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Grüne Tomaten schlafen wütend

Kaffee mit MILF

MILF (engl.): Akronym von „Mom I’d like to f***”; frei übersetzt: „Sehr attraktive Frau mit Geburtsjahr vor 1980, in deren Handy mehr Telefonnummern von Männern zu finden sind als im örtlichen Telefonbuch; kennt mehr Stellungen als ein Weltkriegs-Historiker und verbringt Samstagabende im Gegensatz zu weniger attraktiven Gleichaltrigen nicht mit dem Lesen von „Fifty Shades of Grey“, sondern damit, alle drei Bände nachzuinszenieren; Familienstand ledig oder leidig.“…

Während bei einem Stadtmagazin mehr als dreißig Jahre Erfahrung in der Party- und Clubszene beste Vorraussetzung sind, auch weiterhin im Nachtleben vorne mitzumischen, gilt Selbiges nicht unbedingt auch bei Frauen. Wo dem einen für makelloses Äußeres wenige Minuten Bildbearbeitung vor dem Redaktions-PC genügen, kommen die anderen selbst nach einigen Stunden Gesichtsbearbeitung vor dem Badspiegel nicht mehr auf Hochglanz. Mit Blick auf die Vierzig müssen Frauen sich leider damit abfinden, nicht mehr auszusehen wie Models auf dem Titel der Vogue, sondern mehr und mehr wie Models auf dem Titel des Goldenen Blatt. Während Männer mit zunehmendem Alter interessanter und gelassener werden, werden Frauen uninteressanter und alleingelassener. Das hat die Natur nun einmal so vorgesehen…

Wie bei Zeitschriften hinterlassen Gebrauch und Sonnenlicht auch bei Frauen Spuren. Sie werden grau und faltig, so dass man als Mann froh ist, wenn man das abgegriffene eigene Exemplar an den Nachbarn abtreten kann und selbst keine Mühe mehr damit hat. Ob ein in die Jahre gekommenes Stadtmagazin oder eine in die Jahre gekommene Frau, im Laufe der Zeit war auf und in beiden einiges, auf das man im Laufe der Zeit getrost hätte verzichten können. Beide warten in großer Stückzahl in Diskos darauf, mit nach Hause genommen zu werden. Wobei heiße Mädels mit Pfirsichhaut zu Anfang eines Heftes mehr Zuspruch finden als fröstelnde Mütter mit Orangenhaut zum Ende eines Abends. So werden eben lieber druckfrische Magazine abgegriffen, die kostenlos sind, als nicht mehr taufrische Frauen angegriffen, die billig sind…

Neues durchblättern macht nun einmal mehr Spaß als Altes entblättern. Während jede Zeitschrift einmal im Altpapier landet, gehören Frauen irgendwann zum Alteisen. Sich dessen bewusst, erreichen Frauen, die es bis Ende Dreißig nicht geschafft haben, sich vom Chef schwängern zu lassen oder beim Kauf von Katzenstreu ihren Traumprinzen zu treffen, dem eine kratzende Muschi gefällt, einen Punkt, an dem selbst neue Schuhe nicht mehr glücklich machen und sie erkennen, dass stets braves zur Arbeit gehen und Auffrischen der Tetanusimpfung nicht alles sein können. Da die einstigen Lebenspläne aus dem Kindergarten, Prinzessin zu werden oder Mutter einer Großfamilie, nicht mehr umsetzbar scheinen, gilt es, einen radikalen Neuanfang zu starten und das bisherige Leben durch etwas völlig Neues zu ersetzen…

Manche Frauen versuchen in dieser Neufindungsphase durch andauernde Urlaube von anderen beneidet und interessanter zu werden. Wer nicht nur mit Bikini-Selfies vor der Fototapete im Keller vorgibt, in der Welt unterwegs zu sein, sondern wirklich verreist, den zieht es als Single-Frau fern der Zwanziger auch gerne einmal in die Dominikanische Republik, wo die Tierwelt beeindruckend und jeder gut zu Vögeln ist. Auch mit deutlich über Dreißig werden Frauen dort noch wie Menschen behandelt und erleben dank der einfühlsamen Zuwendung Einheimischer hautnah traditionelle Einführungen, die nicht nur spirituell tiefe Erfüllung bringen. Ein derartiges All-Inclusive steckt danach zwar noch länger in den Knochen, beschert rund neun Monate später jedoch nicht selten Schwarz auf Weiß ein unvergessliches Urlaubsandenken…

Wer als Frau aufgrund von Veranlagung oder Aussehen nicht als MILF taugt, widmet sich oft der Esoterik. Wenn es mit der Partnerfindung nicht funktioniert, wird eben die Selbstfindung neuer Lebensinhalt. Bei jüngeren Frauen ist eine neue Frisur Zeichen für einen neuen Lebensabschnitt, bei älteren ist es gleich ein neuer Lebensstil. Dazu wird schon einmal der Job gekündigt und sich als Künstlerin verwirklicht. Es fördert Harmonie von Körper und Geist, wenn man erkennt, dass man sich die Begabung zum Töpfern aus der vierten Klasse erhalten hat. Zorn wird nicht mehr in sich hinein gefressen, sondern in Origami und Makramee verarbeitet, und keine Entscheidungen mehr getroffen, die vorher nicht ausgependelt wurden. Frauen lernen so, dass nicht sie selbst Schuld am Pech in der Liebe sind, sondern stets nur die Männer…

Bei vielen esoterisch angehauchten Frauen Ü35 geht es um innere Reinheit, auch wenn diese nicht unbedingt auch das Innere ihrer Wohnung mit einschließt. Diese verwandelt sich nicht selten in ein Lager für Kerzen, Räucherstäbchen und Blütenpotpourris, ohne die eine Neuausrichtung des weiblichen Lebens unmöglich scheint. Seidenschals an den Wänden und Kissen am Boden verwandeln eine eben noch moderne Mietwohnung in eine übergroße Vulva, die menopausennahe Gleichgesinnte dazu einlädt, ihren Gefühlen bei Meditationsmusik oder Dildoschulungen freien Lauf zu lassen. Oma wäre glücklich, wenn sie noch miterleben dürfte, wie ihre Enkelin bei Fruchtbarkeitstänzen die vererbten Gardinen mit der Goldkante aufträgt. Eine ganz neue Art an Kleidern von der Stange…

Die postkoitale Lebensumstellung geht bis in die Küche. Lud man früher Freundinnen zu Pasta und einem Film ein, sind nun ayurvedische Küche und Gesprächsrunden angesagt. Wo einst Proseccokorken knallten, knistert nun Kandiszucker im Chai-Latte. Gegessen wird nur, was auch gegessen werden will. Egal was das auch ist, es ist mit Kurkuma und Ingwer gewürzt und soll wie ein Blumenstrauß der Sinne schmecken, auch wenn es eher an Gießwasser vom Friedhof erinnert. Obligatorisch ist die Verwendung von Salz aus dem Himalaja, das im Einklang mit dem Geiste des Dalai Lama abgefüllt wurde. Das eigene Wohl und das der Welt stehen in engem Bezug. Insofern ist klar, dass sich Frauen in Selbstfindung auch für Tibet, die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mensch und für mehr Rechte für Linkshänder einsetzen…

Wenn einer Frau schon nicht vergönnt ist, das Wunder der Geburt selbst zu verspüren, will sie zumindest durch einen Meditationskurs an der Volkshochschule lernen, wie es sich anfühlt, als Embryo auf einer Gymnastikmatte zu kauern und zu Wehen vom Tonband zu weinen. Großen Anklang finden auch Séancen, in denen es Schutzengel zu treffen gilt, die sagen, was im Leben falsch läuft. Und falsch läuft einiges, wenn man Geld an jemanden zahlt, der vorgibt, mit Toten kommunizieren zu können. Wer der Ansicht ist, Uri Geller hatte einen Knick im Löffel, stößt bei solchen Treffen auf Menschen, denen mehr als nur eine Tasse im Service fehlt. Interessant dabei: Frauen mögen Steaks nicht gern medium, weil das tote Fleisch dann noch lebendig ist. Sie mögen jedoch Menschen gern als Medium; aus genau dem gleichen Grund…

Trotz all der wirren Anflüge weiblicher Selbstfindung finden auch jüngere Männer Frauen ab Ende Dreißig durchaus noch attraktiv. Vielleicht sollte ich mich auch einmal mit so einer Frau treffen. Erst einmal ganz unverhofft zu einem Kaffee mit MILF! Post von Frauen Ü35 an: gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Pilates war übrigens nie römischer Statthalter.

 

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