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Mel´s Mikrokosmos

Ich mache heute grün

Hallo Mikrokosmonauten: Grüner wird’s nicht!

Neulich habe ich mal wieder daran gedacht, einfach auszusteigen. Ein paar Sachen zusammenzupacken und der Zivilisation den Rücken zu kehren. Back to the roots sozusagen. Ich meine, nicht umsonst haben längere Individualreisen, Sabbaticals, Survivalkurse und Aussteigerblogs augenscheinlich Hochkonjunktur. Und wer hat als Frau nicht schon mal davon geträumt mit einem Axt schwingenden Holzfäller-Hillbilly im aufgeknöpften Flanell-Hemdchen waschechte Lagerfeuer-Romantik zu genießen? Na gut, ich habe mich solch einfältigen Träumereien nie hingegeben, zumal ich eher ein Luxus-Weibchen bin, das lieber im schnittigen Cabrio samt feschem Kerlchen durch die Gegend braust, als Stockbrot mit einem Waldmensch zu grillen. Und trotzdem beschäftige ich mich derzeit verstärkt mit dem Thema Minimalismus. Ich sage mal so: Wir müssen ja nicht gleich wie Selbstversorger Öff Öff im Wald leben. Aber ich bin durchaus bereit, mich zuweilen etwas naturverbundener zu geben und die Pumps gegen Gummistiefel zu tauschen, wenn es denn sein muss. Und deshalb komme ich nicht umhin, mich zu fragen:

„Wie entschlackt man sein Leben?“

Wenn der Alltag zur Last wird, ist es an der Zeit zu handeln. Und im Grunde ist es gar nicht so schwer, sich von der einen oder anderen Sache zu verabschieden und so sein Leben zu entrümpeln. Fangen wir doch einfach mal mit der Konsumdiät an. An Stelle von Konzerttickets einfach selbst Musik machen und statt bei Zalando Unmengen an Klamotten bestellen, einfach darauf verzichten. Für uns Frauen natürlich ein absoluter Alptraum, denn Shoppen setzt Endorphine frei, die wir normalerweise nur beim Sex verspüren. Hieße laut der Konsumdiät also, dass wir uns die Glücksgefühle anderswo besorgen müssen. Also doch eine Axt-schwingende Nacht mit Holzfäller-Hillbilly? Mitnichten! Denn einen ganzen Tag oder eine ganze Nacht alleine in der Natur ist mindestens genauso aufregend. Als mich vor zwei Jahren extremer Liebeskummer plagte, habe ich eines Morgens meinen Rucksack gepackt und bin quer durch den Bliesgau gewandert. Stundenlang. Alleine. Und was soll ich sagen: Es war sau anstrengend, ich war zerstochen und kam humpelnd und ausgedörrt nach neun Stunden zurück. Aber ganz ehrlich brachte es mich auch zu mir selbst zurück. Ich war nicht nur eine geisteskranke Irre, die durch die Gegend wanderte, nein, ich fühlte mich urplötzlich auch wieder stark und erfreute mich an der Ruhe und der Tatsache, dass ich völlig auf mich alleine gestellt war.

Die Einfachheit genießen
In den letzten Tagen ehe mein alter Kater starb, besorgte ich eine Leine und schnappte ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit, um mit ihm über die Felder zu spazieren. Er war sehr schwach, konnte sich nur noch langsam fortbewegen und war glaube ich ziemlich angepisst, weil er an dieser Leine hing, aber er machte gute Miene zum bösen Spiel und so verbrachte ich Stunden in der Natur. Wenn er sich im hohen Gras niederließ, setzte ich mich einfach daneben. Scheiß auf die Ameisen und Brennnesseln. Zum ersten Mal seit meiner Kindheit pflückte ich wieder Pusteblumen und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit nahm ich die ganzen Butterblumen wahr, die dort wuchsen. Letztendlich betrachtete ich auch zum ersten Mal seit Jahren mal wieder einen Sonnenaufgang ganz bewusst und nüchtern. Normalerweise sah ich die ja nur, wenn ich früher morgens besoffen aus einem Club stürzte. Sei es drum: Diese neue Erfahrung mit meinem kranken Kater eröffnete mir neue Perspektiven. In der Abenddämmerung hüpften Rehe über die Lichtung und morgens huschte ein Eichhörnchen den Baum hoch. Kein neues Kleidungsstück dieser Welt verschaffte mir solche Gefühle, als zusammen mit meinem besten Freund im Gras zu liegen und still zu sein. Aussteigen. Alles hinter sich lassen. Geht das überhaupt? Augenscheinlich ja. Wenn ich das Internet durchforste, finde ich eine Menge Leute, die den großen Sprung gewagt haben. Manche leben alleine in kleinen Waldhäuschen, andere sind nach Ungarn ausgewandert, bauen dort ihr eigenes Gemüse an. Wieder andere eröffnen in Afrika mitten in der Natur eine Lodge, in der man Urlaub machen kann. Ich glaube, unsere Energietanks waren noch nie so leer wie heute, sonst würden wir nicht auf solch fixe Ideen kommen. Dabei reicht es, einfach in den Garten zu gehen, und zu buddeln. Oder eben seinen Rucksack zu packen und querfeldein durchs Saarland zu wandern. Wenn ich es mir recht überlege, würde ich einigen Menschen dann doch eher zum Buddeln im Garten raten, manche könnten sich gerne auch selbst verbuddeln, das bringt vielleicht auch die langersehnte Ruhe.
Irgendwie stimmt mich dieses ganze Natur-Gespräch etwas melancholisch, weil es mich daran denken lässt, dass wir Menschen mit ihr nicht immer pfleglich umgehen. Der Mensch hat sehr viel von der Natur gelernt. Die Idee zum ersten Flugapparat stammt von Vogelflügeln. Aus den Pflanzen der Tropenwälder wurden und werden bis heute zahlreiche Medikamente gewonnen, wie Antibiotika oder Wirkstoffe gegen Malaria. Auch der Selbstreinigungs-Effekt stammt direkt aus der Natur: Die Lotuspflanze inspirierte die heutigen Lacke und Schmutz abweisenden Oberflächen. In jeder lebenden Tier- und Pflanzenart stecken solche technischen Raffinessen. Und viele Ingenieure und Forscher schauen zu und bauen nach. Mit der Zerstörung der Wälder und Arten werden viele Möglichkeiten und potentiellen Heilmittel vernichtet. Beim täglichen Konsum greifen wir auf weltweite Naturressourcen zurück und verbrauchen sie. Für unsere Fruchtsäfte, das Palmöl in unserer Schokolade oder das argentinische Angus-Steak auf unserem Teller werden Tropenwälder gerodet. Der industrielle Anbau der Baumwolle für unsere Kleidung verändert das Klima und damit das Leben von Menschen in anderen Ländern. Deshalb sollten wir darauf achten, wie und was wir kaufen, und die Verantwortung für unser Handeln übernehmen. Auch um unser selbst Willen, denn Umweltschutz heißt Menschenschutz. Und ich möchte offen gestanden nicht, dass der Stockbrot grillende hübsche Naturbursche ausstirbt. Auch wenn er nicht zu meinem bevorzugten Beuteschema gehört. Wenn wir die Natur schützen, schützen wir damit auch unser eigenes Überleben. Fehlende Naturressourcen, etwa Trinkwasserknappheit, begünstigen Krisen und Kriege. Und schon kleinste Veränderungen im Ökosystem können große Auswirkungen haben. Ihr kennt sicherlich die Geschichte von den sterbenden Korallenriffen. Das nur so als Bespiel.

Die Natur nimmt keine Kreditkarten
Ja ja, die Natur. Ich für meinen Teil habe mir jedenfalls vorgenommen, mich hier und da zurückzuziehen. Ich ziehe das Landleben dem Großstadtdschungel vor und verkrümele mich demnächst mal wieder in den Wald. Einfach nur, um zu wandern und mit den Bäumen zu kommunizieren. Ihr glaubt, ich ticke nicht richtig? Da liegt ihr gewiss nicht falsch. Aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, keine Energie zu tanken, wenn ich durch die Natur streife, wie es einst mein Kater gemacht hat. Ich glaube, wenn er mich eines gelehrt hat, dann, dass es glücklicher macht, springende Rehe und fliegende Fledermäuse zu beobachten, als mir im Club die Hucke vollzusaufen. Ich genieße die Natur. Wir alle tun das irgendwie. Wir wandern, klettern, schwimmen in Seen oder fahren Rad. Viele Tourismusregionen haben sich das „Naturerlebnis“ auf die Fahnen geschrieben. Und genau das lockt die Besucher an. Und nicht nur in Deutschland: Die wilden Naturländer rund um den Globus ziehen Menschen an. Wir lernen von der Natur, von der Tierbeobachtung. Und auch die Erfolge der Naturschützer weltweit, bedrohte Arten wieder aufzubauen, Reservate zu schaffen und der Natur so einen wichtigen Teil zurückzugeben, sind ein Grund zur Freude. Letztendlich müssen wir entscheiden, wo wir hinwollen. Gin Tonic in der nächsten Bar, oder selbstgebrauter Pfefferminztee am Lagerfeuer? Ich bevorzuge die Kombination Gin und Lagerfeuer, das knistert am schönsten.
-Für C., meinen besten Freund und Liebe meines Lebens. Ich vermisse dich so sehr, mein Katerchen!“-

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