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Titelstory

JETZT DREHEN ALLE DURCH!

Endlich haben Tamagotchi, Furby und Pokémon einen würdigen Nachfolger: Fidget Spinner! Die Finger-Kreisel erobern nach Kinderzimmern und Schulhöfen jetzt sogar die Büroetagen gestresster Manager und erleben seit einem knappen Vierteljahr einen echten Hype. Da mussten wir natürlich auch am Rad drehen!

Vor etwas mehr als einem halben Jahr hat das US-Wirtschaftsmagazin Forbes das Spielzeug in seiner Dezemberausgabe zum „Must-Have“-Gadget gemacht. Das war der Startschuss für den Run auf das eigentlich sinnfreie Spielzeug mit dem Präzisions-Kugellager, aber dass wirtschaftlicher Erfolg nichts mit „sinnvoll“ oder „zweckmäßig“ zu tun hat, dürfte spätestens seit der Einführung von Schokoladenpizza und geschälten Orangen in Plastikverpackung auch dem Letzten klar sein. Vom Aussehen her erinnern die Teile zwar eher an eine Mischung aus Sex-Toy und Ninja-Wurfstern, dennoch ist die Nachfrage in West- und Mitteleuropa kaum zu befriedigen. So ließen im Juni deutsche Händler die kleinen Scheiben sogar per Flugzeug einfliegen, weil der Nachschub per Schiff zu lange auf sich warten ließ.

You spin me right round, Baby, right round

Auch wenn der Run auf die Handkreisel bei uns erst jetzt eingesetzt hat, so ganz neu sind sie nicht. In den USA wird das kleine Anti-Stress-Spielzeug bereits seit einigen Jahren zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Insbesondere bei der Arbeit mit Kindern, die unter neurobiologisch bedingten Erkrankungen wie einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung oder Autismus leiden, werden Fidget Spinner gerne und erfolgreich eingesetzt.

Dabei sind die Drehscheiben eigentlich denkbar simpel aufgebaut. In der Mitte der meist dreiarmigen Kreisel aus Kunststoff oder Metall befindet sich ein Kugellager, das man mit Daumen und Zeige- oder Mittelfinger festhält und dann den Spinner mit ordentlich Schwung zum Rotieren bringt. Abhängig von der Geschicklichkeit des Spielenden und der Qualität des Kugellagers dreht sich das Gadget nun für einige Zeit von alleine und bietet so die Möglichkeit für alle mögliche Tricks.

Dabei ist die Tatsache überaus motivierend, dass sich bemerkenswert schnell Erfolgserlebnisse einstellen. Wenn man einmal ein Gefühl für das „Drehmoment“ gewonnen hat, ist der Schritt nicht mehr groß, den Spinner die Finger oder sogar die Hand wechseln zu lassen oder sogar über die Fingerspitzen zu tanzen. Die Variationen an Kunststücken scheinen unbegrenzt, nur sollte man im Voraus bedenken, welche Tricks man probieren will, denn manche funktionieren mit einem Tri-Bar Spinner besser, andere wiederum mit einem Dual-Bar Spinner.

Wer hat’s erfunden?

Nein, ausnahmsweise mal nicht die Schweizer, sondern die amerikanische Hausfrau Catherine Hettinger für den Eigenbedarf. Schwer erkrankt konnte sie nicht mehr wirklich mit ihrer damals siebenjährigen Tochter spielen und erfand daher ein Spielzeug mit dem die sich ablenken und beruhigen ließ. Das funktionierte so gut, dass sie den Handkreisel 1997 zum Patent anmeldete. Wer nun denkt, dass sie ähnlich wie der ungarische Bauingenieur und Architekten Ernő Rubik, der 1974 seinen Zauberwürfel auf den Markt brachte, ein Vermögen gemacht hat, täuscht sich gewaltig.

Die Erfinderin bewarb sich zwar mit dem Prototyp bei mehreren namhaften Herstellern, doch niemand wollte ihre Kreisel produzieren. 2005 hätte Hettinger dann das Patent eigentlich erneuern lassen müssen, aber da ihr sowohl die dafür nötigen 400 Dollar, als auch der Glaube an eine Serienfertigung fehlten, ließ sie den Urheberschutz verfallen. Das dürfte die mittlerweile 62-jährige heute, nur zwölf Jahre später, ziemlich bereuen.

Denn die Teile machen nicht nur Spaß, sondern funktionieren wirklich! Das liegt gewissermaßen an einer Unterforderung der Bereiche im Gehirn, die für körperliche Bewegungen zuständig sind. Bei langen Sitzen, Büroarbeit oder Lernen lösen diese dann unwillkürlich beispielsweise Bewegungen wie Zappeln, Stuhlschaukeln, permanentes Klicken eines Kugelschreibers, Fingernägelkauen, Trommeln der Tischplatte aus. Diesen Drang kann man durch die rotierenden Kreisel deutlich, wenn nicht sogar komplett, reduzieren.

Zappelphilipp 2.0

Ein Fidget Spinner kann so tatsächlich dem Verhalten eines „Zappelphilipps“ vorbeugen. Nicht umsonst stammt das Wort „Fidget“ aus dem Englischen und bedeutet nichts anderes als Zappelphilipp. So kann nicht nur tatsächlich spürbar Stress abgebaut, sondern auch wirksam die Symptome von ADS und ADHS gelindert werden. Dabei stört das Spielen mit dem Spinner niemanden, da es praktisch kaum zu hören ist. Die Mitmenschen werden das sehr zu schätzen wissen und es solle bereits erste Fälle gegeben haben, dass Bürogemeinschaften an bisherigen Tischplattentrommlern und Kugelschreiberklicksern Spinner verschenkt haben.

Aber Vorsicht mit solchen Präsenten! So ganz ungefährlich sind die Scheiben nicht, insbesondere dann nicht, wenn es sich um schludrig hergestellte Plagiate aus Fernost handelt. Der Zoll am Frankfurter Flughafen hat unlängst erst 35 Tonnen der Fingerkreisel aus China beschlagnahmt, die für kleine Kinder eine echte Gefahr hätten bedeuten können. Bei den Spielzeugen ließen sich LED-Lichter und Batteriezellen ganz leicht herauslösen, die einmal verschluckt für große gesundheitliche Probleme sorgen können. Also in jedem Fall im kompetenten Fachhandel mit den Gadgets versorgen.

Dann kann man sich zwar immer noch hübsch zumindest die Ecken der Schneidezähne abhauen, wie es vermehrt Kindern in den USA mit ausreichend Drehzahlen gelungen sein soll, aber dann wenigstens mit Qualitätsware. Immerhin gelten die Teile als Erben des Rubik Cube, wenn gleich sie deutlich weniger geistige Beweglichkeit erfordern, aber im Zweifelsfalle entspricht das ja eher dem aktuellen Zeitgeist. Nur eins ist sicher – das nächste große Ding wartet schon um die Ecke.

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Expertin:

Fachfrau Haga aus dem „spielbar“ ist eine absolute Koryphäe in Sachen Spielzeug und hat schon so manchen Trend kommen und gehen sehen:
„Der Hype ist im Saarland und Saarbrücken angekommen. In den Staaten sind die Spinner ja schon etwas länger ein Thema, aber jetzt sind wir hier als Fachhändler im Nauwieser Viertel seit ein paar Wochen mittendrin. Manchmal kommen hier direkt nach Schulschluss Kinder mit roten Köpfen und Hochpuls durch die Tür. Das ist schon echt krass! Ursprünglich wurde ich darauf aufmerksam im Zusammenhang mit ADHS, aber mittlerweile gesellen sich bei den Kunden zu den Kindern und Schülern auch jede Menge Erwachsene bis hin zu den Chefetagen. Da geht es dann um echtes Anti-Stress Management. Unser Angebot reicht deshalb auch von einfachen Spinnern für um die sechs Euro bis hin zu richtig schicken High End Modellen, beispielsweise aus Titan, für etwa 30 Euro. Außerdem der Trend ganz klar zum Zweit- oder Dritt-Spinner. Der große Hype wird uns wohl bis zum Ende der Sommerferien erhalten bleiben, so zumindest unsere Prognose als Fachgeschäft, aber im Sortiment behalten wir die Spinner in jedem Fall, gerade die etwas ausgefalleneren Teile und die Edelschiene.“

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Testimonials

Noch nicht wirklich in der Schule, ist Henri doch schon ausgewiesener Spinner-Fan und nutzt auch schon mal längere Autofahrten zum Training:
„Was ich cool finde, dass man die Dinger so richtig beschleunigen kann und dann coole Tricks mit denen machen kann. Dabei sehen sie toll aus, wenn sie sich drehen, manchmal als ob sie dicker werden oder als ob sie sich aufblähen. Und es ist cool, dass man sich damit richtig gut die Zeit vertreiben kann, wenn irgendwas länger dauert und man warten muss.“

Auch Frau Marken im Tabak-Kiosk-Lottoladen mitten auf der Bahnhofstraße hat die Fingerkreisel im Programm:
„Seit ein paar Wochen haben wir die Spinner im Angebot und mit der großen Nachfrage so gar nicht gerechnet. Ich dachte halt das läuft so mit, aber die Resonanz ist schon sehr groß. Man sieht sie ja tatsächlich überall und ich denke sogar, das kommt jetzt erst richtig. Es gibt ja auch inzwischen welche mit Lichtern und allem Möglichem, da wollen viele bestimmt noch erweitern“

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