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Grüne Tomaten schlafen wütend

Hunger auf Hummer

Im Laufe der Evolution mussten wir Menschen viele Rückschläge hinnehmen. So wurde uns z.B. erst nach schmerzlichen Verlusten bewusst, dass sich unsere Flugfähigkeit auf den freien Fall beschränkt und Unstimmigkeiten mit Raubtieren sich nur selten in Gesprächen klären lassen. Anders als Paviane, die bis heute keine Unterwäsche tragen, haben wir Menschen uns jedoch lernfähig gezeigt. Wir fanden heraus, dass Kokosnüsse ohne Schale bekömmlicher sind und wilde Blaubeeren besser für die Gesundheit sind als wilde Braunbären. Daher unterscheiden wir Menschen uns heutzutage – wenn auch nicht immer durch unser Aussehen – so zumindest durch unser Verhalten von Affen, die es auch im 21. Jahrhundert noch nicht geschafft haben, ihr Leben durch Digitaluhren zu bereichern…

Noch stärker als das menschliche Denkverhalten hat sich mit der Zeit das menschliche Essverhalten verändert. Dies gilt zwar nicht für Veganer, die es in Sachen Evolution nicht weiter geschafft haben als jeder Wiederkäuer auf der Weide, dafür aber umso mehr für all diejenigen, die jeden Ernährungstrend mitmachen und ihre Freizeit gern damit zubringen, Lebensmittelverpackungen nach Bio-Siegeln und Angaben zu Gluten, Glutamat oder Drehrichtung der Joghurtkulturen zu durchsuchen. Es sind dies Menschen, denen am liebsten das auf den Teller kommt, was im eigenen Garten gewachsen ist. Sei es nun Salat, Gemüse oder die Kaninchen der Kinder. Sie sehen sich gerne als bewusste Genießer, werden von anderen jedoch meist nur als nervige Möchtegerngourmets wahrgenommen…

Reichte es in der Steinzeit noch aus, dass das zu verzehrende Tier tot war, geht heute nichts mehr ohne frische Kräuter, Himalaja-Salz und „auf den Punkt“ Braten. Früher kannte man Sprossen nur von der Kletterwand in der Turnhalle. Und die wollte man nicht auf dem Salat. Damals hatte man einfach Lust auf Fleisch; auf dem Teller wie auch im Bett. Bei beidem sollte die Portion möglichst groß sein. Qualität war eher zweitrangig. Hohe Cholesterinwerte waren stolze Zeichen, dass man sich leisten konnte was schmeckt. Es war egal, ob Rind oder Pony gut gelaunt waren, bevor sie beim Metzger den Bolzen ins Hirn bekamen. Essen musste reichlich und lauwarm sein, damit man schlingen konnte. Dazu trank man Papptütenwein für 50 Cent statt wie heute Châteauneuf-du-Pape für 50 Euro…

Im Alter über Vierzig mutieren viele zu vermeintlichen Feinschmeckern. Wo Omas Essigessenz, die auch zum Putzen genutzt wurde, einmal ausreichte, ist heute teuerster Balsamico gerade noch gut genug. Früher gab es keine Fete ohne Pasta, heute gibt es keine Fete ohne Antipasti. Einst waren Oliven verhasst und das erste, was von der Pizza flog. Niemand aß Antischocken, geschweige denn kannte ihren richtigen Namen! Heutzutage investiert jeder, der Gäste erwartet, ein halbes Monatsgehalt an der Feinkosttheke. Nicht etwa, weil der sauer-ölige Kram von dort besonders gut schmeckt, sondern weil man Exklusives anbieten möchte. Es ist wie mit Austern. Die sehen auf dem Teller eben auch besser aus als einfache Rotze, auch wenn sie nicht anders schmecken…

Für selbsternannte Gourmets ist es undenkbar, Gewürze zu verwenden oder gar vor Gästen auf den Tisch zu stellen, die nicht in einer kleinen Manufaktur in der Toskana hergestellt wurden und pro Gramm mehr kosten als anständiges Kokain. An Ölen kannte man früher nur zwei Sorten: Eine für den Salat und eine fürs Auto. Heutzutage steht schon einmal ein halbes Dutzend überteuerter Öle im Küchenschrank, von denen Dank falscher Lagerung eins ranziger schmeckt als das andere. Es gab Zeiten, da genügte es noch, Essen warmmachen zu können. Heute will jeder dünsten, schmoren, sautieren und dämpfen. Und das natürlich in passenden Pfannen und Töpfen oder auf dem exklusiven Gasgrill, für dessen Preis man bereits einen ordentlichen Gebrauchtwagen bekommen hätte…

Während es zur Studentenzeit in der WG beim Braten auf dem Ein-Platten-Kocher nur zwei Garstufen gab – blutig und Holzkohle – bietet der Yuppie-Induktionsherd mit Dunstabsaugung von heute, der in keiner neuen Designerküche fehlen darf, mehr Garstufen als der Regenbogen Farben. Vorbei sind die archaischen Zeiten, in denen man Nudeln mit einer Prise Salz einfach drauf los kochte. Heute geht es nur mit Smartphone und Pasta-App an den Herd, die für jede Nudelform und Nudelgröße die optimale Kochzeit und Salzmenge berechnet. Selbst gestandene Männer geben mittlerweile öffentlich zu, Gemüse in Juliennes zu schneiden und zu blanchieren. Dafür hat Opa damals nicht sein Bein in Stalingrad verloren…

Essen ist längst keine bloße Nahrungsaufnahme mehr. Wer heutzutage zugibt, eine Mikrowelle zu besitzen oder gar zu benutzen, darf sich nicht wundern, wenn ihm Feinschmecker-Freunde Bio-Olivenkerne ins Gesicht spucken. Essen ist eine Zeremonie geworden, die feierlicher begangen wird als die Beerdigung einer Erbtante. Vor allem in Zeiten der Pandemie, wenn Gäste zum Essen seltener sind als Hummer. Ein standesgemäßes Abendmahl dauert da schon einmal länger als damals bei Jesus und benötigt mehr Zeit fürs Zubereiten als fürs Verdauen. Früher wählte man Wein nach dem Preis aus oder danach, welcher Fusel weg muss. Heute philosophiert man, dass man den Tropfen wegen des Bouquets gekauft hat. Bouquet hatte man früher allenfalls in der Blumenvase…

Früher gab es beim Essen auch bloß drei Gänge: Essen, Trinken und Kotzen. Damals trank man Rosé nicht, weil es angesagt war, sondern weil man in Weiß- und Rotweinflasche noch Reste hatte. Brokkoli war einfach grüner Blumenkohl, Rucola noch Unkraut und Cranberries eine Musikband. Thunfisch aß damals niemand als teures Steak mit Gemüse, sondern als billiges Dosenhäcksel mit Delfin. Smoothie war noch Saft mit Brocken, Crème brûlée noch Pudding und Tante Walburga noch Onkel Jürgen. Es waren eben andere Zeiten kurz nach dem Krieg in den 1990ern als Fusilli, Tagliatelle & Co. einfach noch Nudeln waren. Wer damals „Low Carb“ essen wollte, brauchte dazu kein eigenes Kochbuch, sondern ließ die Fritten einfach auf dem Teller liegen…

Seitdem die allgegenwärtigen Jamie Olivers und Tim Mälzers aus dem Fernsehen selbst denjenigen, der Mozzarella für eine italienische Autorennstrecke hält, Kapern nur aus Seeräuberfilmen kennt und Michelin-Sterne auf Autoreifen sucht, glauben lässt, dass aus ihm mit dem richtigen Kochbuch, etwas Fleur-de-Sel und einem Bund Bärlauch ein Sternekoch wird, versucht sich jeder als Chefkoch. Auch wenn das eigene Kochtalent gerade einmal dazu ausreicht, eine Tiefkühlpizza mit der richtigen Seite aufs Ofenblech zu legen. Da verwundert es nicht, wenn beim übermotivierten Benutzen von Muttis Schnellkochtopf zum Abschmecken des Coq-au-Vin mal eben rasch der Druckdeckel geöffnet und dem toten Vogel damit eine unverhoffte Flugstunde durch die Wohnung geschenkt wird…

Heutzutage kochen Menschen Gerichte, von denen sie nie gehört haben, mit Zutaten, die sie nicht kennen. Mit dem Resultat, dass sie nach drei Stunden hinterm Herd feststellen, dass sich ihre Kreation nicht für die Tischkeramik im Esszimmer, sondern nur für die Bodenkeramik im Badezimmer eignet. Da lobe ich mir die alten Zeiten, in denen man schon nach zwanzig Minuten wusste, ob die Pasta verkocht und die Tütensoße versalzen ist und man daher zweieinhalb Stunden eher Pizza bestellen konnte als heute. Aber der Mensch ist ja lernfähig. Und solange man an die Evolution glaubt, besteht Hoffnung, dass wir irgendwann lernen, dass es zum Überleben keine Schneckengabeln und Espressolöffel braucht. Hunger auf Hummer… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Nicht jeder Ausländer, der behauptet „hungry“ zu sein, kommt zwangsweise aus Ungarn.

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