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Auf wiederhören

1994 war ein gutes Jahr für Hans Müller und die Stadt Saarbrücken. In diesem Jahr verschlug es den damaligen BWL-Student an die Saar. Im Anschluss bereicherte der Regensburger als DJ Landa del Tigre das Saarländische Nachtleben und als Betreiber des „Humpty Recordstore“ die elektronische Musikszene. Jetzt verlässt Hansi das Saarland und kehrt in die bayrische Heimat an der Naab zurück. L!VE hörte nach warum.

L!VE: Die Legende besagt, unsere Gemeinde hat Deine Anwesenheit einem Zufall zu verdanken?

Hans Müller: Das stimmt. Eigentlich wollte ich nach England fahren. Ich kam von Regensburg und wollte mal nicht über Köln, sondern über Luxemburg fahren, und so kam ich zwangsläufig in Saarbrücken vorbei – und genau da ging meine Karre kaputt. Das war so der Anfang, ich stand da und der Wagen war unwiederbringlich dahin. Da dachte ich, das sei ein Zeichen. Ich suchte mir einen Laden, weil ich sowieso was aufmachen wollte. So landete ich in Saarbrücken.

L!VE: Gewissermaßen die Autopanne als Wink des Schicksals?

H.M.: Genau so war das! Ich war da kurzentschlossen! Natürlich bin ich nochmal kurz zurück nach Regensburg. Ich musste ja meine Sachen holen. Aber nach zwei Wochen war ich wieder hier, das ging ganz schnell. Ich hatte mir vorher auch noch ein Ladenlokal ausgeguckt und bin erst dann zurückgefahren. Der Laden war passenderweise in der Nauwieserstraße, genau da wo ich liegengeblieben war. Da hatte ich ja noch kein Handy und so bin ich ausgestiegen und hab‘ mich hilfesuchend zu Fuß auf den Weg begeben. Nach ein paar Schritten stehe ich auf einmal vor einem leeren Ladenlokal. Ich habe dann einen Nachbarn gefragt, wem das Haus gehöre, weil mich das direkt interessiert hat. Vor dem Haus auf der anderen Straßenseite saßen auch ein paar Leute, die auch meinten, es sei schon cool hier. Außerdem hab‘ ich mir gedacht, dass Heidelberg ja auch nicht weit ist von hier, wo ich eine Freundesbasis hatte, die schon viel mit Platten zu tun hatten, die Humpty-Leute zum Beispiel. Mit denen hatte ich schon immer zu schaffen, von Anfang an. Schließlich dachte ich mir, liegt doch wirklich nah, machen wir! Der Laden dort war allerdings total runtergekommen und ich musste den erstmal ausbauen. Deswegen musste ich auch erstmal keine Miete zahlen, was ehrlich gesagt auch ein Riesenargument war. Ich habe dann wie verrückt renoviert und am Ende war es dann so, dass ich Mitte Oktober ’94 die Autopanne hatte und den Laden schon am 1.11. eröffnet habe.

L!VE: Den Plan einen Plattenladen zu machen hattest Du also auch schon vor dem unfreiwilligen Autostopp?

H.M.: Nee, eigentlich wollte ich eine Kneipe aufmachen oder ein Café. Aber das mit den Plattenläden war auch schon immer auch im Hinterkopf auch wegen des Kontakts zu den Heidelbergern. Von denen hatte ich ja immer Platten mit nach Regensburg genommen, wo ich damals BWL studiert hatte. Und Saarbrücken fand ich schon immer auch in dieser Hinsicht sehr interessant, muss ich ehrlich sagen. Damals gab es nur das Delirium, wo ich auch schon mal eingekauft hatte. So hab‘ ich mir gedacht, da muss noch ein Laden her. Ein paar Wochen später gab es dann mit Hard Wax und mir sogar schon drei. Tatsächlich gab‘ es dann hier, gemessen an der Einwohnerzahl, die größte Plattenlädendichte im ganzen Land. Dann kam auch noch das Rex Rotari, ein Reggae-Laden und Short Egg in der Mainzer dazu. Zu den besten Zeiten gab es dann noch Läden in Neunkirchen, Saarlouis und Zweibrücken. Mich haben dann öfter mal Vertriebsleute gefragt: „Was ist denn da bei euch los in der Gegend, sind die alle verrückt?“ Ich habe dann nur gesagt, stimmt!

L!VE: Apropos Platten, Deine Basis ist nach wie vor Vinyl?

H.M.: Auf jeden Fall. Es gab zwar zwischenzeitlich so Momente, wo man überlegen musste, wo die Reise hingeht. Wir wussten, dass wir tolle und treue Kunden hatten, aber trotzdem kannst Du ja nie wissen, was in ein paar Jahren sein wird. Damals hatte ich dann das Sortiment auf Farben ausgedehnt, eine Idee, die ursprünglich von Kunden kam, weil es in der Stadt kaum ein Angebot gab. Das war dann sofort ein zweites Standbein, was es mir sehr leicht gemacht hat, über Vinyl gar nicht weiter nachdenken zu müssen. Das war echt eine Riesenhilfe und das blieb auch so bis heute. Inzwischen ist Vinyl natürlich wieder wesentlich stärker geworden in den letzten Jahren, keine Frage.

L!VE: Nochmal kurz zurück zum Anfang, die Liebe hat also gar keine Rolle bei der Umsiedlung gespielt?

H.M.: Ganz im Gegenteil! Die Liebe zum Saarland kannte ich ja noch gar nicht. Das Saarland war für uns Bayern ja damals überhaupt nicht existent, sorry. Ansonsten hatte ich ja meine ganzen Freunde und Bekannte in Regensburg, Heidelberg und München. Ich musste da schon einen ganz schönen Cut machen. Ich hatte einen einzigen Schulfreund, der Saarländer war. Mit dem wollte ich ursprünglich das Café aufmachen. Von daher gab es eine minimale Beziehung hierher, weil ich ihn später auch mal besucht hatte. Der ausschlaggebende Punkt war aber wirklich die Autopanne. Und natürlich, dass die Stadt ein Wahnsinnspotential hatte – und hat!

L!VE: Warum dann jetzt die Kehrtwende zurück in die Heimat?

H.M.: Das hatte ich eigentlich schon von Anfang an vor. Denn ich bin ein Zugvogel und es zieht mich immer weiter. Am Anfang hatte ich ja überhaupt kein soziales Umfeld hier. Das war nicht so ganz einfach und ich habe die ersten Monate ja auch noch im Laden gewohnt; ein echtes Abenteuer. Schon da habe ich mir gedacht, dass acht Jahre in meinem Leben immer so ein Rhythmus sind. Da hatte ich immer wieder was Schwerwiegenderes geändert. Schon weil mein Vater in der Armee war, sind wir alle paar Jahre umgezogen, von daher hatte ich das so’n bisschen drin. Ich habe mir also gedacht, acht Jahre bleibst Du mal hier und guckst mal, was Du draus machst. Es hat mir ja auch gut gefallen hier. Und erst jetzt merke ich wie lange die acht Jahre jetzt tatsächlich sind, denn jetzt sind ja 27 daraus geworden.

L!VE: Dennoch kommt dein Wegzug jetzt doch recht überraschend.

H.M.: Ich bin halt echt schlecht im Verabschieden, muss ich sagen. Es war wie gesagt ja schon länger geplant. Ich baue schon seit längerem ein Haus in an Naab. Das Haus ist jetzt so gut wie fertig. Da ist es klar, dass man den Weggang plant. Meine Eltern werden auch nicht jünger, mein Sohn ist mit der Schule fertig geworden und auch im Laden muss jetzt einfach ein Generationswechsel her. Denn der braucht künftig Ideen, die ich nicht mehr liefern kann und mein Nachfolger Metty macht das einfach mehr als gut. Es hat jetzt einfach alles zusammengepasst.

L!VE: Die Pandemie hat bei dem Entschluss gar keine Rolle gespielt?

H.M.: Nein, überhaupt nicht! Die spielt für mich gar keine Rolle! Die Leute bleiben ja im Endeffekt dieselben. Von daher hat das meine Entscheidung weder beschleunigt noch gebremst. Ich werde es nur in Zukunft deutlich einfacher haben, da ich viel weniger Menschen vor mir habe werde. Was das Geschäft angeht, haben wir hier in den letzten zwei Pandemie-Jahren gelernt, wie cool die Leute hier sind. Echt wahr! Es gibt nur ganz wenige Städte, wo die Leute so eine Bindung zu dem haben, was ihnen vor Ort geboten wird, muss ich ganz ehrlich sagen. In dem Zusammenhang auch ein ganz großes Dankeschön an die Leute!

L!VE: Gibt es etwas, was Du auf jeden Fall aus Deiner Zeit hier mitnimmst?

H.M.: Weißt Du was ich wirklich gelernt habe: Menschen sind mehr wert als Geld! Auch den ganzen Laden hier machen nur die Menschen, machen nur die Leute aus. Das Geld ist dann das, was danach kommt. Wenn du nur aufs Geld zielst, veränderst du dich – und nicht zu Deinem Besten. Wenn du mit den Menschen klarkommst, dann wirst du vielleicht nicht reich, aber willst du das denn? Das letzte Hemd hat keine Taschen. Ich habe echt gelernt, dass ich zwar gut mit mir alleine zurechtkomme, aber ich bin wirklich froh, wenn es Menschen gibt, die einen mögen!

L!VE: Abschließend bleibt uns Saarbrückern erstmal nur, uns bei Dir für den Soundtrack der letzten knapp drei Jahrzehnte zu bedanken! Hast Du noch irgendwelche letzten Worte zum Abschied?

H.M.: Wir sehen uns wieder!

Unmöglich möglich

Hallo Mikrokosmonauten: Wir sollten uns „ent-sollten“!

Ich habe nachgedacht. Viele Jahre meines Lebens war ich der Auffassung, dass es immer die anderen sind, die über mein Leben urteilen, meine Entscheidungen kritisieren und mich in ein Korsett eines bestimmten Lebensweges pressen möchten. Ich war immer der Auffassung, dass es die anderen sind, die mir Druck machen, zu heiraten, ein Haus zu bauen und an meiner finanziellen Unabhängigkeit zu arbeiten. Inzwischen komme ich jedoch nach und nach von dieser Annahme ab. Denn so wichtig bin ich für andere gar nicht. Was ich damit sagen möchte ist, dass die Menschen in meinem Umfeld zwar durchaus mal gut oder weniger gut finden, was ich tue oder nicht. Jedoch drehe ich mich nicht ständig um sie, als dass sie mich andauernd einer Art „gesellschaftlichen Rankings“ unterziehen müssten. Dazu haben die alle schlichtweg zu viel zu tun. Mit ihrem eigenen Leben beispielsweise. Und mit ihren eigenen Entscheidungen, die aus all den Möglichkeiten resultieren, die die Welt für sie bereithält. Und als ich mich neulich dabei ertappte, wie ich mich zum wiederholten Male ermahnte, ich sollte statt faul auf der Couch rumzuliegen doch etwas Weltverbesserndes, Konstruktives, Phänomenales tun, dämmerte es mir: Vielleicht bin ich es selbst, die mich immerzu für die Dinge kritisiert oder sogar verurteilt, die ich tue.

Offenkundig! In letzter Zeit ertappe ich mich dabei, wie ich mich andauernd aus dem grammatikalischen Möglichkeiten-Katalog bediene und solche Sachen sage wie: „Ich sollte mehr Sport treiben!“ oder „Ich müsste mal wieder abnehmen!“ oder aber der Klassiker: „Ich sollte mich nicht so gehen lassen!“. Der Konjunktiv als ständiger, nerviger Begleiter. Und ich komme nicht daran vorbei, mir die Frage zu stellen:

Seit wann „be-sollten“ wir uns denn so?

Jetzt mal Hand aufs Herz: Wie oft ertappen wir uns dabei, wie wir uns mit überhöhten Ansprüchen an uns selbst regelrecht übernehmen? Und wie wir dann anfangen, uns zu gängeln, dass wir doch dies und das sollten oder könnten oder was-weiß-ich. Was denken wir uns eigentlich dabei? Glauben wir allen Ernstes, dass überzogene Ansprüche der Schlüssel zum Erfolg sind? Getreu dem Spruch: „Glücklich sind die Anspruchslosen“ ist es nun an der Zeit, unsere Erwartungen durchaus etwas runterzuschrauben. Vor allem die an uns selbst.

Gute Vorsätze?

Es ist doch jedes Jahr das Gleiche: Der Jahreswechsel ist das beste Beispiel dafür, uns unsere vermeintliche Mittelmäßigkeit vor Augen zu führen. Ich glaube sogar, dass Silvester der ultimative „Hätte, würde, sollte-Tag“ überhaupt ist! Traurig, aber wahr, aber es zeigt sich Jahr um Jahr, dass wir Vorsätze schmieden, die uns besser, schöner und im Optimalfall schlauer machen sollen. Ausgenommen sind die wenigen, deren Ego größer ist als das von Annalena Baerbock. Es ist ja schön, sich neue Ziele zu stecken, denn Stehenbleiben ist keine Option. Allerdings habe ich gemerkt, wie frustrierend es sein kann, sich selbstkritisch und kontrollverliebt durchs Leben zu jagen. Natürlich sollte ich genügend Sport treiben, in Gesprächen immer möglichst unterhaltsam und lustig sein, wenn`s geht nicht zu viel zu trinken und noch weniger zu fluchen, mich an die Geschwindigkeit halten und bloß nicht jammern, wenn’s mal schwierig wird. Aber seien wir mal ehrlich: Der Satz „Ich sollte mich nicht so gehen lassen!“ ist die maximale Verunglimpfung der eigenen Person. Sich gehen lassen. Was für eine Frechheit und ein Eingeständnis, dass man sich selbst offensichtlich ziemlich unattraktiv und erfolglos findet. Stattdessen sollten wir es uns vielmehr gut gehen lassen!

Und damit nicht genug. Wer zu hohe Ansprüche an sich selbst hat, ist erwiesenermaßen unglücklich. Einerseits, weil man zu selbstkritisch ist, sich für Fehler verurteilt, sämtliche Rollen im Leben perfekt zu meistern versucht, sei es im Beruf, in der Familie und in Liebesbeziehungen, und obendrein dazu neigt, eigene Erfolge herunterzuspielen. Und andererseits, weil eine unbändige Angst besteht, von anderen abgelehnt zu werden, wenn Leistungen nicht erfüllt werden. Und außerdem sollten wir uns keinesfalls den übriggebliebenen Rest der Weihnachtsplätzchen reinpfeifen! Denn das sollte und dürfte einfach nicht sein und macht uns automatisch zu den Abtrünnigen der Gesellschaft!

Schluss mit „hätte, würde, sollte“?

Die Möglichkeitsform bietet im umgekehrten Fall aber auch unzählige Möglichkeiten! Und Konjunktiv sei Dank bewahrte mich so manches „hätte, würde, könnte, sollte“ schon oft vor Schlimmerem. Sätze, in die solche Wörter gepackt werden, wirken in manchen Situationen wesentlich weicher, entschärfter und ja, auch netter. „Ich würde ja gerne mit dir in Wollsocken am Kamin faulenzen, aber ich sollte meine Kreditkarte besser bei einem ausgedehnten Shoppingtrip zum Glühen bringen. Es könnte nämlich sonst zu hormonbedingten Ausfällen meinerseits kommen, die zur Folge haben könnten, dass es Todesfälle zu beklagen gibt.“

Aber ist es nicht genau das? Ein Konjunktiv beschreibt doch einfach nur, dass etwas möglich ist. Es ist also nicht unmöglich, von einer Möglichkeitsform insoweit abzurücken, wie man selbst dazu bereit ist. Oder in meinem Falle: Ein Konjunktiv ist so lange der Mahnende, wie ich ihn lasse, der Mahner zu sein. Ansonsten ist er nämlich eigentlich ganz in Ordnung. Also er könnte zumindest in Ordnung sein, sofern ich das zulasse. Könnt ihr mir noch folgen?

Es ist doch so: „Ich sollte mehr Sport treiben!“, ist die kühne Art, mich darauf hinzuweisen, dass ich jederzeit Sport machen könnte, es aber keineswegs muss. Es bleibt lediglich eine Option. Aber hey, wie toll ist es, dass ich es überhaupt könnte, wenn ich denn wollte. Ha! Was für eine Möglichkeit! Da kann der Mahner in mir jetzt staunen! Aber ernsthaft: Wenn vor jedem „Ich sollte“-Satz, der ursprünglich darauf abzielen sollte, uns  klein zu machen, zu kritisieren oder sogar zu erniedrigen der Mahner darin des Hauses verwiesen werden würde, wäre der Satz überhaupt nicht mehr schlimm. Im Gegenteil. Er hätte eine Leichtigkeit inne. Ganz nonchalant käme er daher und würde uns überhaupt nicht mehr stressen. Es könnte so einfach sein. Und ist es auch.

Ich wünsche Euch einen guten Start ins neue Jahr. So viele Möglichkeiten warten.

Lasst sie uns nutzen!

Osthafen unter Strom

Der Saarbrücker Unternehmer Andreas Hoffmann setzt sich für eine Neugestaltung des ehemaligen Osthafens zum nachhaltigen Kulturort ein. Woher er als Geschäftsführer eines der führenden europäischen Unternehmen der Solarenergie-Branche Zeit, Energie und Motivation nimmt, verrät er uns im Gespräch

Die Greencells Group startete im Jahr 2009 als kleine Montagefirma in Saarbrücken. Seither ist das Unternehmen zu einem der größten europäischen Anbieter von Solarkraftwerken gewachsen, der weltweit über 300 Mitarbeitern beschäftigt und Tochtergesellschaften in Asien, dem Mittleren Osten und den USA gründete. Der Weg dorthin erfordert besonders von Gründer und Geschäftsführer Andreas Hoffmann immer wieder Einsatz, gerade weil sich die Branche in jüngster Zeit in einer Krise befand und auch die Corona-Pandemie für zusätzliche Schwierigkeiten sorgte.

Trotzdem fand der 44jährige noch die Zeit gefunden, sich beispielhaft für ein Projekt zur nachhaltigen Wiederbelebung des ehemaligen Saarbrücker Osthafens, eines seit langem leerstehenden Industriekomplexes, einzusetzen. Vor allem die zwischenzeitliche kreative gastronomische Nutzung der Fläche hat das Gelände zu einem echten Lieblingsort vieler Saarbrücker gemacht. In Abstimmung mit dem dort aktiven Vereinen Sektor Heimat und WiWo entwickelte Andreas Hoffmann jetzt ein Konzept für den Osthafen, das ausreichend Raum für die kulturelle Nutzung lässt und der lokalen Kunstszene den erforderlichen Raum lässt, um sich frei entfalten zu können.

L!VE: Wo nimmst du die Zeit her, um neben deiner hauptberuflichen Tätigkeit noch solche Projekte zu entwickeln?

Andreas Hoffmann: Es wird tatsächlich Zeit, dass ich ein bisschen runterfahre. Bei Greencells war es so, dass wir eigentlich zu spät gestartet sind. Denn die erste große Solarwelle war schon am Abebben und die Branche steuerte gerade auf eine Krise zu, als wir loslegten. Dann gab es plötzlich keinen Markt mehr in Deutschland und wir mussten ins Ausland, um unser Unternehmen nicht schon unmittelbar nach dem Start sterben zu sehen. Was wir dann getan haben, war jedoch keine total clevere Internationalisierungsstrategie, sondern eher „run for your life“. Es gab nur zwei Alternativen: Entweder aufgeben und untergehen oder dort arbeiten, wo es funktioniert. Obwohl wir uns für die zweite Möglichkeit entschieden, agierten wir weiter von Saarbrücken aus. Unser größeres Büro in Berlin wurde geschlossen, was sich im Nachhinein als Fehler herausstellen sollte. Denn eine Zeit lang ist es uns hier in Saarbrücken sehr schwergefallen, Mitarbeiter zu finden oder Leute zu begeistern hierher zu kommen. Wenn du in Berlin einen chilenischen Mittelspannungsingenieur suchst, dann hast du am nächsten Tag fünf Bewerbungen. In Saarbrücken hättest du jemand Schmerzensgeld zahlen müssen, abgesehen davon, dass man nicht den Fehler machen darf, die Leute bei schlechtem Wetter im November hierher einzuladen. Letztlich mussten wir flexibel sein und die Leute von dort aus arbeiten lassen, wo auch immer sie waren bzw. arbeiten wollten. Diese Routine hat uns dann in der Covid-Krise sogar geholfen. Wir hatten weiter hier in Saarbrücken unsere Homebase und dehnten uns in ganz Europa aus. Leider haben wir uns dann auch noch auf andere Kontinente begeben, was zu immensen Reisetätigkeit und Raubbau am eigenen Körper geführt hat… Im Nachhinein, wenn ich’s nochmal machen dürfte, würde ich das vermeiden, denn manchmal bin ich aufgewacht und wusste wirklich nicht wo ich bin. Da waren schon viele 16-Stunden-Tage und an den Wochenenden auch nochmal sechs bis acht Stunden. Bei manchen Aktionen, muss ich sagen, kommt man dann auch nicht so gut raus. Ähnlich wie in einer Bobbahn, einmal losgefahren, musst du da dann bis zum Ende durch. Aussteigen tut echt weh und führt  zu schlimmen Kollateral-Schäden. Ein oder zwei mögliche Haltestellen hab‘ ich leider verpasst. Jetzt nähere ich mich wieder so einer Haltestelle und die will ich dann aber auch sehr bewusst wahrnehmen. Deshalb, auch wenn der Akku schon ziemlich leer ist, bis jetzt hab‘ ich alles hingekriegt. Im Leben geht es oftmals um Timing und manchmal ist das Timing auch gut. Das Projekt Osthafen hätte ich in den letzten 18 Monaten nie so beherzt angehen können, wenn nicht die Pandemie gekommen wäre, denn dann hätte ich im Flieger gesessen.

L!VE: Was liegt dir mehr am Herzen. Die Firma Greencells oder die Entwicklung des Osthafens?

A.H.: „Beides triggert mich auf unterschiedliche Weise. Bei Greencells war es für mich die Idee, seit langem wieder was Sinnstiftendes zu tun, etwas wie es eigentlich in meiner Jugend und Kindheit von Bedeutung war. Zwischendurch, bei den Ausflügen in die Gastronomie oder die Werbung, verfolgte ich eher spaßgetriebene Projekte. Angesichts der Möglichkeit, wieder was Sinnstiftendes tun zu können, habe ich mir gesagt, das will ich jetzt mal durchziehen, bis ich wirklich der Meinung bin, es hat seine volle Ausbaustufe erreicht. Allerdings habe ich unterschätzt, was das bedeutet. Dann kam noch massiv der Einfluss exogener Faktoren hinzu, was ich vorher so nicht kannte. In den Projekten, die ich vorher gemacht hatte, gab es nicht so wirklich Sachen, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen und dann doch voll reinhauen… Was mich dagegen beim Projekt Osthafen antreibt und warum ich die Leute am Silo seit Jahren unterstütze, ist die Tatsache, dass Saarbrücken meiner Meinung nach, im Moment auf einem schmalen Grat unterwegs ist. Wir stehen an einem Scheideweg, leisten uns eine Universität, wo Leute einen Heulkrampf kriegen, wenn sie durch die ZVS hierherkommen. Wenn wir doch aber das viel Geld für eine Uni ausgeben, dann wollen wir doch auch, dass manche Leute anschließend hierbleiben. Oft hört man von solchen Leuten, dass sie ihr Meinung ganz schnell geändert hätten, weil der Saarländer ja so warmherzig und hilfsbereit sei. Aber trotzdem gehen diese Leute nach dem Studium. Sie sagen zwar, es war super hier und sind irgendwo vielleicht auch gute Botschafter für das Saarland, aber so richtig was gewinnen, tun wir hier dabei nicht, denn es wäre natürlich schöner, wenn die Menschen auch im Saarland bleiben würden. Und was bewegt denn junge Menschen nach dem Studium, in einem Alter wo sie ja noch richtig aktiv sind, auch und gerade in ihrer Freizeit. Das Thema Familiengründung findet erst wieder später statt. Um deren Ansprüchen zu genügen, muss die Stadt attraktiv bleiben. Und dazu gehört eben auch das, was Leute wie Tim Grothe am Ludwigskreisel, Michael Kastel und Giovanni D’Arcangelo in der City, Janis Mudrich am Silo oder ihr mit eurem Magazin auf die Beine stellt. Die halten eben nicht nur die Fahne des Nachtlebens hoch, sondern schaffen darüber hinaus die Verbindung zu Kunst und Kultur, was ja durchaus auch nahe beieinander liegt. So erreichst du eben ein signifikant breiteres Publikum, nicht nur die Tänzer und Raver, sondern sprichst auch die Leute an, die einen anderen, weiteren kulturelle Horizont haben, kommen dann dazu. Dann wird’s halt urban und dieses Urbane müssen wir stärken hier. Und weil ich nun mal hier lebe, ist es für mich wichtig, dass diese Stadt sich entwickelt. Wir haben natürlich ein paar Vorteile und die sollten wir aber auch wirklich nutzen!“

L!VE: Warum spricht dich das Thema so an?

A.H.: „Am Anfang habe ich bei meinen Managerjob das Nachtleben vermisst, weil es mir einfach Spaß gemacht hatte. Das ist dann irgendwann verschwunden, vielleicht auch über meine Rolle als Vater. Trotzdem wollte ich den Jungs da helfen, vielleicht auch irgendwie noch eine Rolle spielen und nicht ganz aus dieser Szene raus zu sein. Was die Gastronomie angeht, juckt es mich eigentlich nicht mehr, das können andere viel besser. Dann habe ich auch gemerkt, dass wenn ich noch Ambitionen hatte, da mitzugestalten, dann hat das am Schluss doch keinen Spaß gemacht. Da waren halt Leute am Start, die das tags wie nachts mit 100% betreiben und beherrschen. Die haben sich dann auch manchmal gedacht: „Ey Andy, ist ja nett, dass du uns hilfst, aber was soll das denn jetzt?“. Hier und da mal ein bisschen rumfummeln, hat nicht funktioniert und so bin ich dann einfach nur noch Gast gewesen, was dann auch immer weniger wurde. Jetzt aber freue ich mich, dass dieses Projekt, das inzwischen so viel Formen angenommen hat, von Kunsthandwerk und Ateliers, von Inklusion von Behinderten bis Gewaltprävention, von Proberäumen und Studios, einen Spannungsbogen schafft, alle kulturellen Facetten, die Saarbrücken bietet, jenseits von den etablierten und professionellen Institutionen wie Staatstheater und Museen dort zu beheimaten. Wenn das gelingt, habe ich erreicht was ich wollte.“

L!VE: War dein Leben als erfolgreicher Unternehmer eher Fluch oder Segen bei der Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen?

A.H.: Das habe ich so nicht wahrgenommen. Vielleicht war das auch gut so. Früher waren wir immer ungeduldig. Alles musste schnell gehen und gut werden. Dahinten haben wir jetzt über vier, fünf Jahre vorgearbeitet und uns erstmal ein gewisses Maß an Vertrauen erworben. Das hat auch schon mal wehgetan, wenn man dann keine richtige Unterstützung erfahren hat, wo ich aber heute sage, wenn wir dieses Gebäude auch noch übernehmen wollen und viel Geld investieren, gibt es ja unter Umständen auch Fragezeichen bei Außenstehenden, ob das wohl alles mit rechten Dingen zugeht oder ob wir vielleicht sogar was geschenkt bekommen. Deswegen gibt es die europaweite Ausschreibung nach EU Richtlinien, es gab einen städtebaulichen Wettbewerb und dadurch sind wir auf der sicheren Seite was mögliche Kritiken angeht, da wäre etwas gemauschelt worden. Die würden das Projekt nämlich schädigen. Wir haben diese Zeit also ohne Hilfen überstanden und vielleicht ist das gut, weil wenn wir jetzt Mitte Februar den Zuschlag erhalten, kann keiner was sagen.Mir ging es einfach darum, dass dort etwas passiert. Auch wenn wir nicht gewinnen, gelten doch trotzdem die Bedingungen wie sie in der Ausschreibung definiert wurden – und so ist dann auch das Ziel für den Osthafen erreicht.“

L!VE: Am Schluss muss eine Frage einfach kommen: was ist das nächste Projekt?

A.H.: Hoffentlich nix!

Gehen wir heim?

Man braucht kein Hellseher zu sein oder mit einer Bibel unter dem Kopfkissen zu schlafen, um zu wissen, dass der Tag kommen wird, an dem die Menschheit vor ihrem Ende steht. Nie war das klarer als gerade jetzt. Nach fast zwei Jahren Pandemie wissen wir, dass unsere größten Probleme darin bestehen, nicht genug Toilettenpapier in der Lieblingsfarbe auf Vorrat zu haben und Sangria alleine aus Gläsern trinken zu müssen statt in Gruppen aus Eimern. Zählten wir Deutsche einst zu den schlausten Köpfen überhaupt, als wir Buchdruck, Automobil und Weltkrieg erfanden, schaffen wir es heute nicht einmal mehr ein Stück Stoff richtig über Mund und Nase zu tragen. Hätten wir alle doch gerade nur halb so viel Vertrauen in die Wissenschaft wie in Tupperware…

Obwohl wir uns bereits vor Corona am liebsten unser Essen beim Lieferservice, unsere Klamotten bei Amazon und unsere Freunde bei Instagram besorgt haben, fühlen wir uns nun eingeschränkt, da wir nicht mehr ohne Weiteres in die Restaurants, Kaufhäuser und Clubs dürfen, in denen wir eh schon seit Jahren nicht mehr waren. Weil es uns zu umständlich war, es für unseren realen Anblick keinen schönenden Weichfilter gab oder wir eine Hose hätten tragen müssen. Es ist so, als würden Nichtraucher sich plötzlich beschweren, dass sie im Linienbus nicht mehr rauchen dürfen. Obwohl sie noch nie eine Zigarette im Mund hatten, geschweige denn jemals mit dem ÖPNV gefahren sind. Wir sind derzeit alle so schnell erregt. Leider eben nur nicht auf die gute Art und Weise…

Viele Menschen haben es derzeit wirklich nicht leicht. Krankenhaus- und Pflegepersonal zum Beispiel oder Pärchen, die zur gleichen Zeit im Home-Office arbeiten. Und Gymnasiallehrer, die alles besser wissen, aber nichts ändern können und damit wie Oppositionspolitiker sind. Mit dem Unterschied, dass sie Cordhosen und Outdoor-Jacken tragen statt Anzüge und Sakkos und nicht wie Motten das Scheinwerferlicht der Presse suchen. Und ja, es gibt auch Menschen, die mit der Pandemie gute Geschäfte machen. Das ist nicht anders als mit Kriegen und Drogen. Des einen Leid ist des anderen Freud. Und mit Berufen während Corona ist es eben wie mit Tinder: Es gibt Gewinner und Verlierer. Ob man den Richtigen erwischt hat, lässt sich erst sagen, wenn man sich nichts eingefangen hat…

Einst war ich der Meinung, dass entweder ein Meteorit oder vielleicht sogar Außerirdische, zumindest aber der altbewährte Kalte Krieg der Menschheit irgendwann zum Verhängnis würde. Mittlerweile ist absehbar, dass es wohl eher unsere eigene Dummheit sein wird, niedergeschrieben unter obskuren Synonymen in sozialen Netzwerken, die uns zu den Fossilien von morgen macht. Plankton aus längst vergangenen Zeiten schaffte es, nach ein paar hundert Millionen Jahren Erdöl zu werden und damit wertvoll für nachfolgende Lebewesen zu sein. Man darf gespannt sein, welchen Dienst wir einmal denjenigen erweisen können, die nach uns diesen Planeten bevölkern. Außer, dass sie dank uns an Stränden Smartphones finden werden wie wir heute Muscheln…

Als Alexander Flemming im Jahr 1928 unverhofft in Schimmel das Penicillin entdeckte, konnte er sich glücklich schätzen, dass es noch keine Telegram-Gruppen gab, die wetterten, dass das alles Volksverdummung und eine Weltverschwörung sei und vegane Detox-Ernährung viel besser gegen Infektionen wirken würde als zusammengemischter Laborkram in Spritzen. Flemming kam damals zugute, dass er sich nicht andauernd via Twitter und in Sonntagabend-Talkshows gegen vermeintliche Besserwisser rechtfertigen musste, die ihre Expertise damit begründen, dass ihnen auch schon einmal etwas verschimmelt sei. Er hatte vor allem aber das Glück, dass der Zweite Weltkrieg ausbrach, was sich im Nachhinein als ziemlich gute Feld(lazarett)studie erwies…

So wie wir uns heute fragen, ob das Huhn oder das Ei zuerst da waren, wird sich irgendwann irgendwer auf Erden einmal fragen, was im 21. Jahrhundert wohl zuerst war: Klimawandel, Pandemie oder Netflix und was davon letztendlich der Menschheit den Garaus gemacht hat, weil es das Leben für immer veränderte. Gut möglich, dass man sich dann auch auf den menschlichen Egoismus als Grund einigt, der die Entscheidungen bei allen dreien bestimmt. Egal ob es schlussendlich das Klima sein wird, das die letzte Balkonpflanze auf dem Gewissen hat, die Serienauswahl, die die letzte Beziehung auf dem Gewissen hat, oder die Pandemie, die einen selbst auf dem Gewissen hat. Trotz oder wegen der Impfungen oder der Tatsache, dass man fünfzig Kippen am Tag raucht…

Ist der Tag X einmal gekommen, wird Schrecken und Angst hereinbrechen und unvorstellbares Leid uns alle erfüllen. Das sagen zumindest namhafte Religionen und Verschwörungstheorien. Überall wird es lodern und brennen. Schreckliche Klänge werden uns durch Mark und Bein gehen und uns quälen, bis wir das Ende herbeisehnen. Damit dürfte das Ende der Welt nicht viel anders ablaufen als das Ende eines jeden Jahres, wenn man Weihnachten im Kreise der Familie verbringt. Mit dem Unterschied, dass das Höllenfeuer weniger heimelig sein dürfte als das Kaminfeuer und es dann, wenn wir alle in der Hölle in siedendem Fett garen, kein Problem mehr darstellen sollte, wenn einem beim Silvester-Fondue versehentlich etwas auf die Tischdecke tropft…

Insgeheim hoffen wir bei der Pandemie wie beim Klimawandel und bei Netflix auf ein unerwartetes Happyend. Dann wird es letztendlich doch vielleicht die bombige Idee von jemandem sein, auf einen roten Knopf zu drücken, die uns allen ein jähes Ende bereitet. Sicher ist nur, dass dann, wenn sich die Erde zu einem roten Riesen aufbläht und danach zu weißer Asche zerfällt wie damals Opa bei der Feuerbestattung, die Zeit vorüber ist, sich Gedanken über einen neuen Bausparvertrag zu machen. Stand heute bleibt nur noch wenig Zeit. Wir sollten uns daher mit den wirklich wichtigen Fragen beschäftigen. Und diese sind nicht, warum man bei TikTok keine Videos im Querformat machen kann, Zitroneneis nicht gelb ist und der Paketbote immer dann klingelt, wenn man unter der Dusche steht…

Ein zeitgenössischer deutscher Philosoph hat einmal gesagt: „Was machen wir jetzt? Hören wir auf? Gehen wir heim? Was ist los gerade?“. Entweder wir versuchen in diesen Zeiten, uns auf das zu besinnen, was dazu geführt hat, dass wir die Bäume verlassen und den aufrechten Gang erlernt haben und wir nutzen unseren angeblichen Verstand dazu, um ruhig und vernünftig zu agieren. Oder wir ziehen grölend in Fackelzügen durch die Städte und klettern danach auf allen Vieren zurück auf die Bäume. Sobald es unsere Lungenfunktion nach der Intensivstation wieder zulässt. Dort warten wir dann bis diejenigen, die als nächstes vom Baum herabsteigen, es besser machen als wir. Eichhörnchen sind sehr intelligent. Gehen wir heim? … gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Ob wir Menschen für die Lebewesen, die nach uns die Erde regieren, auch einmal so kultig sein werden wie Dinosaurier für uns?

Gesicht des Monats: Klaus Kosok

Der Aufreger der letzten Wochen war zweifelsohne die Baustelle an der A620 und dem Ostspangenkreisel, die seit September für jede Menge Behinderungen, Stau und Verkehrschaos in Saarbrücken sorgt. Unser Gesicht des Monats ist genauso ohne Zweifel jener Mann, der die damit verbundenen Pleiten, Pech und Pannen irgendwie erklären und schönreden musste: Klaus Kosok. Der arme Mann ist nämlich der Pressesprecher der Außenstelle Neunkirchen der Autobahn GmbH des Bundes, die seit Anfang 2021 für die 240 Kilometer Autobahn im Saarland verantwortlich ist. Getreu des guten, alten Mottos „zuerst hat man kein Glück und dann kommt auch noch Pech dazu“ musste unser Gesicht des Monats jetzt auch noch verkünden, dass uns die Baustelle noch bis Mitte Dezember erhalten bleiben wird, da es Probleme mit der Beschaffung der nötigen Schilder gibt. Nur warum nicht einfach eine in Sulzbach ansässige Firma gefragt wurde, die jene Schilder sofort hätte herstellen und liefern können, darüber hat er leider nichts verraten.

Clubzone Dezember 2021

Tja, Anfang November war die Welt noch in Ordnung und die wiedergewonnene Partyfreiheit eskalierte allerorten so richtig mit Anlauf. Aber schon nach zwei Wochenenden war klar, alles halb so wild! Die Tests waren wir alle wohl sowieso noch gewohnt, findige Veranstalter boten die Tests sogar an Ort und Stelle an und so konnte nach dem ersten Schrecken und einmal tief durchatmen die Feierei munter weiter gehen. Das hatte auch nix mit Verantwortungslosigkeit zu tun, denn die 2G+ Regel ist nachvollziehbar eine praktikable Lösung! Während also lediglich am ersten Geltungstag der neuen Maßgaben in manchen Locations ein kurzer Rückgang festzustellen war, ging es schon an den beiden letzten Novemberwochenenden wieder gewohnt steil zur Sache. Also auf geht’s ins Getümmel …

   Und was ist der perfekte Start einer langen Partynacht? Richtig, stilvoll mit ein paar Cocktails oder einem guten Glas Wein vorglühen. Das ging in den letzten Wochen wohl nirgend besser als in der ROSENBAR in der Dudweilerstraße. Die hat jetzt natürlich auch längst wieder richtig geöffnet und hat sich zur Idealen Startrampe für geselliges Eskalieren entwickelt. Das bleibt dann auch nicht immer ohne Folgen auf so manchen Musikunterhalter. Wie Mitte November durch die Gerüchteküche bekannt wurde, hat der einst vom FISH her bestens bekannte DJ MOH hier außerhalb der regulären Öffnungszeiten eine spektakuläre Trainingssession hingelegt, die nicht unbemerkt blieb, da er durch die Fenster auch von außen beobachtet werden konnte. Kurz und gut, der gute Mann gab alles und „spielte“ sich am Tresen so richtig in Ekstase. Und wenn ihm im ja leeren Laden die Visuals zu seinem Set fehlten, griff er tatsächlich auf die Nebelmaschuine zurück. Moment mal, eine Nebelmaschine in der ROSENBAR? Genau das war das eingentlich Besondere an seinem Einsatz, denn kurzerhand hatte er die Kaffeemaschine zweckentfremdet und mittels derer Dampfdüsen für Clubfeeling gesorgt! Sah von außen absolut hinreißend aus. Sobald wir das versprochene Bildmaterial bekommen haben, werden wir es nachreichen …

   Jede Menge so richtig echter Nebelmaschinen gab es natürlich auch wieder bei der Ü30 PARTY in der ALTE SCHMELZ in St. Ingbert. Bei ihrer Wiedereröffnung stellte die Kultpart mit Leichtigkeit unter Beweis, das sich auch unter 2G+ Bedingungen richtig steil gehen lässt. Ü30 Partys gibt es viele an der Saar. Kleine, große, gute und weniger gute! Die Ü30 PARTY in St. Ingbert setzt inzwischen wirklich neue Maßstäbe an denen sich die anderen messen lassen müssen. Nicht nur weil, sie wohl mittlerweile die größte außerhalb von Saarbrücken ist, sondern insbesondere, weil die Macher sich nicht auf ihren Lorbeeren ausgeruht haben. Das wurde nach dem Neustart im November mit gleich zwei Ausnahmefeiern unter Beweis gestellt, der WELCOME BACK Party und der TECHNO CLASSICS, und egal ob die Urgesteine Foggy und Higheffect am Start waren oder Gäste wie DJ Pi und DJ Senad. Auf dem zweiten Floor zeigten einstweilen DJ Günni und DJ McFly souverän mit aktuellen Charthits vom Allerfeinsten bis hin zu Klassikern was eine Harke ist. Ohne jede Frage ist und bleibt diese Ü30 PARTY eine echte Bereicherung für den saarländischen Partykalender und wir können uns wohl alle schon darauf freuen, was uns bei künftigen Ausgaben erwartet. Aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen waren aber bereits Gerüchte zu vernehmen, dass schon mit Hochdruck für Dezember an der NIGHT OF THE DJS gearbeitet wird. Na ja, wir werden ja sehen.

   Noch länger ist die Geschichte der KUFA als Partylocation – und die feiert jetzt ihr massives Comeback! Den Startschuss gab die HALLOWEEN Party in den legendären Räumen an der Dudweiler Landstraße und die war gleich ein echter Hammer. Pickepackevoll und fast alle Gäste sind im Kostüm steil gegangen. Dafür sorgte schon am Eingang die achtköpfige Crew vom Little Horror Club, die in ihren grandiosen Zombie-Outfits manche Gäste so gekonnt erschreckten, dass hier und da die Tränen flossen. Zu Glück das ganze nur ein Riesenspass! Musikalisch gab DJ Higheffect gewohnt souverän den Ton an, wobei ein anderer DJ im fast die Show stahl. Den der TikTok Star D. Cline, noch besser bekannt als der „DJ im Badementel“ servierte satte Electrobeats, dass es nur so eine Pracht war. Superstarke Wiederauferstehung eines der besten Feierorte im Saarland. Bitte mehr davon!

   Und wenn wir schon bei Traditionslocations darf natürlich nicht das EGO fehlen. Der Laden in der geschichtsträchtigte Location hat sich innerhalb kürzester Zeit und quasi aus dem Nichts zum absoluten Hotspot von Saarbrücken gemausert. Nach der Pandemiepause wagte das EGO als erste Laden in Saarbrücken den Neustart – und der ging richtig nach vorne! Keine geringere als SIDO, SAMRA und APACHE 207 feierten mit dort und wie… Das ging mal richtig durch die Decke. Kein Wunder, dass die Schlangen vorm Eingang bis (fast) zum Bahnhof reichten. Ob das überhaupt noch zu toppen ist, wird sich erst nach unserem Redaktionsschluss zeigen, wenn die große Geburtstagssause zum kleinen EGO JUBILÄUM steigt, bei der mit Sicherheit wieder ein paar prominente Gesichter aus der RAP Szene zu Gast sein werden…

   Mindestens genauso gut war vom Re-Start weg die Stimmung bei der AFTER WORK PARTY im  APARTMENT. Statt Tequila für alle gab’s beste Beats von DJ Kasimir und Hausherr DJ Thomas. Jeden Donnerstag wurden auf dem auf dem Mainfloor und in der Lounge die schönen Seiten des Feierabends zelebriert und mit einer Mischung aus allerlei Tanzbarem für die richtige Stimmung gesorgt. Damit hat das APARTMENT auch donnerstags nahtlos an vorpandemische Zeiten anschließen können. Kein Wunder also, dass zu vorgerückter Stunde Ende des Monats, selbst wenn parallel am Markt das unsägliche Primeurfest begangen wurde, im ersten Stock zwischen Bahnhofstraße und Rabbi-Rülf-Platz, an einer neuen Donnerstags-Legende gestrickt wird, aber das dürfte zumindest Kasimir ja sehr bekannt vorkommen.

   Schon im zweiten Monat in Folge hat das  THE LOFT am Fuße des Eschbergs mit der SOULNIGHT von Elmar Federkeil begeistern könnnen. Dieses Mal wurde die Stammcombo durch die Schwestern Donielle und Noreda Graves ergänzt, die den Laden voll im Griff hatten. Ganz so einfach war das nicht, da es just der Samstag war als die 2G+ Regelung erstmals befolgt werden mussten und ein paar Stammgäste wohl noch mit den neuen Maßnahmen fremdelten. Die SOULNIGHT, immerhin die einzige monatliche Livemusik Show im Saarland, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass hier mitnichten Konservenmusik zu Gehör gebracht wird, sondern eben eine hochkarätig besetzte Band live für den handgemachten Sound verantwortlich ist. Diese Band aus exzellenten Musikern, immer wieder verstärkt von tollen Gastkünstlern, ist für den Kultstatus der SOULNIGHT verantwortlich. Bandleader Elmar Federkeil verfügt immerhin über allerbeste Beziehungen zu internationalen Sängern und Sängerinnen So blieben auch dieses Mal bei dieser Ausnahmefeierlichkeit wirklich keine Wünsche offen und das THE LOFT bestätigte wieder mal seinen Ruf als exzellente Live-Music Location.

   Zum Zeitpunkt, als diese Zeilen entstehen, kann keiner mit Sicherheit sagen, unter welchen Bedingungen wir die letzten Wochen des Jahres feiern können. Dabei wartet mit Silvester die zweitgrößte Party des Jahres darauf, amtlich gefeiert zu werden. Und bevor jetzt jemand fragt, was denn dann die größte Party des Jahres sein soll, verweisen wir nur auf das alljährliche GLORIA PALAST Geburtstagsrevival zu Weihnachten – und lassen weitere Erklärungen und Augenzeugenberichte nächsten Monat, äh .. nächstes Jahr folgen!

Frohes Neues und take care!

Der krönende Abschluss

Hallo Mikrokosmonauten: Wir brauchen mehr Goldmomente!

Es war definitiv zu viel Jahr für so wenig Monate! Dabei dachte ich immer, dass das Fahrwasser des Lebens mit der Zeit ruhiger wird. Wird es bestimmt auch. Bei anderen. Bei mir bleibt die See rau und unbeständig. Und da ich sämtliche Metaphern mit Meer, Matrosen und Schiffen liebe, setze ich noch eins drauf: Ich bekam auch 2021 hier und da ordentlich eins gegen den Bug. Aber wisst ihr, was erstaunlich ist?

Ich sinke nie!

Meine Mutter sagt ja immer, dass ich das Talent besitze, mich ständig – meist selbstverschuldet – in einen Abgrund zu stürzen. Aber am Ende würde ich mich immer wieder heraus kämpfen, auch wenn ich zuweilen verbrannte Erde hinterlasse. Oder in „Seemansgarnisch“ übersetzt: „Auch Seeleute fallen mal ins Wasser!“. Und sowieso verliert auch mal das beste Schiff den Anker. Aber besser den Anker, als das ganze Schiff!

Dieses Jahr war geprägt von bahnbrechenden Ideen, wirren Slalom-Kursen, aber auch von wunderschönen Erlebnissen, einigen Lachern und starken Momenten. Und trotzdem frage ich mich auch dieses Jahr, warum denn immer irgendwas sein muss? Hier ein bisschen zu viel Drama, da ein bisschen zu viel Knatsch und gelegentlich verbrennt man sich die Zunge. Ich meine, wir hatten und haben noch immer Corona. Einige Zeit konnten wir ja noch nicht mal irgendwo hin, wo potenzielle Gefahren lauern könnten. Trotzdem begab ich mich in mehrere. Aber:

Ich habe 2021 überlebt!

Zwar geht ein weiteres Jahr zu Ende, in dem ich keine Millionärin geworden bin und noch immer „ledig“ in diversen Formularen ankreuzen muss, jedoch konnte ich mal wieder feststellen, dass das Schicksal es immer gut mit mir meint. Rückblickend glaube ich sogar, dass das Drehbuch, welches für mich geschrieben wurde, eine abenteuerliche Reise für mich vorgesehen hat, die Super Mario World ähnelt. Wann immer ich irgendwo runter falle, startet das Spiel einfach neu. Wie dem auch sei habe ich in diesem Jahr wieder gemerkt, dass es bestimmte Menschen gibt, die an deiner Seite gehen müssen, sonst hat man einfach verloren. Abgesehen von der Familie sind das ein guter Partner, der mit deinen Plänen & Entscheidungen zwar nicht immer konform gehen muss, aber loyal zu dir steht. Dann natürlich ein, zwei Freunde, die im Optimalfall gleichzeitig auch noch Arbeitskollegen sind und mindestens einen Arzt, einen Anwalt und einen guten Psychotherapeuten.

Ein Skipper säuft nie ohne Grund

Aber selbst wenn genau diese Menschen in deinem Leben sind, fühlt man sich als Kapitän eines imaginären Kahns regelmäßig dazu berufen, zu Getränken zu greifen, die den Geist beflügeln. Und wenngleich ich es in all den Jahren zuvor hasste, wenn Glühwein an der Weihnachtsstiefel-Tasse abperlt und wie eine Art Haftkleber die Finger an ebendiesem Gefäß festkittet, so kann ich es dieses Jahr kaum erwarten, endlich wieder einen Weihnachtsmarkt zu besuchen und vom köstlichen Klebewein zu kosten! Ja, ich mag sogar andere Menschen treffen. Für einen Misanthrop wie mich grenzt diese Haltung an ein Wunder! Ohnehin war ich 2021 wieder viel gesellschaftlicher als in den Jahren zuvor. Ich wollte ständig unterwegs sein, reisen, erleben, kommunizieren und mit anderen Menschen Pläne schmieden. Ein paar davon waren sogar richtig gut, obwohl der angedachte Oberkörperfrei-Jahreskalender, in dem diverse Kollegen Model stehen jetzt doch nur ein normaler Kalender geworden ist, in dem ebendiese in witzigen Posen abgelichtet wurden. Ich konnte einfach zu wenige Kollegen für Pin-up begeistern. Der umgekehrte Fall kam da schon besser an, aber dafür gibt es bekanntlich ja Jungbäuerinnen-Kalender oder den Playboy.

Wie jedes Jahr stimmt mich ein Jahresende aber immer wieder nachdenklich und ich frage mich: Was bleibt am Ende außer ein bisschen Glitzer, das von den Zweigen des Weihnachtsbaumes hinab rieselt, während man darunter erleichtert zusammen bricht, weil die Feiertage endlich vorbei sind?

Die Antwort ist klar: Es bleibt so einiges und wiederum wird großartiges passieren! Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ob es jetzt die Vorweihnachtszeit, die Feiertage oder Silvester ist: Keine Zeit lässt mich mehr über Vergangenes nachdenken. Vor allem denke ich an vergangene Weihnachtsfeste, an Silvesterpartys und stelle immer wieder fest, dass einige grandios waren. Und eines haben die Jahreswechsel ohnehin immer gemeinsam: Sie waren und sind immer etwas Besonderes. Erfüllt von Hoffnung auf einen neuen Start, ein erneutes Beginnen unter einem anderen Stern und die Erwartung Großartiges zu erleben.

Lass es einfach zu!

Und damit meine ich nicht die letzte Packung Lebkuchen, die man sich gegen Ende des Jahres noch auf die Hüften futtern möchte. Nein, vielmehr geht es um diese unglaublich lang gehegten Pläne, die uns rund um den Jahreswechsel beschäftigen. Ach, was habe ich schon für unglaublich präzise Pläne geschmiedet, Details und Eckpfeiler festgelegt und dann kam es doch ganz anders. Und ich? Ich kam irgendwie dennoch an. Ernsthaft, je älter ich werde und je lockerer ich mit mir und meinen Lebenszielen umgehe, umso entspannter kann ich auf meine vergangene, oft ausgesprochen unruhig verlaufende Glückskurve zurückblicken und finde dort tatsächlich auch phänomenale Highlights. Daher ist nun mein Blick für Herz- und Goldmomente geschulter und ich erkenne sie auch zweifelsfrei im Hier und Jetzt.

Und ist der See zu Ende, dann fahren wir ne‘ Wende

Es ist doch so: Mein Ziel ist das Finden! Jeder Leichtmatrose würde das Gleiche sagen. Gefunden habe ich bis jetzt zwar nur mein grandioses Silvester-Outfit, aber immerhin ein guter Anfang! Ein guter Anfang ist auch, dass wir 2021 bestanden haben. Nicht überstanden, sondern bestanden. Herzlichen Glückwunsch! Nun liegt es daran, dem kommenden Jahr freudig und voller Spannung entgegenzublicken. Und immer daran denken: Es wird so schön, spannend, explosiv, abenteuerlich und toll werden, wie wir es zulassen!  

In diesem Sinne Merry Christmas, Cheers, Ahoi, Leinen los und Happy new year, yeah!

Oh Du Fröhliche

Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende heißt es immer. Dass beides sich nicht ausschließen muss, zeigt das zweite Pandemiejahr, das sich langsam seinem Ende neigt und in dem die meisten von uns nun völlig ihr Zeitgefühl verloren haben. War Montag sonst immer der Tag, an dem man sich nach einem erlebnisreichen Wochenende eine Dusche und frische Klamotten gönnte, mangelt es nach anderthalb Jahren weitgehendem Home-Office völlig am Gefühl, wann es wieder Zeit für Körperhygiene und neue Unterwäsche ist. Hätte man sich früher dafür geschämt, den ganzen Tag im Schlafanzug zuhause zu sitzen, erscheint es einem mittlerweile absolut normal, selbigen nicht einmal mehr zum Einkaufen auszuziehen. Mit Mund-Nasen-Schutz erkennt einen ja eh niemand…

Als wäre Corona alleine nicht schon genug, um einem die Laune zu vermiesen, fiel in diesem Jahr auch noch der Sommer ins Wasser. Was bedeutete, dass nicht einmal mehr die Zeit im Home-Office auf dem heimischen Balkon Spaß machte. Statt Sonne wie auf Mallorca gab es Regen wie auf Island und ein Wetter, das einem nicht nur das Autodach, sondern vor allem auch die Laune verhagelte. Der verregnete Herbst begann gefühlt direkt nach dem verregneten Winter, in den er auch jetzt wieder übergegangen ist. Das hat jedem von uns ein weiteres Jahr Zeit verschafft, sich der Illusion hinzugeben, dass man die Corona-Kilos bis zum nächsten Sommer wieder von den Hüften bekommt. Leidtragende des zweiten Pandemiejahrs waren vor allem die Kinder und die eigenen Leberwerte…

Irgendwie hatte man bis vor Kurzem noch die kindlich-naive Hoffnung, dass das mit dem Virus bald ein Ende hat und der Sommer 2021 doch noch kommen wird. Plötzlich ist es Dezember und die Inzidenzen steigen schneller als der Pegel der Ahr im letzten Juli; mit ähnlich verheerenden Auswirkungen. Meine Eltern meinten immer, es sei normal, dass Zeit mit zunehmendem Alter schneller vergeht. Das habe Vorteile, da so der im Alter Ü60 nur noch quartalsmäßige Beischlaf als genauso häufig empfunden würde wie früher der tägliche Sex Ü20, man jedoch weniger oft die Bettlaken wechseln müsse. Wegen des veränderten Zeitempfindens gälte bei älteren Menschen daher jeder Sex noch als Quickie, der kürzer dauert als zwei Folgen „Richterin Barbara Salesch“…

Pandemie, Klimawandel und das Fernseh-Comeback von „Wetten-Dass“ und „TV-Total“ im selben Jahr, das hätte man früher sogar für einen Weltuntergangs-Blockbuster aus Hollywood für zu viel erachtet. Im Gegensatz zum Ende der Pandemie braucht man jedoch zumindest was das Ende des Jahres angeht, keine bösen Überraschungen zu erwarten. Auch mit 2021 wird am 31.12. Schluss sein. Es ist ja nicht so, dass der Kalender dieses Jahr einen Monat mehr oder weniger hätte oder ein Jahreswechsel nach dem Dezember außergewöhnlich wäre. Dennoch blicken die meisten von uns in diesen Wochen immer wieder ungläubig auf den Kalender, um die Tage zu zählen, die noch bleiben, bis alles von vorne beginnt, von dem man gerade froh war, es hinter sich zu haben…

Wieder am Anfang des Teufelskreises. Steuererklärung, Zahnarzttermin, Familienbesuche, alles was man gerade abgearbeitet hatte, steht plötzlich wieder an. Eben noch ein voller Kalender mit Erledigtem, plötzlich wieder ein leerer Kalender mit zu Erledigendem. Wenigstens als Ausrede fürs Aufschieben ist so eine Pandemie gut. Sie macht einen jedoch reizbarer und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man beim nächsten Suchen von Quittungen für die Steuer, bei der nächsten Zahnarztspritze, die nur etwas pieksen soll, und bei der nächsten Frage von Tante Elfriede, ob man nicht doch noch ein Stück Torte möchte, mit Bürotacker, Speichelsauger oder Kuchenschaufel bewaffnet einen Amoklauf abliefert, der es noch vor Corona in die 20 Uhr-Nachrichten schafft….

Ob das neue Jahr besser wird als das alte? Spoiler-Alarm! Nein. Bestenfalls aber anders. Meinem Gefühl nach war es erst kürzlich, dass ich mich wunderte, dass das Jahr schon wieder halb vorüber ist und es die ersten Lebkuchen gibt. Dabei war das vor einem halben Jahr. Nun werden bereits Silvesterfeuerwerk und erste Faschingskostüme angekündigt. Da ist es nicht mehr weit bis Ostern, Halloween und Weihnachten 2022. Ob bis dahin dann alles wieder „normal“ sein wird? Essen wir sicherheitshalber mal alle unsere Teller leer. Die Zeit rast so, dass ich den Sonnenschirm auf dem Balkon im Winter schon gar nicht mehr einklappe und den Weihnachtsbaum das ganze Jahr in der Wohnung stehen lasse, was dank Plastiktanne deutlich einfacher ist als früher mit echtem Baum…

Die Zeit vergeht Jahr um Jahr schneller als zuvor und vor allem schneller als man Sachen in den Keller räumen und von dort wieder heraufholen kann. Zumal man nicht mehr weiß, ob man Dank des Klimawandels Badesachen nun im Juli oder im Dezember braucht oder Dank Corona das ganze Jahr im Schrank lassen kann. Kaum hat man unten seine Winterschuhe zugebunden, muss man oben schon wieder einen Sonnenhut aufsetzen. Da ist es doch nicht verwunderlich, wenn man irgendwann in kurzer Hose und Flipflops vor der Tür im Schnee steht, nur weil man noch schnell seine Mund-Nasen-Maske gesucht hat. Einzig die Zeit, die man braucht, um in einem Baumarkt einen Mitarbeiter aus der richtigen Abteilung zu finden, scheint sich zu weigern, im Zeitraffer ablaufen zu wollen…

Irgendwie will ich mich nicht damit abfinden, dass ein Jahr im Kalender mittlerweile schneller vergeht als früher eine Woche in den Ferien. Und vor allem, dass dieses Jahr wie das vorangegangene Jahr wenig Schönes zu bieten hatte, sieht man einmal vom niedrigeren Wasser- und Wäscheverbrauch aus den genannten Gründen ab. Es bleiben keine vier Wochen mehr, die guten Vorsätze für das laufende Jahr, die man die letzten elf Monate erfolgreich vor sich hergeschoben hat, umzusetzen. Denn dann muss man sich bereits wieder neue vornehmen. Für gewöhnlich breche ich den ersten Vorsatz schon am Neujahrsmorgen nach zu viel Sekt in einen Vorgarten. Ich hoffe inständig, dass das dann nicht das einzige Erlebnis in 2022 sein wird, auf das ich dann später zurückblicke…

Bald ist also wieder Silvester. Es wird geknallt, danach gibt es Feuerwerk und die Uhr steht wieder auf Null. Gerade 365 Tage hinter uns, nun wieder 365 Tage vor uns. Man ist dort, wo man genau ein Jahr zuvor schon war. Nur eben schwerer auf der Waage, leichter auf der Bank und deutlich desillusionierter, was die Hoffnung angeht, dass das Abklingen der Pandemie schnell und der Verfall des eigenen Körpers langsam vorangeht. Schon jetzt trifft einen nicht selten der Schlag, wenn Menschen, die man seit gut anderthalb Jahren entweder nicht oder nur mit Maske gesehen hat, einem plötzlich mit nacktem Gesicht gegenüberstehen. Wie schnell aus einst süßen Fältchen bittere Runsen werden, wenn einem 18 Monate lang ständig der eigene Atem ins Gesicht weht…

Doch jetzt kommt erst einmal noch die Weihnachtszeit. Eine Gottesgeißel, die uns seit zweitausend Jahren heimsucht. War es als Kind die ungeduldige Erwartung, dass am Heiligabend das Glöckchen klingelt und das Christkind kommt, ist es als Erwachsener nun die ungeduldige Erwartung am Heiligmorgen, dass die Türglocke klingelt und es der Paketfahrer ist. Der Rentierschlitten vom Nordpol ist zum Kleinbus von DHL geworden. Als wäre Corona schon nicht schlimm genug. Oh Du Fröhliche… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P. S. Meine Stimmung an Weihnachten ist wie eine Waschmaschine. Beide sind meist im Keller.

Ministerpräsident mit Mission

Covid scheint alle anderen wichtigen Themen in den Hintergrund zu drängen. Dabei gibt es auch abseits der Pandemie Problemstellungen, die nicht aus den Augen verloren werden dürfen. Diesen Monat trifft unser Autor Marc Kirch den saarländischen Ministerpräsidenten Tobias Hans in der Staatskanzlei des Saarlandes. Im Perspektivwechsel Gespräch tauschen sich beide über das Thema Vielfalt, Gleichberechtigung und aktuelle Entwicklungen aus.

L!VE: Der Landesaktionsplan „Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identität akzeptieren – gegen Homo- und Transfeindlichkeit“ definiert Handlungsziele und Maßnahmenplanungen unter Federführung des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Familie. Frau Ministerin Bachmann hat eine interministerielle Arbeitsgruppe zum Statusabgleich und zur Umsetzung der definierten Maßnahmen angekündigt. Gibt es die Arbeitsgruppe schon oder wie ist der aktuelle Status? 

Tobias Hans: Gerade die an der Arbeitsgruppe beteiligten Ministerien sind auch die durch die Pandemie am stärksten belasteten. Daher ist es den Corona-Umständen geschuldet, dass dies noch nicht stattgefunden hat. Wir gehen allerdings davon aus, dass das noch in diesem Jahr erfolgen wird. Dazu wurden die im Landesaktionsplan behandelten Felder bereits ergänzt um die Themen Pflege und Sport. Hierzu hat der LSVD (Lesben- und Schwulenverband) bereits ergänzend zugeliefert und Vorstellungen eingebracht. Die Verzögerungen sind natürlich bedauerlich, aber angesichts der Umstände auch nachvollziehbar. Wichtig und positiv ist aber, dass durch die zwischenzeitlichen Ergänzungen, der Landesaktionsplan auch noch ein bisschen besser wird. Ich bin hier sehr zuversichtlich, dass diese interministerielle Arbeitsgruppe noch in diesem Jahr zusammenfinden kann. Das hat mir Frau Ministerin Bachmann auch zugesagt. 

L!VE: In unserem letzten Interview sagten Sie „Vielfalt wertschätzen und sie als Bereicherung des Lebens sehen – das ist das übergeordnete Ziel des Landesaktionsplans und auch der Arbeitsgruppe. Ist das auch Teil Ihrer neuen Initiative „Mission Saarland“? Was hat es damit konkret auf sich? 

T.H.: Die Mission Saarland ist eine Initiative die ich nicht als Ministerpräsident gestartet habe, sondern als Tobias Hans. Hierbei werde ich auch unterstützt von vielen Mitstreitern aus meiner Partei der CDU. Und ja, „Vielfalt wertschätzen“ spielt auch dabei eine Rolle, weil ich auch konkret wissen will, wo den Saarländerinnen und Saarländern wirklich der „Schuh drückt“. Dabei sammele ich auch Ideen, wie sich unser Land weiterentwickeln kann. Die Botschaft ist, jede Meinung und jede Idee werden gehört. Ich werde diese in meinem Team zusammen auch alle auswerten und schauen, wie wir das in konkrete Politik münzen können. Denn mein Ziel ist es, das Saarland voranzubringen und daran will ich die Bürgerinnen und Bürger beteiligen. Die ersten Rückmeldungen zeigen mir, dass das Thema Vielfalt hier eine große Rolle spielt. Da bin ich wirklich froh und lade alle ein mitzumachen bei der Mission Saarland.

Vielfalt fördern

L!VE: Im Kontext „Vielfalt fördern“: Sind Sie auch persönlich Befürworter der „Ehe für alle“? 

T.H.: Ja, absolut! Ich finde das gut, dass es die Ehe für alle gibt. Denn mir ist es auch wichtig in meiner Politik nicht auszugrenzen, sondern ganz im Gegenteil. Wenn zwei Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, etwa für ein Kind, das da ist in der Lebenssituationen Alleinerziehender, in eingetragenen Lebenspartnerschaften, in Patchwork-Familien oder eben auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und Ehen. All das sind solche Wertegemeinschaften in denen Verantwortung füreinander übernommen wird. Deshalb unterstütze ich das von ganzem Herzen. 

L!VE: Ein durchaus heikles Thema ist in diesem Zusammenhang die Erweiterung zu Artikel 3 des Grundgesetzes um die „sexuelle und geschlechtliche Identität“. Bei der letzten Abstimmung im Bundesrat diesen Gesetzesentwurf in den Bundestag einzubringen, enthielt sich das Saarland. Das obwohl der saarländische Landtag zuvor einstimmig, also ohne Gegenstimme, beschloss, sich für eine Erweiterung des Artikel 3 um den Begriff „sexuelle Identität“ einzusetzen. Das hat viele Irritationen ausgelöst, insbesondere der LSVD zeigte sich hier enttäuscht und schockiert. Wie stehen Sie persönlich dazu? Sind Sie Befürworter die „sexuelle und geschlechtliche Identität“ durch die Erweiterung unter den Schutz des Grundgesetzes zu stellen? 

T.H.: Wir haben das ja nicht ohne Grund in die saarländische Landesverfassung aufgenommen, weil wir der Meinung waren, dass das ein wichtiges Signal und Botschaft ist. Gleichzeitig muss man natürlich mit Verfassungsänderungen – mit der Änderung des Grundgesetzes auf bundespolitischer Ebene – auch sehr vorsichtig umgehen. Das bedarf einer breit angelegten Diskussion. Uns war es ja im Saarland tatsächlich gelungen, das so breit aufzustellen, dass der gesamte saarländische Landtag das unterstützen konnte. Das ist mir auch weiterhin wichtig. Wir brauchen hier einen Prozess, eine Diskussion, die am Ende dahinführt, dass eine Verfassungsänderung auch in aller Breite mitgetragen wird. Das war bei der von Ihnen angesprochenen Initiative so nicht der Fall. Da gab es in Einzelpunkten noch Diskussionsbedarf und manchmal sind solche Bundesratsinitiativen dann auch Schnellschüsse. Ich glaube das ist ein so wichtiges Thema und eine Veränderung der Verfassung eine breiter angelegte Diskussion braucht. Da wird sich das Saarland auch nicht verschließen, denn – wie Sie eben zu Recht gesagt haben – wir haben bereits vorgelegt und wenn das in diese Richtung debattiert wird, sind wir da sicher auch dabei.  

L!VE: Sie haben erklärt: „Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der kein Mensch aufgrund der sexuellen Identität benachteiligt oder gar ausgegrenzt wird.“ Am 27. März sind Landtagswahlen im Saarland mit Ihnen als Spitzenkandidat der CDU. Wie würden Sie persönlich in einer weiteren Legislaturperiode als Ministerpräsident diesen Wunsch fördern? 

T.H.: Erstmal ist es mir wichtig, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen. Wenn ich nach deren Entscheid die Landesregierung nochmal anführen darf, dann werde ich auch einen breit angelegten Dialogprozess starten, weil Bürgerbeteiligung nicht nur vor Wahlen wichtig ist, sondern auch danach. Wir werden dann auch dafür sorgen, dass der Zusammenhalt im Saarland erhalten werden kann. Dieser Zusammenhalt kann nur erhalten bleiben, wenn wir darauf Wert legen, dass Vielfalt und Gleichberechtigung gegeben werden. Das ist mir ein wichtiges Anliegen hier alle mitzunehmen, um auch in Zukunft unseren Zusammenhalt in Vielfalt zu erhalten.  

Mission Saarland

L!VE: Leider ist es immer noch nicht so, dass man im Arbeitsumfeld uni sono selbstverständlich zu seiner Homosexualität steht. Im Spitzensport ist das sogar in manchen Sportarten gar nicht der Fall. Im deutschen Profifußball beispielsweise gibt es bei den Männern innerhalb der ersten drei Ligen bis heute keinen aktiven Fußballspieler, der homosexuell ist. Rein statistisch ist es ausgeschlossen, dass es keinen homosexuellen Spitzenfußballer in den Bundesligen gibt. Jüngst hat sich der Australier Josh Cavallo weltweit als erster aktiver Erstligaprofi öffentlich als homosexuell „geoutet“. Wenn Josh Cavallo nun in den australischen WM-Kader berufen wird, reist er zur Weltmeisterschaft nach Katar, wo Homosexualität strafrechtlich verfolgt und mit bis zu 5 Jahren Haft sowie Peitschenschlägen geahndet wird. Welche Gedanken gehen Ihnen angesichts all dieser Fakten durch den Kopf? 

T.H.: Also, ich habe das „Coming-out“-Video von Josh Cavallo selbst gesehen und ich muss sagen, ich ziehe meinen Hut vor ihm – davor, dass er bereit war ein solches Zeichen zu setzen. Denn wie Sie sagen, kann es ja in den weltweiten Spitzenligen dieser Sportart nicht nur einen aktiven Profi geben, der homosexuell ist. Deswegen hatte ich da auch sehr gemischte Gefühle. Wie gehen wir damit um, dass es in unserer westlichen Welt eine Heldentat ist, wenn man sich als schwuler Mann outet und gleichzeitig Sorge haben muss, dass wenn man im Ausland unterwegs ist – egal ob das Katar ist oder ob das beispielsweise Polen ist, wo es auch LGBTQ-freie Zonen gibt – Opfer von Repressionen wird. Das ist etwas, das uns alle umtreiben muss. Durch den genauen Blick, den die Weltöffentlichkeit nun angesichts der stattfindenden Weltmeisterschaft auf ein Land wie Katar hat, erhoffe ich mir etwas. Nämlich, dass dadurch erstmal verhindert wird, dass Josh Cavallo oder anderen Strafen zuteilwerden, ohne dass sie Unrecht getan haben. Darüber hinaus, dass ein eindeutiges Signal an diese Staaten gesendet wird: „was ihr hier tut, ist nicht rechtens! Was ihr hier macht, ist nicht gut! Was ihr hier macht,  grenzt aus! Und die Gemeinschaft der freien Staaten und die Bürgerinnen und Bürger dieser Länder wollen das nicht!“ Ich glaube, dass so etwas ein Stück weit helfen kann. Und wir müssen als Politik, wenn wir Freiheit und Menschenrechte verteidigen wollen, auch immer nochmal anprangern, wo diese missachtet werden. Das bedeutet nicht, dass wir Polen stigmatisieren, aufgrund deren Erlasse im Land. Im Gegenteil, wir müssen wir die Freundschaft aufrechterhalten. Das ist ganz wichtig! Wir müssen den Staatsführungen dieser Länder ein deutliches Signal senden, dass das gegen unseren Wertekanon verstößt und wer sich so verhält, auch keine Freibriefe bei allen anderen Dingen hat. Da müssen wir ein starkes Signal senden. 

L!VE: Haben Sie auch eine Empfehlung an die Bürgerinnen und Bürger – auch zum Beispiel im Rahmen Ihrer Initiative „Mission Saarland“ – wie sie persönlich in ihrem Arbeitsumfeld, sportlichen bzw. Vereins-Umfeld mit diesen Themen umgehen sollten, um die gelebte Selbstverständlichkeit und Akzeptanz von Vielfalt pro aktiv zu fördern? 

T.H.: Ich glaube es fängt schon beim Umgang miteinander an. Dass wir zum Beispiel darauf achten, wie wir miteinander reden oder auch wie wir in kleinen Grüppchen miteinander sprechen. Dass wir dabei nicht stigmatisieren und dass es ein „no go“ ist, wenn man Witze macht über Homosexualität, wenn man abschätzig ist und wenn man „schwul“ als Schimpfwort verwendet, was leider immer noch auf Schulhöfen und manchen Sportplätzen der Fall ist. Das geht gar nicht! Macht das nicht! Und das muss man allen Bürgerinnen und Bürgern sagen und bewusst machen, dass sie damit gesellschaftlich einen Rahmen der Enge setzen. Dann werden dem Vorbild von Josh Cavallo keine weiteren folgen, auch nicht im kleinen Dorfverein und selbstverständlich sagen „Hey Leute, ich liebe als Mann einen Mann“ oder im Frauenfußball „ich liebe eine Frau“. In allen Gesellschaftsbereichen gibt es unterschiedliche Lebens- und Liebensweisen und da müssen wir alle gemeinsam einen Geist der Offenheit zeigen. Und wo, wenn nicht im Saarland? Denn ich glaube genau das ist im Saarland auch besonders ausgeprägt: dass wir tolerant sind, dass wir offenherzig sind und dass wir alle mitnehmen können. Und das ist meine Hoffnung, dass das auch deutlich wird. Aus den Zuschriften, die ich bisher bereits aus der Mission Saarland erhalten habe, merke ich auch, dass das für Viele auch ein Thema ist. Die Saarländerinnen und Saarländer wollen dieses offene kleine Völkchen sein in Deutschland. Vielleicht gelingt es uns ja, mit dieser Einstellung erneut das Credo zu beweisen: „Großes entsteht im Kleinen“! 

Der Macher: Boris Röder, das Saarland und die Bundesliga

Zum Glück gibt es Menschen, von deren Engagement und Einsatz in Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport wir alle profitieren. Jenen Glücksfällen fürs Gemeinwohl ist diese Rubrik gewidmet, die künftig solche Personen würdigen wird und vielleicht auch ein Stück weit zur Nachahmung anregen will. Den Anfang macht Boris Röder, unter anderem Präsident der Saarland Hurricanes und darüber hinaus einer derjenigen, die den Sport in unserer Region prägen und voranbringen.

Eigentlich wollte der gebürtige Freiburger Boris Röder nur zum Feiern mit Freunden zu einem der legendären Raves in der Frankfurter Music-Hall. Ein anschließender Zwischenstopp bei der nicht minder kultigen Space-Party unweit des heutigen Osthafens, führte ihn erstmals nach Saarbrücken. Das ist jetzt fast 29 Jahre her und aus dem Raver wurde längst eine der interessantesten Persönlichkeiten, nicht nur in der saarländischen Geschäftswelt. Nach Studium von Sport und BWL stellte Röder sein Talent als Diplom-Betriebswirt in die Dienste von Ursapharm Arzneimittel, wo er mittlerweile die Position des Leiters der Unternehmenskommunikation einnimmt. Doch neben dieser Funktion in einem der wichtigsten saarländischen Unternehmen, galt sein Engagement schon immer der Welt des Sports. Seine eigene aktive Zeit als Fußballer liegt zwar etwas länger zurück, aber als Funktionär hat er gleich in mehreren Sportarten, von Triathlon und Badminton über Handball bis Darts seine Spuren hinterlassen. Er trat als Pressesprecher der SV Elversberg in Erscheinung, war Vorstand Marketing im Rennclub und ist seit August 2020 Präsident der Saarland Hurricanes. Dabei ging und geht es ihm immer um wesentlich mehr, als nur darum Sponsorengelder zu verteilen. Jedes Mal bringt er auch sich und seine Expertise mit ein. Beleg für dieses Engagement waren auch die Bestrebungen, ihn in einer schwierigen Phase des Landessportverbands Saar für dessen Spitze zu gewinnen. Aber auch da sprach er eine klare Sprache.

L!VE: Die Tatsache, dass das Unternehmen, aus dem Du kommst, nicht in irgendwelche Raster oder politische Zwänge eingebunden ist, ist sicher Voraussetzung für Deinen Einsatz?

Boris Röder: Wichtig ist, unabhängig zu denken und entscheiden zu können. Wenn es eine klitzekleine Kritik am Saarland gibt, dann dass hier viele Entscheidungen nicht aus Qualitätsgründen getroffen werden, sondern eher darin begründet liegen, wessen Steigbügel zu halten ist. Das betrachte ich auch durchaus als Herausforderung, dementsprechend zu handeln. Ich habe eine Meinung und ich sage meine Meinung. Dass ich als möglicher LSVS-Präsident ins Spiel gebracht worden bin, hat mich zwar sehr geehrt, aber das wäre absurd für mich gewesen. Der Sportverband ist eine Institution, die enormen Zwängen aus vielen Richtungen unterliegt. Das wäre dann so ziemlich das Gegenteil davon gewesen, kleine unabhängige Projekte zu entwickeln, was mir eigentlich am meisten Spaß macht. Ich bin in der glücklichen Lage, in einem Unternehmen arbeiten zu dürfen, das bekanntermaßen mit einer sportbegeisterten Geschäftsführung besetzt ist und das Sport für sich auch als Kommunikationsmittel entdeckt hat. Sport ist ein sehr emotionales Thema, über das man eben vielerlei Dinge transportieren kann und eben auch ein bisschen was zurück geben kann an die Scholle, wo man herkommt, wo der unternehmerische Erfolg erzielt wird. Das ist schon etwas Besonderes.

L!VE: Du verstehst Dich also nicht nur als Geldbote für die Bandenwerbung?

B.R.: Es gibt natürlich auch rein werbliche Maßnahmen, was bei uns im Haus ganz klar der FC Bayern ist. Das ist Sponsoring und da ist natürlich mit Teilhabe an der Entwicklung nicht viel möglich. Andere Projekte, wo man wirklich was bewegen kann und gemeinsam den Erfolg erreicht, sind auch für mich richtig spannend. Das hat in meiner Zeit angefangen mit Jan Frodeno und unserer Unterstützung saarländischer Triathleten. Das Thema Speerwurf rund um Boris Obergföll, erst seine aktive Karriere und nun die herausragende Zeit als Bundestrainer. Da kamen dann vielerlei kleinere Projekte hinzu und rückblickend darf man sagen, da hat doch einiges funktioniert. Es ist immer ein Unterschied zwischen einer gekauften Werbefläche und einer aktiven Teilhabe an der Entwicklung. Außerdem ist mir schon bewusst, dass für mich aufgrund meines beruflichen Hintergrunds zwar manche Türen einfacher aufgehen, aber man muss ja immer noch durchgehen. Ich nehme mir dann auch raus, ein bisschen mitzureden und ich glaube auch, dass sich das mittlerweile ziemlich viele gerne anhören. Der Erfolg spricht ja für sich.

L!VE: Als Du letztes Jahr Präsident der Canes wurdest, warst Du vorher schon mehrere Jahr im Aufsichtsrat. Was gab den Ausschlag Dich noch mehr einzubringen?

B.R.: Man kann nicht immer nur die Klappe aufreißen, mit dem Finger auf dieses und jenes zeigen und sich dann aber, wenn es um die Wurst geht, aus dem Staub machen. Was sich seitdem getan hat ist schon irre, fast surreal. Ende Februar waren wir noch Zweitligist ohne irgendwelche allzu großen Perspektiven – und dann sind wir am grünen Tisch wegen eines durch die Euro-League frei gewordenen Spots in die höchste deutsche Spielklasse hochgerutscht. Dass wir dort dann bestehen konnten, verdanken wir der Kompetenz, die wir in unseren Reihen haben, wie speziell unseren Sportvorstand, den ehemaligen Nationalspieler und Europameister Dr. Paul Motzki oder Finanzvorstand und Geschäftsführer Football-Urgestein Hans Hennrich. Das war für mich auch eine Grundbedingung den Präsidentenposten zu übernehmen, diese beiden hochkompetenten Mitstreiter an meiner Seite zu haben. Die machen einen Top-Job und unter die Final Four zu kommen, steht einfach für eine herausragende Saison, trotz eines vergleichsmäßig schmalen Budgets. Dann schließlich von einem Team mit einem ganz großen Namen und einem Millionen-Etat geschlagen zu werden, war dann auch kein Beinbruch.

L!VE: Bei solchem Einsatz zusätzlich zur Beanspruchung durch Deinen Job im Management der Ursapharm, bleibt da noch Privatleben?

B.R.: Ach… Meine Söhne brauchen altersbedingt nicht mehr so viel Aufmerksamkeit. Der Älteste ist schon ausgezogen, von daher passt das. Mit kleinen Kindern würde das nicht gehen. Ich habe halt einfach Spaß daran, Dinge zu bewegen und etwas zu gestalten. Man hört mir zu und allein das ist schon herausragend (lacht). Schon früher, zu meiner aktiven Zeit, war Mannschaftssport mein Ding und in der Gemeinschaft was zu erreichen. Mein Engagement ist ja gerade keine Röder-One-Man-Show, denn nur als Team funktioniert es. Ich schaffe es manchmal, mich in verschiedene Positionen reinzudenken und so andere Standpunkte auszuleuchten. Das hilft mir ein klares Bild zu kriegen und eine fokussierte Diskussion zu führen, wo die Reise dann hingehen soll. Mir ist auch durchaus bewusst, dass es jetzt mit den Canes nicht automatisch so weiterlaufen wird wie dieses Jahr. Wir müssen sicher hier und da nachbessern.

L!VE: Und der sportliche Erfolg ist dann das Sahnehäubchen auf der Kirsche?

B.R.: Wenn dann so ein Ding herauskommt, wie das Viertelfinale gegen Köln, ja sicher! Vor dem Spiel bis Du noch unsicher, ob wir alles richtig gemacht hast, ob wir den nötigen Aufwand betrieben haben und, und, und… Dann stehst Du da mit deinen Leuten, alle total angespannt und dann ist das Spiel ist zu Ende und wir haben gewonnen. Die Gänsehaut, dieses Gefühl, das war sensationell. Das sind die Dinge, weswegen man sowas macht im Sport.

L!VE: Und wenn bei alledem doch mal versehentlich freie Zeit übrigbleibt, dann gründet man halt einen eigenen Golfclub und wird dessen Sportwart?

B.R.: „Na ja, beim Golf verletzt man sich halt weniger als beim Fußball. Den Golf Club Saar Lorraine haben wir tatsächlich 2019, noch kurz vor Corona, in Saargemünd selbst gegründet und sogar innerhalb kürzester Zeit vom deutschen Golfverband die komplette Spielberechtigung bekommen. Das ist ein spannendes Thema, auch weil da die europäische Idee umgesetzt wird. Halt ein deutscher Club in Frankreich, mit deutschen und französischen Mitgliedern und in Deutschland spielberechtigt. Wir haben jetzt schon zwei große Turniere dort veranstaltet. Das läuft bei mir tatsächlich so ein bisschen nebenher. Unterm Strich bedeutet das am Wochenende, wenn ich nicht auf einer Sportveranstaltung bin, dann bin ich auf dem Golfplatz.

L!VE: Mal Hand aufs Herz, für eine eventuelle Zeit nach den Canes, hast Du doch bestimmt schon die nächste Sportart im Visier?

B.R.: Das würde ich nicht ausschließen, aber darüber will ich jetzt nicht nachdenken. Ich habe mit den Canes noch Großes vor. Ich bin zwar nicht wirklich eitel, aber ich muss schon sagen, dass das auch mir einen kleinen Schub gegeben hat, zu wissen, Du bist im Präsidium eines Vereins, der um die deutsche Meisterschaft mitgespielt hat. Das ist schon was anderes, als irgendwo in der vierten, fünften, sechsten Liga rumzuwurschteln, bei allem Respekt. Auf der anderen Seite habe ich mir während so mancher Zoom-Verbandssitzung schon gedacht, wow, hier geht’s es tatsächlich um Bundesliga-Sport, aber das Niveau, auf dem der Verband hier kämpft hat schon sehr, sehr viel von Landesliga. Da können wir noch richtig viel machen und die Canes auch so noch ganz weit nach vorne bringen. Es ist ja nicht nur das Sportliche, sondern zum Beispiel auch die enorme Anerkennung von Mannschaften, die bei uns zu Gast waren, wie alles bei uns gehandelt wird. Natürlich spielt da auch unser tolles Stadion eine Rolle, aber eben auch wie wir uns selber darstellen, zum Beispiel über unseren eigenen Stream. Das ist schon wirklich ein echtes Brett! Da haben wir einfach vor ein paar Jahren angefangen, unsere Spiele selbst zu produzieren und haben mittlerweile mit Achim Schmolke, einem positiv Verrücktem aus dem Verein, ein Niveau erreicht, das fast schon Champions League würdig ist. Das ist halt toll, wenn man sieht wie man durch kleine Maßnahmen und viel persönlichen Einsatz mehr erreichen kann, als andere Vereine, die versuchen alles mit Geld zuzukleistern. Auch in der Beziehung gibt es einen sportlichen Wettbewerb. Früher hat man als Sportler auf dem Feld gekämpft, heute misst man sich als Funktionär hinter den Kulissen – und das macht mindestens genauso viel Spaß!

L!VE: Vom Standortnachteil für das Saarland also erstmal keine Spur?

B.R.: Standortnachteil ist zu viel gesagt. Wir haben unsere Schwierigkeiten im Saarland. Medial könnte einiges besser laufen. Aber ich fände es toll, wenn man sich im Saarland mehr zutrauen und nicht nur in den alten, eingefahrenen Schienen denken würde, wie Sport und Sportförderung zu funktionieren haben. Sondern, wenn man den richtigen Leuten genau zuhört, sich ein detailliertes Bild der Gegebenheiten macht und dann ganz gezielt fördert. Das ist dann meistens besser als irgendwie nur in größeren Sportarten mit Gewalt etwas zu versuchen. Das ist der Punkt, wo ich sage, dass wir im Saarland vielleicht noch zu viel verschwenden. Denn oft geht es gar nicht um den einzelnen Sport oder Sportler, sondern viel mehr um Hintergründe und Befindlichkeiten. Es gibt unheimlich viel Potential im Saarland, aber oft trauen sich das die entscheidenden Leute nicht zu. Da sollten wir ansetzen!