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Mel´s Mikrokosmos

In der zweiten Reihe sitzt man besser

Hallo Mikrokosmonauten: Second place is first loser, oder?

In jungen Jahren nahm ich an einer TV-Show teil. Das Thema lautete: „Wir suchen das Partygirl des Jahres!“. Ich wurde damals Dritte. Ein eher undankbarer Platz. Einer, der schnell vergessen wird. Die ersten beiden bekamen wenigstens noch VIP-Tickets für die Bambi-Verleihung. Ich bekam einen Blumenstrauß und das Rückflugticket nach Saarbrücken bezahlt. Es hätte mich natürlich schlimmer treffen können, obwohl ich mich heute manchmal frage, ob es denn etwas Schlimmeres gibt, als mit oberkörperfreien Tänzern im Bikini zu posieren. Ich hatte damals extra meinen Job hingeschmissen. Für ein bisschen Fame. Und ich wurde nur Dritte. Aber so war das schon immer bei mir. Irgendwie bin ich kein geborener Gewinner. Und auch Übung machte bei mir noch nie den Meister.

Ich habe viele Talente, kann aber nichts so richtig.

Ich bin ein Nebenakteur. Eine, die immer schon witziger, lauter und unmöglicher sein musste, als andere. Während andere einfach nur still dasitzen müssen und ihnen trotzdem sämtliche Aufmerksamkeit zufliegt, musste ich seit jeher mit Witz, Charme und Verrücktheit auftrumpfen, um überhaupt irgendwie aufzufallen. Oder eben mit Aktionen, die niemand so recht nachvollziehen konnte. Die man aber eben macht, wenn man weiß, dass man sonst nichts kann. Wobei: Mittelmäßig. Kann ich.

Es ist ja nicht so, dass ich ein Versager wäre oder so. Im Gegenteil. Ich habe es noch an jedem Ende eines Tages geschafft, am Leben zu bleiben. Das ist doch schon was! Und trotzdem bin ich eben nur gewöhnlich. Und ewiger Durchschnitt. Dabei wollte ich immer so hoch hinaus. Ich wollte Singen. Eiskunstlaufen. Schauspielern. Musizieren. Alles endete in mittelprächtigen Darbietungen, die niemandem etwas brachte. Am wenigsten mir. Und selbst heute, im Berufsleben tummele ich mich mal wieder im unspektakulären Mittelfeld fernab hochtrabender Manager-Positionen. Ich frage mich:

Reicht es, einfach nur mittelmäßig zu sein?

Ich bin Erika Mustermann. Ich vertrage Gluten, Histamin und Laktose und habe keine ausgefallenen Hobbys. Ich habe einen Abi-Durchschnitt von 2,8 und habe eine stinknormale Ausbildung gemacht. Kein Studium, kein Haus, keine Karriere und kein Leben, das irgendwie nach Extrem-Individualismus schreit. Und trotzdem war ich bis vor kurzem in ständigem Konflikt mit mir selbst, hier und da zu zeigen, dass ich ja doch etwas Besonderes bin. In Form von Übertreibung und maßloser Selbstüberschätzung. Und wozu das Ganze? Weil der Konkurrenzdruck mich in allen Lebensbereichen vereinnahmt hat. Und das war irgendwann richtig nervig!

Festzustellen, dass man „so mittel“ ist, ist das Eine. Herauszufinden, dass du dich trotzdem dauernd mit anderen messen musst, ist das andere. Ich erinnere mich an einen Vorfall im Kindergarten, als ich mich mit einem anderen Kind darum stritt, wer schneller am höchsten aufs Klettergerüst steigen kann. Nicht nur, dass ich Zweiter wurde, nein, ich stürzte auch noch von ganz oben ins Bodenlose und landete rücklings und schwer keuchend in der Sandkuhle.

Lass es einfach!

Irgendwann realisierte ich, dass mein Platz fernab von einer Pole-Position ist. Dass ich zwar durchaus unterhaltsam, klug, inspirierend und kreativ sein kann, aber eben nie ein Superstar auf irgendeinem Gebiet sein werde. Und mit der Akzeptanz der Mittelmäßigkeit kam die Ruhe. Eigentlich kam sie erst in den letzten beiden Jahren. Recht spät, wenn man bedenkt, dass ich fast hundert bin. Aber sie kam. Und mit ihr dann gleichzeitig auch der Frieden. Der Frieden mit sich selbst. Hey, ich bin nur semi, aber wenigstens bin ich etwas! Boom! Ich werde niemals Tänzerin, Sängerin, Schauspielerin, Genie. Boom! Falls ich es dennoch versuchen sollte, wäre mein Adjektiv „okay“. Ich weiß auch, dass es unzählige Menschen da draußen gibt, die das so ähnlich sehen. Denen sei gesagt: Aufgeben ist dennoch keine Option. Wir sind mittelmäßig, aber wir sollten trotzdem unser Potenzial ausschöpfen und unsere kleinen Träume so  verwirklichen, wie es für uns halt geht. Das muss sich Michael Edwards einst sicherlich auch gedacht haben, als er als erster Skispringer für Großbritannien bei den olympischen Winterspielen an den Start ging. Trotz Weitsichtigkeit und einer für diesen Sport viel zu kräftigen Figur. Aber er träumte seit er ein Kind war davon, für sein Land an einer Olympiade teilzunehmen. Er belegte, wie man bereits ahnen kann, den letzten Platz, aber als „Eddie the Eagle“ ging er in die Geschichte ein und ich ziehe respektvoll meinen Hut vor ihm, denn er hat sich damals seinen Traum erfüllt.

Am Ende ist es doch so: Dass ich damals in dieser TV-Show nur den dritten Platz belegte, macht mich trotzdem stolz. Wer weiß auch, was passiert wäre, wenn ich gewonnen hätte? Vielleicht wäre ich wirklich berühmt geworden. Also so ein bisschen. Und wahrscheinlich wäre man in diesen berühmten Kreisen dann über mich hergefallen, hätte mich verändern wollen, hätte an mir herumkritisiert und gezerrt und ich wäre schlussendlich an allem zerbrochen. Weil ich eben nie gut genug gewesen wäre. Ich bin stolz, dass ich so bin, wie ich bin: Normal. Dass ich niemandem etwas beweisen muss. Dass ich gut reden kann, aber kein großer Redner bin. Dass ich lustig bin, aber damit keine Hallen füllen kann. Dass ich singen kann, aber mich niemals ein Label unter Vertrag nehmen würde, es sei denn, sie wären größenwahnsinnig. Und dass ich einfach ich bin und das auch bleiben kann, weil es für mich und für andere okay ist. Und ich bleibe dabei: Mittelmaß ist toll!

 

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