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Mel´s Mikrokosmos

Oldie but goldie

Älterwerden ist echt scheiße. Aber man arrangiert sich. Diese Worte gingen mir durch den Kopf, als ich neulich Mick Jagger und seine Bandkollegen auf der Bühne stehen sah. Im Grunde genommen hat sich nichts zu ihren Auftritten von früher verändert, bis auf ein gravierendes Detail: Sie haben sich in der Tat in Opas verwandelt. Und dennoch stellte ich mir die ganze Zeit vor, ob ich mit Anfang Siebzig noch im Glitzerfummel so über eine Bühne fegen könnte. Gewiss könnte ich auf einer solchen noch problemlos stehen und mich zumindest zeigen, aber zweieinhalb Stunden rumhüpfen wie eine Zwanzigjährige wäre wahrscheinlich nur mit einer Menge aufputschender Medikamente möglich. Und einem Herzschrittmacher. Und einem ganzen Stab an Ärzten, die reanimieren können, wenn es ganz übel wird. Darüber hinaus würde ich mitnichten ein ganzes Stadion in Verzückung versetzen, sondern eher in Massenpanik. Ich weiß nicht, ob die Rolling Stones mit medizinischem Equipment reisen oder einfach nur Glück haben, in ihrem Alter noch so fit zu sein, aber das Konzert und der Anblick dieser erstaunlichen Künstler machten mich nachdenklich. Auf dem Nachhauseweg stellte ich mir unweigerlich die Frage, warum wir verdammt nochmal älter werden? Und ich meine das unverblümte, nicht aufhaltende Älter werden in Form von Falten und körperlichen sowie geistigem Verfall! Und dann drängte sich mir eine weitere Frage auf: Können wir über unser Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus irgendwie noch halbwegs existieren? Und wenn ja, wie? Mick Jagger, der noch bis in die 2000er hinein den Drogen und dem Alkohol zugetan war, pflegte bis dato zu sagen: „Das Leben ist wie eine Cocktailparty auf der Straße!“. Heute allerdings hat er die Drogen durch gesundes Essen und Sport ersetzt. Und vor allem viel Schlaf. Darüber hinaus legt er bei einer einzigen Bühnenshow bis zu 20 Kilometer zurück. Kein Wunder also, dass er am „Tag danach“ nicht vor 10 Uhr aufsteht. Für uns Nicht-Jaggers hieße das also, dass wir durchaus nicht direkt sterben, wenn wir uns gelegentlich gepflegt aus dem Leben schießen, solange wir uns danach viel Schlaf gönnen und mit einem gesunden Frühstück die Regeneration wieder ankurbeln. Juhu, lasst uns feiern! Laut Stones-Frontmann ist es übrigens auch nichts Ungewöhnliches, mit über Siebzig noch auf einer Bühne rum zu hüpfen. Laut Jagger ist es übrigens nie zu spät, sich eine gewisse Fitness anzutrainieren. Fängt man also erst mit Dreißig an, Sport zu treiben, dann ist das völlig okay. Aber ganz ehrlich:

Muss man Glück haben, um alt zu werden?

Irgendwie schon, denn wir wissen alle, dass das Leben schneller vorbei sein kann, als uns lieb ist. Das Schicksal hat manchmal nämlich ganz andere Pläne für uns vorgesehen, als wir es uns vielleicht erhoffen. Und am Ende beißen wir dann womöglich statt in einen saftigen Burger einfach nur ins Gras. Und das vielleicht schon mit Vierzig, Fünfzig oder Sechzig. Aber Schluss damit, vorerst sind wir ja noch am Leben und haben einfach nur das klitzekleine Problem mit dem Älterwerden, dem Einrosten, dem Alter, das kleinlaut an die Tür klopft und um Einlass bittet und sich schlussendlich einfach Zutritt verschafft. Mit Pauken und Trompeten wenn es sein muss. Denn Verweigern können wir uns diesem unliebsamen Zeitgenossen nicht. Das Alter wird kommen und da nutzt uns kein Botox und keine Pillen. Irgendwann schauen wir in den Spiegel und fragen uns: Bin das wirklich ich?
Ich vergleiche mich ja gerne mit einem Oldtimer. So glänzend er da auf der Straße fährt und die Menschen sich nach ihm umdrehen, so hart war auch der Weg von einem in die Jahre gekommenen Gefährt, an dem der Lack allmählich abblättert und die Reifen quietschen zu einem Straßenfeger. Wenn du in die Jahre kommst und hier und da eine Schraube locker wird, brauchst du Zeit und Arbeit, um diese wieder festzudrehen. Und je älter du wirst, desto mehr Zeit wird benötigt, um zu glänzen, zu begeistern und zu bestehen. Mitunter ist es demnach nicht ungewöhnlich, wenn Väterchen Rost Einzug hält, aber Alt werden macht erfinderisch:

Wer rostet und quietscht, braucht einfach mehr Öl und Farbe.

Zugegeben, das Konzert der Stones hat mich nicht nur nachdenklich gemacht. Nein, es versetzte mich zeitweilig in einen transzendenten Zustand. Plötzlich verlor ich jegliches Gefühl für Zeit und Raum. Ich befand mich urplötzlich nicht mehr in diesem riesigen Stadion, sondern war mit der Band alleine. Und plötzlich spielte das ganze Alters-Bla-Bla keine Rolle mehr. Ob jung oder alt, es war völlig egal. Heute kann ich sagen, das war ein magischer Moment. Und Magie kann bekanntlich nur dann entstehen, wenn man der Situation vollends vertraut und keine Zweifel hegt. Dass Männer es mit 70 Jahren schaffen, dass man wieder weiß, warum man auf der Welt ist, ist schon ziemlich beeindruckend. Nämlich um zu leben und jeden verdammten Moment auszukosten. Aus den Vollen zu schöpfen und keine Angst vorm Alter zu haben. Oder gar vorm Tod. Ich meine, irgendwann werden wir uns vielleicht mal wehmütig sagen hören, dass unser Hintern einst so prall war, dass man ein Cent-Stück darauf hätte hüpfen lassen können, aber dafür ist uns dann hoffentlich der Humor geblieben, darüber lachen zu können.

Ein Sargdeckel kann auch ein Sprungbrett sein

Offen gestanden ist das mit dem Alter eigentlich gar nicht so schlimm, vorausgesetzt, man lässt einfach los von dem Druck, immer jung und schön sein zu müssen. Klar kommen irgendwann irgendwelche Wehwehchen und Gebrechen und natürlich wissen wir heute noch nicht, was morgen ist. Wir können lange ignorieren, was auf uns zukommt und doch kommt das Alter unweigerlich auf uns zu. Irgendwann hilft da auch kein Botox mehr. Irgendwann können wir froh sein, wenn wir noch ein paar Stufen gehen können, wo wir heute noch Marathon laufen. Aber hey, andererseits hatten wir ja unsere Zeit und die war zweifelsohne grandios. Ich rede zwar gerade so, als müsste ich morgen ins Gras beißen. Aber ganz ehrlich: ich resümiere manchmal schon, als wäre ich kurz davor, in den Sarg zu springen. Und dann frage ich mich immerzu: „Hab ich alle Chancen genutzt? Hab ich alles mitgenommen, was geht?“. Und verdammt nochmal: Ja! Das habe ich. Zwar ist aus mir nicht unbedingt etwas geworden, aber letztendlich messe ich mich nicht an meinen Erfolgen sondern am Spaß, den ich hatte und immer noch habe.
Machen wir uns nichts vor: Das Alter ist leider unheilbar. Es ereilt uns alle irgendwann. Wichtig ist nur, wie wir es nehmen. Am besten mit viel Humor und einer Prise Sarkasmus. Auch wenn manche durch das Altern eher weiß als weise werden und die Überholspur im Alter immer frei ist, sollten wir jetzt noch schnell das wagen, was irgendwann vielleicht nicht mehr möglich ist: In der eigenen Stadt im Hotel einchecken, Freitagabend einfach in irgendeinen Zug steigen, einen Sonnenaufgang anschauen, sich mittags schon betrinken, die Nacht durchtanzen, irgendwo einen Hügel runterrollen wie ein Kind, eine Kneipenrunde schmeißen, obwohl man fast pleite ist. Oder im Taxi „I can’t get no satisfaction“ trällern. Im Übrigen stand das Publikum erst bei diesem letzten Song endlich mal von ihren Stühlen auf, auf denen sie zweieinhalb Stunden wie fest getackert saßen. Na ja, liegt wohl am Alter.

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