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Grüne Tomaten schlafen wütend

Muss das ehrlich sein?

Pinocchio tat es alle Nase lang, aus der Politik ist es nicht wegzudenken und in einer Beziehung rettet es ab und an vor dem Nudelholz. Manche tun es ständig und mit Absicht, andere nur im Ausnahmefall und notgedrungen. Die einen haben Talent dazu, andere sollten es lieber sein lassen. Wissenschaftler sagen, manche Menschen täten es bis zu 200 Mal am Tag, auch wenn das sicher gelogen ist. Einige bekommen davon feuchte Hände, andere werden nicht einmal rot. Jedoch jeder, der dabei ertappt wird, ist peinlich berührt. Die Rede ist nicht von Sex oder Selbstbefriedigung, sondern vom Lügen…

Reden ist bekanntlich Silber und Schweigen ist Gold. Noch weit wertvoller als im richtigen Moment die Klappe zu halten, ist es jedoch, zum passenden Zeitpunkt eine gute und glaubhafte Ausrede parat zu haben. Wer vorgibt, niemals zu lügen, der lügt! Da es sich jedoch, wie wir von unseren Eltern gelernt haben, nicht gehört, zu lügen, bezeichnet man Unwahrheiten, die man im Alltag hin und wieder verbreitet, meist lieber als Ausreden oder neuerdings als alternative Fakten. Der Unterschied zu Lügen? Keiner! Aber wer gibt schon gerne zu, zu lügen? Ausreden dagegen sind okay und alternative Fakten liegen sogar voll im Trend! Doch warum ist Lügen bloß so verpönt…?

Wie Verdauung, Menstruation und Steuererklärung gehört auch das Lügen zum Leben und ist so alt wie die Menschheit selbst. Hätte Adam damals ehrlich auf Evas Frage geantwortet, ob sie schön sei, die Geschichte im Paradies wäre sicher anders verlaufen. Aber wer wird schon der einzigen Frau weit und breit ins Gesicht sagen, dass ihr Hintern zu dick ist und man lieber warten würde, bis der liebe Gott ein verbesserte Version geschaffen hat? Statt ehrlich zu sein, wird Adam damals – wie heute noch jeder Mann, der eine solche Frage gestellt bekommt – geantwortet haben „Du bist für mich die einzige Frau auf der Welt!“ und sich danach geschworen haben, nie wieder in einen Apfel zu beißen…

Ehrlichkeit ist im Leben richtig und wichtig, manchmal ist Lügen jedoch richtiger und wichtiger! Geht es nach einer durchzechten Nacht darum, am Morgen danach dem Chef am Telefon mitzuteilen, dass man nicht zur Arbeit erscheint, ist eine Notlüge weit weniger gefährdend für den Job als die Wahrheit. Wer flunkert, dass er nicht ins Büro kommen kann, da er mit seiner Katze zum Arzt muss, wird weniger Schwierigkeiten bekommen als derjenige, der zugibt, dass er mit einem Kater zur Apotheke muss. Der Arbeitgeber hat schließlich eher Verständnis, dass man wegen einer Angina und Gliederschmerzen zuhause im Bett bleibt statt wegen einer Angelina und Gliedschmerzen…

Ohne hin und wieder eine Notlüge zu bemühen, hätte sich der Homo sapiens nie zu einem Rudeltier entwickeln können und würde heute ein Leben als Einzelgänger fristen. Zwar wird Ehrlichkeit gerade von Freunden geschätzt, jedoch nur so lange, wie man das Gleiche denkt wie sie! Keine befreundete Frau möchte beim Schwimmbadbesuch hören, dass sie kaum noch in ihren Badeanzug passt. Wird man als Mann dennoch gefragt, wie das Schwimmoutfit so sitzt, sollte man sich entweder taub stellen und vorgeben, Wasser im Ohr zu haben, oder sich zumindest einer Halbwahrheit bedienen und antworten, dass der Anzug sitzt wie angegossen…

Bei guten Bekannten ist eine nette Lüge eben manchmal angebrachter als die barsche Wahrheit. Auch wenn man Freunden angeblich alles sagen kann, möchte niemand, wenn er stolz seine von Oma geerbte Eichenholzschrankwand präsentiert, gesagt bekommen, dass diese schon im letzten Jahrtausend aus der Mode war und noch viel besser als im Esszimmer auf dem Müll aussehen würde! Stattdessen bedient man sich des Worts „retro“, das alles Hässliche und Altmodische umschreibt, was nicht als hässlich und altmodisch bezeichnet werden darf. Die Frage „Sieht der Schrank nicht gut aus?“ sollte man als Freund daher einfach bejahen mit „Ja, der Retro-Schrank sieht nicht gut aus!“…

Ausreden und Notlügen haben den Sinn, sich durch Ehrlichkeit nicht selbst ins Abseits zu stellen. Wer gibt gegenüber seinem geschwätzigen Nachbarn, den man tags zuvor bewusst vor der Tür hatte vergeblich klingeln lassen, gerne zu, dass man ja eigentlich zuhause war, nur eben keine Lust hatte, ihm zu öffnen? Damit man auch im nächsten Urlaub noch jemanden hat, der die Blumen gießt, gibt man beim nächsten Aufeinandertreffen im Treppenhaus daher vor, beim gestrigen Klingeln gerade unter der Dusche gewesen zu sein. So pikiert man niemanden mit Ehrlichkeit und stellt sicher, dass der Ficus in der Diele nach dem Sommerurlaub nicht aussieht wie der Lorbeer im Gewürzregal…

Völlig fehl am Platz ist Ehrlichkeit auch beim Besuch der Eltern, wenn es wieder Gänsebraten gibt, der mit viel Mühe, aber wenig Talent zubereitet wurde und nach stundenlangem Kokeln im Ofen eher an Tante Hilde erinnert, nachdem sie aus dem Krematorium kam. Will man ein mütterliches Tränenmeer vermeiden, sollte man auf die Frage, ob etwas fehle, nicht etwa mit den Worten „Gute Zähne“ antworten, sondern versuchen, die Schuhsohle auf dem Teller, die einmal eine Gänsebrust war, in Soße aufzuweichen, so dass sie wenigstens in Happen von einem menschlichen Gebiss zerkleinert werden kann. Wenn gefragt wird, wie es schmecke, sollte man dann antworten: „Wie immer!“…

Auch in Beziehungen gilt es, mit überschwänglicher Ehrlichkeit vorsichtig zu sein. Wer glaubt, seiner langjährigen Partnerin eine Freude zu machen, wenn er ihr nach einer Flasche Wein gesteht, sie zu lieben wie am ersten Tag, auch wenn sie mittlerweile aussieht wie ihre Mutter, dem dürfte seine Ehrlichkeit ein paar Nächte auf dem Sofa verschaffen. Selbst wenn sich die einst schlanken Beine der Freundin nicht mehr von Dönerspießen unterscheiden lassen, gilt es als Mann, die bessere Hälfte beim Shoppen stets dabei zu unterstützen, Jeans in Größe 36 zu finden. Selbst wenn klar ist, dass diese nicht einmal passen würden, wenn die Pummelfee vom Dach in die Hose springen würde…

Kleine Lügen erhalten Freundschaft, Beziehung und Arbeitsplatz, sollten aber mit Bedacht gewählt werden. Standardausreden wie Grippe oder Kopfschmerzen sind für Absagen oder Krankmeldungen genauso glaubwürdig wie die Ausrede, man könne nicht kommen, da man von Außerirdischen entführt wurde oder ein Schaf den Autoschlüssel gefressen hat. Viele Menschen sind im Irrglauben, schlechte Ausreden würden dadurch glaubhafter, wenn man stets mehrere von ihnen gleichzeitig parat hat. Man entschuldigt sich also, weil man sich nicht wohl fühlt und außerdem am nächsten Tag früh raus muss oder weil man bereits auf zwei anderen Geburtstagen eingeladen ist…

Gerne genommen werden Ausreden, die kein Nachverhandeln zulassen. Todesfälle Verwandter sind mit die besten vorgeschobenen Gründe, da sie bei dem, dem man absagt, ein bedrückendes Gefühl auslösen und ausschließen, dass nachgebohrt wird, ob man nicht doch noch komme. Bei vermeintlichen Toden von Familienmitgliedern sollte man jedoch unbedingt Buch führen, damit man nicht den Überblick verliert. Man braucht sonst gute Argumente, wenn man die Oma, die letztes Jahr angeblich zu Grabe getragen wurde, als man keine Lust auf die Firmenweihnachtsfeier hatte, im Jahr darauf beim gleichen Anlass erneut als Absagegrund bemüht und sie ihren 80. Geburtstag feiern lässt…

Manchmal sollte man sich aber auch einfach einmal trauen, ehrlich zu sein: Diese Kolumne ist völlig unterbezahlt. Ehrliche Fanbriefe bitte an: gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Wenn der Entsafter nicht hält, was die Werbung verspricht, könnte es eine Lügenpresse sein.

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