• Termine News und Wissenswertes aus Saarbrücken, dem Saarland und der Welt:

Phil Sahner und sein Kältebus: Der Ehrenmann

Im Winter 2013 lag Phil Sahner, Sprössling einer alteingesessenen Saarbrücker Familie, nach einer schweren OP im Krankenhaus und scrollte durch seinen Facebook-Account. Immer wieder stieß er auf Seiten, die über Hilfe für Obdachlose berichteten, so auch den sogenannten Kältebus. Phil wollte sich näher informieren und seine Hilfe anbieten, seine Kontaktversuche liefen jedoch ins Leere. Nach weiterer Recherche fand er heraus, dass das Projekt in Saarbrücken eher auf dem Papier existierte. Kurzerhand nahm er sich der Sache an und gründete den Verein Kältebus e.V. Schnell fand er Menschen, die ihn unterstützen wollten und dieses Jahr geht der Kältebus bereits in seine siebte Saison.

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Frau Paulus schreibt

L!VE 01-2021 // Interview G. Paulus

 Horror, Fantastik, Sex & Crime sind ihre Themen und die machen Germaine Paulus zu einer der interessantesten Autorinnen in unserer Stadt. Wer sie kennenlernt, der vergisst sie nicht, was neben ihren Texten vielleicht auch ein kleinbisschen an ihrem unverwechselbaren Lidstrich liegen mag.

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Kosmische Energie

Hallo Mikrokosmonauten: Das Schicksal meint es gut mit mir.

Es mag etwas überheblich klingen, aber ich bin ein Glückspilz. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich in meinem Leben mal so richtig Pech hatte. Okay, das eine mal vor über zehn Jahren, als ich fristlos gekündigt wurde, weil ich die halbe Firma gegen meinen Chef aufgehetzt hatte. Aber da war ich selber schuld. Heftige Schicksalsschläge sind mir ebenso fremd wie plötzliche böse Überraschungen, schlimme Unfälle oder sonstige Stolpersteine. Mein Schutzengel, so vermute ich, muss wahrlich gnädig sein, denn er versucht alles in seiner Macht stehende zu tun, dass es das Leben stets gut mit mir meint. Ich glaube felsenfest an kosmische Energie, die mich an entscheidenden Punkten in meinem Leben immer positiv beeinflusst hat. Weiterlesen

Superspreader

Endlich ist dieses 2020 nun also vorbei. Ein Jahr, das nur denjenigen in guter Erinnerung bleiben dürfte, die Aktienanteile von Amazon besitzen oder in weiser Voraussicht ihr Erspartes frühzeitig in Unternehmen der Desinfektionsmittel- und Plexiglasindustrie gesteckt haben. Dank der zukünftig verfügbaren Impfstoffe gegen Covid-19 ist das Ende absehbar: Das der Pandemie oder das unsrige. Das Licht am Ende des Tunnels ist zu erkennen, auch wenn derzeit noch nicht ganz klar ist, ob dort dann das alte Leben aus der Vergangenheit oder das neue Leben in der Ewigkeit wartet… Weiterlesen

„Mit dem Herzen dabei“: OB Uwe Conradt zu Rollenbildern, CSD und dem übernächstem James Bond

Unser Autor Marc Kirch beschäftigt sich jeden Monat mit aktuell relevanten Themen aus der Perspektive queerer Menschen. Basierend auf der Überzeugung, dass eben auch Menschen mit unterschiedlichen Geschlechter- und sexuellen Identitäten in der Mitte unserer Gesellschaft in Frieden und Freiheit leben dürfen und sollen, hinterfragt er den angenommenen Zwang zur Heteronormativität und spricht hierzu mit Vertretern des öffentlichen Lebens aus Sport, Politik, Kultur und Wirtschaft. Diesen Monat trifft er Saarbrückens Oberbürgermeister Uwe Conradt in der Fußgängerzone am St. Johanner Markt.

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Schwule sind die wertvolleren Fußballspieler

Das bekannte Zitat des Erfolgstrainers Louis van Gaal zeigt nur eine Facette der aktuellen Diskussion, ob Homosexualität schon im bezahlten Spitzenfußball angekommen ist. Da lohnt es sich bei einem absoluten Insider nachzuhören. Unser Autor Marc Kirch traf sich mit David Fischer, dem Geschäftsführer des 1. FC Saarbrücken, um sich nach Outings in der Spielerkabine und „Spielermännern“ auf der Ehrentribüne zu erkundigen. Weiterlesen

Mel rennt.

Hallo Mikrokosmonauten: Ich bin dann mal losgelaufen.

Die Tatsache, dass ich mich derzeit nach Feierabend nicht mehr in Kneipen und Restaurants rumdrücken kann (Danke Corona!) brachte mich neulich auf die Idee, einen Marathon zu laufen. Virtuell versteht sich. Also man läuft für sich, lädt das Ergebnis hoch und schaut sich dann das Ranking aller Läufer an, die auch mitgemacht haben. Auch für sich alleine versteht sich. (Danke Corona!) Weiterlesen

Big Brother is watching you

Wem wurde als Kind nicht auch eingeredet, dass wahlweise der liebe Gott oder das Christkind alles sieht und Konsequenzen zieht, wenn man den Spinat nicht aufisst oder die Spielsachen nicht wegräumt. Einschüchterungen waren und sind nach wie vor eine weit verbreitete wie auch wirksame Masche von Erwachsenen, den eigenen Willen durchzusetzen und den von Kindern zu brechen. Auch wenn die Drohung mit erhobenem Finger stets eine Lüge war und weder Gott noch Christkind jemals von halbvollen Tellern oder herumliegenden Bauklötzen in Kenntnis gesetzt wurden. Hätte man als Kind gewusst, dass man eigentlich erpresst wird und Opfer elterlicher Willkür ist, man hätte nie im Leben die eklig grüne Matschepampe gegessen und auch keinen einzigen Legostein vom Teppich geräumt, sondern absichtlich dort hingelegt, wo die Eltern immer barfuß laufen…

Folgen dieser Erpressung von damals sind bei uns Erwachsenen von heute neben einer tief sitzenden Angst, an schlechtem Wetter schuld zu sein, wenn man das Essen nicht aufisst, dass jeder von uns ab und an andere willkürlich oder unwillkürlich unter Druck bringt, um den eigenen Willen durchzusetzen. In der Schule droht man mit Aufkündigung der Freundschaft, wenn der Banknachbar verrät, dass man blau macht, im Büro mit Ankündigung einer Feindschaft, wenn der Büronachbar verrät, dass man blau ist. Dem Partner vertrauen, wenn dieser sich mit Freunden trifft, ist gut, ihm vorab bereits mit dem Ausquartieren aufs Sofa zu drohen, wenn er besoffen nach Hause kommen sollte, ist jedoch besser. Neben der Behaarung unanständiger Körperteile hat sich der Mensch damit noch etwas von seinen tierischen Vorfahren erhalten: Drohgebärden…

Was das angeht, gibt es in Deutschland ein Unternehmen, dessen alleiniger Name bereits für mehr Angstschweiß sorgt als angekündigte Schläge oder Fotos von der letzten Firmenweihnachtsfeier. Es ist das Unternehmen, das Willkür und Drohungen perfektioniert hat und sich die Aufgabe früherer Könige zu eigen gemacht hat, nach purer Lust und Laune darüber zu urteilen, über wem der Daumen gehoben oder gesenkt wird. Wie niemand sonst entscheidet dieses Unternehmen darüber, wer gut ist und wer böse war, wenn es um Geldfragen geht. Es ist damit der liebe Gott und das Christkind in Personalunion, auch wenn es von vielen eher als der Teufel in Person gesehen wird. Es ist die Institution, die über zwei Drittel aller Bundesbürger eine Akte führt und besser über uns Bescheid weiß als NSA, Google und die neugierige Nachbarin von gegenüber zusammen: Die Schufa…

Als „Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung“ gegründet, hat sich das Unternehmen aus Wiesbaden im Laufe der Zeit zum Big Brother entwickelt, der unsere Finanzen besser kennt als wir selbst, um darauf zu achten, dass es uns gut geht und unseren Kreditgebern besser. Während wir noch nicht einmal wissen, was wir uns leisten sollen, weiß die Schufa bereits, dass wir es uns nicht leisten können. Sie hält ihr Urteil uns gegenüber jedoch fein zurück, um keinen zu desillusionieren, dessen Kreditwürdigkeit unter der eines Wellensittichs liegt. Die Schufa will uns nicht mit lästigen Fakten stören, die wir ohnehin nicht kennen möchten, gibt diese aber gerne an Dritte weiter. Sie konzentriert sich eben aufs Wesentliche und dazu gehört auch, kostbare Zeit von Hotline-Anrufern nicht unnötig mit Freundlichkeitsplattitüden oder Namensnennungen ihrer Mitarbeiter zu vergeuden…

Kritiker behaupten, die Schufa sei wie Hämorrhoiden: Beide wären für den Arsch und würde man nicht mehr los, wenn man einmal Probleme mit ihnen hatte. Dabei sollte jeder dankbar sein, dass finanzielle Verbindlichkeiten sicher archiviert sind. Man hätte glatt vergessen, dass noch 1 DM Milchgeld aus der vierten Klasse unbezahlt ist, wenn die Schufa-Abfrage beim geplanten Ratenkauf eines Toasters 25 Jahre später nicht ergeben hätte, dass wegen der offenen Zahlung von damals eine Finanzierung leider nicht möglich ist und man Weißbrot daher weiterhin labbrig essen muss. Der Schufa-Eintrag sagt mehr über Menschen aus als Führungszeugnis, Impfpass und Instagram-Seite zusammen. Die Flensburger Verkehrskartei weiß, wann jemand aus dem Straßenverkehr gezogen werden muss, die Wiesbadener Schufa-Kartei jedoch, wann jemand aus dem Finanzverkehr zu ziehen ist…

Anhand eines Scoring-Werts zur Bonität zwischen 0 und 100 % beurteilt die Schufa, wer beim Bäcker Brötchen anschreiben lassen darf und wer gefälligst direkt zu zahlen hat, noch bevor die Semmel in der Tüte ist. Leider wird immer wieder Kritik am Bewertungssystem der Schufa laut. Dabei sollte jedem klar sein, dass die Wertermittlung allein wegen des Betriebsgeheimnisses so aufgebaut sein muss, dass niemand sie nachvollziehen kann. Außerdem müsste jeder noch aus der Schule wissen, dass man Benotungen nicht verstehen soll, sondern einfach zu akzeptieren hat. Dreimal Hausaufgaben vergessen bedeutete in der Schule Punktabzüge bei der Endnote. Nicht anders ist das bei der Schufa, wenn man dreimal seine Rechnungen nicht zahlt…

Wer insolvent ist, hat zum Beispiel ein Schufa-Scoring von nur 5 %, wer sich nichts hat zuschulden kommen lassen einen Wert von über 80 %. 100 % ist ein rein theoretischer Wert, der nur von Mitarbeitern der Schufa selbst erreicht wird. In die Bewertung der Bonität fließen wissenschaftlich aufwändig ermittelte Daten ein wie Vorname, Adresse und Sternzeichen. Dass ein Roger oder eine Josie nicht mehr als 50 % erreichen können, dürfte für jeden nachvollziehbar sein. Carl und Marlene garantieren dagegen mindestens 85 %. Wenn diese dazu auch noch katholisch sind, gibt es weitere 5 % dazu. Außerdem ist klar, dass derjenige, der in einer „Hauptstraße“ wohnt, nicht die gleiche Kreditwürdigkeit besitzen kann wie jemand aus einer „Eichenallee“. Auch die Schuhgröße ist für den Scoring-Wert relevant: Über 46 belegt, dass man auf zu großem Fuß lebt…

Die Ermittlung des Scoring-Werts ist mittlerweile mehr als bloßes Würfeln. Zukünftig wird die Schufa mit sozialen Netzwerken zusammenarbeiten. Wer persönliche Daten auf seiner dortigen Profilseite frei einsehbar hat, belegt mangelndes Verantwortungsbewusstsein. Resultat: 30 % Abzug beim Scoring. Wer ständig Selfies mit neuen Klamotten oder Urlaubsfotos auf Instagram postet, zeigt, dass er zu viel Geld ausgibt: Ebenfalls Minuspunkte. Wer dagegen Schnäppchenseiten gut findet, Oboe spielt und Fotos im selbstgestrickten Rollkragenpulli einstellt, ist seriös und sparsam und bekommt Bonuspunkte. Und wer auf der Facebook-Seite der Schufa auf „Gefällt mir“ klickt, dem sind 50 % extra sicher. Das macht die Nachvollziehbarkeit natürlich nicht einfacher. Aber manchmal ist es besser, wenn man das genaue Zustandekommen nicht kennt. Das ist beim Schufa-Scoring nicht anders als bei Teewurst…

Wer der Schufa nicht traut, kann dort übrigens eine Selbstauskunft einholen, muss sich nach einem solchen Vertrauensbruch jedoch nicht wundern, wenn das nächste Scoring weniger Prozentpunkte hat als Magermilch oder die FDP. Gottes Unfehlbarkeit darf bezweifelt werden, nicht aber die Unfehlbarkeit der Schufa! Diese Kolumne dürfte mein Scoring von 95 % auf 5 % gesenkt haben. Das Lesen wird sicher auch ein paar Prozent gekostet haben. Anders als bei Covid-19 schützt vor der Schufa leider auch kein Aluhut. Big Brother is watching you… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

  1. S. Die Facebook-Seite der Schufa hat 37 Likes, die Seite über Durchfall 169.

Schauspielerin, Autorin und Produzentin Edda Petri

Wow, wow, Powerfrau!

Nach ihrer Ausbildung an der Neuen Münchner Schauspielschule zog es Edda Petri gen Westen. Über verschiedene Engagements an kleineren und größeren Theatern landete sie 1991 im Ensemble des Saarländischen Staatstheaters, in dem sie für viele Jahre eine Heimat fand. Zusätzlich übernahm sie in Fernseh- und Musicalproduktionen meist starke Frauenrollen. Heute leitet sie unter anderem das Kreativzentrum Kutscherhaus in Neunkirchen, das für Integration und interkulturelle Projekte steht.

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Als die Lichter ausgingen

Hallo Mikrokosmonauten: Die Party ist vorbei.

Es war ziemlich genau vor vier Jahren. Ich erinnere mich an eine Party-Nacht. Eine dieser Nächte, die einem im Gedächtnis bleiben. Dabei ist noch nicht mal irgendwas Besonderes passiert, aber man erinnert sich trotzdem auch noch Jahre später daran, weil es ein Gefühl in einem hervorruft, welches man nur hat, wenn man grenzenlose Freude empfinden kann. Freude, die man damals fühlte. Und die man jedes Mal wieder fühlt, wenn man daran denkt. Ich wusste noch, was ich anhatte. Ich trug ein schwarzes, kurzes Kleid. Und meine schwarzen High Heels. Black in black. Eigentlich viel zu overdressed für diesen Club, aber ich war zuvor noch auf einer Abendveranstaltung gewesen. Ich weiß noch genau, wie die wummernden Bässe und die wabernde Luft mich umfingen. Ich kann mich an meine schmerzenden Füße erinnern, weil ich schon stundenlang auf den Beinen war und dort trotz der Schmerzen einfach zu tanzen anfing, weil mich die Menge ohne ihres Wissens nach und nach auf die Tanzfläche schob. Ich kannte niemanden dort und fühlte mich lost und gleichzeitig voll integriert. Erhitzte, dicht gedrängte Körper rechts und links von mir. Die Luft stand und es war kein Platz. Und der Bass setzte wieder ein und ich schrie ins Nichts. Vor Glück? Vor Faszination? Ich weiß es nicht mehr. Nie und nimmer hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt vorstellen können, dass es irgendwann vorbei sein könnte. Natürlich, tief in meinem Innersten wusste ich schon, dass ich erstens irgendwann nach Hause fahren und zweitens irgendwann zu alt für diese Art Ausflüge sein würde. Aber ich hätte nie geglaubt, dass die Türen zu dieser außergewöhnlichen Welt aufgrund einer Pandemie irgendwann geschlossen werden würden. Keiner von uns hatte das wohl auf dem Schirm.

Geschlossen. Zu. Erledigt.

Ich trage noch immer schwarze Kleidung. Inzwischen jedoch aus Trauer. Tagtäglich öffne ich meinen Kleiderschrank und krame irgendwas Schwarzes raus. Schwarz tröstet mich in diesen Zeiten. Manchmal lasse ich meinen Toast auch extra anbrennen, weil die unbändige Trauer sich in dieser Scheibe verbranntem Toast am besten spiegelt. Wenn ich lange genug in meinen schwarzen Kaffee blicke, blickt der schwarze Kaffee irgendwann in mich selbst. Und letztendlich zeigt sogar die Natur da draußen vollstes Verständnis für meine Lage, denn der November ist wieder da. Mit all seinem Grau und den dunklen Gedanken.

Ich wollte in meinen Texten nie über die Pandemie sprechen. Vielleicht, weil ich glaubte, es dauert nicht lange, bis alles wieder so ist, wie es mal war. Aber als ich neulich, an einem Freitagabend, diese ungestüme Lust verspürte, tanzen zu gehen, aber mir bewusst wurde, dass ich das nirgendwo da draußen tun kann, änderte ich meine Meinung. Die Pandemie ist da. Ein unsichtbarer Feind mitten unter uns. Und ich bin traurig. Traurig darüber, dass uns dieses unsichtbare Ding etwas gestohlen hat, von dem wir nie geglaubt hätten, dass es uns mal so fehlen würde. Nämlich die Tummelplätze in unserer Stadt, an denen wir für gewöhnlich neue Erinnerungen schaffen, alte Lieben aufflammen lassen, mit liebgewonnenen Menschen zusammen sein können und wo wir einfach das Leben zelebrieren! Clubs. Feste. Konzerte. Alles weg. Es fehlt.

Was bleibt sind Erinnerungen. Manchmal kommt es mir vor, als würde ich an einen Verstorbenen denken. Das ging neulich sogar so weit, dass ich mich fragte, ob es verwerflich wäre, wenn ich eine Kerze vor meinen Lieblings-Locations anzünden würde. Ich zog es dann jedoch vor, zum x-ten Mal in meinen alten Tagebüchern zu blättern, um mich in jene Zeit zurück zu träumen, als man noch öffentlich mit Fremden inmitten anderer Fremder rumknutschen durfte. Als man sich noch bedenkenlos das gleiche Glas teilte und zu Silvester wahllos Küsschen verteilen konnte, ohne Angst zu haben, an einem vermeintlich tödlichen Virus zu verenden. Natürlich gibt es ganz viele Menschen um mich herum, die eine andere Meinung vertreten. Leute, die die Welt mit anderen Augen sehen. Optimistischer irgendwie. Diejenigen, die mir sagen: „Hey, alles wird wieder gut! Irgendwann.“ Und es gibt diejenigen, die sich ihrem Schicksal nicht einfach so ergeben. Kreative Köpfe, die Außenlocations inklusive Heizpilze schaffen, in denen man zumindest ein Stück weit das Feeling haben kann, was man früher hatte, als man noch keine Masken tragen musste. Trotzdem gibt es aber die vielen anderen, die derzeit kämpfen müssen. Sie kämpfen um ihre Existenz, verteidigen ihr Leben, ja, vielleicht sogar ihr Lebenswerk, und leiden im Stillen, weil sie irgendwie niemand hören will. Ich spreche von Gastronomen, Clubbesitzern, Veranstaltern, Künstlern und all den wunderbaren Menschen, die Kultur machen.

Kultur ist ein Überlebensmittel

Ich habe dieses Jahr oft auf der Couch gesessen. Jetzt im Herbst fällt mir das nicht so schwer. Im Sommer allerdings fehlten mir Stadtfeste, Konzerte und Festivals. Ich liebe es, draußen zu sein und Menschen zu  beobachten. Generell unter Menschen zu sein. Der Sommer verging zwar mit schönen Momenten zuhause, aber es blieb das Gefühl, dass etwas fehlt. Ich wünschte, wir könnten die Kultur wieder so leben und erleben, wie sie es eben verdient. Wir müssten sie hofieren, anbeten und herzen. Aber wie? Ich frage mich: Wird das Erlebnis die Krise überstehen?

Hey, wir können uns glücklich schätzen. Wir haben eine Party-Ära erlebt, wie man sie so schnell wahrscheinlich nicht mehr haben wird. Ich hoffe, wir bewahren uns diese Erlebnisse und gedenken dieser wunderbaren Zeit. Manchmal, wenn ich es nicht mehr aushalte, mache ich mich samstagsabends stundenlag fertig, werfe mich in mein Party-Dress und verwandele das Wohnzimmer in einen Club. Dann tanze ich mit meinem Freund bis in die Morgenstunden und wir schauen uns Live-Streams über den Fernseher an. Und ja, mit viel Fantasie schaffen wir es, dass wir uns fühlen wie damals, als es noch diese echte Feierei mit anderen Menschen gab. Und wir sind damit wohl offensichtlich nicht alleine. Denn die Digitalisierung nutzen viele Kunst- und Kulturschaffende als Chance. Überall wird inzwischen gestreamt, gepodcastet oder gelesen. Virtuelle Museumsbesuche und Konzerte im Netz verschönern unseren doch arg trüb gewordenen Alltag nach Job, Uni und Schule.

Aber reicht das aus?

Vorübergehend schon, aber für immer kann ich mir so etwas nicht vorstellen. Es ersetzt keinesfalls das Gefühl, welches man hat, wenn man live und in Farbe auf der Tanzfläche im Club steht. Die Zukunft ist ungewiss. Ich weiß nicht, wie sich alles entwickeln wird. Vielleicht werden nachfolgende Generationen davon schwärmen, dass sie drei Tage im heimischen Garten campiert haben während sie Tomorrowland per Live-Stream auf einer überdimensionalen LED-Wand angeschaut haben. Sie werden es vielleicht nicht mehr kennen, sich ein ganzes Wochenende lang von Dosenbier und Ravioli zu ernähren und sich zu Hunderten ein Dixi-Klo zu teilen (Info an alle nachfolgenden Generationen, sofern dieser Text in hundert Jahren jemandem in die Hände fällt: Der Gedanke an Dixi-Klos, Ravioli und Dosenbier mag sich ekelhaft anhören und das war es auch, aber geil war es trotzdem!)

Dinge werden sich ändern, aber im Hier und Jetzt trauere ich dennoch. Ich denke an all die unfassbar tollen Menschen da draußen, die mir unvergessliche Stunden bereitet haben. Musikalisch, als Veranstalter, als Mitfeiernde, als eine große Gemeinschaft, die alle das Gleiche im Sinn hatte: Erleben. Feiern. Unvergessliche Momente schaffen.

Mögen wir dies alles irgendwann wiederholen können!