isolation ist keine Alternative!

Am Ende ist es doch so: Manchmal sollten wir weder mit noch gegen den Strom schwimmen, sondern einfach aus dem Fluss klettern und eine Pause machen. Oder: Wenn wir schon Teil der menschlichen Schafherde sind, dann doch zumindest ab und an als schwarzes Schaf. Ich für meinen Teil fühle mich als Oppositions-Schaf ohnehin am wohlsten. Ich bin nun mal dafür, dass ich dagegen bin. In einer langen Warteschlange werde ich auch weiterhin die Erste sein, die sich lautstark aufregt. Und wenn alle einen speziellen Song lieben, werde ich nach wie vor ein ganz anderes Lied für gut befinden! Während alle anderen über diesen einen Witz lachen, werde ich meinen eigenen erzählen und mich darüber amüsieren. Auch, wenn keiner lacht. So, und jetzt reihe ich mich wieder in die Herde ein. Wenngleich ich es mit einer Portion Übermut tue. Wie beschrieb es einst der Journalist Carl Ludwig Böme: „Der Leichtsinn ist ein Schwimmgürtel für den Strom des Lebens.“

 

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