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Titelstory

„Wir knutschen auch mal auf der Bühne, wenn uns danach ist.“

Diesen Monat trifft unser Autor Marc Kirch das Rap-Crossover-Duo Tiavo in ihrem neuen Studio in Saarbrücken.  Mit Lucy und Deon spricht er über die Herausforderungen anhaltender Corona-Zeiten, deren künstlerisches Schaffen sowie über verkrustete Rollenbilder in Musikbusiness und in der Gesellschaft.

L!VE: Servus Lucy, servus Deon wie geht es euch in der anhaltenden Lockdown-Phase?

Tiavo: Den Umständen entsprechend gut. Wir nutzen die Zeit als Kreativphase, schreiben sehr viel Musik und lassen unserer Kreativität freien Lauf. Super schwer war es für uns Anfang des letzten Jahres. Direkt nach Veröffentlichung unseres Albums „Raock“ kam der erste Lockdown. Alle Festivals und Konzerte mussten abgesagt werden. Wir leben dafür live zu spielen, aber nörgeln nutzt nichts.

Wir haben jetzt ne Menge neues Material und konnten frische Ideen umsetzen, uns kreativ ausleben. Dafür war bzw. ist diese Corona-Zeit gut, jetzt könnte es wieder losgehen!

L!VE: Gibt es dann auch komplett Unerwartetes von euch zu hören?

Bei Tiavo ist kein Album wie das davor. Das sind unsere Leute schon gewohnt. Das neue Album wird eine Momentaufnahme von dem was uns im Moment beschäftigt, musikalisch und an Umwelteinflüssen.

L!VE: Und das alles entsteht in den ganz neuen Räumlichkeiten in denen wir uns heute treffen. Seit wann seid ihr hier?Also wir arbeiten schon seit 2018 hier im Studio. Nach dem ersten Album „Oh Lucy“ sind wir hier gestartet und haben kürzlich die letzten Renovierungsarbeiten abgeschlossen. Wir nutzen das Studio für unsere eigenen Produktionen, als auch für Projekte mit anderen oder für anderweitige Produktionen.

Zum Beispiel managen wir aktuell zwei brandneue Saarländische Künstler: „Yakama“ und „Mic Raw Wavy“. Mit den beiden arbeiten wir richtig viel, nutzen also die aktuelle Zeit kreativ. Langweilig wird es uns nicht, gleichzeitig freuen wir uns, wenn wir alle wieder durchstarten können und auch die Ergebnisse unserer Kreativphase präsentieren können.

L!VE: In unserer Queergedacht-Rubrik sprechen wir immer explizit für LGBTQ relevante Themen und Perspektiven an. Wie seht ihr das denn grundsätzlich? Denkt ihr Homosexualität ist in unserer Gesellschaft bereits als selbstverständlich angekommen? Lucy: Nein, das glaube ich nicht, dass das schon als selbstverständlich angekommen ist. Auf jeden Fall nicht ausreichend. Gerade in unserem Genre beispielsweise, dem Hip-Hop-Genre, gibt es unfassbar offene Menschen. Aber eben mindestens genau so viel selbstverständliche Ablehnung Homosexualität gegenüber. In weiten Teilen gilt es sogar noch als uncool überhaupt darüber zu sprechen.

L!VE: Thematisiert wird es zum Beispiel vom Rapper Juicy Gay und der Antilopen Gang. Bei Juicy Gay ist nicht eindeutig geklärt ob er tatsächlich schwul ist oder eine subtile Parodie auf Homosexuelle in Form einer Kunstfigur darstellt. Danger Dan von der Antilopen Gang zelebriert im Musikvideo ihres Songs „Verliebt“ einen ausgiebigen Zungenkuss in Großaufnahme mit Monchi in Polizeiuniform, dem Frontmann von Feine Sahne Fischfilet. Der Kuss war echt, daran besteht zumindest kein Zweifel. Wie steht ihr dazu? Lucy: Ich glaube zumindest die Antilopen Gang ist da auf jeden Fall wirklich sehr offen und tun absolut was für die Akzeptanz, halten die Fahne hoch und tun Gutes für das Thema. Gleichzeitig gibt es leider ganz viele, die darüber einfach schweigen und es noch sehr gängig ist, dass „schwul“ als Schimpfwort im Genre benutzt wird.

L!VE: Warum denkt ihr, dass das noch so ist – so „gestrig“ behandelt wird?  

Deon: Ich persönlich glaube, dass wir grade im Mainstream noch so eine typische Verteilung der Geschlechterrollen erleben. Diese Domäne ist sehr männerbestimmt, was natürlich nicht direkt Auskunft über die Haltung zu Homosexualiät gibt. Aber die Geschlechterrollen werden sehr stark typisiert. Gerade im Rap findet man hier den sehr stark wirkenden Mann, der in einer chauvinistischen Rolle auftaucht und sich mit Frauen „schmückt“.  Eine übertrieben männlich und demonstrativ hetero wirkende Darstellung, mit typisierenden Elementen wie dicke Karren, teurer Schmuck, sexy Frauen machohaft inszeniert. Eine allgegenwärtige Überstilisierung, die auch Frauen in ihrer Rolle als schmückendes „Begleitobjekt“ degradiert.

 

Lucy: Voll. Und gerade im Gangsterrap ist es auch nochmal angesagter denn je genau dieses Klischee zu fahren. Und gerade G-Rapper, die sich darin etablieren möchten, die müssen sich natürlich so männlich wie möglich zeigen und inszenieren. Und an der Stelle gilt es einfach als unmännlich schwul zu sein. Die werden das jetzt nicht aussprechen, weil sie wissen, dass das mittlerweile viel Gegenwind bekommen würde. Aber „schwul sein“ wird noch immer sehr oft in negativem Zusammenhang gesetzt und als abwertende Begrifflichkeit genutzt. Also ist zumindest dort definitiv die Selbstverständlichkeit noch nicht ausreichend angekommen, wo sie im Jahr 2021 längst sein sollte.

Deon: In anderen Genres hingegen sieht es da schon ganz anders aus. Hier wird schon lange mit dem Thema Homosexualität selbstverständlich umgegangen oder gar als Stilmittel eingesetzt. Schon David Bowie ist eine Ikone, die schon ganz früh damit offen umgegangen ist. Er hat auch viel mit Androgynie gespielt in seiner Kunst.

Lucy: Genau, also im Rock oder Alternative-Bereich sieht es schon ganz anders aus. Dort kommst du mit Homophobie nicht weit. Hier geht man viel besser mit dem Thema um und es wird auch offen darüber geredet.

 

L!VE: Was denkt ihr ist der Grund für diese zwei komplett unterschiedlichen Welten im Umgang mit Homosexualität oder auch Transidentität in der Musikwelt? 

Lucy: Eben weil die Rapper so ein sehr konservatives Geschlechterbild prägen. In einer Rechtsrock-Band wird das beispielsweise ähnlich sein, vermute ich. Da wird schwul sein vermutlich auch uncool sein. Ich denke überall wo ein überstilisiertes konservatives Männerbild dargestellt wird und Bands auch aufgrund dieses harten rollenbehafteten Männerbildes ihre Fans haben, wird das so sein.

Deon:  Ich denke, das ist auch der ganze Kosmos dieser Überstilisierung und Übertypisierung dieser ganzen Klischees führt zu diesen entsprechenden Rollenbildern, die Bevölkerungsgruppen pauschalisiert, in Schubladen steckt und ihnen bestimmte Attribute zuweist sowie Verhaltensweisen unterstellt. Homosexuellen ihre dabei oftmals grundsätzliche Schwäche unterstellt, was extrem schade ist, dass das noch immer so ist, im Jahr 2021.

 

L!VE: Wenn wir zum Vergleich den Blick auf den US-amerikanischen Musikmarkt richten, fällt mir zum Beispiel Frank Ocean ein, der offen bisexuell ist. Oder der offen schwule US-Rapper Lil Nas X, der gerade völlig durch die Decke gegangen ist und auch mit zahlreichen Grammy-Awards ausgezeichnet wurde. Zumindest diesen beiden hat das offen zu Ihrer Sexualität stehen in ihren Genres nicht geschadet. In Deutschland gibt es hingegen keinen erfolgreichen geouteten Rapper. Denkt ihr deshalb, dass dieser Umgang mit Homosexualität spezifisch für den deutschen Musikmarkts ist und man anderswo schon viele weiter mit dem Thema ist? 

Lucy: Also im G-Rap in Amerika ist es definitiv auch nicht cool, schwul zu sein. Generell ist das nirgendwo in diesem Genre der Fall, denke ich. Gleichzeitig gibt es auch in Deutschland Rapper, die viel tun, um das Thema der Akzeptanz nach vorne zu bringen. Alligathoa fällt mir da zum Beispiel direkt ein. Der ist meines Wissens zwar selbst nicht schwul, setzt sich für die Selbstverständlichkeit von Homosexualität aber auch stark ein. Ich denke sogar, dass wir in Deutschland noch recht gut aufgestellt sind, im Gegensatz zu anderen Länder. In Griechenland zum Beispiel ist ein schwuler Rapper heute noch absolut unvorstellbar! Dort ist alles noch sehr viel konservativer, auch das Frauenbild zum Beispiel auch noch sehr veraltet. Da sind wir hier in Deutschland sehr viel weiter, auch wenn noch nicht weit genug.

Deon: Wenn ich an Musikvideos denke, ist ein gewisser Irrwitz in dem Kontext sicher auch, dass Homosexualität unter Frauen gar kein Tabuthema ist. Wenn ein Rapper in einem Video von zwei umeinander räkelnden Frauen umgeben ist, die sich leidenschaftlich küssen, ist das als völlig „normal“ etabliert. Stellt euch das mal umgekehrt mit zwei Männern die sich küssen vor. Undenkbar! Hier siehst du ganz klar, dass dieses archaisch geprägte Männerbild, das zelebriert wird, das Problem ist.

 

L!VE: Stimmt, bei Frauen war das offensichtlich noch nie ein Problem. Schon in den 90ern war Missy Elliott zum Beispiel offen lesbisch. Das hatte schon damals niemanden interessiert und schon gar nicht empört. 

Lucy: Außerhalb des Gangsterrap erlebst du aber sicher keine Hompophobie, wie beispielsweise Alligathoa, Casper oder Marteria zeigen…

 

L!VE: Was bedeutet das für euch beide? Ist Tiavo als Rap-Crossover-Duo komplett frei im Umgang damit? 

Tiavo: Also wir sind da völlig frei von all diesen Rollenbildern. Die beeinflussen unsere Musik und unser Wesen überhaupt nicht. Wir knutschen auch mal auf der Bühne, wenn uns danach ist. Genauso benutzen wir auch vorm Auftritt Kajal wenn uns danach ist oder lackieren uns die Fingernägel wenn wir Bock darauf haben. So fühlen wir auch unsere Musik, frei von Klischees. Obwoh: Wenn wir einmal das nötige Kleingeld dafür haben, dann wirst du vielleicht bei uns auch mal ne fette Karre sehen. Das schon (lacht)…

 

L!VE: Was würde denn passieren, wenn ein G-Rapper das gängige Bild einfach mal verqueren würde? Wenn zum Beispiel bei Kollegah im Musikvideo zwei Männer heftig knutschen würden, statt dass zwei Frauen im Bikini lasziv sein Auto waschen?

Lucy: Das ist ein guter Gedanke. Es wäre auf jeden Fall nice. Wenn derjenige groß genug ist, in dem Business, wäre das genau ein Schritt in die richtige Richtung. Ich fände das sehr cool und ich wäre echt gespannt, wie viele der Kollegen des Genres das auch posten bzw. reposten würden – und wie viele genau das gerade nicht tun würden. Das wäre interessant und ich fände es cool wenn es jemand macht.

Deon: Ich denke, das würde sehr viel Zustimmung stoßen und gleichzeitig sehr viel Gegenwind erfahren. Definitiv würde es massiv polarisieren. Es wäre echt gut wenn das passieren würde.

Lucy: Das wäre ein Schritt, der passieren muss, um das Thema nach vorne zu bringen. Wäre gut. Es sollte jemand sein, von dem man es eher nicht erwartet, Bei Tiavo wäre bzw. ist sowas schon selbstverständlich.

 

L!VE: Vielen Dank für das Interview. Wir hoffen, dass wir schon bald das Ergebnis eurer Corona-ausgedehnten Kreativphase zu hören bekommen. Möglichst auch wieder live auf Konzerten und Festivals. Wir sind gespannt und freuen uns tierisch drauf. Lasst uns drüber sprechen, wenn es wieder losgeht und ihr neue Werke veröffentlicht! 

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