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Grüne Tomaten schlafen wütend

Rettet die Omas

Über Jahrzehnte hinweg waren diejenigen unter uns, die aufgrund ihrer späten Geburt irgendwann in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht mehr das Glück hatten, einen Weltkrieg, die Straßenkämpfe der 68er-Bewegung oder die RAF miterleben zu dürfen, in einem ziemlichen Dilemma: Auf die Frage, von welchen prägenden Lebensereignissen sie später einmal ihren Enkeln berichten können und sollen, gab es keine valide Antwort. Was würde die eigenen Kindeskinder bloß einmal so fesseln können, wie einen selbst damals Omas Geschichten, als sie erzählte, wie Opa in den 1940ern seine Stiefel irgendwo in Stalingrad verlor und seine Füße gleich mit…

Wer wie ich als jemand in den Vierzigern nach Lebenserfahrungen sucht, die er seinen Nachfahren einmal mit auf den Weg geben möchte, ist unsicher, ob Erlebnisse wie Maradonas Tor mit der „Hand Gottes“ bei der Fußball-WM 1986 oder das dreitägige Warten auf ein iPhone 4 vor einem Apple-Shop 2010 ausreichend wichtig sind, um an die nächsten Generationen weitergegeben zu werden. Auch wenn es seiner Zeit für mich selbst unfassbar traurig und bedeutend war, als das Yps-Heft eingestellt wurde, war das Verschwinden der Urzeitkrebse vom Zeitschriftenmarkt historisch gesehen wohl doch nicht so bedeutend wie das Verschwinden der Dinosaurier von der Erde…

Seit einigen Wochen können sich jedoch nun alle, die Hitler, Dutschke, Ensslin oder Dragonat nur noch aus Büchern, einer Guido-Knopp-Reportage oder daher kennen, weil sie deren Namen gerade gegoogelt haben, glücklich schätzen: Dank SARS-CoV-2 haben auch wir Prä- und Post-Millennials endlich etwas, von dem wir im Rentenalter Spannendes berichten können. Vorausgesetzt wir haben das Virus bis dahin überstanden und liegen dann nicht gerade zur Beatmung auf einer Intensivstation. „Corona“ klingt nicht nur wie der Titel eines neuen Dan-Brown-Romans, die Story um das Virus aus Wuhan ist auch genauso spannend, was ihr noch unbekanntes Ende angeht: Wer steckt dahinter? Wie viele Tote wird es geben? Gibt es eine baldige Fortsetzung? Spoiler Fehlanzeige…

Der Mensch ist bekanntlich nicht das intelligenteste Lebewesen auf der Erde, auch wenn er das gerne von sich glaubt. Im Gegensatz zu Tieren ist er weder beim Fortbewegen an Land noch im Fliegen, Schwimmern oder Sex ohne technische Hilfsmittel besonders gut. Während tierischer Nachwuchs oft bereits nach Stunden auf eigenen Beinen steht, schafft menschlicher Nachwuchs das meist nicht einmal nach 25 Jahren und einem abgeschlossenen Studium. Bestes Beispiel für die Überlegenheit der Tiere ist die Meeresschildkröte, die ihre Eier nachts am Strand ablegt und danach für immer verschwindet. Etwas, was Menschen fremd ist, sieht man einmal von alleinerziehenden Müttern ab, die seiner Zeit nach einem One-Night-Stand schwanger aus dem Ibiza-Urlaub kamen…

Bislang war die Wissenschaft davon überzeugt, dass es die Evolution war, die dazu geführt hat, dass der Mensch die Bäume verließ und begann, aufrecht zu gehen. Mit blickt auf unser archaisches Verhalten in den letzten Wochen beschleicht sich die Vermutung, dass unsere Vorfahren eher aus Dummheit von den Bäumen fielen und danach nur deshalb auf zwei Beinen weiterliefen, damit ihre Fingernägel länger halten. Die Annahme, dass sich unsere Intelligenz und soziale Kompetenz seit dem Neandertal weiterentwickelt haben, muss jetzt, wo wir wissen, dass es zum Leben nicht nur Wasser und Nahrung, sondern insbesondere Toilettenpapier braucht, als falsch angesehen werden…

Wer hätte bis vor kurzem gedacht, dass es nicht nur ethnische Konflikte in Asien oder der Kampf um Bodenschätze in Afrika sein können, die zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führen, sondern auch der Kampf um Nudeln und Mehl mitten in Deutschland. Und das in einer Zeit, in der eigentlich kaum jemand mehr selbst backt, da er Brötchen lieber beim Discounter kauft, und Pasta üblicherweise beim Lieferservice bestellt. Wer momentan glaubt, dass gemahlener Weizen, geformter Hartweizengries und aufgerollter Zellstoff derart lebenswichtig sind, dass sie Ringkämpfe vor Supermarktregalen erfordern, der sollte zum Schutz vor Covid-19 auch über einen Hut aus Alufolie nachdenken…

Dass Corona nur so mittelgeil ist und uns einmal ziemliche Kopfschmerzen bereiten wird, war mir bereits klar, als ich zum ersten Mal eine Kiste davon getrunken hatte. Man muss kein Epidemiologe oder besonders intelligent sein, um zu verstehen, dass bei Ansteckungskrankheiten Maßnahmen wie Abstand halten, zuhause bleiben und Hygiene viel dazu beitragen, Ausbreitungen zu verlangsamen. Alternativ könnte man auch wie im Mittelalter Erkrankte einfach aus der Stadt jagen und durchseuchte Ländereien mit einer Schutzmauer umziehen, damit sich das Problem von selbst löst. Zumindest Letzteres funktioniert heutzutage nicht mehr, wie die Erfahrungen mit der DDR gezeigt haben…

Herdenimmunität funktioniert bei Menschen wohl nur bei der Immunität gegen Fakten. Geschlossene Lokale haben dazu geführt, dass sich Verschwörungstherorien und zweifelhafte Neuigkeiten aus dem Internet nach dem zehnten Pils nun nicht länger nur in der Stammkneipe, sondern auch in sozialen Netzwerken verbreiten: Dass schon die Simpsons das Coronavirus vorausgesagt haben, Luftanhalten als Schnelltest geeignet ist oder Alkoholgenuss und Oralverkehr – gerne auch kombiniert – als Prophylaxe ungeeignet sind. Man sollte nicht alles glauben, was man hört! Elvis starb keineswegs an Covid-19, sondern an einem vergifteten Mettbrötchen 2013 in einer Jugendherberge bei Bottrop …

Auch wenn Jüngere es oft nicht wahrhaben möchten, haben die letzten Wochen doch gezeigt, dass es im Leben ab und an größere Herausforderungen gibt als bei FIFA 20. Manchmal sollte man gerade in jungen Jahren froh sein, dass es bindende Regeln gibt: Sowohl nach ungeschütztem Sex wie auch wenn es darum geht, einen Virus im Zaum zu halten. Um schweigend aufs Smartphone zu starren und Freunden Textnachrichten zu schicken, braucht man nicht neben ihnen im Park zu sitzen. Mein Großonkel fühlte sich damals mit zwanzig auch unsterblich, wurde an der Front dann aber eines besseren belehrt. Soll heißen: Zuhause wäre das nicht passiert. Bei Bombenwetter daheim bleiben…

Mit der ungewohnt vielen freien Zeit geht jeder anders um. Die einen räumen auf und trennen sich zuerst vom langweiligen Bettbezug und danach von der langweiligen Bettbeziehung, die anderen flüchten vor der Einsamkeit und kommen mit dem zusammen, mit dem sie zuvor nur zusammen kamen. Wer handwerklich begabt ist, frönt dem nun reichlich vorhandenen Toilettenpapier und dem Internetangebot für Erwachsene, um sich seelisch wie auch anderweit zu entspannen, oder bastelt aus seinen alten Unterhosen Gesichtsmasken, um sie für den Preis eines Kleinwagens zu verkaufen. Viele holen auch längst benötigten Schlaf nach und zwar morgens im Home-Office…

Aus „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord“ soll kein „Wir lagen auf der Parkwiese und hatten Corona für alle“ werden. Was sich letzten Sommer noch wie eine spaßige Freibierparty angehört hätte, ist derzeit alles anders als Spaß. Ob sich junge Dinosaurier damals auch gut gelaunt zu Meteoriteneinschlags-Partys auf kreidezeitlichen Grünflächen getroffen haben? Wir können sie leider nicht mehr fragen. – Wer nächstes Weihnachten mit Oma und Opa zuhause statt auf dem Friedhof feiern möchte, sollte daher schlau sein: Abstand halten, Hände waschen, Maske auf und wenn es geht, zuhause bleiben. Rettet die Omas… gruenetomaten@live-magazin.de.


Patrik Wolf

P.S. Keep calm and wash your hands.

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