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Grüne Tomaten schlafen wütend

Nicht ganz im Bilde

Saß man in früherer Zeit für ein Porträt von sich noch Ewigkeiten vor der Staffelei eines Malers, um am Ende ein unhandliches Gemälde in Händen zu halten, machen wir in heutiger Zeit Dank Smartphone und Digitalkamera an einem normalen Vormittag schon einmal mehr Selfies als ein Maler im ganzen Künstlerleben auf die Leinwand bringen kann. Nach sechzig Minuten hat man da schnell mehr Fotos auf dem Handy als der eigene Großvater nach sechzig Jahren auf der Kleinbildkamera. Zumindest was Fotos betrifft, haben jüngere Deutsche den älteren Generationen in Sachen Schießen etwas voraus…

Seitdem die digitale Fotografie Einzug in unseren Alltag gehalten hat, hat sich in vielen der Drang entwickelt, alles im Bild festhalten zu müssen, was ihnen zwischen Aufstehen und Zubettgehen passiert oder begegnet. Sei es Gemüse, die aussehen wie Geschlechtsteile, oder Geschlechtsteile, die aussehen wie Gemüse. Sobald etwas von dem abweicht, das jeder hat, sieht oder kennt, wird es fotografiert. Ob nun das morgendliche Frühstück im Bett, der (oder die) mittägliche Latte im Büro, der abendliche Shrimp-Cocktail auf dem Balkon oder das nächtliche Wiedersehen mit selbigem auf der Toilette, es wird geknipst und gepostet, was aufs Bild passt…

Man möchte seine Freunde in der digitalen Welt ja wissen lassen, was einem gerade ziemlich wichtig ist, auch wenn diesen das meist ziemlich egal ist. Abgelichtete Motive sind dabei selten besonders hässlich, besonders eklig oder besonders traurig, sondern eher besonders hübsch, besonders lecker oder besonders erfreulich. Man will schließlich beneidet werden, was kaum der Fall wäre, würde man immer nur Spuren von Hundehaufen an den neuen weißen Sneakers posten. Die Intention von Social-Media-Posts im Internet ist die gleiche wie diejenige von Push-up-BHs in Diskos: Es geht darum, trotz wenig eigenem Content mit leicht Konsumierbarem zu Traffic auf all seinen Kanälen zu kommen…

In den digitalen Anfängen, als Bildpixel noch so groß wie Ritter-Sport-Tafeln waren, endete es mit Post vom Staatanwalt, wenn Unbekannte einem folgten, um Fotos vom Sonnenbaden zu ergattern. Heutzutage liefert man seinen Followern, wie Stalker jetzt heißen, solche Fotos mit eigenem Post frei Haus. Mittlerweile besitzen Jugendliche Fotos von allen, mit denen sie ins Bett gehen würden, während man früher nicht einmal Fotos von allen besaß, mit denen man im Bett war. Woher rührt das Verlangen, Fotos von alltäglichen Banalitäten wie Essen, Tieren und bedrucktem Toilettenpapier zu machen und mit Weichfiltern aus sich selbst herauszuholen, was die Natur nicht hergibt…

Man möchte um sein vermeintlich perfektes Leben beneidet werden, das in Wahrheit meist genauso gewöhnlich ist, wie das aller anderen, die Pickel am Hintern und keine Lust auf ihre Steuererklärung haben. Die scheinbar spontanen Social-Media-Schnappschüsse könnten gefakter nicht sein: Niemand joggt ohne zu schwitzen, isst nur Gesundes aus einem Jamie-Oliver-Kochbuch und hat im Urlaub stets bestes Wetter. Diesen Eindruck vermitteln jedoch Instagram, Facebook und Co. bei denjenigen, die einen ganzen Kosmos an Fotos von sich und ihrem Hipster-Leben veröffentlichen, von denen jede einzelne Aufnahme so perfekt ist als wäre sie aus einer Photoshop-Galerie herauskopiert….

Würde ich Fotos vom Joggen posten – was erfordern würde, dass ich gleichzeitig Selfies machen und Laufen kann, aber auch, dass ich jogge – wäre die Reaktion im Netz sicherlich kein „Daumen hoch“, sondern eher ein Kommentar, in dem man fragt, ob ich einen Arzt brauche. Das jedoch ist die Realität. Alle Ü30er, die ihr Spiegelbild morgens nicht wiederkennen, können beruhigt sein, da sie ebenso wenig das morgendliche Spiegelbild ihrer Internet-Freunde erkennen würden. Wer samstags früh beim Bäcker neben sich die Mutter einer Bekannten zu erkennen glaubt, mit der er seit Jahren nur Kontakt über soziale Netzwerke hat, kann meist sicher sein, dass es nicht ihre Mutter ist…

Nachbearbeitete Fotos einer Hochzeit sind noch nachvollziehbar, schließlich ist der Tag der Hochzeit bei Frauen der schönste im Leben, sieht man einmal vom Tag der Scheidung einige Jahre später ab. Über nachbearbeitete Fotos von Kindern lässt sich dagegen streiten. Vor allem wenn Mami und Papi ihren elterlichen Stolz öffentlich im Internet dadurch bekunden, dass sie mit jeder neuen Windel auch ein neues Fotos ihres Nachwuchses verbreiten, nicht aber ohne das Gesicht des Wonneproppens durch einen Sticker oder Smiley unkenntlich zu machen. Mag das dem flüchtigen Betrachter bei chinesischen Eltern mit übergewichtigen Kindern nicht direkt auffallen, stört es in allen übrigen Fällen jedoch sehr dabei, die elterliche Freude über das Familienglück zu teilen…

Für den Betrachter ist unklar, ob das Kind nach der Mutter kommt und einfach nur hässlich ist oder ob dessen Ähnlichkeiten mit dem Postboten verborgen bleiben sollen. Manchmal liest man, es sei die Angst der Eltern, das Bekanntwerden des Gesichts ihres Kindes könnte Kidnapper auf den Plan rufen. Auch wenn offen bleibt, was bei Eltern, die keine Millionäre sind, dennoch aber Entführungsangst haben, erpresst werden kann außer einem 52-Zoll-TV mit Netflix-Abo. Sollte dies wirklich Grund sein, das echte Mondgesicht seines Kindes gegen eines aus der Emoji-Sammlung zu tauschen, sollten solche Eltern ihre Kinder auch nicht ohne Tüte über dem Kopf zum Spielen rauslassen…

Der wahre Grund für das Maskieren auch außerhalb des Karnevals ist ein anderer. Es sind die Rechte am eigenen Bild und die Tatsache, dass eine junge Österreicherin nach Erlangen der Volljährigkeit nichts Besseres zu tun hatte als ihre Eltern zu verklagen, da diese ungefragt Kinderfotos von ihr gepostet hatten. Für einen schlechten Kunstgeschmack und weitreichende Entscheidungen sind Österreicher ja seit den 1930ern bekannt. Da viele Eltern nun davon auszugehen scheinen, dass ihr Erziehungstalent nicht ausreicht, dem eigenen Nachwuchs in 18 Jahren beizubringen, wegen ein paar Kinderfotos niemanden vor Gericht zu zerren, bevorzugen sie nun eben Familienfotos mit Pac-Man…

Wie immer weiß das Internet Rat, was Eltern tun sollten, wenn sie auf Social-Media nicht verzichten wollen oder können. Der Tipp, dass sich ein Kind nicht identifizieren lässt, wenn dessen Kopf fehlt, mag bei einem Mord eine recht gute Idee sein, dürfte jedoch den Spaß am Stöbern im Familienalbum nehmen, wenn Klein-Johanna darin immer nur ab dem Hals abwärts zu sehen ist und man sich später nur darüber unterhalten kann, wie sich im Laufe der Zeit ihre Füße verändert haben. Andere Tipps empfehlen, Kinder von hinten abzulichten – so wie Papi Mutti am liebsten sieht – oder im Gegenlicht bzw. unscharf zu fotografieren. Für solche Fotos kann man dann getrost die alte analoge Kamera nehmen, bei der man Falschbelichtung und Unschärfe nicht erst noch einstellen muss…

Mal ehrlich: Wenn ich nicht möchte, dass jemand meinen Nachwuchs im Internet in voller Pracht sieht, verzichte ich darauf, Familienfotos zu posten und nehme stattdessen Bilder von mir mit einem frisch bepflanzten Basilikumtopf, wenn ich zeigen möchte, dass ich stolz auf meinen Sproß bin. Wenn ich mit dem irgendwann vor einem Gericht landen sollte, dann zumindest vor einem von Jamie Oliver. Nicht ganz im Bilde…  gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Um 100 Fotos einer 16 Megapixel-Kamera zu speichern, braucht es 400 Disketten.

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