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Mel´s Mikrokosmos

Kopf voll

Hallo Mikrokosmonauten: Das Gehirn braucht Urlaub!

Es fällt mir immer schwerer, im alltäglichen Chaos den Durchblick zu behalten. Zwischen homosexuellen Ampelmännchen-Diskussionen und „Was könnte ich heute Abend kochen?“ liegen nun mal Welten. Und so muss mein Gehirn unzählige Male am Tag Barrieren durchbrechen und schlussendlich doch gegen Wände laufen, weil es vor der unendlichen Flut an Informationen, Fragen und Sinnlosigkeiten irgendwann kapituliert. Zu viel Input! Zu viel Feuer im Kopf! Das Ganze erreichte seinen Höhepunkt, als ich neulich meinen Schlüsselbund verlegte und ihn ganze drei (!) Stunden erfolglos suchte. Dabei erinnerte ich mich an einen lange verschollenen Bekannten, der mir einmal erzählte, dass seine Oma ihn in solchen Situationen immer angewiesen hatte, sich mit der flachen Hand gegen die Stirn zu hauen und „Kohlrübe“ zu rufen. Und danach würde sich der verlegte Gegenstand angeblich wiederfinden. In meiner grenzenlosen Verzweiflung tat ich genau das. „Kohlrübe“ rief ich und erhielt keine fünf Minuten später eine WhatsApp-Nachricht meines verschollenen Bekannten, was ziemlich komisch war. Darüber hinaus vergaß ich, dass ich ja eigentlich nach meinem Schlüsselbund suchen wollte und dachte: „Hey, nimm dir doch ein Eis aus dem Gefrierfach, du hast jetzt zwei Wochen eisern gefastet – nicht!“. Noch während ich also meinem verschollenen Bekannten eine Nachricht ins Smartphone hämmerte so in der Art: „Alter, wo hast du nur gesteckt?“, und zeitgleich ins Gefrierfach griff, ertastete ich plötzlich zwischen Eispackung und ewig altem Tiefkühl-Spinat meinen Schlüsselbund. Alter, da hat er also gesteckt! Generell nutze ich das Wort „Alter“ übrigens ungern. Es klingt so unweiblich, wenn man so spricht. Aber egal, in diesem Falle war es angebracht, weil ich unfassbar überrascht war, dass ich meine Schlüssel ausgerechnet im Gefrierfach hatte liegen lassen. Und dann dämmerte es mir:

Ich hatte und habe einfach zu viel im Kopf.

Nicht, dass mich das jetzt besonders schlau macht oder so. Nein, ich glaube mittlerweile, dass es im Alltag eher nachteilig ist, wenn der Kopf zu voll ist. Schlussendlich muss man am Ende des Tages immer wissen, wer neben einem im Bett liegt und nicht völlig verblüfft fragen: „Wie war noch dein Name?“. Denn das Gehirn, das weiß man inzwischen, hat auch nur eine begrenzte Speicherkapazität. Und insbesondere auf visueller und akustischer Ebene befinden wir uns jeden Tag aufs Neue auf der Überholspur. Dabei frage ich mich allen Ernstes: „Wollen wir das überhaupt?“. Bestimmt nicht. Und trotzdem lassen wir es uns nicht nehmen, mindestens 80 Mal pro Tag auf unser Smartphone zu schauen. Oder halt nach irgendwas zu schauen. Es gibt Menschen, die gucken ständig, ob das Bügeleisen auch wirklich aus ist. Und machen sich damit nur noch verrückter. Und trotzdem kann man es nicht lassen. Für mich zum Beispiel beginnt jeder Tag damit, dass ich zu allererst mein Smartphone zücke und Facebook oder Instagram checke. Danach füttere ich meine Tiere bei Farmville (ja, ich weiß, ein uralter Hut, aber mir gefällt’s) und kurz darauf gucke ich nach den neuesten Status-Bildern bei WhatsApp. Manchmal checke ich noch die aktuellen News und schließe dabei im Kopf sämtliche apokalyptischen Szenarien aus. Keine Atomkatastrophe. Kein Terroranschlag. Keine Pandemie, die über Nacht die Hälfte der Menschheit ausgelöscht hat. Check. Check. Check. Alles im  Grünen. Und alles in allem saugt mein Gehirn in diesen Minuten so viele Informationen auf, wie ein Staubsauger. Ich komme mir also noch vor sieben Uhr morgens vor wie ein Roboter. Ein Staubsauger-Roboter. Aber ein Roboter, dessen Augen sich vom linken Bildschirmrand zum rechten bewegen. Und so geht das dann den ganzen Tag  weiter. Ich scanne mein Frühstück. 238 Kalorien. Ich zücke das Smartphone und schaue, wie viele Weight Watchers-Punkte Haferflocken haben. Die Katzen miauen. Diesmal die echten, nicht die aus Farmville. Haben Hunger. Katzenfutter darf kein Zucker und möglichst kein glutenhaltiges Getreide beinhalten. Habe ich bei miezmiez.de gelesen. Die Uhr sagt, dass ich gleich fahren muss. Zur Arbeit. Dort prasselt es dann eh bis Feierabend. Mit „prasseln“ meine ich Infos, Gerüche, Geräusche, Gespräche und letztendlich Menschen, die auf mich einprasseln wie ein Platzregen im Sommer. Wissenschaftlich betrachtet spricht man von einer permanenten Reizüberflutung. Und das Gehirn reagiert. Ähnlich wie beim Schlafentzug passiert es nicht selten, dass wir plötzlich aggro reagieren, uns kraftlos fühlen und sogar unter Realitätsverlust leiden. Neulich habe ich mir doch tatsächlich eingebildet, dass der Typ im Hallenbad sich unter Wasser einen von der Palme wedelt oder zumindest angetörnt von all den Frauen im Bad ist und berechnete im Kopf die Sekunden, die er auf seiner Bahn braucht, bis er wendet um mir quasi neben meiner Bahn nur noch kurz und von vorne zu begegnen, weil ich partout nicht Wichsvorlage für einen halbwüchsigen Mitsechziger sein wollte! Das alles spielte sich in meinem Kopf ab. An einem freien Mittwochnachmittag, als ich einfach nur im Hallenbad ausspannen und ein paar Bahnen schwimmen wollte. Selbst dort, an einem Ort der Ruhe, musste ich ernüchtert feststellen, dass in meinem Kopf Dauer-Kirmes ist. Und damit nicht genug. Es ist oft so, dass ich zwar weiß, dass ich lebe, aber das Leben läuft scheinbar an mir vorbei. So viele Dinge, die am Ende des Tages doch unerledigt bleiben. So viele Gedanken, die ich dann mit ins Bett nehme. Und immerzu dieses Gefühl, nicht genug gemacht zu haben.

Ich weiß  ja nicht, wie es euch geht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die Einzige bin, die das dauerhafte Gefühl hat, auf Scherben zu laufen, wo man eigentlich fliegen will und so leicht sein will, wie der Wind. Deshalb habe ich mir ernsthafte Gedanken gemacht, wie man sich aus diesem Desaster befreien kann. Denn Fakt ist, dass es immer mehr Informationen geben wird, als Hirn. Das heißt, wir können einfach nicht alles speichern, was so den lieben langen Tag auf uns einprasselt. Um dem Kollaps vorzubeugen habe ich hier meine persönlichen Top-Drei meiner Anti-Hirnexplosions-Kampagne aufgeführt:

Aufschreiben: Es ist ganz einfach. Das ganze Pensum eines Tages mit all seinen Aufgaben und Pflichten lässt sich besser abarbeiten, wenn man alles aufschreibt. Ich sage immer: Wenn man sich alle tagesrelevanten Punkte notiert und abhakt, kommt alles geordneter im Kopf an. So eliminiert man zwar nicht die Aufgaben, aber hat irgendwie mehr System in allem und das bringt zumindest ein bisschen Ruhe.

Langsamer werden: Eine Mammutaufgabe. Zumindest für jemanden wie mich, der schnell redet, schnell isst und schnell geht. Das Tempo rausnehmen und sich generell weniger vornehmen ist aber genau das, was es braucht, um runterzufahren und dem Kopf ein bisschen Ruhe zu gönnen.

Schlafen: Nichts leichter als das? Denkste. Ich bin eine Verfechterin des langen Schlafs und döse doch so oft im Halbschlaf daher, denke mit einer Hirnhälfte an meinen desaströsen Kontostand, während ich mit der anderen gerade mit Matthias Schweighöfer knutschend in der Limousine hocke. Das muss aufhören! Ich will nur noch knutschen! Und das geht nur, wenn der Schlaf auch gut ist, man loslässt und den Tag mit mehr System und weniger schnell angegangen ist.

Am Ende ist es doch so: Vorab sollten wir anfangen, wichtiges von unwichtigem zu trennen. Das erscheint erst mal schwierig, angesichts der Informations-Flut, die uns tagtäglich erreicht. Aber ich denke, wir wissen selbst am besten, wie wir vorgehen und selektieren müssen, um eben zu erkennen, was man braucht und was nicht. Darüber hinaus bleibt hängen, was wirklich wichtig ist. Na gottseidank, dann weiß ich ja doch noch, wie der Mann in meinem Bett heißt!

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