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Mel´s Mikrokosmos

Premiere

Hallo Mikrokosmonauten: Es gibt immer noch ein erstes Mal!

Als ich zum ersten Mal geflogen bin, fühlte ich mich wie eine Pionierin. In meiner Fantasie war ich Amelia Earhart, bekleidet mit einem zu großen Männer-Overall, Fliegerhaube und Pilotenbrille. Ich betrat das Rollfeld mit stolz geschwellter Brust und stieg ehrfürchtig in das Flugzeug. Mein Herz schlug wie wild und ich wusste, dass ich im Begriff war, etwas für mich Großartiges zu tun. In der Tat durfte ich damals ins Cockpit und war ganz nah dran an den Geräten und Knöpfen und den Männern, die das Ding steuerten, denn mein Vater hatte all seine militärischen Hebel in Bewegung gesetzt, um mich in eine Transall C-160 zu bekommen. „Das Kind muss in die Luft!“. Etwas übel war mir dann aber schon. Im Cockpit roch es muffig und es war viel zu heiß, jedoch vergaß ich dieses erste Mal nie.

Erste Male waren in Kinder- und Jugendtagen ohnehin viel epischer als heute. Das erste Mal verreisen, das erste Mal am Meer, die erste Cola, die erste Langhaar-Frisur, der erste richtige Sturz, wenngleich es die bestimmt schon vorher gab, aber ich meine jetzt den, der einfach haften bleibt und in die Lebensgeschichte eingeht. Bei mir war es einer von der obersten Sprosse des Klettergerüstes. Ich knallte auf den Rücken, wirbelte eine Staubwolke auf und rang nach Luft. Damals tat es einfach nur sau weh, heutzutage bekäme ich wahrscheinlich Todesangst und Panik. Aber damals dachte man nicht ans Sterben. Die erste Zigarette, der erste Kuss und ja, natürlich auch die erste große Liebe und so weiter. Die Jahre vergingen und irgendwann ist man dann erwachsen, wobei ich dieses Wort echt nicht mag. Aber machen wir uns nichts vor: Man versucht doch ständig, uns unserer Unbeschwertheit zu berauben, und man zwingt uns, so zu denken und zu handeln, wie es eben erwachsene Menschen tun. Ich frage mich nicht umsonst:

Sind unsere ersten Male deswegen so selten geworden?“

Offensichtlich ja, denn immer häufiger hören wir uns Sätze sagen, wie „Das hatten wir doch schon tausendmal!“, oder „Nicht schon wieder!“, und „Jeden Tag das Gleiche!“. Stattdessen müsste es doch viel öfter heißen: „So etwas hab ich vorher noch nie erlebt!“, oder „Das ist meine Premiere!“. Das erste Mal. So neu und aufregend und für viele von uns viel zu riskant. Warum scheuen wir uns nur so davor und verweilen lieber in den Wiederholungen?

Nun, der Mensch ist in erster Linie ein Gewohnheitstier. Wir essen lieber in unserem Stammlokal, als ein neues Restaurant auszuprobieren. Wir gehen stets die gleichen Wege,  aus Angst,  uns zu verlaufen. Ja, und im Endeffekt suchen wir auch in der Liebe instinktiv nach Menschen,  die uns vertraut sind. „Es kommt mir vor, als würden wir uns schon ewig kennen!“, ist nicht immer das Kompliment schlechthin.  Manchmal verlässt es lediglich die Lippen eines risikoscheuen Menschen.

Ausbrechen lautet zuweilen aber meine Devise. Wer mich kennt, der weiß, dass ich manchmal komische Dinge mache. Vor noch nicht allzu langer Zeit habe ich mit dem Wandern begonnen. Ich bin einfach losgelaufen. Aus der Haustüre raus und los. Das habe ich zuvor noch nie gemacht. Wandern ohne Plan. Aber es war cool und fast fühlte ich mich, wie dieses zehnjährige Mädchen, das zum ersten Mal fliegt. Wie fliegen fühlte es sich übrigens auch an, als ich mit meinem eher bodenständigen Freund an der Spree saß und einen Joint rauchte. Eben, weil ich das schon immer mal machen wollte. Dass er sich zuvor fast ins Hemd gemacht hatte,  als ich im Görlitzer Park dem Rasta-Man das Kraut abkaufte, zeigte mir, dass er das Risiko nicht unbedingt mag, aber sei es drum: Unsere exklusive Premiere entlockt uns noch heute immer wieder ein Lachen. Ebenso erinnere ich mich an unsere erste Achterbahnfahrt. Okay, für mich war das jetzt nicht unbedingt neu, aber wenn man mit jemandem fährt, der das noch nie gemacht hat, fühlt es sich fast an wie ein erstes Mal. Im Grunde rasten wir durch den Looping geradewegs in unsere Kindheit zurück. Als wir neulich in Neapel waren, sind wir einfach in einen Linienbus eingestiegen, ohne zu wissen, wo wir hinfahren. Und sowieso ist es für mich jedes Mal ein Erlebnis, wenn ich im Urlaub früh morgens meine Laufschuhe schnüre und einfach los jogge. Das Meer ist viel blauer, wenn man abenteuerlustig ist.

Jetzt ist Zeit für Neues!

Gehirnforscher haben herausgefunden,  dass besonders viel Dopamin ausgeschüttet wird, wenn wir Neues erleben. Unser Belohnungssystem wird aktiviert und das sorgt mitunter für enorme Glücksgefühle.

Eigentlich ist es ganz einfach. Wir sollten uns die Frage stellen, wann wir das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht haben? Und was wir überhaupt gerne zum ersten Mal machen wollen? Seltsamerweise hat mir neulich jemand die Frage, was er denn gerne zum ersten Mal ausprobieren würde mit „Ich will für einen Tag die andere Hand benutzen.“ beantwortet. Kopfkino! Wie dem auch sei, ich habe neulich jedenfalls eine persönliche Löffel-Liste angefertigt. Und ich war überrascht,  wie viele Dinge es gibt,  die ich noch nicht gemacht habe. Zum Frühstück nach Paris zum Beispiel oder meinen Lieblingsfilm „Vom Winde verweht“ in der Originalvertonung sehen. Ich möchte auch definitiv noch diesen Surfkurs machen der seit Jahren auf der Liste steht. Und italienisch lernen. Und den Parcours von „Ninja Warrior“ ausprobieren,  um hinterher sagen zu können: „Verdammt, sieht wirklich leichter aus als es ist!“. Ich möchte gerne mit Meeresschildkröten tauchen und einen Gnadenhof eröffnen. Außerdem möchte ich einmal im Leben auf einer Bühne stehen und singen. Nicht, dass ich ein riesen Gesangstalent wäre. Nein, aber ich kann es doch trotzdem wagen, oder?

Es ist doch so: Neues auszuprobieren und Gewohntes hinter sich zu lassen, macht Spaß. Unsere selbst gezogenen Grenzen aufbrechen und abhauen! Sich wieder wie dieses Kind fühlen, das voller Neugier und Tatendrang nach vorne prescht, ohne sich über mögliche Konsequenzen den Kopf zu zerbrechen. Ich glaube, wir sollten es einfach tun. Etwas zum ersten Mal tun. Verrückt.  Mutig. Ungewöhnlich. Wie sagt es der Aphoristiker Helmut Glaßl so schön: „Die meisten unserer Erlebnisse sind Wiederholungen. Wir sollten uns um mehr Premieren bemühen.“

Was steht eigentlich auf eurer Bucket-List? Würde mich mal interessieren. Schreibt mir. m.hartmann@live-magazin.de

 

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