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Grüne Tomaten schlafen wütend

Kinderlos? Ahnungslos!

Es gibt Dinge, über die spricht ein Mann nicht mit anderen, nicht einmal mit seinen Freunden. Über das Gehalt oder den One-Night-Stand mit der Schwester des besten Kumpels zum Beispiel. Auch Vorlieben für das Tragen von Frauenkleidern oder den Besuch von Tupperpartys zählen zu den Tabus, die Männer außerhalb des Beichtstuhls nicht thematisieren. Mit dazu gehört aber auch die Erziehung der eigenen Kinder. Zumindest dann, wenn man sich als Vater mit einem männlichen Gegenüber unterhält, der selbst keinen Nachwuchs hat. Denn mit Kinderlosen über Kinder reden, das wäre so, als würde sich ein Sehender mit einem Blinden über Farbe unterhalten oder ein Mann mit einer Frau über Fußball…

Zwar hat die Gleichberechtigung mit Errungenschaften wie der gleichgeschlechtlichen Ehe, Männerkochkursen und Frauen als Fußballkommentatorinnen einst unvorstellbare Erfolge erzielt, jedoch ist es auch im 21. Jahrhundert noch immer völlig inakzeptabel, dass jemand, der selbst nichts zum Erhalt der Menschheit beigetragen hat, eine Meinung zu Kindern und deren Erziehung hat. Während fundamentale Veganer mittlerweile überall akzeptiert sind, werden gemäßigte Kinderlose, die sich bloß an Gesprächen über Nachwuchs beteiligen wollen, selbst von ihren eigenen Verwandten fassungslos angestarrt, so wie damals Onkel Thomas als er bekannt gab, dass er zukünftig Tante Sabine sein will…

Toleranz wird in unserer Gesellschaft hochgeschätzt, hat aber offenkundige Grenzen. Nach dem Aus der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM wurde jedem auch ohne Trainerausbildung eine Meinung zugestanden, warum es nicht lief. Nach der US-Präsidentenwahl durfte jeder auch ohne Politikstudium oder Friseurlehre sich äußern, was im Argen liegt. Aber Kinderlose mit Meinung zu Kindern? Enkellose Großeltern schämen sich heutzutage für nachwuchslose Söhne und Töchter und hoffen insgeheim, dass diese homosexuell sind, damit gegenüber Nachbarn ein gesellschaftlich akzeptierter Grund vorgebracht werden kann, warum gesunde, gut aussehende Deutsche mit Vierzig noch keine Familie gegründet haben…

Selbst wenn man als Kinderloser von Freunden mit Familie geschätzt wird und derjenige ist, der als Erster gefragt wird, wenn es um Rat in einer Krise, Beistand bei einem Trauerfall oder ein Alibi nach einen Seitensprung geht. Wenn es sich um Kinder dreht, wird jedem, der Verhütung erfolgreich praktiziert, die Eignung abgesprochen, eine Meinung haben zu können. Weder Patenkinder noch Kinder von Geschwistern reichen als Referenz, dass die eigene Erfahrung mit Heranwachsenden weniger als dreißig Jahre her ist. Kinderlos bedeutet ahnungslos. Und wer selbst keine Kinder auf seiner Lohnsteuerkarte hat, hat eben kein Recht mitzureden, wenn es um Schnuller, Windeln, Impfung und Co. geht. So wie ein Beamter auch nicht mitreden kann, wenn es um Arbeit oder Stress geht…

Pfarrer und Bestatter genießen weithin Akzeptanz, da sie einem beistehen, wenn man Rat sucht. Ihrem Urteil über den Tod schenkt man Glauben, ohne zu kritisieren, dass sie nicht wissen können, wovon sie reden, solange sie nicht selbst tot sind. Mit der Akzeptanz Kinderloser ist das anders. Ihre Meinung wird weniger geschätzt als die der Zeugen Jehovas, denen man einfacher als kinderlosen Freunden die Türe vor der Nase zumachen kann. Dabei ist es bei Ratschlägen Kinderloser viel einfacher herauszufinden, ob sie zum Erfolg führen als bei denen von Pfarrer und Bestatter. Vielleicht sind Ansichten von jemandem ohne notorischen Schlafmangel, Indoktrination durch Erziehungsratgeber und LEGO-Teilen in den Fußsohlen gar nicht mal so falsch…

Verachtung zeigen Eltern, die sich wegen Kindern nicht mehr anfassen, gegenüber Nichteltern, die Kinder anfassen, um sie darauf hinzuweisen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Um beurteilen zu können, ob ein Hund gut erzogen ist, braucht man schließlich auch nicht unbedingt selbst einen zu haben, geschweige denn Blogs über Welpen gelesen oder Kurse für werdende Hundehalter besucht zu haben. Es genügt darauf zu achten, was der Kleine anstellt, wenn er sich unbeobachtet fühlt, und ob sein Hundeblick Herrchen und Frauchen beschwichtigt, wenn er wieder etwas angestellt hat. Was das angeht, sind junge Zwei- und Vierbeiner recht ähnlich. Abgesehen davon, dass beide in sich reinstopfen, was vor ihre Füße fällt, und herzzerreißend heulen, wenn sie nicht beachtet werden…

Allen so lebenserfahrenen Jungeltern sei gesagt, dass auch wir Nichteltern – selbst wenn wir nicht wissen, wie es ist, geschweige denn wie es aussieht, wenn sich ein gebärender Genitalbereich zum Scheunentor weitet – uns zutrauen, beurteilen zu können, ob ein zu Boden gefallener Schnuller zum augenblicklichen Kindstod führt, wenn man ihn bloß kurz abwischt statt ihn stundenlang in Hygienespülung auszukochen. Dank jahrelanger Erfahrung mit blassen Hähnchenschenkeln in der Kantine können wir durchaus abschätzen, wann zarte Knochen brechen. Dennoch würden Eltern Kinderlosen eher eine Flasche Nitroglycerin als die Flasche für ihren Nachwuchs anvertrauen…

Dass ich das Kindesalter überlebt habe, ist – legt man heutige Sauberkeitsmaßstäbe von Akademiker-Eltern zugrunde – ein Wunder. Hatten meine Eltern doch weder eine Zeichentrickkatze, die mir auf dem iPad beibrachte, wie man Hände richtig wäscht, damit sie keimfrei werden, noch eine App, die minutenaktuell vor Pollen, UV-Strahlung und Wespen auf der Spielwiese warnte. Wie ich es ohne gepuffte Quinoasamen geschafft habe, die frühen 1980er mit ihrem überzuckerten Löffelbisquit zu überstehen, ist aus heutiger Sicht nicht zu erklären. Natürlich waren auch meine Eltern damals nicht begeistert, wenn ich den auf dem Spielplatz gebackenen Sandkuchen selbst probierte, jedoch riefen sie danach nicht gleich den Notarzt und einen Bodengutachter…

Als Kinderloser würde ich das nicht verstehen, heißt es oft. Und als kinderloser Mann erstrecht nicht. Dabei habe ich als Mann Ahnung von Autos. Und Kinder sind wie Autos: Es gibt große und kleine, hübsche und hässliche, dicke und schmale, schnelle und langsame, weiße und farbige. Manche sind schnell auf 180, andere kommen nicht in die Gänge. Für manche wird man bewundert, für andere eher nicht. Manche sind das, was man sich immer gewünscht hat, andere das, was man sich nicht aussuchen konnte. Wichtig ist bei beiden, dass sie nicht zu laut sind, nicht stinken, Kraftstoff haben und keine Flüssigkeiten verlieren oder dunkle Spuren hinterlassen. Und selbst wenn man noch so viel Geld in sie steckt, hat man keine Garantie, sie noch einmal loszuwerden, wenn sie einmal älter sind…

Allein die Tatsache, dass ich Kinder mit Autos vergleiche, zeige, dass ich als Gesprächspartner beim Thema Kindererziehung ungeeignet bin? Das sollten wir ausdiskutieren! Kevin! Geh’ Papi und Nichtpapi mal ein Bier holen. Und für Dich eins mit, wenn Du soviel in den Bobby-Car-Anhänger bekommst! Kinderlos? Ahnungslos! …gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Ist es eigentlich elterliche Pflicht, denn Füllstand einer Windel stets erst mit der Nase zu prüfen?

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