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Nur Schnaps, keine Cocktails

Der „Nilles“ ist ein echtes und unverwechselbares Einzelstück der Saarbrücker Kneipenlandschaft. Das Motto „Erst tut es weh, dann ist es schön“ bringt den Charme des Nauwieser Juwels auf den Punkt. Jetzt wird Jubiläum gefeiert: das Zwanzigste!

Nur ganz wenige Etablissements der saarländischen Gastronomie-Szene haben es zu bundesweiter Bekanntheit gebracht. Neben den mit Michelin-Sternen gekrönten Restaurants gehört der „Nilles“ dazu. In der „Kneipe der Hoffnungslosigkeit“ im Saarbrücker Nauwieser-Viertel wird man per Handschlag begrüßt, soweit so ungewöhnlich. Der Laden hat derart viel Atmosphäre, dass das Wort Alleinstellungsmerkmal genau hier erfunden worden sein muss, obwohl gerade hier keiner lange alleine steht. Das alles macht den Nilles zum Kult im Nauwieser Viertel. Hier ist vieles anders, denn erst tut es weh, dann ist es schön und schließlich will man gar nicht mehr woanders hingehen. Das liegt neben den Spielautomaten, der Jukebox, den Darts und dem Billardtisch vor allem aber an der charismatischen Persönlichkeit von Wirt Frank Nilles. Er schafft ganz locker den Spagat zwischen Sportsbar mit Fußball-Liveübertragungen und regelmäßigen Konzerten – und manchmal sogar beides gleichzeitig. Selbst Renovierungen steckt der Laden ganz charmant weg, ohne auch nur eine Spur des ganz eigenen Nilles-Feelings zu verlieren. Kann man nicht beschreiben, muss man erleben! Nur eines gibt es hier nicht: Cocktails – und das ist auch gut so!

Wenn sich jetzt am 18. März die Eröffnung zum zwanzigsten Mal jährt ist Wirt Frank Nilles schon längst einer der dienstältesten Wirte im Studenten- und Party-Kiez, nur ganz knapp übertroffen von Marwan Amr mit seinem Bleistift. Das Lokal gibt es aber schon wesentlich länger, denn seit den 50er Jahren begrüßte Familie Schneider im gleichnamigen Gasthaus ihre Gäste. Frank Nilles allerdings erblickte erst gut ein Jahrzehnt später das Licht in Berlin, als Kind einer Saarbrücker Familie im Exil, die es dann auch bald zurück in die Heimat an der Saar zog. Er machte in jungen Jahren eine Kochausbildung im Schwarzwald, kochte ein paar Jahre beim Bund und versuchte sich als Betreiber eines Autohofs. Zwischendurch war er auch mal in einer Jugendherberge sieben Jahre Herbergsvater, also praktisch der gleiche Job, den er bis heute macht, nur dass die zu betreuenden Menschen etwas älter sind.

„Es war halt eine echte Notlösung, ohne Plan. Das Ganze hat sich dann so entwickelt.“

Die Übernahme der Kneipe war allerdings ein gutes Stück aus der Not heraus geboren. Nach dem Fehlschlag mit der Autobahnraststätte suche Frank nach einer Alternative. Vater Bubi, seines Zeichens mit der eigenen Kneipe eine echte Legende des ursprünglichen Chinesenviertels, hatte mitbekommen, dass das Gasthaus Schneider einen neuen Pächter suchte. Und da war klar, was Frank, der mit Ehefrau Monika einen starken Rückhalt an seiner Seite hatte, zu tun hatte. Natürlich sah der Nilles damals noch ganz anders aus, war sozusagen naggisch. An die ganzen Memorabilien, die sich über die Jahre angesammelt haben und die heute einen Großteil des Charmes ausmachen, war noch nicht zu denken. Die hölzerne Sitzgruppe stand noch im legendären Dr. HC in der Blumenstraße und die vielen großen Flatscreens waren noch nicht mal erfunden. Die hielten stückweise Einzug, umso mehr das Interesse an Fußball Live-Übertragungen wuchs. Außerdem kamen die Live-Konzerte hinzu, die heute schlichtweg nicht mehr wegzudenken sind. Das hängt natürlich auch mit der Veränderung des Publikums zusammen. Als der Nilles eröffnete, hatte das Viertel durchaus noch viel vom einstigen Arbeiter- und Rotlichtmillieu, eben dem Chinesenviertel. Mit der Übernahme des Viertel durch jüngere, studentische Bewohner, blieb das natürlich nicht ohne Einfluss auf die Gästestruktur im Nilles. Das hat sich bis heute erhalten, auch wenn einige der damaligen Stammgäste, die zwar bis heute zu den treuesten Seelen des Nilles gehören, das Studium nach dem 50. Semester haben gut sein lassen.

Überhaupt ist es dieses wunderbar haarsträubende Panoptikum an den besten Stammgästen der Welt, die die Einzigartigkeit dieses Kneipenbiotops ausmachen. Konzerte, Fußball, Billard und Darts gibt es in vielen Läden zwischen Großherzog Friedrich- und Schumannstraße, aber eben nicht diese besondere Mischung an Ausnahme-Charakteren vor und ehrlich gesagt auch hinter dem Tresen. Den Soundtrack dazu liefert dann die vielleicht letzte aktive Musicbox der Stadt, die mit einem grandios abgefahrenen Musikmix von Wirtschaftswunder-Schlager bis Hardcore. Da wundert es dann noch nicht mal groß, wenn plötzlich Rapper Moses „P“ Pelham vor der Theke auftaucht und gleich eine ganz Wanne voll mit Getränken kauft. Zum Glück bieten die hier ausgeschenkten 45 Sorten Bier reichlich Möglichkeiten zur Selbsterfahrung.

String-Tangas und 45 Sorten Bier

Nicht zu unterschätzen für den Erfolg des Lokals in der Blumenstraße ist auch sein vielseitiges soziales Engagement. Das beginnt, gemeinsam mit anderen Viertelkneipen, bei der klaren Positionierung gegen Rechts, und reicht bis zur Unterstützung lokaler Sportvereine per Trikotwerbung, wie beispielsweise aktuell beim FC St. Arnual. Aber natürlich gehören dazu auch ganz ausgefuchste Aktionen zur Kundenbindung, wie zum Beispiel, dass jeder Stammgast, der Geburtstag hat, umsonst trinken darf. Aber Vorsicht, die Betonung liegt auf Stammgast. Ähnliche Specials gibt es zu Weihnachten oder zum Tag der Arbeit – und besonders die Wahlpartys sind vielen in lebendiger Erinnerung, obwohl gerade hier eigentlich gelten müsste: wer sich erinnert, war nicht dabei! Zum Glück gibt es da ja aber auch noch die umfangreiche Kollektion von Merchandising-Artikeln, angesichts deren Umfang selbst namhafte Bands nicht mithalten können. Da gibt es wirklich alles von den üblichen T-Shirts und Caps bis hin zu Tassen, Badetüchern, Wolldecken, Jacken, Westen und String-Tangas.

Das I-Tüpfelchen auf der Cocktailkirsche über dem Sahnehäubchen auf dem Nilles-Gesamtkunstwerks-Kuchen sind die zahllosen Werbemittel, mit denen alle Räume ausdekoriert sind. Da kommt selbst bei Designmuffeln Neid auf und die Finger werden auch schon mal zu lang. Aktuelles, trauriges Beispiel ist das wunderbar antike Schloss-Bräu-Emaille-Werbeschild das „irgendwie“ abhandengekommen ist, aber immerhin erwartet den ehrlichen Zurückbringer eine Belohnung von stolzen 200,- Euro. Die Chancen, dass das gute Stück also wieder heimfindet, stehen übrigens tatsächlich ganz gut, denn ob man es glauben mag oder nicht: die große Bettlerfigur vom Fensterbrett wurde schon dreimal gestohlen – und jedes Mal wieder zurückgebracht. Im Nilles ist halt wirklich alles ein bisschen anders!

Das alles wäre natürlich undenkbar ohne einen Hausbesitzer, der hinter dem Laden steht, einem unfassbar treuen Stammpublikum und dem besten Team der Welt, dem Frank Nilles am liebsten die nächsten zwanzig Jahre danken würde für ihren unvergleichlichen Einsatz. Bleibt zum guten Schluss nur ein einziger Herzenswunsch vom Chef an alle, trotz 2jährigem: Geht wählen! Und dem ist nun wirklich rein gar nichts mehr hinzuzufügen!

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