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Grüne Tomaten schlafen wütend

Nur ein Katzenwurf entfernt

Was wäre die deutsche Sprache ohne ihre endlose Zahl an Doppeldeutigkeiten und geflügelten Worten, die uns tagtäglich begleiten und jeden Nichtmuttersprachler zur Verzweiflung bringen. Als gäbe es im Alltag nicht bereits genug Gelegenheiten, seinen Gegenüber falsch zu verstehen. Vor allem, wenn es sich beim Gegenüber um das andere Geschlecht handelt und es um die Frage geht, ob zum Angebot, spätabends noch mit auf einen Kaffee raufzukommen, neben Milch und Zucker auch noch das Frühstück am nächsten Morgen gehört. Fatal, wenn Sie beim romantischen Spaziergang ankündigt, dass der Abend mit Blasen enden wird, Er jedoch nicht ahnt, dass nicht etwa seine Attraktivität, sondern vielmehr ihre neuen Schuhe der Grund dafür sind…

Kaum ein Buch oder Küchenwandkalender und erst recht keine Uni-Abschlussarbeit kommt ohne gedankenschwere Sinnsprüche aus, die die vermeintliche Tiefgründigkeit des Werks und dessen Bedeutung für Leben und Universum betonen sollen. Da Weisheiten von Tante Walburga sich dafür jedoch meist weniger gut eignen als diejenigen altchinesischer Gelehrter oder abendländischer Philosophen, werden letztere in der Regel öfter zitiert als die Schwester des eigenen Vaters, auch wenn Konfuzius, Kant und Co. dank Absinth und Opiaten weit weniger zurechnungsfähig gewesen sein dürften als die olle Burgel. Somit werden aus im Rausch entstandenen Aussprüchen mit fraglichem Sinn Lebensweisheiten, die uns im Leben leiten sollen, aber meist eher leiden lassen…

Sprichwörter stehen ganz oben auf der Liste zitierter Weisheiten. Sie sind wie Steuerbescheide oder Briefe von einem Rechtsanwalt: Obwohl sie in der gleichen Sprache verfasst zu sein scheinen, die man spricht, sind sie kaum zu verstehen. Man kennt zwar die einzelnen Wörter, aus denen sie sich zusammensetzen, hat aber keinen Schimmer, welchen Sinn diese im Zusammenhang ergeben sollen. Sprichwörter im Alltag sind daher wie Geschlechtsteile in der Pubertät: Man benutzt sie, weil alle es tun, jedoch zu oft und ohne zu wissen, ob nun richtig oder falsch. Für Sprichwörter gilt daher wie für Geschlechtsteile: Vorsicht im Umgang – vor allem in der Öffentlichkeit – und nicht zu viele in den Mund nehmen. Insbesondere, wenn es diejenigen sind, die auch andere dauernd benutzen…

Das Problem an vielen Sprichwörtern ist, dass sie oft schlichtweg lügen. Wem wurde als Kind nicht auch eingebläut, dass Lügen kurze Beine haben und Geduld belohnt wird. Wer als Erwachsener daher kleinen Frauen grundsätzlich misstraut und nur größere nach ihrer Handynummer fragt, wird schnell merken, dass auch eine Körpergröße über 1,80 m keine Garantie dafür ist, dass man beim Versuch, die neue Liebe anzurufen, nicht doch bei einem Pizzaservice im Nirgendwo landet. Da kann Mann auch noch so geduldig auf seine Belohnung warten, aber aus einem alten Italiener am anderem Ende der Leitung, der eine Bestellung erwartet, wird auch nach einem Dutzend Anrufe keine junge Italienerin, die einen Rückruf erwartet. Das Leben ist halt kein Ponyschlecken…

Was sollen die ganzen vermeintlichen Weisheiten? „Morgenstund hat Gold im Mund“ galt vielleicht bei meiner Oma. Die hatte schließlich noch Goldkronen auf den Zähnen. Egal wann ich jedoch das Bett verlasse, bleiben das einzige, was in meinem Mund zu finden ist, Amalgam und Dönerreste. Und dafür lohnt es sich wohl kaum, Frühaufsteher zu werden. Da wäre man ja schön blöd. Und blöd sind ja eher Frühaufsteher statt Langschläfer. Sonst hieße es ja nicht „Jeden Morgen steht ein Dummer auf“. Wer nach einer Partynacht morgens in der Küche auf eine leere Dose Katzenfutter stößt, obwohl er gar kein Haustier hat, dürfte zudem kaum die Ansicht teilen, dass Hunger der beste Koch ist. Selbst wenn er einen tierischen Kater hat. Was das „e“ von Kitekat im Vergleich zu Kitkat doch ausmachen kann…

„Wer A sagt, muss auch B sagen“? Wenn das so wäre, warum halten Zahnärzte sich dann nicht daran? Dort kommt nach dem A nie ein B, sondern stets ein Weh. „One Apple a day keeps the dentist away” stimmt auch nur so lange man sich keinen Zahn am Obst ausbeißt. Knoblauch ist da viel effektiver, um sich den Zahnarzt vom Leib zu halten. Und was „Ende gut, alles gut“ angeht, trifft das sicherlich auf die Lindenstraße zu, nicht aber auf das Kalenderjahr, das stets mit Familienstreit unterm Christbaum endete und durch gegenseitiges Anschweigen immer eine ganz besondere „Stille Nacht“ beschert. „Großes entsteht immer im Kleinen“ mögen übrigens allenfalls Eltern beim Blick in die volle Windel ihres Kindes bestätigen. „Ein Lächeln sagt mehr als tausend Worte“? Ein Mittelfinger auch…

Wer hat sich all diese Sinnsprüche einfallen lassen und warum? „Angst verleiht Flügel“? War das nicht Aufgabe eines Energy-Drinks? „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ hört sich wie die Werbung einer Versicherung für die Bestatter-Branche an, die für Unfallpolicen wirbt. „Ehrlich währt am längsten“ glaubt auch niemand mehr, der mit seinem ehrlichen 40 Stunden-Job weniger verdient als sein arbeitsloser Nachbar mit zwielichtigen Internetgeschäften nach 20 Uhr. Und dass schlecht gefahren besser ist als gut gelaufen, sollte man auch keinem sagen, der statt zwei Minuten die Treppe zu nehmen, zwei Stunden in einem defekten Aufzug feststeckt. „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“? Das hat den Autoren von DSDS, GNTM und GZSZ scheinbar auch noch niemand gesagt…

Manche Redewendungen sind drüber hinaus sogar gefährlich. Selbst erfahrene Dachdecker sollten sich nicht darauf verlassen, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Wer der Ansicht ist, dass der, der zuletzt lacht, auch am längsten lacht, sollte sich bewusst sein, dass den Letzten auch die Hunde beißen. Zumindest solange diese nicht bellen. Es mag zwar irgendwie stimmen, dass Zeit alle Wunden heilt. Dennoch sollte man das Aufsuchen eines Arztes ernsthaft in Erwägung ziehen, wenn man nach dem Rasenmähen weniger Zehen am Fuß hat als zuvor. Ich habe mich letztens übrigens im Büro schlimm am Kaffee verbrüht, weil ich ihn mit bloßem Finger umrühren musste. Nur weil mein Kollege Angst hatte, den Löffel abzugeben…

Dass alles Gute von oben kommt, wird darüber hinaus wohl jeder bestreiten, bei dem eine Taube ihre Notdurft über dem gerade frisch gewaschenen Auto verrichtet hat. Da schlägt es schnell einmal Dreizehn. Apropos Taube: Besser die Stumme im Bett als die Taube auf dem Dach. – Nur ein Katzenwurf entfernt…  gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

 

P.S. Die Stoßstange ist aller Laster Anfang.

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