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Grüne Tomaten schlafen wütend

Mitten im Herbst

Irgendwann in grauer Vorzeit schuf das Universum, der liebe Gott oder eben der Zufall – je nachdem, wem man nun die Schuld an der Entstehung der Erde geben möchte – den Planeten, auf dem wir alle leben und Steuern zahlen dürfen. Mit ihm entstanden neben Ozeanen, Kontinenten und einer Ursuppe mit Einzellern, aus denen im Laufe der Evolution affenähnliche Lebewesen wurden, die intelligent genug sind, um Parkuhren zu erfinden und Tee in Beutel zu packen, auch Jahreszeiten. Seitdem darf sich jeder in unserem, wenn schon nicht politisch, dann zumindest klimatisch gemäßigten Land mit vierteljährlich wechselnden Jahreszeiten herumschlagen. Was wohl nur diejenigen wirklich freut, die ihr Geld mit Frühlings- und Herbstmode oder mit Sommer- und Winterreifen verdienen…

Jahreszeiten waren lange vor Facebook, Netflix und Co. adäquates Mittel, um Menschen zu beschäftigen und von Dummheiten wie Kriegen oder veganer Ernährung abzuhalten. Ging es einst zu jeder Jahreszeit vornehmlich darum, Ess- und Brennbares zu finden, um nicht hungern und frieren zu müssen, bestimmen Jahreszeiten seit Erfindung von Pizzalieferservice und Zentralheizung oft nur noch die Schuhwahl. Von allen Jahreszeiten, die der Kalender bietet, ist der Herbst sicherlich diejenige, die am wenigsten gemocht wird. Jeder liebt Frühling, sehnt sich nach Sommer und freut sich auf Winter. Die Herbstzeit aber ist wie eine Darmspiegelung: Keiner mag sie, aber jeder weiß, dass man sie irgendwann über sich ergehen lassen muss und sie eine schmutzige Hose hinterlässt…

Herbst ist allenfalls die viertbeliebteste Jahreszeit, vorausgesetzt man lässt Karneval außen vor. War das Getränk der Saison gerade eben noch Gin und cool, ist es nun Tee und eher lauwarm statt hot. Im Herbst fühlt sich jeder, als wäre er über Vierzig, vor allem, wenn er über Vierzig ist! Die triste Zeit, in der alles welkt und schrumpelt, beginnt nicht nur Ende September, sondern auch Ende Dreißig. Selbst wer sich Ü40 innerlich noch im Frühling glaubt, bei dem stehen die Zeichen äußerlich längst auf Herbst. In den Vierzigern geht es eben bergab. Das ist bei uns Menschen nicht anders als damals bei Deutschland. Nach einem kurzen Aufblühen in den Dreißigern, blickt man Mitte der Vierziger auf die zerstörte Pracht von einst und realisiert, dass das so für keine tausend Jahre mehr reicht…

Mit dunklen Zeiten, in denen alles braun ist, Frisuren mies sind und einem ein scharfer Wind ins Gesicht bläst, haben wir in Deutschland bekanntlich unsere Probleme. Der Herbst macht vor allem diejenigen von uns, die in den späten 1970ern bis frühen 1980ern geboren sind und sich gerade im ungewissen Alter zwischen „noch recht jung“ und „schon recht alt“ befinden, deutlich, dass nicht nur Bäume Ringe zulegen und bei Bewegung knarzen. Willkommen im Herbst des Jahres, willkommen im Herbst des Lebens! Der Herbst erinnert alle Ü40er daran, dass der Zenit überschritten ist und weniger Zeit bleibt als man schon hatte. Das ist in Bezug auf das Jahr nicht anders als in Bezug auf das eigene Leben. Irgendwann gibt es bei beiden einen Knall und es ist zu Ende…

Herbst bedeutet Selbstzweifel. Hatte man früher als Kind zu dieser Zeit einen Drachen an der Hand, hat man ihn heute als Erwachsener die ganze Zeit am Hals. Während man den eigenen Drachen früher jedoch selbst an der kurzen Leine halten konnte, wenn man es wollte, wird Mann heute vom eigenen Drachen an der kurzen Leine gehalten, wenn Frau es will. Manche Männer wünschen sich da, sie könnten wie einst als Kind einfach Leine ziehen statt sich den Strick nehmen zu müssen. Vielleicht sind es die Hormone, die uns in diesen Wochen schlecht gelaunt sein lassen. Die Zeit der Bestäubung ist eben vorbei und es frustriert festzustellen, dass durch das viele Sitzen im Sommer die Polster der Gartenmöbel dünner, die auf den eigenen Hüften dafür aber umso dicker geworden sind…

Gerade wir Männer werden gegenwärtig überall an den Verfall unseres Körpers erinnert. Fand man es in jungen Jahren noch toll, wenn sich Blätter an den Bäumen verfärben, fühlt man sich mit über Vierzig beim Anblick von fallendem Laub unweigerlich an das eigene Haupthaar erinnert, das mehr und mehr seine Farbe wechselt und ausdünnt. Ein mit Blättern verstopfter Straßengully führt einem da das schmerzliche Bild vor Augen, das sich jeden Morgen beim Blick in die Duschschale bietet. Die Ursache für Kahlheit ist beim Mann ähnlich wie beim Baum der Rückzug der Säfte im Stamm. Anders als bei 100-jährigen Eichen ist bei 40-jährigen Eicheln jedoch kein Wiederaufblühen im Folgejahr zu erwarten, selbst wenn die Wurzel lang ist…

Hieß es vor kurzem noch Rummachen in der Sonne, bleibt einem nun nur noch Rumtrinken im Regen. Aus herrlichen Impressionen bei einer Tasse Tee werden da schnell herbstliche Depressionen bei einer Flasche Schnaps. Die Natur ist aber auch nicht einfach zu verstehen: Eine Blume blüht, wenn man sie tüchtig begießt, eine Mann dagegen welkt, wenn er das Gleiche mit sich tut. Männer müssen akzeptieren, dass, egal wie dick der Ast auch ist, jede Rute einmal weich wird. Eigentlich sollten Männer herbstliche Kälte ja aus langjährigen Beziehungen gewohnt sein, in denen es mehr als einmal Kritik hagelt und unerwartete Donnerwetter gibt. Aber wenn zum Frost im Beet auch noch Frust im Bett kommt, ist Trübsal eben noch das einzige, was geblasen wird….

Ein Blick in die Natur macht deutlich, was uns Männer im Herbst des Lebens erwartet. Was im Frühling einmal aufblühte, im Sommer in voller Pracht stand und im Herbst zu welken begann, wird in nicht allzu ferner Zukunft als Kompost untergepflügt werden. Tröstlich ist da nur, dass es Frauen nicht anders geht. Auch bei ihnen ist irgendwann die Zeit gekommen, in der sie selbst in der Dämmerung nicht mehr aussehen wie einst mit Zwanzig und sich von Sonnenblumen in Nachtschattengewächse verwandeln. Wo einmal zarte Knospen heranwuchsen und es pralle Früchte zu pflücken galt, fällt nun weiches Dörrobst zu Boden. Wo einst saftige Blätter waren, ist nun nur noch trockene Rinde. Gestern Pfirsich, heute Orange, morgen Kokosnuss…

In jungen Jahren ließen Hormone das Leben himmlisch erscheinen, nun machen sie es zur Hölle. Statt sommerlicher Wärmeattacken in der Mittagspause herbstliche Hitzewallungen in der Menopause. Nach jedem Altweibersommer kommt eben irgendwann der Herbst und damit der Zeitpunkt, ab dem im Garten wie auch am Körper einer Frau, die Pflege eingestellt wird. Gebüsche werden nicht mehr gestutzt, Ein- und Ausgänge nicht mehr von Unkraut befreit. Je älter Frauen werden, umso mehr sind sie wie halbleere Pralinenschachteln, bei denen alles Süße vernascht und nur noch Bitteres übrig ist, an dem niemand mehr lecken will. Manche Frauen Ü40 sind zudem wie Kürbisse: Fahl, seltsam gerundet und auf den zweiten Blick so hohl, dass man sie nicht einmal zum Kochen brauchen kann…

Ob Männlein oder Weiblein, in jungen Jahren feierte man bis es hell wurde und nicht wie heute bis es dunkel wird. Früher machte man Kneipentouren bis zum Morgen und genoss Halloween in vollen Zügen. Heute macht man allenfalls noch Kneippkuren bis zum Abend und genießt Halle oder Wien im vollen Reisebus. Apropos Halloween. Freute man sich in der Jugend, an diesem Tag einmal mit geschminkter Fratze vors Haus zu können, freut man sich im Alter, an diesem Tag einmal mit ungeschminkter Fratze vors Haus zu können. Früher war das schaurige Gesicht eben nach dem Abschminken weg, heute kommt es danach erst zum Vorschein…

Wären Frauen doch einfach so wie Trauben, dann wären sie im Herbst richtig süß. Vielleicht muss man sie dafür im Frühjahr ja nur zurechtschneiden und gegen Pilz behandeln. Mitten im Herbst… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

P.S. Kastagnetten sind keine spanischen Esskastanien.

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