
Paar Dinge zum Einstieg: „Freiheit“ ist hier nicht drauf, wer das hören möchte, muss sich eben doch noch mal die klassische „Westernhagen Live“ von, natürlich, 1990 vornehmen, das so ziemlich letzte Zeugnis Westernhagenscher Klasse, bevor er in Plattheiten abdriftete und sich in einem überdimensionierten Ego verlor, das er aber auf der anderen Seite irgendwie doch verstanden wissen wollte. Wer sich an die filmische Masturbation namens „Keine Zeit“ erinnert, ahnt vielleicht, was ich meine, für die Nachgeborenen könnte man es in etwa so plausibel machen, dass ein jugendlicher Narziss sich für Facebook andauernd selbst ablichtet und seine eigenen Portraits mit Daumen versieht. Also, seine, man möchte sagen, clever platzierte Einheits-Hymne, die da auch schon drei Jahre rumbuckelte, fehlt, sie passt auch überhaupt nicht zum furztrockenen Bluesrock, den MMW bereits seit einer Weile schon wiederentdeckt hat, aber der nun endlich auch mal wieder komprimiert zur Entfaltung kommt. Von Vorteil dürfte dabei sein, dass es sich über weite Strecken um gut abgehangenes aber eben nicht völlig abgenagtes Material handelt, die Untiefen, denen sich der Mann ab und an einfach nicht entziehen konnte, sind relativ übersichtlich vertreten, zum Beispiel durch „Willenlos“, das ein geistig gesunder Mensch im Besitz eines Radios nach 1995 eher nicht mehr hören wollte. Ja, selbst Material der an und für sich unsäglichen „In den Wahnsinn“ kommt auf einmal auch untenrum frisch geduscht die Tür rein. Und von den Perlen brauchen wir gar nicht zu reden, man müsste den brotblöden Mutterfickern, die ihre implizite Angst vor Frauen hinter ordinärem Gepose verstecken müssen, einfach mal die Lakonie von „Fertig“ entgegen halten und sagen, so geht das. Sie nervt, diese bestimmte dumme Sau, für die Kiste würde es zwar langen, aber sie hat „leider ´ne Tendenz zum Leiden“, das ist großartig, das hat Stil und Charakter und nichts mit dummer Schablonisierung und Pauschalisierung zu tun. Ich würde es nicht ein „Comeback“ nennen, ein „überraschendes“ sowieso nicht, dafür ist mir der Gute eben zu clever und zu strategisch. Als er 1989 schon einmal wie Phönix aus der Asche stieg, hatte er ebenfalls ein paar Jahre ziellosen Wirkens verschwendet, ich wurde heute explizit noch einmal auf die umstrittenen Synthie-Eskapaden von „Die Sonne so rot“ gestupst, nach denen er sich doch lieber wieder der Stones-Schule besann. Kein Comeback, er war vielleicht abgeschrieben, aber nie richtig weg. Er biegt bloß gerade endgültig in ein Spätwerk ein, das noch einmal interessant werden könnte.
Marius Müller Westernhagen – „Hottentottenmusik“
Label: Kunstflug /Sony Music
4 Sterne