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Titelstory

Ideen aus Meisterhand

Manchmal gibt es glückliche Menschen, die haben einmal im Leben eine richtig gute Idee und machen daraus ein funktionierendes Geschäft. Thilo Nast hatte mindestens schon vier solcher Ideen und ist noch lange nicht am Ende.

Auf den ersten Blick haben Roller-Ersatzteile, Bubble-Tea, Currywurst und Backwaren wenig gemeinsam. Es sei denn, dahinter steckt derselbe Kopf: Thilo Nast entdeckte schon in den 90ern, dass man im Internet gut verkaufen kann. Mit „Scooter Attack“ betrieb er die weltweit erste Internetseite für Motorroller-Ersatzteilen. Jahre später eröffnete er den ersten „Fresh Tea Shop“ in Saarbrücken, der Bubble Tea zum Megatrend werden ließ. Sodann widmete sich Thilo mit der „Wurstwirtschaft Gebrüder Kalinski“ einer Currywurst, die von der Süddeutsche Zeitung zur besten Currywurst Deutschlands gekürt wurde. Anschließend absolvierte Thilo zunächst eine Bäckerlehre, machte den Bäcker-Meister und eröffnet schließlich das erste „Brot & Seele“, wo er seine selbst gebackenen und nachhaltig produzierten Brote und Brötchen anbietet. Mittlerweile gibt es fünf „Brot & Seele“ Läden in Saarbrücken und Saarlouis. Bei so vielen Unternehmungen stellt sich unweigerlich die Frage, ob der Mann überhaupt schläft.

 

Wann bist Du heute Morgen aufgestanden?

Heute ausnahmsweise mal erst um Acht, aber normalerweise an vier Tagen in der Woche um Drei. Wir haben zwar immer noch das Konzept, dass wir die meiste Arbeit nachmittags erledigen, aber es gibt ein paar Kunden, die wir schon bis 5 Uhr morgens beliefern müssen. Das bedeutet, auch wenn der Teig schon tagsüber gemacht wird, müssen dann trotzdem zwei oder drei Bäcker nachts backen. Und da wir im Moment etwas unterbesetzt sind, muss ich dann auch selbst ran, aber ab nächster Woche wird’s wieder besser.

 

Wie hat sich der heranwachsende Thilo auf so ein Arbeitsleben vorbereitet?

Mit 18 war ich noch auf der FOS Elektrotechnik und da es in vier Klassen nur ein Mädchen gab, hab‘ ich mir gesagt: Danke, das hier ist wohl nicht mein Feld! Da habe ich lieber die FOS Design durchgezogen und mich in ganz Deutschland nach ‘nem Studienplatz umgeguckt, um irgendwas mit neuen Medien zu machen. Letztlich bin ich an der HBK hier in Saarbrücken gelandet und hab‘ vier Jahre studiert bis zur Zwischenprüfung. Da bin ich dann durchgefallen. Die Begründung war mir eine erste große Lehre: ich würde zu hoch denken, mich nicht auf ein Projekt konzentrieren und mir nichts sagen lassen. Außerdem wäre ich in der freien Wirtschaft besser aufgehoben. Spätestens da waren meine geschäftlichen Ambitionen erwacht und da ich gleichzeitig Vater wurde, habe ich auch den Druck Versorger zu sein, kennengelernt und so habe ich dann richtig Gas gegeben.

 

Wie kam es zu dem Geschäft mit Ersatzteilen?  Warst du selbst als Rollerfahrer unterwegs?

Ich wollte immer, durfte aber nicht. Das sei zu gefährlich und ich solle doch lieber bis 18 warten und dann Auto fahren. Ich hab‘ dann den Motorradführerschein gemacht und bin auch ein halbes Jahr lang gefahren. Allerdings war das affige Gehabe der damaligen Motorradfahrer, die vor dem Karstadt ihr Outfit präsentierten, so gar nicht meins. So kam ich zum Roller. Und das war ja in den Achtzigern und Neunzigern eh‘ das Ding.

 

Die Roller haben Dich ja dann fast zwei Jahrzehnte begleitet?

Das war halt mein Hobby und ich hab‘ mit Freunden versucht mit ‘ner Werkstatt ein bisschen Geld zu machen. Ich hatte damals mein Studium abgebrochen und zwei, drei Jahre zur Hochzeit der Neuen Medien in einer Agentur gearbeitet, aber auch da stellte sich heraus, dass es wieder nich‘ so meins war. Umso mehr habe ich versucht, mein Hobby zum Beruf zu machen, damals schon einen ersten Webshop für uns programmiert. Es gab damals schon viel Versandhandel für Roller, aber alles klassisch nur auf Printkatalogen basierend. Wir waren Mitte der Neunziger die ersten, die das online gemacht haben und das ging 18 Jahre lang, in denen wir uns sehr entwickelt haben, vom Versandhandel zum Großhandel und so weiter…

 

Aber wie kommt man denn vom Rollerteile-E-Commerce zum Bubble Tea?

Das ist gar nicht so weit weg. Wir haben in Taiwan Teile produziert und entsprechend war ich oft dort. Mein Exfrau hat damals angefangen, Tee zu importieren. Aber ein reiner Teeladen, so mit trockenen Tees? Das wär’s nich‘ so gewesen. Man muss den Kunden schon präsentieren, was man aus dem Tee machen kann. Dann ist mir nur zwei Straßen von unserer Wohnung in Taiwan die einzige Fabrik aufgefallen, die damals diese Bubbles hergestellt hat, und ich dachte, das ist ja ein krasses Zeug. Tatsächlich waren wir dann deutschlandweit mit die Ersten, die das hier an den Start gebracht haben. Eigentlich sollten die Bubbles nur ein Teil unseres Angebotes sein, aber in nur ein paar Monaten entwickelte sich ein Riesenhype mit Reportagen im Fernsehen und allem Drum und Dran. Ich hatte genau das getan, was ich nie wollte: ein Trendprodukt kreiert. Während ich vorher allen meine Unternehmungen immer mit guten Bekannten oder Freunden auf die Beine gestellt hatte, arbeitete ich bei den Bubbles auch mit Wildfremden zusammen. Das war ein kompletter Fail. Meine Lehre daraus war klar: nie mehr ein Trendprodukt und nie mehr Franchise!

 

Auf ein Trendprodukt folgt ein Klassiker. Mit den Gebrüdern Kalinski wurde die Currywurst ein Stück weit neu erfunden…

Wurst ist ein in der Gesellschaft tief verwurzeltes und etabliertes Produkt. Jeder weiß, Currywurst ist jetzt nicht das allergesündeste Essen und entscheidet für sich, ob er sie isst oder nicht. Nur im Gegensatz zu den Bubble-Tea vorher, wird in den Medien nicht diskutiert, darf man das oder nicht.  Die klassische Imbissbude an der Ecke hat halt nicht mehr wirklich die Attraktivität und so hab‘ ich einfach versucht dem Ganzen einen Relaunch zu geben. Aber dazu gehört auch immer eine Art Hommage! Man darf das alte nicht komplett verwerfen oder sagen es war alles schlecht. Ganz im Gegenteil. Man pickt sich die Sachen heraus, die das Produkt ausmachen und die lange funktioniert haben.

 

Mit 44 hast du dann eine Bäckerlehre gemacht…

Das ist schon lustig, wenn man in dem Alter in die Berufsschule geht. Es war schon krass, zu sehen, dass da in der Berufsschule alle mit dem Handy rumspielen. Keiner ist konzentriert und der Lehrer hat überhaupt keine Autorität mehr. Die Ausbildung im Betrieb hingegen lief nach wie vor ganz klassisch. Das ist eigentlich ein Drama. Die ist seit ewigen Zeiten festgelegt, hinkt komplett hinterher und befasst sich überhaupt nicht mit den aktuellen Möglichkeiten. Die Chancen, die du gerade jetzt als Handwerksbäcker hast, werden in der Ausbildung vertan. Wenn du Glück hast, kommst du in ein gutes Unternehmen, das ähnlich denkt. Ich hatte glücklicherweise so eines, hatte es mir auch gesucht, Stefan Anstadt, der einfach auch mal andere Wege geht. Aber wenn du Pech hast, kommst du in so einen klassischen Betrieb und kriegst dann von der Schule her auch nur die Grundlagen vermittelt. Was dir halt gar nicht beigebracht wird, ist die Kreativität, weiter zu denken. Die Chancen, die in aktuellen Entwicklungen liegen, werden dort nicht aufgenommen. Das ist wirklich schade.

 

Bei „Brot und Seele“ läuft alles rund?

Wir haben backtechnisch sicher noch das ein oder andere Defizit, aber sowas lernt man dann nur über die Jahre. Aber vielleicht ist es gerade das, was die Leute zu schätzen wissen, dass eben nicht jedes unserer Brötchen aussieht, wie das andere. Das bekäme man sowieso nur mit den Hilfsmittel hin, auf die keiner Bock hat. Und das finde ich auch ganz cool, dass die Kunden da mitgehen und sagen, ja, heute ist mein Brot vielleicht ein bisschen flacher, aber es ist der Geschmack der passt. Bei uns gibt es nichts Standardisiertes, das ist eben Handwerk!

 

Alle deine Läden haben einen starken Auftritt und eine unverwechselbaren Corporate Identity.

Da ist es, glaube ich, was ich wirklich kann: Branding. Dafür muss man halt auch mit offenen Augen durch die Straßen gehen. Da findet man dann was Schönes und denkt sich, hey, wie kann ich das für mein eigenes Unternehmen nutzen. Aber es muss immer authentisch sein und nicht nur authentisch wirken. Das ist der Fehler von Vielen, denn wenn man nur einem Trend folgt, das aber nicht auch gelebt wird, funktioniert da nicht. Zum Beispiel die alte Kasse im Kalinski wurde ja auch tatsächlich im alltäglichen Betreib als Kasse genutzt als Kasse.

 

Ganz offensichtlich hast Du das Talent, alle möglichen Einflüsse aufzunehmen und für Deine Zwecke zu nutzen?

Generell besteht mein Leben ständig aus Lernen, ich muss alles aufsaugen. Aktuell fange ich an zu programmieren, weil ich Lösungen für die Produktion suche, die ich draußen nicht finde. Und da bring‘ ich mir jetzt halt bei, das zu programmieren und schreibe meine Software selbst. Ich glaub‘, ich kann relativ viele Sachen, aber leider nicht so hundertprozentig. Ich kann überall mitreden, was ein Vorteil ist, aber wenn es dann in die Tiefe geht, dann brauche ich schon Spezialisten. Aber es hilft mir auf jeden Fall in jedem Bereich, so viel Wissen zu haben, dass ich das Gesamte besser verstehe.

 

Welche Idee wird als Nächstes umsetzt?

Ich bin ja schon Technologie affin, auch schon aus der Rollergeschichte heraus, wo wir ja schon viel selbst entwickelt und gemacht haben. Da bin ich jetzt wieder an dem Punkt, wo ich sage, ich würde hier gerne in der Produktion ein paar Sachen optimieren. Da gibt es natürlich schon einiges in dem Bereich, das kostet aber Unsummen. Und so bin ich im Moment mit meinem alten Partner dabei, neu zu entwickeln in Richtung Programmierung und Steuerung. Kann also gut sein, dass wir uns von einem Bäcker zu einem Technologie-Anbieter für Bäckereien oder den Lebensmittelhandel verändern. Losgelöst davon will ich jetzt noch meinen Brot-Sommelier machen und eventuell auch noch den International Master. Aber ganz eigentlich habe ich einen anderen großen Traum, irgendwann ein größeres Segelboot zu haben und dann vielleicht so als fahrender, beziehungsweise segelnder Bäckermeister dahin treiben lassen, wo der Wind mich hin bläst.

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