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Als die Lichter ausgingen

Hallo Mikrokosmonauten: Die Party ist vorbei.

Es war ziemlich genau vor vier Jahren. Ich erinnere mich an eine Party-Nacht. Eine dieser Nächte, die einem im Gedächtnis bleiben. Dabei ist noch nicht mal irgendwas Besonderes passiert, aber man erinnert sich trotzdem auch noch Jahre später daran, weil es ein Gefühl in einem hervorruft, welches man nur hat, wenn man grenzenlose Freude empfinden kann. Freude, die man damals fühlte. Und die man jedes Mal wieder fühlt, wenn man daran denkt. Ich wusste noch, was ich anhatte. Ich trug ein schwarzes, kurzes Kleid. Und meine schwarzen High Heels. Black in black. Eigentlich viel zu overdressed für diesen Club, aber ich war zuvor noch auf einer Abendveranstaltung gewesen. Ich weiß noch genau, wie die wummernden Bässe und die wabernde Luft mich umfingen. Ich kann mich an meine schmerzenden Füße erinnern, weil ich schon stundenlang auf den Beinen war und dort trotz der Schmerzen einfach zu tanzen anfing, weil mich die Menge ohne ihres Wissens nach und nach auf die Tanzfläche schob. Ich kannte niemanden dort und fühlte mich lost und gleichzeitig voll integriert. Erhitzte, dicht gedrängte Körper rechts und links von mir. Die Luft stand und es war kein Platz. Und der Bass setzte wieder ein und ich schrie ins Nichts. Vor Glück? Vor Faszination? Ich weiß es nicht mehr. Nie und nimmer hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt vorstellen können, dass es irgendwann vorbei sein könnte. Natürlich, tief in meinem Innersten wusste ich schon, dass ich erstens irgendwann nach Hause fahren und zweitens irgendwann zu alt für diese Art Ausflüge sein würde. Aber ich hätte nie geglaubt, dass die Türen zu dieser außergewöhnlichen Welt aufgrund einer Pandemie irgendwann geschlossen werden würden. Keiner von uns hatte das wohl auf dem Schirm.

Geschlossen. Zu. Erledigt.

Ich trage noch immer schwarze Kleidung. Inzwischen jedoch aus Trauer. Tagtäglich öffne ich meinen Kleiderschrank und krame irgendwas Schwarzes raus. Schwarz tröstet mich in diesen Zeiten. Manchmal lasse ich meinen Toast auch extra anbrennen, weil die unbändige Trauer sich in dieser Scheibe verbranntem Toast am besten spiegelt. Wenn ich lange genug in meinen schwarzen Kaffee blicke, blickt der schwarze Kaffee irgendwann in mich selbst. Und letztendlich zeigt sogar die Natur da draußen vollstes Verständnis für meine Lage, denn der November ist wieder da. Mit all seinem Grau und den dunklen Gedanken.

Ich wollte in meinen Texten nie über die Pandemie sprechen. Vielleicht, weil ich glaubte, es dauert nicht lange, bis alles wieder so ist, wie es mal war. Aber als ich neulich, an einem Freitagabend, diese ungestüme Lust verspürte, tanzen zu gehen, aber mir bewusst wurde, dass ich das nirgendwo da draußen tun kann, änderte ich meine Meinung. Die Pandemie ist da. Ein unsichtbarer Feind mitten unter uns. Und ich bin traurig. Traurig darüber, dass uns dieses unsichtbare Ding etwas gestohlen hat, von dem wir nie geglaubt hätten, dass es uns mal so fehlen würde. Nämlich die Tummelplätze in unserer Stadt, an denen wir für gewöhnlich neue Erinnerungen schaffen, alte Lieben aufflammen lassen, mit liebgewonnenen Menschen zusammen sein können und wo wir einfach das Leben zelebrieren! Clubs. Feste. Konzerte. Alles weg. Es fehlt.

Was bleibt sind Erinnerungen. Manchmal kommt es mir vor, als würde ich an einen Verstorbenen denken. Das ging neulich sogar so weit, dass ich mich fragte, ob es verwerflich wäre, wenn ich eine Kerze vor meinen Lieblings-Locations anzünden würde. Ich zog es dann jedoch vor, zum x-ten Mal in meinen alten Tagebüchern zu blättern, um mich in jene Zeit zurück zu träumen, als man noch öffentlich mit Fremden inmitten anderer Fremder rumknutschen durfte. Als man sich noch bedenkenlos das gleiche Glas teilte und zu Silvester wahllos Küsschen verteilen konnte, ohne Angst zu haben, an einem vermeintlich tödlichen Virus zu verenden. Natürlich gibt es ganz viele Menschen um mich herum, die eine andere Meinung vertreten. Leute, die die Welt mit anderen Augen sehen. Optimistischer irgendwie. Diejenigen, die mir sagen: „Hey, alles wird wieder gut! Irgendwann.“ Und es gibt diejenigen, die sich ihrem Schicksal nicht einfach so ergeben. Kreative Köpfe, die Außenlocations inklusive Heizpilze schaffen, in denen man zumindest ein Stück weit das Feeling haben kann, was man früher hatte, als man noch keine Masken tragen musste. Trotzdem gibt es aber die vielen anderen, die derzeit kämpfen müssen. Sie kämpfen um ihre Existenz, verteidigen ihr Leben, ja, vielleicht sogar ihr Lebenswerk, und leiden im Stillen, weil sie irgendwie niemand hören will. Ich spreche von Gastronomen, Clubbesitzern, Veranstaltern, Künstlern und all den wunderbaren Menschen, die Kultur machen.

Kultur ist ein Überlebensmittel

Ich habe dieses Jahr oft auf der Couch gesessen. Jetzt im Herbst fällt mir das nicht so schwer. Im Sommer allerdings fehlten mir Stadtfeste, Konzerte und Festivals. Ich liebe es, draußen zu sein und Menschen zu  beobachten. Generell unter Menschen zu sein. Der Sommer verging zwar mit schönen Momenten zuhause, aber es blieb das Gefühl, dass etwas fehlt. Ich wünschte, wir könnten die Kultur wieder so leben und erleben, wie sie es eben verdient. Wir müssten sie hofieren, anbeten und herzen. Aber wie? Ich frage mich: Wird das Erlebnis die Krise überstehen?

Hey, wir können uns glücklich schätzen. Wir haben eine Party-Ära erlebt, wie man sie so schnell wahrscheinlich nicht mehr haben wird. Ich hoffe, wir bewahren uns diese Erlebnisse und gedenken dieser wunderbaren Zeit. Manchmal, wenn ich es nicht mehr aushalte, mache ich mich samstagsabends stundenlag fertig, werfe mich in mein Party-Dress und verwandele das Wohnzimmer in einen Club. Dann tanze ich mit meinem Freund bis in die Morgenstunden und wir schauen uns Live-Streams über den Fernseher an. Und ja, mit viel Fantasie schaffen wir es, dass wir uns fühlen wie damals, als es noch diese echte Feierei mit anderen Menschen gab. Und wir sind damit wohl offensichtlich nicht alleine. Denn die Digitalisierung nutzen viele Kunst- und Kulturschaffende als Chance. Überall wird inzwischen gestreamt, gepodcastet oder gelesen. Virtuelle Museumsbesuche und Konzerte im Netz verschönern unseren doch arg trüb gewordenen Alltag nach Job, Uni und Schule.

Aber reicht das aus?

Vorübergehend schon, aber für immer kann ich mir so etwas nicht vorstellen. Es ersetzt keinesfalls das Gefühl, welches man hat, wenn man live und in Farbe auf der Tanzfläche im Club steht. Die Zukunft ist ungewiss. Ich weiß nicht, wie sich alles entwickeln wird. Vielleicht werden nachfolgende Generationen davon schwärmen, dass sie drei Tage im heimischen Garten campiert haben während sie Tomorrowland per Live-Stream auf einer überdimensionalen LED-Wand angeschaut haben. Sie werden es vielleicht nicht mehr kennen, sich ein ganzes Wochenende lang von Dosenbier und Ravioli zu ernähren und sich zu Hunderten ein Dixi-Klo zu teilen (Info an alle nachfolgenden Generationen, sofern dieser Text in hundert Jahren jemandem in die Hände fällt: Der Gedanke an Dixi-Klos, Ravioli und Dosenbier mag sich ekelhaft anhören und das war es auch, aber geil war es trotzdem!)

Dinge werden sich ändern, aber im Hier und Jetzt trauere ich dennoch. Ich denke an all die unfassbar tollen Menschen da draußen, die mir unvergessliche Stunden bereitet haben. Musikalisch, als Veranstalter, als Mitfeiernde, als eine große Gemeinschaft, die alle das Gleiche im Sinn hatte: Erleben. Feiern. Unvergessliche Momente schaffen.

Mögen wir dies alles irgendwann wiederholen können!

Einfach mal die Klappe halten

Hallo Mikrokosmonauten: Können wir auch noch etwas anderes, als immer nur reden, reden, reden?

Es war einmal im alten Griechenland: Der weise Mann Sokrates bekam Besuch. Vor seiner Tür stand ein Mann, der in Athens Straßen als „Schwätzer“ bekannt war. Er war gekommen, um sich von Sokrates im Fach Rhetorik ausbilden zu lassen. Der Philosoph verlangte daraufhin ein doppelt so hohes Honorar wie sonst üblich. Natürlich wollte der Schwätzer den Grund für diesen ungewöhnlichen Aufschlag erfahren, und Sokrates gab zur Antwort: „Weil ich dir sowohl das Sprechen als auch das Schweigen beibringen muss!“. Rhetorik: So wird die Redekunst bezeichnet. Sie soll uns lehren, wie man mit Worten statt mit Taten überzeugt. Wer jedoch andauernd redet oder gar unentwegt plappert, wird andere eher nerven als überzeugen. Wichtiger noch schien für Sokrates aber etwas ganz anderes zu sein: Wer ohne Punkt und Komma schwätzt, lässt erkennen, dass er sich keine Zeit nimmt, vorab gründlich nachzudenken. Solche Menschen reden viel, haben aber kaum etwas zu sagen. Getreu einem alten japanischen Sprichwort: „Die Wissenden reden nicht, die Redenden wissen nicht“. Daher wollte Sokrates dem Schwätzer erst einmal eine Art Funkstille auferlegen, damit er diese als Denkpause nutzen konnte.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich diese Denkpausen hin und wieder bitter nötig hätte. Meine Zunge eilt meinem Verstand nämlich öfter mal voraus. Manchmal kommt es mir so vor, als rede ich mich um Kopf und Kragen. Dabei ist doch erwiesen, dass man Menschen nach spätestens zwei Minuten ihres Monologes nicht mehr richtig zuhört. Vielleich auch nicht mehr zuhören kann, weil das Gehirn einfach abschaltet. Ich merke das manchmal daran, dass meine Mitmenschen mitten in meiner Rede anfangen, auf ihr Handy oder in den PC-Bildschirm zu starren, oder – auf die ganz harte Tour – sich mit einer entschuldigenden Geste und mit den Worten „Du, ich muss los!“ einfach vom Acker machen. Versteh‘ ich gar nicht. Ich hab‘ echt interessante Themen auf Lager. Okay, über das Orang-Utan-Sterben wegen Nutella während der Frühstückspause zu sinnieren, ist vielleicht nicht gerade das Beste, aber letztendlich müssen doch gewisse Dinge einfach mal angesprochen werden, oder nicht? Ich habe oft das Gefühl, wenn ich andere in gewisse Dinge nicht einweihe, bleiben diese womöglich unwissend und diese Tatsache verursacht in mir eine unerträgliche Unruhe. Dass ich finde, dass der Besucher von neulich mit seinem eckigen Kopf aussieht wie ein wandelndes TV-Gerät und dass ein jeder ihn mit einer angebrachten Antenne auf dem Kopf problemlos als solches enttarnen könne, mussten meine Kolleginnen am Empfang einfach erfahren. Dabei wäre ein gelegentliches Schweigen viel angenehmer, geheimnisvoller und am Ende vielleicht auch klüger? Wer Schweigen kann und bewusst mit Worten geizt, macht nämlich jedes einzelne davon nur wertvoller und bringt die Leute dazu, lange darüber nachzudenken, was wohl noch zwischen den Zeilen stecken könnte. Ich sollte also unbedingt an mir arbeiten. Aber wie? Denn wenn ich eines nur sehr schwer ertragen kann, dann ist es ein für mich unerträgliches Schweigen während eines Gesprächs. Füllen muss man es doch! Mit lebendigen Worten! Okay, ich muss gestehen, dass ich jenes Schweigen eher nervös mit allen möglichen Kommentaren fülle und so mitunter meine eigenen Schwächen enttarne bis hin zum gänzlichen Entzaubern meiner Selbst. Schweigen, so bin ich der Meinung, ist definitiv nicht Gold und zuweilen echt langweilig. Ich frage mich immer:

Wieso den Mund halten, wenn man auch angeregt plaudern kann?

Kommunikationsfähigkeit ist heute eine wesentliche Stärke im Beruf und ein wichtiger Karrierefaktor. Tagtäglich müssen wir formulieren, präsentieren, kritisieren, diskutieren. Wir reden viel, vergessen dabei aber gelegentlich, dass man sich auch um den Verstand reden kann. Man findet, meint, denkt, glaubt, nimmt an, behauptet, schlägt vor, vermutet oder sagt mal so. Allem voran stellt man das Ich, wirbelt einen Schwall an Worten durch die Luft und verwandelt so jedes Gespräch in Geschnatter. Im Job ist Kommunikation zwar wichtig, doch würde es so manchem Kollegen echt mal ganz gut tun, zu schweigen. Im stressigen Arbeitsalltag ist erholsame Stille nämlich eine willkommene Abwechslung und Auszeit zur Reizüberflutung. Ständig klingelnde Telefone, klappernde Absätze, knallende Türen, knarzende Kopierer setzen auf Dauer nämlich zu. Kommen noch Dauerunterhaltungen und pausenloses Gerede hinzu, nimmt der Wert des Schweigens plötzlich enorm zu. Und so kam es neulich, wie es kommen musste. Ich war auf einmal so erschöpft, dass ich mich einfach zurückzog und meine Klappe hielt. Umso verständnisloser reagierte ich, als eine andere Kollegin meinen Part unverzüglich zu übernehmen versuchte und einfach drauflos plapperte. Ich war nicht nur genervt sondern auch gestresst. Irgendwann kapituliere ich halt auch mal.

Schweigen lernen. Schweigen können.

Ach, hätte ich doch geschwiegen! Wer beim ersten Date ausplaudert, dass er Benjamin Blümchen als Einschlafbegleitung hört, dem ist dieser Satz durchaus geläufig. Manchmal frage ich mich, wieso manche Worte überhaupt so leicht über meine Lippen kommen?! Es gab Situationen in meinem Leben, in denen der Begriff „Laberflash“ ganz neue Dimensionen erreichte. Gerade bei Dates, wo ein peinliches Schweigen genauso unerträglich ist wie Mundgeruch. Und meine Devise lautete immer: „Lieber das Falsche sagen, als gar nichts sagen!“. Ein Grund, weshalb ich jahrelang in Sachen Dates eher miserable Performances ablieferte. Was jedoch nicht heißt, dass ich nicht unterhaltsam war. Bei „First Dates – Ein Tisch für Zwei“ hätte ich wahrscheinlich für einige Lacher bei den Zuschauern gesorgt, denn im Geschichten erzählen bin ich ja ganz groß. Im wirklichen Leben haben die meisten meiner Dating-Partner aber wahrscheinlich die gewisse Portion Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit an mir vermisst. Die wenigsten, die ernsthaft auf der Suche sind, entscheiden sich für eine Quasselstrippe wie mich, die in den ersten zehn Minuten des Dates erzählt, dass sie Kinderhörspiele liebt, Angst vor Eulen und gotischen Bauwerken hat und gerne den Föhn unter der Bettdecke laufen lässt, wenn sie friert. Was jetzt also folgt, ist eine weitere Lobes-Hymne auf meinen aktuellen Partner, der sich trotzdem nicht davon abhalten ließ, mit mir eine Beziehung einzugehen. Manchmal höre ich ihn allerdings des Nachts leise schluchzen. Apropos Partner: Er war damals nach langer Zeit einer derjenigen, bei dem es mir nicht peinlich war, gerade mal kein Gesprächsthema zu haben. Eine Wohltat!

Und deshalb ist es doch so: Wenn man mit jemandem schweigen kann, egal, ob Partner, Freund oder Arbeitskollege, ohne, dass es einem unangenehm ist, kann jenes Schweigen extrem heilsam und wohltuend sein. In allen anderen Fällen lässt es sich durchaus erlernen. Wichtig dabei ist, das Schweigen zu fokussieren. Sich während dieser Zeit immer wieder zu fragen: „Wie geht es mir mit der längeren Pause?“. Denn es ist ja häufig so, dass pausenloses Reden lediglich dazu dient, einen gefürchteten Kontaktabbruch zu vermeiden oder womöglich als langweilig wahrgenommen zu werden. Und Gott bewahre – Langweilig ist ein Prädikat, mit dem ich wirklich nichts zu tun haben möchte. Letztendlich sollte ich jedoch wissen, dass ich alles andere als das bin. Und das bisschen Schweigen sollte mich nun wirklich nicht zum drögen Mädchen degradieren. Aber zukünftig sollte ich mir zumindest auf die Zunge beißen, wenn ich nichts Konstruktives beizutragen habe oder eine Diskussion ins Schwachsinnige abdriftet. Lieber kurz durchatmen und Klappe halten.

Kumpeltyp

Hallo Mikrokosmonauten: Ich bin eine Henne unter Hähnen.

Schon als Kind war ich alles andere als mädchenhaft. Ich wurde aus dem Turnverein geworfen, weil ich mich an einer Konkurrentin rächte. Ich versteckte vergammelte Pfirsichkerne in Opas Kühlschrank und schlug meiner Klassenkameradin einen Federballschläger auf die Birne. Das alles natürlich immer mit handfesten Begründungen und der Aussage, dass ich das normalerweise sonst nicht täte. Es ist ja nicht so, dass ich kein Mädchen war, denn ich liebte Barbies und Pferde und den ganzen Kram. Und meine Haare, oh  Gott, die Haare! Die mussten natürlich lang sein! Aber es war eben so, dass ich mich selten mädchenhaft benahm. Und statt an Hausarbeiten herangeführt zu werden, durfte ich eben draußen toben bis in die Puppen, während meine Freundinnen längst zuhause sein und beim Geschirr spülen helfen mussten. Deshalb war mein Leben manchmal einsam. Ich hatte sämtliche Freiheiten und ständig Zeit, wilde Pläne zu schmieden. Die Mütter meiner Freundinnen beäugten das natürlich sehr kritisch. Und am Ende war ich meist der berühmt-berüchtigte „schlechte Umgang“. Es kommt wohl nicht von Ungefähr, dass ich mich schon relativ früh an die Jungs hing. Weniger wegen den Jungs selbst, denn über Fußball quatschen war dann auch nicht so mein Ding. Aber Jungs verstanden meine Art irgendwie besser. Da war von Anfang an mehr Solidarität und Verständnis. Und irgendwann war ja auch mal die letzte Barbie gekämmt und ins beste Kleidchen gesteckt. Was danach folgte, waren geheime Versammlungen auf abgelegenen Grundstücken mit den Jungs. Bei Wind und Wetter wohlgemerkt. Wir planten, eine richtige Siedlung zu errichten mit Feuerstelle, Baumhäuser und allem Schnickschnack. Natürlich wurde nie so richtig was draus, aber der Plan an sich schweißte uns zusammen und beflügelte unsere Fantasie. Bis heute danke ich meinen Eltern, dass sie mich stets wild ließen. Wenngleich es gewiss nicht die Absicht meiner Mutter war, dass ich bis heute nicht weiß, wie man Geschirr richtig spült. Aber so schön sich das alles anhören mag, so verloren fühle ich mich heutzutage, wenn es darum geht, eine richtige Frau zu sein, geschweige denn mich in typischen Frauen-Domänen zurechtzufinden. Und jedes Mal wird mir aufs Neue bewusst:

Ich bin halt ein Kumpeltyp! Weiterlesen

Kein Sturm zieht auf

Hallo Mikrokosmonauten: Windstill liebt es sich angenehmer: Kennt ihr diese Situationen im Leben, in denen plötzlich alles auf den Kopf gestellt wird? Im schlimmsten Fall ist das beispielsweise dem Zerbrechen einer vermeintlich großen Liebe geschuldet, einer unerwarteten Job-Kündigung oder einem gebrochenen Bein oder gar Herz. Im weniger schlimmen Fall geht es lediglich um das Entdecken eines Pickels kurz vor dem ersten Date. Wobei das Auslegungssache ist. Für manche von uns ist die Pickel-Sache der worst case. Manchmal gibt es  aber auch Situationen, die unser Leben im positiven Sinne aus den Fugen geraten lassen und von denen wir überzeugt sind, sie ebnen uns den Weg für das schönste Kapitel ever: Die Begegnung mit Mister Right! Dass es sich in den seltensten Fällen tatsächlich um Mister Right handelt, wissen wir zu Beginn allerdings nicht. Wäre ja auch noch schöner. Vorausschauendes Verlieben. Es würde uns vieles ersparen. Andererseits ist es so, dass unser Leben wesentlich langweiliger wäre, gäbe es da nicht jene größeren und kleineren Lieben, die unsere Herzen schneller schlagen lassen, während sie unsere Kopfkissen in Tränen tauchen. Diese Begegnungen, die uns in die Alkohol- und Tablettensucht treiben und die uns dazu bringen, tiefgründige Gedichte zu schreiben, während wir auf dem Balkonsims sitzen und darüber nachdenken, sich nach  dem Verfassen des letzten Vers einfach in die Tiefe zu stürzen. „Sie verfasste ihr berühmtestes und millionenfach verkauftes Werk kurz vor ihrem Ableben. Man munkelt, ihr gebrochenes Herz trieb sie in den Freitod.“. Hach, wie überaus dramatisch! So schön und doch so grausam. Weiterlesen

Bestialisch musikalisch

Hallo Mikrokosmonauten: Musik ist alles. Alles ist Musik.

Als weltoffene Frau möchte ich stets in allen Bereichen mitreden können. Daher bin ich beispielsweise von meinem Lieblingsradiosender SR3 (ja, in der Tat mag ich diese Musik sehr gerne) auf „UnserDing“ umgeswitcht. Das war für mich ein großer Schritt. Ich begann bisher eine Autofahrt nicht eher, bevor nicht SR3 eingeschaltet war. Mein eigener Freund betitelt mich deswegen sogar als „Oma“ und meint, er habe zwar noch nie eine so junge, heiße Freundin gehabt, aber auch noch nie eine, die solche Oma-Sender hört. Ich habe dann also gewechselt. Ganz einfach, weil ich mich informieren möchte, was die aktuelle Musik so zu bieten hat. Und komme zu dem Schluss, dass alles noch viel schlimmer ist, als ich dachte. Ich habe nicht nur das Gefühl, dass sich alles gleich anhört, sondern auch, dass in Sachen Unverblümtheit im Sprachgebrauch nochmal ne‘ Schippe drauf gelegt wurde im Vergleich zu „früher“. Mit „früher“ meine ich etwa 2005. Ging es um sexuell motivierte Dinge, besang man es in Form von Candy Shops oder forderte lediglich dazu auf, sich auszuziehen, weil es so heiß ist. Heute ist das anders. Mir fällt auf, dass speziell die deutsche Hip Hop-Szene keine Hemmschwelle mehr zu kennen scheint. Drogen, Sex und Alk? Kein Problem: Die  Glorifizierung der Eskalation kennt keinerlei Grenzen mehr. Man besingt jetzt „Alienaugen“, die die Frage aufwerfen, ob da jemand zu viel gefeiert oder hoffentlich doch nur zu viel gefühlt hat?! Und mehr noch: Jetzt singt man sogar ohne Umschweife übers „Teile schmeißen“ und dass man dadurch Liebe überall sieht! Früher war nur „Sunglasses at night“! Natürlich sind anrüchige Songtexte nicht erst seit gestern. Ist ja auch nicht schlimm. Mich stört nur, dass es mittlerweile weniger um Talent zu gehen scheint, sondern vielmehr um Polarisierung. Und um unvermittelt deutliche Worte, die eventuell dazu auffordern könnten, sich sofort aus dem Leben zu schießen oder zumindest in einen sexuellen Nahkampf zu gehen. Ich frage mich:

Hat die aktuelle Musikszene nicht mehr zu bieten?

Offen gestanden treiben mir so manche Textpassagen tatsächlich die Schamesröte ins Gesicht! Und ich bin bestimmt nicht prüde. Aber manchmal etwas empört! Wenn ich mir nur schon anschaue, wie „Sex sells“ in den dazugehörigen Musikvideos praktiziert wird. Dass Selena Gomez sich in einer ihrer Musikvideos halbnackt in einer öffentlichen Schwimmbaddusche räkelt, beschert mir jedenfalls kein angenehmes Gefühl sondern eher Fußpilz. Und wirft die Frage auf: „Warum tust du dir das an?“. Wo wir beim nächsten Künstler wären, der mein Interesse auf seltsam morbide Art und Weise weckt. Denn Apache 207‘s Stimme klingt wie ein Muezzin aus dem Dosentelefon. Und scheffelt genau damit Millionen. Zum Glück ist er zumindest einer, der jetzt Abstand zu homophoben und frauenverachtenden Texten genommen hat. Umso schlimmer, dass jetzt ehemalige Pornodarstellerinnen wie Katja Krasavice eine Ohrfeigen-Salve gegen ihr eigenes Geschlecht starten und uns in einem einzigen Songtext wieder zum billigen Sexobjekt degradieren. Einzelheiten möchte ich mir hier ersparen. Nur eines: Es geht um eine gewisse Sexstellung und die Aufforderung dazu! Warum singt man über so etwas? Und warum lädt man solche selbst ernannten Künstler auch noch ins Sat1-Frühstücksfernsehen ein, um sie der breiten Masse vorzustellen? Aber na ja, Sex verkauft sich. Das war schon immer so. Aber so primitiv? Ich finde, so ein bisschen unter Verschluss sollte man gewisse Dinge dann doch halten. Es ist für mich befremdlich, wenn junge Menschen Lieder mitsingen können, in denen es um Frauenfeindlichkeit, Drogen und Gewalt geht. Unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit ist aber leider vieles möglich. Im Zentrum steht die Frage, wo die Grenzen der Kunst und ihrer Freiheit verlaufen: Darf Gangster-Rap wirklich beleidigen, Gefühle verletzen und antisemitische Inhalte transportieren, ohne dafür belangt zu werden? In Zeiten  wie diesen eine durchaus berechtigte Frage! Eines steht jedenfalls fest: Deutscher Rap ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der es Parallelgesellschaften, Clanstrukturen, Homophobie und Antisemitismus gibt. Rap reflektiert das. Kritik an Teilen der Hip-Hop-Kultur durch die Mainstream-Medien sind deswegen richtig und notwendig. Da zählt auch nicht, dass es Stimmen gibt, die behaupten, ein 14jähriger ginge nicht wirklich davon aus, dass ein Rapper tatsächlich Unmengen an Koks vertickt und sich Messerstechereien liefert. Ich glaube kaum, dass die komplette Jugend solcherlei Klischees durchschaut.

Ich vermisse die gute alte Zeit

Es ist seltsam, aber erzählt man eben diesen Jugendlichen, wie die Generationen vor ihnen gefeiert haben, rümpfen tatsächlich einige die Nase. Bei uns gab es noch echte Gitarrenmusik und DJs legten noch mit richtigen Platten auf. Bei uns gab es auch richtig derbe Songtexte, aber in den meisten ging es um Liebe. Echte Liebe.  Das, was wir hörten, lief auch nicht im Radio, weil uns das zu kommerziell war. Früher war bestimmt nicht weniger Sex, Drugs & Rock n‘ Roll, aber irgendwie war alles weniger erzwungen und gestelzt. Und es klang auch nicht alles wie aus der Retorte. Apropos: Ich habe das Gefühl, die gängigen Radiosender haben tagein tagaus nur etwa zehn Songs zur Verfügung, die sie spielen können. Ich glaube sogar, „The Weeknd“ und „Twenty One Pilots“ wohnen in einer Zweier-WG mitten im Studio und überhaupt habe ich die starke Vermutung, die meisten Künstler produzieren auch noch im gleichen Studio, weil alle diesen metallisch, klingenden Stimmenverzerrer benutzen und der ewig gleiche Beat im Dutzend anscheinend billiger ist. Eigentlich liegt die Antwort auf die Frage, warum Sender immer die gleichen Titel spielen, klar auf der Hand. Denn eigentlich machen wir als Hörer die Musik und nicht irgendeine Musikredaktion. Musikredaktionen geben lediglich umfangreiche Abfragen in Auftrag. Marktforscher rufen dann im Verbreitungsgebiet des Senders an und spielen diverse Titel vor. Dadurch wird die Akzeptanz abgefragt. Dabei geht es nicht nur um die Beliebtheit, sondern auch um Faktoren wie die Wahrscheinlichkeit, ob bei dem Song umgeschaltet wird. Aus den Ergebnissen legen die Musikredakteure fest, welche Songs gespielt werden sollen. Welcher Song und wie häufig ein Song gespielt wird, hat also etwas mit der Akzeptanz durch die Gesamtheit der Hörer zu tun und damit, dass möglichst viele Menschen möglichst lange dabei bleiben.

Am Ende ist es doch so: Vielleicht denkt unsereins einfach zu viel. Vielleicht waren wir früher einfach nur Hörer von Liedern und keine Zerpflücker von Songtexten. Eventuell  waren da immer schon zu viel Sex und zu viele Drogen. „Lucy in the sky with diamonds“ soll seinerzeit sogar von der BBC boykottiert worden sein, da er mit Drogen zu assoziieren sei, wenngleich John Lennon bei Gott und Mao geschworen haben soll, er habe keine Ahnung gehabt, dass man den Titel mit L.S.D. abkürzen kann. Wohingegen Bob Dylans „Tambourine Man“ eindeutig ein Dealer gewesen sein muss, der seine Kunden das Heute bis morgen vergessen lassen konnte. Wie dem auch sei: Ich höre jetzt wieder SR3. Ich trällere lieber mit den  Beatles „Da da da, da da dumb dumb da Da da da, da da dumb dumb da“.

Let me entertain you

Hallo Mikrokosmonauten: Warum bin ich so fröhlich?

Heute Nacht hatte ich einen schlimmen Traum. Ich träumte von der Hochzeit meines längst verflossenen Ex-Freundes, und dass mich seine Angetraute doch tatsächlich ins Entertainment-Programm der Party eingeplant hatte. Ich sollte mit einer speziellen Tanzeinlage das Publikum belustigen und dabei ein Ganzkörperkostüm tragen, das aussah, wie eine Mischung aus Alf und einem Braunbären. Im Traum war ich so wütend, weil ich nicht fassen konnte, was sich diese Person erlaubt. Gleichzeitig war ich den Tränen nahe und konnte gerade noch mit letzter Mühe Nina Queer anrufen, weil ich das Gefühl hatte, dass nur sie mir weiterhelfen kann. Sie bemitleidete mich zwar, aber appellierte auch an mich und mein angebliches Talent. Sie nannte mich „Schätzchen“ und „Scheinwerferhure“ und betonte die ganze Zeit, das würde alles bestimmt total lustig werden. Ich war völlig fertig. Zumal dann auch noch meine Mutter im Traum auftauchte und meinte, ich solle mich doch glücklich schätzen, dass ich auf der Hochzeit meines Ex-Freundes noch eine Rolle spielen würde. Das wäre schließlich nicht selbstverständlich. Ich erwachte emotional sehr aufgewühlt. Ich tastete im Halbdunkel nach meinem Freund und schlug ihm versehentlich mit der Hand ins Gesicht. Ja, ich war verwirrt, verdammt! Und darüber hinaus war ich auch sehr enttäuscht. Denn selbst in meinen Träumen bin ich eine Witzfigur. Weiterlesen

Die Middle-Age-Krise

Hallo Mikrokosmonauten: Ab durch die Lebensmitte!

Ich liebe den frühen Morgen. Wenn man außer Vogelgezwitscher nichts hört und die Straßen noch menschenleer sind. Wenn die Sonne am Horizont langsam aus dem Schlaf erwacht und die Landschaft in dieses einzigartige Licht taucht, in dessen Glanz wir wie neu erstrahlen. Manchmal streifen wir mit Beginn des Tages aber auch die Sünden der Vergangenheit ab, wie ein schmutziges Kleid. Oder wir breiten den Schleier des Vergessens über unsere Fehler aus und hoffen, dass der neue Tag uns die Chance gibt, ein neues Kapitel zu beginnen. Früh morgens bin ich gerne in der Natur unterwegs und denke nach. Und nicht selten wird mir auf meinen Streifzügen bewusst, wie gut es mir eigentlich geht. Eine einfache Tatsache, die von solch großer Bedeutung ist. Ich mache mir total oft klar, dass ich eine zufriedene Frau bin. Ich bin gesund, fit, gutaussehend, habe kaum Schulden und keine Altlasten. Aber als ich  neulich ganz früh morgens so durch den Wald „spazierjoggte“ – das ist eine eigens kreierte Sportart zwischen spazieren und joggen – traf es mich wie ein Blitz: Ich hatte urplötzlich Todesängste. Ganz unvermittelt und ohne Vorwarnung. Und ich erschrak mich zutiefst darüber, weil ich zuerst gar nicht wusste, woher diese plötzliche Angst rührte. Und leider wurde mir in diesem Augenblick auch klar, dass ich diese Panikattacken schon häufiger hatte.

Warum liegen Lebenslust und Todesangst so nah beieinander?

Ich glaube, alles begann im Laufe des letzten Jahres. Vermehrt bekamen Freundinnen und Bekannte Kinder und heirateten. Es kam mir so vor, als wollten sie kurz vor Vierzig nochmal sämtliche konventionellen Raketen zünden, bevor es zu spät ist. Für mich war jeder Hochzeits- und Baby-Post bei Facebook ein Schlag ins Gesicht und ein bittersüßer indirekter Gruß an meine Person, dass mit mir etwas nicht stimmen kann, weil ich kinderlos und unverheiratet bin. Spätestens, wenn alle anderen Wege einschlagen, die dir selbst fremd erscheinen, hinterfragst du dein eigenes Dasein. Und mit dem Hinterfragen kamen die Panikattacken. Komischerweise immer gerade dann, wenn ich besonders enthusiastisch und gut drauf war. Wenn ich glaubte, alles liefe gerade besonders gut. Da kamen dann plötzlich Gedanken, dass mein Leben endlich ist und dass es nicht mehr vor, sondern hinter mir liegt. Und dass ich mich beeilen muss, wenn jetzt noch irgendwas auf meiner To-Do-Liste steht.  Es war eine Erkenntnis, die ich bisher nicht kannte. Es war, als stünde ich nach langem Wandern auf einem Hügel, um mich plötzlich umzudrehen und ins Tal zu schauen. Dorthin, wo sich mein Leben befunden hatte, das nun fast zu Ende gelebt war. Bis dahin hatte ich in dem Glauben gelebt, dass ich noch so viel Zeit habe! Andere, die mit dem Älterwerden nicht klarkamen und zu ihren Geburtstagen traurig wurden, habe ich nicht verstanden. Ich erwiderte denen immer nur: „Wir sind doch noch jung!“ Doch plötzlich war alles anders.

Midlife-Crisis?

Ich gebe zu, es sind  turbulente Gefühle, die mich gerade heimsuchen. Deshalb suche ich nach einem Wegweiser, einem Orientierungspunkt, der mir irgendwie Halt gibt in diesen doch sehr aufwühlenden Zeiten. Laut diversen Psychologen und Evolutionsbiologen sind wir Frauen Ende 30 ja auch bereits in unserer Lebensmitte angelangt. Wie sich das anhört! Allerdings weiß ich das auch schon, wenn ich den Spiegel schaue und Eins und Eins zusammenzähle. Der Psychologe C. G. Jung, der sich mit der zweiten Lebenshälfte intensiv beschäftigte, sagte über die Lebensmitte: „Dann, in der geheimen Stunde am Mittag des Lebens, wird der Tod geboren.“ Vielen Enddreißigern, so wie mir,  wird jetzt plötzlich bewusst, dass sie nicht ewig leben werden. Und mit dem Bewusstsein kommen die Fragen. Ich frage mich immer häufiger, was mir wirklich wichtig ist? Und ob ich meine Zeit damit vertrödeln will, Dinge zu tun, die ich nicht mag? Die Antwort lautet immer öfter: „Nein, dazu ist meine Zeit zu wertvoll!“ Die Lebensmitte ist der Höhepunkt unseres Daseins. Jetzt findet ein Wechsel, eine Veränderung statt. Und wir fangen an, vieles zu lassen, was uns überholt und unwichtig erscheint. „Herausfinden, was wirklich zählt“, heißt der zentrale Satz in diesem Lebensabschnitt.

Wenn ich ehrlich bin, spüre ich nichts von alldem, was in diesen schlauen Ratgebern steht, in denen es um die sogenannten „Middle Ager“ geht. In einem Buch des Wissenschaftsjournalist David Bainbridge steht beispielsweise, in seinem Mittel-Alter sei der Mensch dermaßen ausbalanciert zwischen Schöpfung und Zerstörung, Gefühl und Verstand, dass ich mich eigentlich glücklich schätzen müsste, endlich am kognitiven Höhepunkt im Leben angelangt zu sein. What? Also von Balance kann hier nicht die Rede sein. Eher ein Laufen über Glasscherben. Und ich komme nicht dran vorbei, mir die Frage zu stellen: „Wie bekomme ich die Kontrolle über mein Leben zurück?“. Irgendwann im Laufe des letzten Jahres dämmerte es mir: Ich konnte nicht komplett nachholen, was ich in der ersten Hälfte meines Lebens versäumt hatte.  Aber ich konnte dafür sorgen, zufriedener zu werden. Das mit der erfolgreichen Pianistin und Eiskunstläuferin konnte ich mir aus dem Kopf schlagen. Aber ein Keyboard kaufen und Schlittschuhlaufen konnte ich durchaus. Es gelang mir immerhin in kürzester Zeit, zweihändig zu spielen und auf dem Eis Pirouetten zu drehen. Mir wurde bewusst, dass es darum ging, sich angemessen um Defizite zu kümmern und herauszufinden, was ich für mich selbst tun kann. Und bis vor einigen Wochen wusste ich noch nicht mal, dass das Wort „Krisis“ eigentlich „Entscheidung“ bedeutet. Eine Midlife crisis ist demnach eine Transformation. Bis dato dachte ich immer, es sei einfach eine scharfzüngige Bemerkung für alternde Playboys in schnittigen Sportwagen. Aber wir dürfen die Krise weder belächeln, noch mittendrin abbrechen. Denn wir hängen alle mit drin. Nicht nur ich habe eine Krise, auch die anderen bekommen sie. Manchmal sogar wegen mir? Ich gebe zu, es ist nicht leicht mit mir. Und in dieser Zeit erst recht nicht. Freunde, Kollegen, Partner, Familie kommen gewiss manchmal an Grenzen, wenn es mir wieder stinkt. Wenn ich „Nein“ sage und meine Ruhe haben möchte. Mich selbst verwirklichen will. Ich befinde mich in einem Lernprozess. Ich möchte erfüllt leben. In diesem Buch „Wir Middle-Ager“ von Bainbridge steht übrigens auch, plötzliche Veränderungen seien typisch für diese Lebensphase. Plötzlich wird die Haut trocken, plötzlich nehme ich an den Hüften schneller zu, plötzlich bin ich mittel-alt. Und, wie er meint, auf dem Höhepunkt der mentalen Stabilität. Die mag kommen. Doch in jene Middle-Agerin muss ich mich erst noch verwandeln. Im Moment schwanke ich immer noch zwischen Panik und Begeisterung.

Was bleibt ist dieser unbändige Überlebensinstinkt, der sich Lebenslust nennt. Ich fordere mehr Selbstbewusstsein von mir selbst und belohne mich dafür immer häufiger mit gutem Essen, einem tollen Wein oder materiellen Dingen. Ich möchte unabhängig bleiben und dennoch lieben. Ich möchte frei sein in meinen Entscheidungen und noch so viel wie möglich von der Welt sehen. Ich möchte, dass es meiner Seele gut geht und will mich frei machen von sämtlichen Konventionen. Ich will einfach glücklich sein!

Letztendlich ist es doch so: Diese Panikattacken werden mir immer wieder passieren. Ich kann sie nicht eliminieren. Ebenso auch nicht dieses Hin- und Hergerissen sein, ob ich jetzt himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt sein soll. Aber ich sage es mal so: Das Alter, in dem ich jetzt bin, ist so ein bisschen wie die Pubertät. Unberechenbar, schräg, merkwürdig, aber auch verdammt spannend. Also Anker los und raus auf die hohe, tobende, stürmische See. Zur Lebenslust gehört nämlich auch ein bisschen Übermut.

Stellt euch dem Leben!

Hallo Mikrokosmonauten: Wir werden heute nicht sterben!!

In Zeiten wie diesen, ist es für mich immer wieder wichtig, den Schornsteinfeger aus Marzipan zu betrachten, der auf meinem Schreibtisch steht. Er hält ein vierblättriges Kleeblatt vor seinem Bauch und ich weiß genau, dass er nicht schmecken würde, wenn ich ihn anbeißen würde. Aber er ist ja nicht auf dieser Welt, um gegessen zu werden, sondern damit er mich regelmäßig daran erinnern soll, wie optimistisch und voller Mut ich in dieses Jahr 2020 gestartet bin.

Wir starten doch alle immer zuversichtlich in ein neues Jahr, oder? Egal, wie gut oder schlecht das vorherige war. Wir schöpfen immer wieder neuen Mut, obwohl ihn viele in eine Mottenkiste gepackt und ganz hinten im Schrank verstaut haben. Der Mut ist ein alter Saufkumpan, der zusammen mit der Hoffnung immer mal wieder daher kommt, um uns auf andere Gedanken zu bringen. An Tagen wie diesen ist der Mut allerdings in Quarantäne oder hat Hausarrest. Und an Tagen wie diesen frage ich mich umso mehr: Weiterlesen

Ich kann dich nicht riechen!

Hallo Mikrokosmonauten: Wo sind meine Taschentücher?

Als neulich eine meiner Katzen verschwand, war die Aufregung groß. Ich habe zwei Katzenbrüder, die enorm an sich hängen und bis zu diesem Tag noch nie voneinander getrennt waren. Nun vergingen geschlagene zwei Tage, ehe man ihn uns in einer Gemüsekiste zurückbrachte. Er hatte sich zwei Tage auf dem Bauernhof der Nachbarn im Hühnerstall verschanzt. Wir waren komplett aus dem Häuschen, als er wohlbehalten aus der Kiste sprang, allerdings war sein Bruder weniger erfreut. Offensichtlich roch der Ausreißer so dermaßen nach Hühnerkacke, dass der andere ihn nicht mehr ertragen konnte. Vielleicht hielt er ihn auch plötzlich für ein Huhn. Wir wissen es nicht. Jedenfalls lief er fauchend und mit zusammengekniffenen Augen um den ehemals geliebten Bruder herum und schlussendlich ging er ihm gänzlich aus dem Weg.

Ich muss gestehen, dass der Kater in der Tat nicht unbedingt nach Babypuder duftete. Und als wäre dies nicht schlimm genug, kam auch noch mein Freund mit neuer Bartwichse daher, obwohl ich immer gedacht habe, dass das kein Mensch benutzt. Weit gefehlt! Der Geruch dieser Mixtur ließ mich beinahe aus den Latschen kippen, wenngleich ich zuerst dachte, der Duft wehe von einer Senioren-Kaffeefahrt herbei. Aber da waren weit und breit keine Senioren. Nur seine Aufforderung: „Riech mal an meinem Bart!“. Schlimmster Tabak-Parfumgeruch ever! Kennt ihr Tabak? Also dieses Duftwässerchen, das vorzugsweise Männer um die Achtzig benutzen, wenn sie sich zur sonntäglichen Skat-Runde treffen? Mir wurde ganz anders… und angesichts dieser allgegenwärtigen und unfreiwilligen Aroma-Therapie fragte ich mich:

„Warum können wir uns manchmal nicht riechen?“

Riechen. Dieser Sinn hat auf uns den höchsten Einfluss wenn es um Gefühle geht. Wenngleich wir Menschen nicht unbedingt Supernasen sind, denn da hat das Tierreich uns einiges voraus! Dennoch habe ich das Gefühl, dass mein Gehirn die spannendste Parfümerie der Welt ist. Es speichert Gerüche ab wie am Fließband, und mit jedem einzelnen Geruch verbinde ich Erinnerungen. Und das kommt nicht von ungefähr. 20 Millionen Riechzellen auf zehn Quadratzentimetern Schleimhaut lässt uns tausende von Düften unterscheiden und in Kategorien einteilen. Und wir brauchen nur eine winzige Menge zur Identifizierung. Ohne dass wir etwas daran ändern können, wird jeder Duft in einer Art Duftregister abgespeichert. Wenn wir den Duft erneut wahrnehmen, verknüpft sich dieses Erkennen automatisch mit dem gespeicherten zurückliegenden Ereignis und wir erinnern uns. Leider assoziieren wir aber auch manche negative Erinnerung mit gewissen Düften. In meinem Fall ist das der Geruch des unliebsamen Bart-Parfums. Ich kann einfach nichts dagegen tun. Und die Wissenschaft gibt mir Recht. US-Psychologen der Northwestern University in Chicago haben herausgefunden, dass kleinste Duftspuren ausreichen, um zu beeinflussen, ob wir ein neutrales Gesicht eher als sympathisch oder als unsympathisch empfinden. Wenn wir also einen Menschen treffen, ganz egal, ob bekannt oder unbekannt, lassen wir ihn mit allen Sinnen auf uns wirken. Aussehen und Verhalten spielen natürlich eine große Rolle, aber auch sein Geruch prägt die Wahrnehmung. Ein unangenehmes Parfüm oder unangenehmen Körpergeruch empfinden wir als fast ebenso unerträglich wie muffige Klamotten.

Weihrauch und Himbeeren

In meiner Kindheit gab es diese Himbeerhecke im Garten. Sobald die ersten Beeren pflückreif waren, war ich von diesem Ort kaum mehr wegzudenken. Und dieser süße Duft verankerte sich ganz tief in meinen Erinnerungen, so dass ich mich noch heute gedanklich sofort in jenen Sommertagen wiederfinde, sobald ich mir eine Portion Himbeeren genehmige. Wenngleich sie heute eher aus diesen ekligen Plastikschalen kommen, als vom heimischen Kindheits-Himbeerstrauch. Dagegen weckt Weihrauch eher meinen Überlebenswillen. An meiner Kommunion wurde ich nämlich so dermaßen von diesem abstoßenden Geruch umhüllt, dass ich der Ohnmacht nahe war. Und so gibt es tausende Gerüche, die mich ohne Umschweife sofort mit Erinnerungen konfrontieren. Mein persönlicher Favorit ist natürlich Sonnenöl und Meeresluft. Es ist demnach der Parfümindustrie nicht zu verübeln, dass sie mittlerweile auf dieser Erinnerungs-Masche aufbaut. Maison Margiela zum Beispiel hat es sich zur Aufgabe gemacht, unser limbisches System so derart anzuregen, dass man bei  Parfumnamen wie „Beach walk“, „Springtime in a park“, oder „Lazy Sunday morning“ geruchsmäßig sofort im gedanklichen Duftregister blättert und sich eben wirklich fühlt, wie beim Strandspaziergang. Faszinierend!

Der Nase vertrauen

Duft ist immer und überall. Und Duft hat einen sehr großen Einfluss auf unser Handeln, unser Denken, unsere Entscheidungen. Das machen wir uns zu wenig klar. Wir sollten versuchen, wahrzunehmen, was wir riechen, wenn wir einen Raum betreten, einen Menschen treffen oder einfach nur draußen in der Natur sind. Wir sollten versuchen, zu identifizieren, was da riecht und das auch bewerten. Wenn wir  beispielsweise den Partner nicht mehr riechen können, ist die Beziehung eigentlich hinfällig. Oder man sollte sich einfach die Nase putzen. In meinem Falle genügte es aber schon, dass er dieses widerwärtige Bart-Pflegemittel entsorgte. Zum Glück!

Es ist doch so: Stimmt die Chemie, können wir uns in der Partnerwahl also tatsächlich auf die Nase verlassen. Der individuelle Körperduft hat demnach einen bedeutenden Anteil. Übrigens spielen Pheromone hier eine entscheidende Rolle. Im Tierreich überlebenswichtig, sind diese Botenstoffe für uns Menschen auch ziemlich interessant, denn sie steuern sozusagen unsere Anziehung auf andere. Sobald unsere individuellen Pheromone die Nase eines anderen erreichen, werden sie direkt in dessen limbisches System weitergeleitet. Dieses System lenkt sämtliche instinktive Funktionen, darunter: Hunger, Müdigkeit und Sexualität. Pheromone haben also einen direkten Draht zu grundlegenden Körperfunktionen. Ich habe mir mal ein Parfum mit Pheromonen anreichern lassen, um zu testen, ob ich dadurch tatsächlich attraktiver fürs andere Geschlecht bin. Im Grunde passierte nicht viel, es zog sich zumindest kein Mann unvermittelt vor mir aus oder machte mir einen Heiratsantrag. Aber ich roch gut. Wenngleich ich mich selbst ja nicht riechen konnte. Ich kann ja nicht mal meine eigene Alkoholfahne riechen.

Meine beiden Katzen hingegen können sich wieder riechen. Wir haben den anderen Kater einfach auch in den Hühnerstall gesteckt. Danach war alles wieder gut. Das war natürlich ein Witz. Ein Kamillenshampoo tat es auch.

In der zweiten Reihe sitzt man besser

Hallo Mikrokosmonauten: Second place is first loser, oder?

In jungen Jahren nahm ich an einer TV-Show teil. Das Thema lautete: „Wir suchen das Partygirl des Jahres!“. Ich wurde damals Dritte. Ein eher undankbarer Platz. Einer, der schnell vergessen wird. Die ersten beiden bekamen wenigstens noch VIP-Tickets für die Bambi-Verleihung. Ich bekam einen Blumenstrauß und das Rückflugticket nach Saarbrücken bezahlt. Es hätte mich natürlich schlimmer treffen können, obwohl ich mich heute manchmal frage, ob es denn etwas Schlimmeres gibt, als mit oberkörperfreien Tänzern im Bikini zu posieren. Ich hatte damals extra meinen Job hingeschmissen. Für ein bisschen Fame. Und ich wurde nur Dritte. Aber so war das schon immer bei mir. Irgendwie bin ich kein geborener Gewinner. Und auch Übung machte bei mir noch nie den Meister. Weiterlesen