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Grüne Tomaten schlafen wütend

Prima Klima

Lernte man früher noch in der Schule oder von der Pizzakarte, dass es vier Jahreszeiten gibt, ist das Trennen von Frühling, Sommer, Herbst und Winter mittlerweile Schnee von gestern. Es ist zwar noch am Kalender, längst aber nicht mehr am Wetter zu erkennen, in welcher Zeit des Jahres man sich gerade befindet. Im hippen Heute ist Vierzig das neue Dreißig und Winter der neue Sommer. Wer das ganze Jahr Lebkuchen, Sangria und bunte Eier erwartet, darf sich nicht beschweren, wenn Petrus sich unseren irdischen Gewohnheiten anpasst und das ganze Jahr sämtliche Wetterlagen bereithält. Selbst schuld, wer nicht flexibel genug ist, im Winterurlaub sein Snowboard als Surfbrett zu nutzen…

Das hätte Opa damals vor Stalingrad auch nicht für möglich gehalten, dass man gerade einmal zwei, drei Generationen später das deutsche Weltreich ebenso wie bibbernde Kälte zum Jahreswechsel nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Dank globaler Erwärmung sind die Zeiten vorbei, in denen man zu Silvester auf dem Gletscher hinterm Haus rodeln konnte. Wo früher an Ostern der Schneemann vor der Tür stand, wartet heute bereits der Eismann. Hatte man einst als Kind noch insgeheim gehofft, die Wäscheleine in Omas Garten irgendwann einmal zum Skilift umfunktionieren zu können, hat es heutzutage nicht einmal mehr genug Frost, um solch eine Idee auf Eis zu legen…

Noch keine fünf Milliarden Jahre alt, scheint unser Planet schon in den Wechseljahren zu sein und an Hitzewallungen zu leiden. Mittelmeerklima zwischen Maas und Memel, Südseefeeling von der Etsch bis an den Belt. Längst sind in vielen Teilen Ostdeutschlands gemäßigte Verhältnisse den Extremen gewichen. Schuld ist das Abschmelzen der Polkappen. Und welche Probleme man mit den Polen haben kann, weiß jeder spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Klimagürtel der Erde verschieben sich wie der eigene Hosengürtel nach dem Weihnachtsessen. Ob das auch Grund dafür ist, dass sich einst blühende Einkaufsparadiese in unserem Land immer mehr in Servicewüsten verwandeln…?

In einigen Jahren wird man auch in der Arktis Eis nur noch in den Geschmacksrichtungen Schoko und Vanille kennen. Als Kind beschränkten sich für mich die wahrnehmbaren Treibhausfolgen auf hitzige Streitereien meiner Eltern mit anschließend wochenlang unterkühlter Stimmung. Heutzutage sind die Stimmungsschwankungen des Wetters größer als die einer Frau alle 28 Tage. Da kann es schon einmal passieren, dass man bei 25 Grad und Sonnenschein in den Aufzug ein- und bei 5 Grad und Graupel wieder aussteigt. Kein Wunder, dass niemand mehr weiß, wann er Sommer- gegen Wintersachen tauschen soll und schlussendlich in Skijacke und Flipflops im Regen steht…

Klettern die Temperaturen so weiter, werden Pinguine ihren Frack bald gegen einen Badeanzug eintauschen und Eisbären sich beim Waxing vom Pelz befreien. Prognosen zufolge wird es Winter bald nur noch in Schneekugeln und zwischen Russland und den USA geben. In einigen Jahrzehnten werden Kinder Schneegestöber nur noch aus Erzählungen kennen als etwas, das so ausgesehen haben muss wie das, was Onkel Ede aus den Haaren rieselt. Vielleicht werden wir unseren Enkeln einmal von Tagen mit Schneeballschlachten erzählen wie unsere Großväter uns von Tagen mit Panzerschlachten. Mit dem Unterschied, dass wir dann keine Granatsplitternarbe als Beweis haben…

Schneemänner werden die Dinosaurier von morgen, die nur noch in Schulbüchern, Stickeralben und als Monster in Hollywoodfilmen auftauchen. Generationen nach uns werden in Museen staunend vor Vitrinen mit Holzkohlenstücken, Karotten und Zylindern stehen wie wir heute vor den Resten von T-Rex. Werden die letzten Iglus in Grönland einmal zu Touristenmagneten wie die Pyramiden in Ägypten? Wird die nächste Ausstellung im Praehistorium „Gondwana“ die authentische Nachbildung eines verschneiten Schwarzwalddorfs der 1970er? Schon heute kennen viele Hipster Schnee nur noch aus Nobeldiskotheken. Und dort haben sie von der weißen Pracht meist schnell die Nase voll…

Vielleicht ist es ja aber sogar gut, dass die Temperaturen steigen. Biergartenzeit von Januar bis Dezember, Weihnachtsmenü vom Grill und endlich Silvester in Unterhemd und Badelatschen. Keine nervigen Schals und keine Handschuhe, die man andauernd irgendwo liegen lässt. Kein Eiskratzen, kein Schneeschippen und kein Ärger über nicht gestreute Gehwege. Außerdem umgeht man dank Silvesterfeuerwerk in freiem Oberkörper Brandflecken in der neuen Winterjacke, wenn wieder einmal ein Kanonenschlag zu früh losgeht. Und ob man nun den billigen Roten warm als Glühwein oder kalt als Bowle trinkt, ist für den Kater am nächsten Morgen auch irgendwie egal…

Natürlich hat die kalte Jahreszeit auch etwas für sich. Ohne strengen Frost steigen die Mengen an Stechmücken ins Unermessliche, ebenso wie die Mengen an holländischen Wohnwägen. Außerdem ist Frost gut für die Augen. Nimmt bei Temperaturen unter Null doch die Zahl derer rapide ab, die ihren viel zu dicken Körper in viel zu dünne Kleidung pressen. Außerdem darf man bei Frost begründet hoffen, dass die Pudelmützenträgerin, die einem aus der Raucherecke vor der Kneipe zuprostet, vielleicht gar nicht Kleidergröße 64 hat, sondern einfach nur sieben Winterjacken übereinander trägt…

Nach einem kalten Winter ist außerdem die Vorfreude auf das Frühjahr umso größer und darauf, endlich wieder meterbreite Hüfttätowierungen zu sehen. Also lasst uns gemeinsam etwas gegen die Klimaerwärmung tun! Öffnen wir am nächsten Wochenende alle für eine Stunde die Tiefkühltruhen. Das wird sicher cool! Prima Klima… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Desertifikation hat nichts mit Nachspeisen zu tun.

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