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Grüne Tomaten schlafen wütend

Menschenskinder

Von Tieren können Menschen bekanntlich einiges lernen. Von Eseln die Beharrlichkeit, Ansichten treu zu bleiben, auch wenn man an der kurzen Leine gehalten wird… von Hunden, dass man sich seinem Frauchen am besten unterwirft, wenn man den pelzigen Bauch gestreichelt bekommen möchte… von Katzen, dass man sich tagsüber besser unauffällig verhält, wenn man nachts um die Häuser gezogen ist… und von Walen, dass man sich auch mit Übergewicht neben dünnen Heringen an den Strand trauen kann! Was das Thema Erziehung des eigenen Nachwuchses betrifft, gehen die Meinungen über geeignete Vorbilder im Tierreich allerdings weit auseinander…

Während bei Großfamilien die Jungenaufzucht der eines Wolfsrudels gleicht, bei dem der Schwächste schon einmal Bisswunden erleidet, nimmt man sich in Kleinfamilien eher Glucken zum Vorbild und behält seine Brut möglichst lange unter den Fittichen, ohne sie flügge werden zu lassen. Von all den Tierarten gibt es wohl aber nur eine, die es mit der Aufzucht ihrer Nachkommen wirklich richtig macht: die Meeresschildkröte! Sie legt ihre Eier nachts am Strand ab und verschwindet danach für immer. Ein Familienmodell, das uns Menschen eher fremd ist, sieht man einmal von alleinerziehenden Müttern ab, die seiner Zeit nach einem One-Night-Stand schwanger aus dem Ibiza-Urlaub kamen…

Mit der Kindeserziehung ist das so eine Sache. Die Ansichten über das richtige Rezept und darüber, was hineingehört und was nicht, sind vielfältig wie bei Salatsaucen. Jeder hat eine eigene Mischung, wann mild und wann sauer besser passt. Wurden Mitte des letzten Jahrhunderts Kinder noch wie Einmachgläser mit Gemüse auf Vorrat produziert, da klar war, dass das ein oder andere über die Jahre verdirbt oder kaputt geht – Bohnen durch Glasbruch auf dem Boden, Buben durch Genickbruch auf dem Mofa – beschränken Paare sich heute oft auf nur ein Kind. Wer einmal Plätzchen gebacken hat, weiß jedoch, dass man bei Erstlingswerken oft arge Mühe hat, dass diese gelingen…

Waren Kinder über Generationen dazu da, fortzuführen, was ihre Eltern geschaffen hatten, sind sie heutzutage vielmehr dazu da, das fortzuführen, was ihre Eltern nicht geschafft haben. War man als Sohn oder Tochter einst in seiner Lebensplanung eingeschränkt, da man den elterlichen Hof übernehmen musste, ist man es heute, da man den elterlichen Karrieretraum übernehmen muss. Als Junge, der gern mit Bauklötzen spielt, wurde man früher Maurer, als Mädchen, das Pferde mag, Tierpflegerin. Heutzutage muss es bei entsprechender Veranlagung schon leitender Bauingenieur oder Tierärztin mit eigener Praxis sein, damit sich die Eltern in der Nachbarschaft nicht schämen…

Besonders begabt war in meiner Grundschulklasse damals niemand. Nicht einmal mein Lehrer. Heutzutage dagegen scheinen alle Kinder hochbegabt zu sein. Zumindest, wenn man ihren Eltern glaubt. Beim Gemüse im Garten wird noch akzeptiert, dass aus manchem Sprössling trotz akribischer Pflege bloß Unkraut wird. Der eigene Spross muss jedoch in jedem Fall ein Prachtexemplar werden, um das einen jeder beneidet. Waren Eltern früher nach der Entbindung schon glücklich, wenn ihr Kind fünf Finger an jeder Hand hatte, sind sie heutzutage enttäuscht, wenn ihr Nachwuchs die Anzahl seiner Gliedmaßen im Kreißsaal nicht gleich selbst in der Patientenakte attestiert…

Die Zeit der engsten Bindung zwischen Mutter und Kind sind längst nicht mehr die 40 Wochen der Schwangerschaft, in denen Sohnemann oder Töchterchen die Füße unter das mütterliche Herz stecken, sondern die 40 Jahre danach, in denen sie die Füße unter den elterlichen Tisch strecken. Früher hingen viele mit 18 noch am Rockzipfel ihrer Mutter, aber keiner mehr an deren Brust. Das ist heutzutage schon einmal anders, wenn man das Beste für sein Kind möchte. War früher ein guter Schulabschluss und ein Lehrberuf größter Wunsch der Eltern, sollte es heutzutage schon ein sehr guter Promotionsabschluss und ein Akademikerjob sein…

Früher achteten Eltern in der Erziehung auf Interessen der Kinder, heute auf die eigenen. So wie die neue Couch zur Tapete passen muss, müssen auch Kinder zu den Eltern passen. Einfach wachsen lassen und sehen, was daraus wird, lässt man heute noch allenfalls das Basilikum in der Küche, nicht aber den eigenen Nachwuchs! Dabei ist es mit Kindern wie mit Früchten: Egal wie vorsichtig man sie anfasst, einige von ihnen werden faul. Andere sind von Natur aus weniger süß und die Wenigsten kann man ohne gründliches Waschen jemandem vorsetzen. Während es bei Obst jedoch in Ordnung ist, wenn nicht alles beste Qualität ist, ist dies beim eigenen Nachwuchs keineswegs so…

Eine Drei in der Schule befriedigt mittlerweile kein Elternteil mehr. Eine Vier ist nicht ausreichend, weniger als eine Zwei ist mangelhaft. Schon die Zwei ist enttäuschend. Niemand weiß das besser als Mutti, die mit Papi damals auch nur ihre Nr. 2 bekommen hat. Eltern wollen mit ihren Kindern prahlen! Die einen damit, dass ihr Sohn so schlau ist, dass er schon mit einem Jahr laufen kann, die anderen, dass ihre Tochter so schlau ist, dass sie sich mit drei Jahren noch tragen lässt. Wer früher vor der Einschulung mehr als seinen Namen schreiben konnte, wurde als Streber gehänselt. Heute gelten Kinder als zurückgeblieben, die mit Sechs lieber Fußball als Scrabble spielen. Ich konnte als Kind Mandarinen essen, nicht aber Mandarin sprechen, wie es heutzutage von Eltern verlangt wird…

Auch wenn kein zeugungsbereites Akademikerpaar mittlerweile ohne Befruchtungs-Guide auf dem Smartphone und Literaturstudium zur weiblichen Ovulation mehr an die Familienplanung geht, bleibt es in Sachen Kinderüberraschung in der Partnerschaft wie in Sachen Kinderüberraschung im Supermarkt: Man kann zwar versuchen, das Ei zu finden, das die eigenen Wünsche erfüllt, es wird sich jedoch erst im Nachhinein zeigen, ob darin nicht doch bloß ein kleiner Happy Hippo war. Ob Yoga, Meditation oder vegane Ernährung, auch wer in seiner Schwangerschaft nur Buchstabensuppe isst, erhöht dadurch nicht die Chancen, dass sein Nachwuchs einmal eine Leseratte wird…

Junge Eltern von heute würden ihre Sprösslinge am liebsten nur in Zorbing-Bällen vor die Türe lassen. Was für Opa damals Stalingrad war, scheint in Sachen Gefährlichkeit für seinen Enkel heutzutage der Spielplatz zu sein. Stand dort früher „Eltern haften für ihre Kinder“, sollte es heute besser „Eltern haften an ihren Kindern“ heißen. Denn Eltern von heute haben bereits ein mulmiges Gefühl, wenn sie keine Winterreifen auf dem Kinderwagen und nicht genügend Desinfektionstücher dabei haben. Auch meine Eltern waren nicht erfreut, wenn ich statt des Kuchens von Oma den aus dem Sandkasten aß, riefen aber nicht gleich den Notarzt und ein Labor, um den Sand auf Schadstoffe zu untersuchen…

Früher galt noch das Gesetz des Stärkeren. Wer zu dick war, um auf das Klettergerüst zu kommen, musste entweder abspecken oder unten bleiben. Natürliche Auslese würde man in der Natur sagen. Heutzutage sorgt eine Elterninitiative dafür, dass adipöse Kinder zweimal wöchentlich per Hubwagen auch einmal oben aufs Gerüst kommen, um nicht diskriminiert zu werden. Auseinandersetzungen mit Schulkameraden wurden zu meiner Zeit noch mit einer Sandkastenschippe gegen den Kopf geregelt und nicht mit Sandkasten-Sitzkreisen unter der Leitung eines Mediators…

Erziehung war damals auch einprägsamer. Dass der Küchenherd heiß ist, wurde nicht durch Lern-Apps, sondern durch Selbstversuche beigebracht. Mit Erfolg. Mein Kumpel Thorsten konnte sich schon früh an seinen acht Fingern abzählen, dass man mit der Hand nicht unter Rasenmäher greift. Auch heutzutage ließen sich Siebtklässlern die Folgen des Rauchens viel besser durch eine Packung Roth-Händle von Papi vermitteln als durch Predigten von Mutti… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. In meiner Kindheit gab es „Ferien auf Saltkrokan“. Heutzutage gibt es eher „Ferien auf Sagrotan“.

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