• Termine News und Wissenswertes aus Saarbrücken, dem Saarland und der Welt:
Grüne Tomaten schlafen wütend

In der Zukunft von gestern

Wer kennt nicht das Gefühl, das einen immer montags beim Aufwachen ereilt, wenn man nicht glauben kann, dass das Wochenende schon wieder vorbei ist. Gerade war man noch erleichtert, dass die Woche vorüber war, da beginnt schon wieder die nächste. Noch schlimmer ist dieses Gefühl jedes Jahr Anfang Januar. Kaum dass man sich durch einen stressigen Frühling, einen noch stressigeren Sommer, einen nicht minder stressigen Herbst und einen erstrecht stressigen Winter zum Jahresende vorgekämpft hat, in der Hoffnung auf endlich etwas Ruhe und Entspannung zwischen den Tagen, beginnt irgendwo jemand lauthals rückwärts zu zählen, lässt Sektkorken knallen und wünscht einem ein frohes neues Jahr…

Gefühlt wird die Zeit zwischen Neujahr und Silvester immer kürzer. Dabei war das zurückliegende Jahr weder ein paar Monate kürzer noch kam das Jahresende für jemanden, der einen Kalender besitzt, unvorhersehbar. Dennoch kommt es einem in diesen Tagen so vor, also hätte jemand an der Uhr gedreht. Eben noch lag das alte Jahr endlich hinter einem, da steht plötzlich das neue schon wieder vor einem. Man hat irgendwie das Gefühl, als hätte man erst vorgestern den Raclette-Grill der letzten Silvesterparty saubergemacht. Dabei ist das sicherlich schon zwei Monate her. Da kann man sich durchaus überlegen, ob man die Luftschlangen nicht das ganze Jahr über hängen lässt. Nächstes Silvester ist ja auch schon wieder bald…

Kaum dass man sich an das Aufschieben unangenehmer Termine ins neue Jahr gewöhnt hat, sieht man sich mit einem Merkzettel am Kühlschrank konfrontiert, der den eben noch weit in der Zukunft geglaubten Zahnarztbesuch auf kommenden Dienstag terminiert. Irgendwie war die Zukunft früher auch mal anders als heute. Gestern noch ein voller Kalender mit viel Erledigtem, heute schon wieder ein leerer Kalender mit noch mehr zu Erledigendem. Wiederkehrende Pflichttermine sind dabei wie geworfene Bumerangs: Man kann zwar versuchen, ihnen aus dem Weg zu gehen, es besteht dann aber immer die Gefahr, dass sie irgendwann unverhofft auf einen zukommen, was vor allem dann unangenehm wird, wenn man sie zuvor aus den Augen verloren hatte…

Es ist ein jährliches Déjà-vu, bei dem sich nichts zu ändern scheint, außer dass man von Jahr zu Jahr schwerer auf der Waage und leichter auf der Bank wird. Alles kommt einem so bekannt vor. Wie in einer abwärts gerichteten Endlosschleife geht es unaufhörlich mit dem eigenen Leben bergab. Gestern noch ein voller Kalender mit viel Erledigtem, heute schon wieder ein leerer Kalender mit noch mehr zu Erledigendem. Steuererklärung, Arzttermine, Verwandtschaftsbesuche, alles, von dem man froh war, es endlich von der To-do-Liste gestrichen zu haben, steht nun wieder darauf. Alles kommt einem so bekannt vor. Es ist ein jährliches Déjà-vu, bei dem sich nichts zu ändern scheint. Alles kommt einem so bekannt vor. Es ist ein Déjà-vu. Und jährlich grüßt das Murmeltier…

Die Zukunft scheint in der Gegenwart angekommen, auch wenn man sich die Zukunft als Kind so nicht vorgestellt hatte, als man davon ausging, mit Anfang Vierzig reich zu sein und alles erreicht zu haben. Das Leben ist wie ein ewiges Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spiel. Eben noch das Ziel vor Augen, muss man sich plötzlich geschlagen geben und zurück zum Start, wo einem nichts anderes übrig bleibt, als auf (eine) Sechs zu hoffen und von vorn zu beginnen. Wie hätte sich der liebe Gott wohl gefühlt, wenn er nach Vollendung der Welt am siebten Tag erfahren hätte, dass er montags schon gleich wieder ran muss? Nach Silvester von heute auf morgen ein Jahr näher am Tod und ein Jahr weiter von der Zeit entfernt, als man sich nüchtern noch so jung fühlte, wie heute nur noch mit zwei Promille…

Bis zuletzt hatte man noch versucht, mit Weihnachtsmütze und Glühwein in besinnliche Stimmung zu kommen, jedoch war der Grund für die Wärme ums Herz keine Emotion, sondern eher Sodbrennen. Nun hat das neue Jahr begonnen. Wieder zwölf Monate, die mit Alltäglichem gefüllt werden wollen. Diesmal sogar 366 Tage, in denen die Haare auf dem Kopf weniger und auf dem Rücken mehr werden und in denen sich die eigene Freundin zunehmend in ihre Mutter verwandelt. Wieder 52 Wochen mit Spam-Mails und den Zeugen Jehovas, in denen man sich vornimmt, die Treppe statt den Aufzug zu nehmen. Weitere vier Quartale, in denen man seinen Eltern erklären darf, dass sie auf Enkel verzichten müssen und man keinen Nachschlag mehr mag, wenn man sagt, dass man satt ist…

Wo Tage zuvor noch Kinderchöre mit ihrem Gesang den Kauf von Ohrenschützern ankurbelten, ist nun Stille. Selbst die bettelnden Punks in der Fußgängerzone tragen statt roter Filzweihnachtsmützen wieder ihr eigenes rotes Filzhaar. Die Weihnachtsdekoration in den Geschäften weicht den ersten Karnevalskostümen. Und ist Karneval erst einmal erreicht, ist auch Ostern nicht mehr weit. Kaum dass alle Eier gefunden sind, ist das Jahr schon wieder halb vorüber. Denn nach dem Sommerloch wartet schon Halloween und damit ist auch das nächste Weihnachten nicht mehr fern. Irgendwie ist 2020 schon fast wieder vorbei, bevor es angefangen hat. Die Zeit rast, da sollte man den Weihnachtsbaum gar nicht erst abbauen. Lebkuchen und Spekulatius gibt es ja auch das ganze Jahr…

Doch warum erwartet jeder gerade um Weihnachten Ruhe und Entspannung, wo doch der Dezember im Job und beim Geschenkeinkauf stets eher aus Anspannung statt aus Entspannung besteht? Ist es in der kalten Jahreszeit die Wärme des sich im Weihnachtsmarktgedränge über die eigene Hose ergießenden Glühweins oder die körperliche Nähe spitzer Ellbogen von Menschen im Einkaufstress? Sind es die rot leuchtenden Gesichter heulender Kinder, die um Spielekonsolen betteln und nicht ahnen, wie nahe sie damit einem plötzlichen Kindstod sind? Vielleicht sorgen aber auch nur die vielen Weihnachtsmänner für Besinnlichkeit, die vor Kaufhäusern auf Angebote für Miederwaren im dritten Stock hinweisen oder auf ihrem Schoß Kinder empfangen, die ihnen an den Sack fassen dürfen…

Vielleicht ist es auch der Duft von billigem Rotwein, der an Opa erinnert. Weihnachten ist ja das Fest der Familie, an dem man Verwandte gerne wissen lässt, was sie einem bedeuten. Der Familienstreit ist dadurch quasi vorprogrammiert. Traditionell herrscht an den Feiertagen vielerorts eine Stimmung, wie sie für eine Beerdigung nicht passender wäre. Der Heiligabend vermittelt den Eindruck, statt Christus wäre der Antichrist allgegenwärtig. Kein Fest wandelt so filigran zwischen Harmonie und Massaker wie Weihnachten, wo bittersüßer Duft an gebrannte Mandeln wie auch an Zyankali erinnert. Er weckt das Bedürfnis nach einem Abschluss mit gefüllter Gans und ein paar an die Lieben gerichteten Worten, wie auch nach einem Abschuss mit gefüllter Schrotflinte und ein paar an die Lieben gerichteten Salven. In beiden Fällen genießt man das mit roten Kugeln geschmückte Zimmer…

Warum also sehnen wir uns so nach dem Jahresende, wenn sowie nur Stress, Streit und die Gewissheit warten, dass nach dem Jahreswechsel alles von vorne beginnt? Das Persil mit der roten Schleife allein kann es auch nicht sein. Warum nicht einmal Weihnachten ausfallen lassen, an Silvester früh ins Bett gehen und den Kalender nicht umblättern? Sollen wir an 2019 einfach noch einen Monat dranhängen? Dann wären wir heute noch nicht in der Zukunft von gestern… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

P.S. Lametta ist keine italienische Bezeichnung für roh verzehrbares Hackfleisch.

Previous ArticleNext Article