• Termine News und Wissenswertes aus Saarbrücken, dem Saarland und der Welt:
Grüne Tomaten schlafen wütend

König der Straße

Letztens stand ich im Stau. Wie so oft waren auch dieses Mal diejenigen Autofahrer der Grund dafür, die völlig davon überrascht worden waren, dass es im Winter schneien kann. Angepasste Fahrweise bei Glätte ist zwar durchaus angebracht, bedeutet jedoch nicht zwangsweise, dass man über die Autobahn schleichen muss als hätte man Nitroglycerin geladen. Dank Sommerreifen, Zigarette in der Linken und Smartphone in der Rechten sollte es auch dieses Mal nur eine Frage der Zeit sein, bis irgendein mit seiner Stirn an der vereisten Windschutzscheibe klebender Fahranfänger seinen uralten Gebrauchtwagen irgendwo in die Leitplanke setzt und damit den Berufsverkehr zum Erliegen bringt…

Während ich normalerweise unruhig werde, wenn absehbar ist, dass ich es nicht pünktlich ins Büro schaffe, fand ich es an diesem Morgen eigentlich recht angenehm, nichts anderes tun zu können als zu warten. Das mag am idyllischen Schneetreiben draußen gelegen haben, aber auch an den Minustemperaturen im Auto drinnen und sicherlich auch an den Abgasen, die wegen des undichten Auspuffs ins Wageninnere zogen. Alle sie setzten meinem Hirn zu, ganz zu schweigen vom Dutzend Mal „Last Christmas“, das ich an diesem Morgen bereits im Radio über mich ergehen lassen musste. Was in mir – wie wohl in jedem – unterbewusst den Wunsch weckte, einfach erfrieren zu wollen…

Die Mischung aus Unterkühlung und Kohlenmonoxidvergiftung ließ mir warm ums Herz werden. Zum ersten Mal seit Jahren verspürte ich so etwas wie Vorweihnachtsstimmung. Es störte mich plötzlich nicht mehr, dass die nächste Autobahnausfahrt unerreichbar weit war und ich die Rettungsgasse nur für Oberklasselimousinen freihielt. Ich geriet ins Träumen, wie schön mein Leben doch hätte sein können, wenn ich die Schule abgebrochen hätte und in einem der prachtvollen LKW sitzen würde, die einer nach dem anderen rechts an mir vorbeizogen, unbeeindruckt von Glätte und Standspur. Diese Männer in ihren tollkühnen Kisten erschüttert nichts, weder Wetter noch Straßenverkehrsordnung…

In einer Zeit, in der Männer mehr wie Cristiano Ronaldo und weniger wie Bud Spencer sein möchten, sind Trucker die letzten echten Männer. Sie haben sich die Männlichkeit bewahrt, die Mann schon im Neandertal kannte. Ihre Aufgabe ist es wie jeher, in die Ferne zu ziehen, um ihre Familie zuhause zu ernähren. Mit dem Unterschied, dass einst der Speer und heute der Kühlergrill ihre Waffe gegen wilde Tiere ist. Auch wenn sie von Gorillas nur zu unterscheiden sind, wenn sie Unterhemden tragen: LKW-Fahrer sind die friedlichsten Menschen überhaupt! Zumindest so lange man ihnen die Vorfahrt lässt und nicht verlangt, mehr als zwei Meter Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug einzuhalten…

Fernfahrer sind die Cowboys unserer Zeit. Statt in den wilden Westen zieht es sie in den öden Osten. An ihrer Seite nur ihre treuen Rösser, die statt vier Beinen wie früher heute sechs Achsen haben und Diesel statt Wasser saufen. Dank 450 Pferdestärken und Doppelbereifung geht es schneller voran als einst mit einem PS und einfachen Hufen. Der Ledersattel wurde durch einen Komfortsitz und das lockere Lasso durch lockere Zurrgurte ersetzt. Wo einmal Cowboyhut und Stiefel waren, sind heute Basecaps und Badelatschen. Wie eh und je Tabak und Revolver in Griffweite, geht es in den Sonnenuntergang. Stets bereit Gebrauch vom Gaspedal zu machen, wenn die Situation es erfordert…

Berufskraftfahrer haben ein Leben in der Prärie der Fernstraßen gewählt, wo nur derjenige überlebt, der schneller ist als andere Verkehrsteilnehmer, und nicht etwa der, der vor Zebrastreifen anhält. Als Asphaltcowboy steht man immer mit einem Fuß auf Vollgas und mit dem anderen im Gefängnis. Treffen die Kutschen zweier Widersacher im Duell aufeinander, kommt es zum Showdown! Zwölf Uhr mittags auf deutschen Autobahnen: Brummi gegen Brummi! Fünf Kilometer Anspannung bei Tempo 80. Da heißt es: Nerven bewahren und die Hand im richtigen Moment am Schaltknüppel haben! Wer verliert, ist im besten Fall tot oder muss sich im schlimmsten Fall hinten einreihen…

Als notorische Outlaws abgestempelt, die mehr Punkte in Flensburg haben als andere bei Payback, sind LKW-Fahrer täglich auf der Flucht vor den Sheriffs der Autobahnpolizei und des Bundesamts für Güterverkehr, die ihnen auflauern, um sie von ihrem hohen Ross zu holen. Hat man im wilden Westen etwa auch Postkutschen angehalten, weil ein Bremslicht defekt war? Früher waren Kutscher auch nie angeschnallt! Wie damals im wilden Westen sind Trucker auch heute noch allabendlich auf der Suche nach einem sicheren Nachtlager und einem Saloon mit Glücksspiel und Frauen. Oder wie es heutzutage heißt: einem Seitenstreifen an einer Raststätte mit Spielothek und Straßenstrich…

Ich bewundere diese Menschen, die unterwegs sind, damit es mein Lieblingstoilettenpapier im Supermarkt täglich frisch gibt. Erfahrene Trucker schaffen es, mit kaum mehr als Sekundenschlaf Tausende Kilometer zurückzulegen, ohne einmal anzuhalten. Vergleichbares vollbringen sonst nur Astronauten. Und die dürfen in ihre Anzüge pinkeln und müssen nicht bei voller Fahrt in eine Wasserflasche zielen! Fernfahrer haben geschafft, wovon ihre männlichen Mitmenschen nur träumen: Sie brauchen sich nicht um Kindererziehung, Familiengeburtstage und Hausarbeit zu kümmern, können jeden Tag Currywurst essen und solange die gleiche Unterhose tragen wie sie möchten…

Trucker wollen keinen Dank, sondern einfach nur Platz auf der linken Spur. PKW-Fahrer werden es nie verstehen, wie schwer es ist, bei Vollgas in dichtem Nebel gleichzeitig Zeitung zu lesen, Fußnägel zu schneiden und Kaffee zu kochen. Keinem Verkehrsteilnehmer sollte daher mehr Respekt entgegen gebracht werden als einem Vierzigtonner auf der Überholspur, der Gefahrgut geladen hat. Weder heranrasende PKW noch Überholverbote können da aufhalten! Drängler interessieren nicht. Selbst Lichtgehupe von Sportwagen verpufft, wenn man erhöht zur Welt im LKW das Leben genießt. Einmal im Führerhaus, will man nie wieder raus, was am deutschen Urinstinkt liegen mag, ein Führerhaus erst zu verlassen, wenn man tot ist oder feindliche Truppen vor der Tür stehen…

Irgendwann werde ich an diesem vorweihnachtlichen Morgen dann jedoch plötzlich aus dem Träumen gerissen. Der Stau löst sich auf und der LKW hinter mir lässt mich mit lautem Hupen wissen, dass ich weiterfahren soll. So ein Blödmann… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Wer hat damals eigentlich den schwarzen Truck bei Knight Rider gefahren?

Previous ArticleNext Article