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Grüne Tomaten schlafen wütend

Kein Entkommen

Wer nach einer Partynacht morgens in den Spiegel schaut oder beim Öffnen der Haustür plötzlich Zeugen Jehovas gegenübersteht, dem wird bewusst, dass es Momente im Leben gibt, auf die man lieber verzichten würde, bei denen es jedoch kein Entkommen gibt. Niemand möchte im Swingerclub den eigenen Eltern begegnen oder nach ein paar Monaten Besuch von einer Tinder-Bekannten mit dickem Bauch bekommen. Keiner mag im Urlaub seine Exfreundin mit neuem Partner oder seinen Chef treffen, geschweige seine Exfreundin im Urlaub mit seinem Chef als neuem Partner…

Leider sind unliebsame Begegnungen im Alltag nicht immer so einfach zu vermeiden und oft auch nicht immer so einfach zu vergessen. Während das eigene Gehirn keine Probleme damit hat, die Erinnerung daran zu löschen, wo man gerade eben seinen Schlüssel oder seine Hose hingelegt hat, speichert es mit scheinbarer Vorliebe peinliche und unrühmliche Erlebnisse aus der Vergangenheit, die man lieber jetzt als gleich vergessen würde, auf ewig ab wie einen nervigen Ohrwurm von DJ Bobo, um einen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit damit zu piesacken….

Zu Momenten ohne Entkommen, die man lieber vergessen würde, zählt auch ein Auffahrunfall, bei dem man feststellt, dass man die Geschädigte früher bereits einmal angebumst hat und schon damals wegen ihrer verbeulten Hinterseite geflüchtet war, ohne eine Nummer zu hinterlassen. In diesem Augenblick wäre man lieber Außerirdischen als seiner Erinnerung ausgeliefert. Vor allem wenn man bei der Unfallaufnahme dann auch noch an die Polizistin gerät, die man nach einem Date nie wieder angerufen hat und die einen nun ebenso schnell aus dem Verkehr zieht, wie man sich damals selbst…

Auch beim Einkauf kommt es oft zu Situationen, aus denen es kein Entrinnen gibt. Ein Mann kennt das, wenn er an der Supermarktkasse zu spät bemerkt, dass vor ihm genau die attraktive Kollegin steht, der er stets von seinen Kochkünsten vorschwärmt, um sie zu beeindrucken und er statt Chardonnay, Baguette und Lachs bloß Sangria, Toast und Fischstäbchen im Einkaufswagen hat. Unangenehmer ist da wohl nur noch, auf seine erzkatholische Tante Walburga zu treffen, wenn man auf dem Kassenband nur Kondome und eine Gästezahnbürste liegen hat…

Grundsätzlich sollte man versuchen, Bekannte beim Einkaufen zu meiden. Zu groß ist die Gefahr, Dinge zu erfahren oder preiszugeben, die besser im Verborgenen bleiben. Zwar lässt sich aus einer Tüte Milch außer der Tatsache, dass man wohl keine eigene Kuh hat, wenig Peinliches rückschließen, aus einer Großpackung Tampons, die dazu ausreicht, eine Stadt hochwasserfrei zu halten, dafür umso mehr. Im Grunde will niemand wissen, ob Freunde feuchtes Toilettenpapier benutzen und was der alleinstehende Nachbar mit dem Babyöl vorhat, das er im Einkaufskorb hat…

Neugier ist das eine, ruhig schlafen können das andere. Um beim Einkauf nicht allzu blöd dazustehen, habe ich persönlich stets Bioreiniger, Naturjoghurt und fair gehandelten Kaffee im Einkaufswagen, egal ob ich diese brauche oder nicht. Das zeigt Bekannten, die ich treffe, dass ich auf Sauberkeit und Umwelt achte, mich gesund ernähre und für Gerechtigkeit in der Welt bin. Auch Eier, Mehl und Margarine gehören zu jedem Einkauf, da sie annehmen lassen, dass man die Flasche Rum daneben fürs Backen benötigt und nicht für die Flasche Cola, die zuhause schon kalt steht…

Die unangenehmsten Momente beim Einkauf tragen sich jedoch nicht an der Kasse oder an der Frischetheke zu, wo Rentner sich Wurststücke mit bloßen Händen in die Manteltaschen stopfen, sondern auf Rolltreppen. Dann nämlich, wenn einem dort ein alter Schulkamerad entgegenkommt, dem man jahrelang erfolgreich aus dem Weg gehen konnte. Während auf offener Straße ein Wechseln der Wegseite oder ein vorgetäuschtes Handytelefonat probate Mittel wären, ein ungewolltes Gespräch zu vermeiden, bieten Rolltreppen keinerlei ausreichende Fluchtmöglichkeiten…

Ein Entkommen nach vorne verhindern meist andere Kunden, ein Fliehen nach hinten würde für mehr Aufsehen sorgen, als einem lieb wäre. Wer sich nicht wie ein Chamäleon unsichtbar machen kann, muss sich nun mit der Frage auseinandersetzen: Ist das, was einem im wahrsten Sinne des Wortes entgegenrollt, wirklich der alte Schulfreund oder doch dessen Vater? Dreißig Jahre und gleich viele Kilo erschweren oft die eindeutige Zuordnung. Wohl dem, der zur Schulzeit eine Brille hatte und jetzt Kontaktlinsen trägt: Er kann guten Gewissens vorgeben, zu übersehen, was nicht zu übersehen ist…

Ausweglos gleitet man auf jemanden zu, von dem man nicht weiß, ob es bei ihm bleibende Schäden hinterlassen hat, dass er im Schullandheim der siebten Klasse eine Nacht im Schrank eingesperrt war. Am liebsten möchte man nachfragen, aber man will keine alten Wunden aufreißen und am Ende dafür verantwortlich sein, dass ein Mann von mittlerweile über Vierzig am Abend vor dem Kleiderschrank seiner Kinder heulend zusammenbricht. In einem solchen Augenblick kommt auf einer Rolltreppe zu stehen der Situation gleich, in einem Auto ohne Bremsen auf eine Klippe zuzusteuern…

Je weiter sich der Gegenüber nähert umso langsamer scheint sich die Rolltreppe zu bewegen. Wie bei einem Duell verstreichen Sekunden in Zeitlupe bis zum Moment, an dem man sich in die Augen blickt und Ignorieren nicht mehr möglich ist, ohne dumm dazustehen. Man zieht den Bauch ein, setzt ein gekünsteltes Lächeln auf und während von der Gegenseite nur ein „Hallo“ kommt, sprudelt aus einem ungewollt ein „Sorry wegen der Schranksache“ heraus. Und während beide Seiten danach wortlos weitergleiten, wird einem bewusst, dass Ignorieren wohl doch die bessere Alternative gewesen wäre…

Außer dass sie lästige Stufen ersparen, ist das einzig Gute an Rolltreppen – wie auch an Unwettern – dass alle bösen Überraschungen, die sie mit sich bringen, von selbst vorüberziehen. Die Frage ist nur, welchen Schaden sie hinterlassen. Vielleicht sollte man aber auch ganz froh sein, wenn man seine Knutschfreundin aus der Mittelstufe nur auf einer Rolltreppe wiedertrifft, statt irgendwo, wo sie einem gestehen kann, dass nach Scheidung zwei, Kind drei und Hartz 4 in ihr die Liebe von früher wieder aufgeflammt ist. Da gäbe es dann kein Entkommen… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Das Risiko bei einem Defekt stundenlang festzustecken, ist bei Rolltreppen geringer als bei Aufzügen.

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