• Termine News und Wissenswertes aus Saarbrücken, dem Saarland und der Welt:
Grüne Tomaten schlafen wütend

Männergrippe

Kürzlich hatte ich passend zur Vorweihnachtszeit eine schöne Grippe. Weniger jedoch mit Jesuskind, Hirten und Stern von Bethlehem als vielmehr mit Kopfschmerzen, triefender Nase und Husten, der beim Erkältungsbad in der Wanne einen Tsunami auslöste, bei dem anderswo Touristenorte evakuiert worden wären. Es war einer dieser grippalen Infekte, gegen die Frauen immun sind, die bei uns Männern jedoch Nahtoderlebnisse hervorrufen und mehr Taschentücher erfordern als ein einsamer Samstagabend zuhause. Während Frauen in solchen Momenten durch bloßes Lutschen eines Salbeibonbons geheilt sind, hat es die Natur vorgesehen, dass wir Männer unser Testament machen und uns mit letzten Worten via Whatsapp von unseren Freunden verabschieden…

Abgesehen von den höllischen Schmerzen einer wunden Nase, die weit größer sein dürften als jeder Geburtsschmerz, und panischer Angst vorm nächtlichen Erstickungstod kann man einer Männergrippe durchaus Gutes abgewinnen. Zum einen gibt es tolle verschreibungspflichtige Medikamente, die das Leben ohne Geruchs- und Geschmackssinn erträglich machen und zusammen mit ein paar Energydrinks erstaunliche Nebeneffekte haben, zum anderen kommt vor der Weihnachtsvöllerei eine gewisse Zeit ohne Appetit ganz gelegen. Zudem erspart eine Erkältung lästige Einkäufe, da endlich das wegkommt, was im Kühlschrank schon Eigenleben entwickelt hat. Was können einem alter Joghurt oder Schimmelkäse, der einmal Gouda war, schon anhaben, wenn man voller Antibiotika ist…

 

Am meisten mag ich bei Erkältungen den Besuch beim Hausarzt. Anders als bei richtigen Medizinern geht von Hausärzten ja keine echte Gefahr aus, da sie nicht wie Urologen Finger in Körperöffnungen stecken, in denen diese nichts zu suchen haben, und auch nicht wie Dermatologen verkünden, dass das süße Muttermal gar nicht so süß ist und Zukunftsplanungen weitgehend unnötig macht. Hausärzte wollen sich nicht wie Chirurgen erst einmal alles von innen ansehen und haben auch anders als Zahnärzte keine Geräte, die furchterregende Geräusche machen. Einem Hausarzt reicht für seine Diagnose Blutdruckmessen, einmal Husten und die Krankenversicherungskarte und schon ist die vom Patienten gewünschte Diagnose samt Krankenschein attestiert…

Als Kind verstand ich allerdings nicht, warum ich mich beim Onkel Doktor ausziehen sollte und dafür einen Lutscher annehmen durfte, bei Onkel Heinz jedoch nicht. Ich mochte meinen Hausarzt früher auch nicht, da er meinen Eltern stets etwas vom Übergewicht ihres Sohnes erzählte und ich erst in der Pubertät schmerzlich feststellte, dass er nicht meinen Bruder meinte. Dennoch waren Ärzte für mich Götter. Götter in Weiß, die Golf spielen. Es sollte einige Jahre und Partys mit Medizinstudentinnen dauern, bis mir klar wurde, dass es sich eher um Teufel in Weiß handelt, die zwar gerne einlochen, dass das mit Golf aber nur insofern zu tun hat, als dass es dessen Rücksitze beansprucht. Damals lernte ich auch, dass Ärzte nicht kommen, wenn man schreit, sondern schreien, wenn sie kommen…

 

Mein Verhältnis zu Medizinern hat sich erheblich verbessert, seitdem sich das „Bitte freimachen“ auf Untersuchungen beschränkt, die von der Krankenkasse bezahlt werden, und Ärztinnen, die mich dazu auffordern, die Fünfzig weit überschritten haben. Mittlerweile freue ich mich sogar auf Besuche bei meiner Hausärztin, um live mitzuerleben, was Reality-Soaps und Pseudo-Dokus im Trash-TV nicht annähernd wahrheitsgetreu wiedergeben können. Wie viele Rentner mögen dieses Mal bereits vor Sprechstundenbeginn vor der Praxistür herumlungern und darauf warten, sich den tagesaktuellen Zustand ihrer Hühneraugen begutachten oder attestieren zu lassen, dass an ihrem Armstumpf, den sie aus dem Krieg mit nach Hause gebracht haben, noch immer keine neue Hand gewachsen ist…

Schon auf dem Weg zum Arzt sehe ich im morgendlichen Halbdunkel gebückte Schatten mit Stock und Stützstrümpfen, die wie Zombies in Richtung Praxis wanken, um als Erstes ihren Urin abgeben zu können und das Kreuzworträtsel der neusten Klatsch-Illustrierten für sich zu haben. Es erinnert fast an Rudelbildungen vor Mobilfunkläden, wenn ein neues iPhone herauskommt; nur eben mit Rollator. Hätten Rentner nicht Probleme mit Rheuma, sie würden sicher auch ganze Nächte im Schlafsack vor Hausarztpraxen verbringen, um tags darauf Erster zu sein. Ich möchte derweil gar nicht Erster sein, entginge mir dann doch der Charme der Praxishelferinnen, die nach dem zigten Rentner, der noch vor dem ersten Berufstätigen an die Reihe kommen will, dem von Metzgereifachverkäuferinnen gleicht…

Mit solchen sind die wohl an jeder Praxisanmeldung zu findenden übergewichtigen Enddreißigerinnen, die wahrscheinlich erst Zwanzig sind, am besten vergleichbar. Ihr blaustichiges Tattoo im Dekolletee erinnert an den Veterinärstempel, der Schweinehälften als genusstauglich kennzeichnet, hier jedoch auf Gammelfleisch prangert. Zu ihr zu ihnen stets freundlich, da das die Chance erhöht, dass sie bei meiner nächsten Blutentnahme nicht die dicke Nadel nehmen, mit der sonst Pudding in Krapfen gefüllt wird. Trotz ihres ungläubigen Blicks auf meine Versicherungskarte, auf der „Dr. Wolf“ steht, lächele ich jedes Mal nur. Auch wenn ich ihnen lieber ins Gesicht sagen würde, dass auch Doktoren krank werden. So wie Köche auch Hunger haben und es bei Feuerwehrleuten auch an und an brennt…

Die größte Laienschauspielbühne überhaupt ist das Wartezimmer eines Hausarztes, dieser stickige, nach Schweiß, Auswurf und Fieberzäpfchen müffelnde Raum mit Linoleumboden, Neonröhrenlicht und Gummipalme, in dem jeder sein Bestes dafür gibt, glaubhaft krank auszusehen. Zusammen mit einigen gebildeten und noch mehr eingebildeten Kranken, Kränkelnden und Hypochondern wartet man hier schweigend mit starrem Blick und möglichst flacher Atmung wie vor einer Hinrichtung darauf, dass der eigene Namen aufgerufen und man endlich von seinem Leid erlöst wird. Bis es soweit ist, hofft man wie in einer Lepra-Kolonie vermeiden zu können, irgendetwas anfassen zu müssen und betet, dass sich hoffentlich niemand zu einem setzt und ein Gespräch beginnt…

 

Wegen akuter Männergrippe dem Tode geweiht, ist ein Priester wohl der einzige, mit dem sich ein im Wartezimmer sitzender Mann ein Gespräch vorstellen kann. Nicht aber ein offenkundig kerngesunder Rentner, der wegen vermeintlich wichtiger Rezepte täglich beim Arzt erscheint und seine Langeweile damit bekämpft, andere zu langweilen, indem er lautstark willkürlich ausgewählten Opfern im Wartezimmer über die Hüft-Operation bei sich oder seinem Schäferhund erzählt und darüber, was die wahren Gründe sind, dass der FC Bayern gerade nicht so gut spielt und wir beide Weltkriege verloren haben. Gerne lässt er seinen Nebenmann auch wissen, dass sich dessen Husten anhört wie der eines Kumpels, der sich kurz danach die Radieschen von unten ansehen konnte…

Ein anderer Patiententyp ist im Vergleich dazu eher selten. Er sitzt unauffällig inmitten der wartenden Kranken, macht sich trotz seiner Erkältung schmunzelnd Notizen auf einem Blatt Papier und fasst diese in einer Kolumne zusammen. – Hoffentlich werde ich bald noch einmal krank und habe wieder eine schöne Männergrippe… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

 

P.S. Trinkt wirklich jemand freiwillig aus diesen stets halbleeren Wasserflaschen, die in Wartezimmern von Arztpraxen für die Patienten bereitstehen?

Previous ArticleNext Article