• Termine News und Wissenswertes aus Saarbrücken, dem Saarland und der Welt:

Ihr Kinderlein kommet

Irgendwann kommen Frauen zur leidvollen Erkenntnis, dass die Zeit vorbei ist, in der ihre Brüste den Bikini hielten und nicht umgekehrt. Wo einst knackige Äpfel darauf warteten, an den Mann gebracht zu werden, fallen nun matschige Birnen aus den Obstkörbchen. Ist die 35 einmal überschritten, sind die Pobacken einer Frau nicht mehr so hart wie Kokosnüsse, sondern nur noch so beharrt. Die Zeit hat aus Körpermaßen langsam Körpermassen werden lassen und tiefe Wunden in der weiblichen Seele und noch tiefere Löcher in den weiblichen Schenkeln hinterlassen. Die schönste Blume, aber auch die schönste Frau beginnt irgendwann zu welken. Es sei denn, sie ist aus Plastik. Wenn Frauen realisiert haben, dass sie länger zum Schminken ihres Gesichts als zum Streichen ihrer Wohnung brauchen und neue Schuhe als Trost nicht mehr ausreichen, beschließen sie, schwanger zu werden… Weiterlesen

Bestialisch musikalisch

Hallo Mikrokosmonauten: Musik ist alles. Alles ist Musik.

Als weltoffene Frau möchte ich stets in allen Bereichen mitreden können. Daher bin ich beispielsweise von meinem Lieblingsradiosender SR3 (ja, in der Tat mag ich diese Musik sehr gerne) auf „UnserDing“ umgeswitcht. Das war für mich ein großer Schritt. Ich begann bisher eine Autofahrt nicht eher, bevor nicht SR3 eingeschaltet war. Mein eigener Freund betitelt mich deswegen sogar als „Oma“ und meint, er habe zwar noch nie eine so junge, heiße Freundin gehabt, aber auch noch nie eine, die solche Oma-Sender hört. Ich habe dann also gewechselt. Ganz einfach, weil ich mich informieren möchte, was die aktuelle Musik so zu bieten hat. Und komme zu dem Schluss, dass alles noch viel schlimmer ist, als ich dachte. Ich habe nicht nur das Gefühl, dass sich alles gleich anhört, sondern auch, dass in Sachen Unverblümtheit im Sprachgebrauch nochmal ne‘ Schippe drauf gelegt wurde im Vergleich zu „früher“. Mit „früher“ meine ich etwa 2005. Ging es um sexuell motivierte Dinge, besang man es in Form von Candy Shops oder forderte lediglich dazu auf, sich auszuziehen, weil es so heiß ist. Heute ist das anders. Mir fällt auf, dass speziell die deutsche Hip Hop-Szene keine Hemmschwelle mehr zu kennen scheint. Drogen, Sex und Alk? Kein Problem: Die  Glorifizierung der Eskalation kennt keinerlei Grenzen mehr. Man besingt jetzt „Alienaugen“, die die Frage aufwerfen, ob da jemand zu viel gefeiert oder hoffentlich doch nur zu viel gefühlt hat?! Und mehr noch: Jetzt singt man sogar ohne Umschweife übers „Teile schmeißen“ und dass man dadurch Liebe überall sieht! Früher war nur „Sunglasses at night“! Natürlich sind anrüchige Songtexte nicht erst seit gestern. Ist ja auch nicht schlimm. Mich stört nur, dass es mittlerweile weniger um Talent zu gehen scheint, sondern vielmehr um Polarisierung. Und um unvermittelt deutliche Worte, die eventuell dazu auffordern könnten, sich sofort aus dem Leben zu schießen oder zumindest in einen sexuellen Nahkampf zu gehen. Ich frage mich:

Hat die aktuelle Musikszene nicht mehr zu bieten?

Offen gestanden treiben mir so manche Textpassagen tatsächlich die Schamesröte ins Gesicht! Und ich bin bestimmt nicht prüde. Aber manchmal etwas empört! Wenn ich mir nur schon anschaue, wie „Sex sells“ in den dazugehörigen Musikvideos praktiziert wird. Dass Selena Gomez sich in einer ihrer Musikvideos halbnackt in einer öffentlichen Schwimmbaddusche räkelt, beschert mir jedenfalls kein angenehmes Gefühl sondern eher Fußpilz. Und wirft die Frage auf: „Warum tust du dir das an?“. Wo wir beim nächsten Künstler wären, der mein Interesse auf seltsam morbide Art und Weise weckt. Denn Apache 207‘s Stimme klingt wie ein Muezzin aus dem Dosentelefon. Und scheffelt genau damit Millionen. Zum Glück ist er zumindest einer, der jetzt Abstand zu homophoben und frauenverachtenden Texten genommen hat. Umso schlimmer, dass jetzt ehemalige Pornodarstellerinnen wie Katja Krasavice eine Ohrfeigen-Salve gegen ihr eigenes Geschlecht starten und uns in einem einzigen Songtext wieder zum billigen Sexobjekt degradieren. Einzelheiten möchte ich mir hier ersparen. Nur eines: Es geht um eine gewisse Sexstellung und die Aufforderung dazu! Warum singt man über so etwas? Und warum lädt man solche selbst ernannten Künstler auch noch ins Sat1-Frühstücksfernsehen ein, um sie der breiten Masse vorzustellen? Aber na ja, Sex verkauft sich. Das war schon immer so. Aber so primitiv? Ich finde, so ein bisschen unter Verschluss sollte man gewisse Dinge dann doch halten. Es ist für mich befremdlich, wenn junge Menschen Lieder mitsingen können, in denen es um Frauenfeindlichkeit, Drogen und Gewalt geht. Unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit ist aber leider vieles möglich. Im Zentrum steht die Frage, wo die Grenzen der Kunst und ihrer Freiheit verlaufen: Darf Gangster-Rap wirklich beleidigen, Gefühle verletzen und antisemitische Inhalte transportieren, ohne dafür belangt zu werden? In Zeiten  wie diesen eine durchaus berechtigte Frage! Eines steht jedenfalls fest: Deutscher Rap ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der es Parallelgesellschaften, Clanstrukturen, Homophobie und Antisemitismus gibt. Rap reflektiert das. Kritik an Teilen der Hip-Hop-Kultur durch die Mainstream-Medien sind deswegen richtig und notwendig. Da zählt auch nicht, dass es Stimmen gibt, die behaupten, ein 14jähriger ginge nicht wirklich davon aus, dass ein Rapper tatsächlich Unmengen an Koks vertickt und sich Messerstechereien liefert. Ich glaube kaum, dass die komplette Jugend solcherlei Klischees durchschaut.

Ich vermisse die gute alte Zeit

Es ist seltsam, aber erzählt man eben diesen Jugendlichen, wie die Generationen vor ihnen gefeiert haben, rümpfen tatsächlich einige die Nase. Bei uns gab es noch echte Gitarrenmusik und DJs legten noch mit richtigen Platten auf. Bei uns gab es auch richtig derbe Songtexte, aber in den meisten ging es um Liebe. Echte Liebe.  Das, was wir hörten, lief auch nicht im Radio, weil uns das zu kommerziell war. Früher war bestimmt nicht weniger Sex, Drugs & Rock n‘ Roll, aber irgendwie war alles weniger erzwungen und gestelzt. Und es klang auch nicht alles wie aus der Retorte. Apropos: Ich habe das Gefühl, die gängigen Radiosender haben tagein tagaus nur etwa zehn Songs zur Verfügung, die sie spielen können. Ich glaube sogar, „The Weeknd“ und „Twenty One Pilots“ wohnen in einer Zweier-WG mitten im Studio und überhaupt habe ich die starke Vermutung, die meisten Künstler produzieren auch noch im gleichen Studio, weil alle diesen metallisch, klingenden Stimmenverzerrer benutzen und der ewig gleiche Beat im Dutzend anscheinend billiger ist. Eigentlich liegt die Antwort auf die Frage, warum Sender immer die gleichen Titel spielen, klar auf der Hand. Denn eigentlich machen wir als Hörer die Musik und nicht irgendeine Musikredaktion. Musikredaktionen geben lediglich umfangreiche Abfragen in Auftrag. Marktforscher rufen dann im Verbreitungsgebiet des Senders an und spielen diverse Titel vor. Dadurch wird die Akzeptanz abgefragt. Dabei geht es nicht nur um die Beliebtheit, sondern auch um Faktoren wie die Wahrscheinlichkeit, ob bei dem Song umgeschaltet wird. Aus den Ergebnissen legen die Musikredakteure fest, welche Songs gespielt werden sollen. Welcher Song und wie häufig ein Song gespielt wird, hat also etwas mit der Akzeptanz durch die Gesamtheit der Hörer zu tun und damit, dass möglichst viele Menschen möglichst lange dabei bleiben.

Am Ende ist es doch so: Vielleicht denkt unsereins einfach zu viel. Vielleicht waren wir früher einfach nur Hörer von Liedern und keine Zerpflücker von Songtexten. Eventuell  waren da immer schon zu viel Sex und zu viele Drogen. „Lucy in the sky with diamonds“ soll seinerzeit sogar von der BBC boykottiert worden sein, da er mit Drogen zu assoziieren sei, wenngleich John Lennon bei Gott und Mao geschworen haben soll, er habe keine Ahnung gehabt, dass man den Titel mit L.S.D. abkürzen kann. Wohingegen Bob Dylans „Tambourine Man“ eindeutig ein Dealer gewesen sein muss, der seine Kunden das Heute bis morgen vergessen lassen konnte. Wie dem auch sei: Ich höre jetzt wieder SR3. Ich trällere lieber mit den  Beatles „Da da da, da da dumb dumb da Da da da, da da dumb dumb da“.

Nur ein Katzenwurf entfernt

Was wäre die deutsche Sprache ohne ihre endlose Zahl an Doppeldeutigkeiten und geflügelten Worten, die uns tagtäglich begleiten und jeden Nichtmuttersprachler zur Verzweiflung bringen. Als gäbe es im Alltag nicht bereits genug Gelegenheiten, seinen Gegenüber falsch zu verstehen. Vor allem, wenn es sich beim Gegenüber um das andere Geschlecht handelt und es um die Frage geht, ob zum Angebot, spätabends noch mit auf einen Kaffee raufzukommen, neben Milch und Zucker auch noch das Frühstück am nächsten Morgen gehört. Fatal, wenn Sie beim romantischen Spaziergang ankündigt, dass der Abend mit Blasen enden wird, Er jedoch nicht ahnt, dass nicht etwa seine Attraktivität, sondern vielmehr ihre neuen Schuhe der Grund dafür sind… Weiterlesen

Skandal im Sperrbezirk

Die Rückkehr zur Normalität kommt in Riesenschritten. Gefühlt leiden nur noch die Club- und Eventmacher unter einem Shutdown. Aber ein ganz anderes Gewerbe steht ebenso praktisch vor dem Aus – das älteste der Welt!

Während die Kultur- und Konzertveranstalter omnipräsent und unübersehbar das Ende ihrer Branche mit dem Untergang des Abendlands verknüpfen, ist vom dramatischen Schicksal der Prostitution kaum etwas zu hören oder zu lesen. Sexarbeiter*innen haben keine Lobby und während beispielsweise Konzertbesuche gerne im Freundeskreis und über die sozialen Netzwerke geteilt werden, wird sich über Abstecher ins „Milieu“ tendenziell ausgeschwiegen. Hier gilt das gute alte McDonalds Phänomen: angeblich geht niemand hin, doch die Läden sind immer voll. Doch auch wenn’s keiner gewesen sein will, die Katastrophe für die Rotlicht Branche ist ganz real. Weiterlesen

Let me entertain you

Hallo Mikrokosmonauten: Warum bin ich so fröhlich?

Heute Nacht hatte ich einen schlimmen Traum. Ich träumte von der Hochzeit meines längst verflossenen Ex-Freundes, und dass mich seine Angetraute doch tatsächlich ins Entertainment-Programm der Party eingeplant hatte. Ich sollte mit einer speziellen Tanzeinlage das Publikum belustigen und dabei ein Ganzkörperkostüm tragen, das aussah, wie eine Mischung aus Alf und einem Braunbären. Im Traum war ich so wütend, weil ich nicht fassen konnte, was sich diese Person erlaubt. Gleichzeitig war ich den Tränen nahe und konnte gerade noch mit letzter Mühe Nina Queer anrufen, weil ich das Gefühl hatte, dass nur sie mir weiterhelfen kann. Sie bemitleidete mich zwar, aber appellierte auch an mich und mein angebliches Talent. Sie nannte mich „Schätzchen“ und „Scheinwerferhure“ und betonte die ganze Zeit, das würde alles bestimmt total lustig werden. Ich war völlig fertig. Zumal dann auch noch meine Mutter im Traum auftauchte und meinte, ich solle mich doch glücklich schätzen, dass ich auf der Hochzeit meines Ex-Freundes noch eine Rolle spielen würde. Das wäre schließlich nicht selbstverständlich. Ich erwachte emotional sehr aufgewühlt. Ich tastete im Halbdunkel nach meinem Freund und schlug ihm versehentlich mit der Hand ins Gesicht. Ja, ich war verwirrt, verdammt! Und darüber hinaus war ich auch sehr enttäuscht. Denn selbst in meinen Träumen bin ich eine Witzfigur. Weiterlesen

Gut abgeschnitten

Jeder verbringt seinen Samstag anders. Die einen nutzen ihn für den allwöchentlichen Jahresputz der Wohnung und jagen dabei dem nicht wahrnehmbaren, aber wegwischbaren Staub hinterher. Andere halten es für eine gute Idee, Einkäufe, die sie auch gut die Woche über machen könnten, zur samstäglichen Stoßzeit zu erledigen, wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es beim Kampf um den letzten freien Parkplatz vor dem Supermarkt oder um die letzte Packung Desinfektionsmittel zu Handgreiflichkeiten kommt, bei denen niemand mehr an Smart-Distancing denkt. Wiederum andere verbringen den halben Tag damit, sich an die vergangene Partynacht zu erinnern und danach den übrigen Tag damit, die wiedererlangten Erinnerungen noch einmal zu vergessen… Weiterlesen

Livestreams: Mittendrin und nicht dabei

Zugegeben, so ein bisschen was vom Berg, der zum Propheten kommt, haben sie schon, die ungezählten Live-Streams von DJs verschiedenster Couleur. Aber in dieser anstrengende Zeit sind sie mehr als nur ein kleiner Lichtblick – und so manches Tanzbein setzt sich in der heimischen Quarantäne durch. Da ist wirklich alles dabei, vom angesagten DJ aus dem In-Club deiner Stadt bis hin zum Laptop-Unterhalter, der aus dem heimischen Schlafzimmer heraus seine Viertelstunde Ruhm sucht. Einen riesengroßen Vorteil haben alle gemein: anders als im Club im richtigen Leben, kann man dem Angebot in Nullkommanix den Rücken kehren, um nur Sekundenbruchteile später dem nächsten Kandidaten zu lauschen. Der Clubkontext ist dennoch gegeben, den die meisten der wirklich guten Streams kommen aus den wirklich hippen Locations, wobei Ausnahmen natürlich auch diese Regel bestätigen. Den unterhaltsamsten fast täglichen Live-Stream produziert der Pariser House-Gott Bob Sinclar. Seine „Funk Session“ beweist zudem, dass es keines technischen Overkills bedarf. Er streamt ganz einfach von zuhause aus nur mit seinen iPhone – und das Ganze geht richtig nach vorne. Massiv aufwendiger sind natürlich die regelmäßigen Ausgaben des Virtual Festivals des House Labels Defected, die freitags aus dem Londoner Kult-Club „Ministry“. Hier geben sich die Götter des HouseOlymps gleich im Dutzend vor die Kameras treten. Mehr Party geht via Live-Stream nicht! Aber auch im Saarland kann man Plattenlegern beim Mixen satter Beats via Twitch, Insta und Facebook zugucken und natürlich auch zuhören. Mit als Erstes am Start der Mauerpfeiffer mit seinem „Fuck Corona TV“, das die angesagtesten Techno-DJs der Region präsentiert. Gleichzeitig gibt es hier über die angeschlossene Crowdfunding-Kampagne die Möglichkeit den Club am Kreisel zu unterstützen. Aber natürlich lassen sich fast alle anderen Club von Apartment über Blau bis SoHo auch nicht lumpen. Einfach öfter mal das Internet befragen und gute Laune mit Musik in Clubqualität ist garantiert. Enjoy!

Die Middle-Age-Krise

Hallo Mikrokosmonauten: Ab durch die Lebensmitte!

Ich liebe den frühen Morgen. Wenn man außer Vogelgezwitscher nichts hört und die Straßen noch menschenleer sind. Wenn die Sonne am Horizont langsam aus dem Schlaf erwacht und die Landschaft in dieses einzigartige Licht taucht, in dessen Glanz wir wie neu erstrahlen. Manchmal streifen wir mit Beginn des Tages aber auch die Sünden der Vergangenheit ab, wie ein schmutziges Kleid. Oder wir breiten den Schleier des Vergessens über unsere Fehler aus und hoffen, dass der neue Tag uns die Chance gibt, ein neues Kapitel zu beginnen. Früh morgens bin ich gerne in der Natur unterwegs und denke nach. Und nicht selten wird mir auf meinen Streifzügen bewusst, wie gut es mir eigentlich geht. Eine einfache Tatsache, die von solch großer Bedeutung ist. Ich mache mir total oft klar, dass ich eine zufriedene Frau bin. Ich bin gesund, fit, gutaussehend, habe kaum Schulden und keine Altlasten. Aber als ich  neulich ganz früh morgens so durch den Wald „spazierjoggte“ – das ist eine eigens kreierte Sportart zwischen spazieren und joggen – traf es mich wie ein Blitz: Ich hatte urplötzlich Todesängste. Ganz unvermittelt und ohne Vorwarnung. Und ich erschrak mich zutiefst darüber, weil ich zuerst gar nicht wusste, woher diese plötzliche Angst rührte. Und leider wurde mir in diesem Augenblick auch klar, dass ich diese Panikattacken schon häufiger hatte.

Warum liegen Lebenslust und Todesangst so nah beieinander?

Ich glaube, alles begann im Laufe des letzten Jahres. Vermehrt bekamen Freundinnen und Bekannte Kinder und heirateten. Es kam mir so vor, als wollten sie kurz vor Vierzig nochmal sämtliche konventionellen Raketen zünden, bevor es zu spät ist. Für mich war jeder Hochzeits- und Baby-Post bei Facebook ein Schlag ins Gesicht und ein bittersüßer indirekter Gruß an meine Person, dass mit mir etwas nicht stimmen kann, weil ich kinderlos und unverheiratet bin. Spätestens, wenn alle anderen Wege einschlagen, die dir selbst fremd erscheinen, hinterfragst du dein eigenes Dasein. Und mit dem Hinterfragen kamen die Panikattacken. Komischerweise immer gerade dann, wenn ich besonders enthusiastisch und gut drauf war. Wenn ich glaubte, alles liefe gerade besonders gut. Da kamen dann plötzlich Gedanken, dass mein Leben endlich ist und dass es nicht mehr vor, sondern hinter mir liegt. Und dass ich mich beeilen muss, wenn jetzt noch irgendwas auf meiner To-Do-Liste steht.  Es war eine Erkenntnis, die ich bisher nicht kannte. Es war, als stünde ich nach langem Wandern auf einem Hügel, um mich plötzlich umzudrehen und ins Tal zu schauen. Dorthin, wo sich mein Leben befunden hatte, das nun fast zu Ende gelebt war. Bis dahin hatte ich in dem Glauben gelebt, dass ich noch so viel Zeit habe! Andere, die mit dem Älterwerden nicht klarkamen und zu ihren Geburtstagen traurig wurden, habe ich nicht verstanden. Ich erwiderte denen immer nur: „Wir sind doch noch jung!“ Doch plötzlich war alles anders.

Midlife-Crisis?

Ich gebe zu, es sind  turbulente Gefühle, die mich gerade heimsuchen. Deshalb suche ich nach einem Wegweiser, einem Orientierungspunkt, der mir irgendwie Halt gibt in diesen doch sehr aufwühlenden Zeiten. Laut diversen Psychologen und Evolutionsbiologen sind wir Frauen Ende 30 ja auch bereits in unserer Lebensmitte angelangt. Wie sich das anhört! Allerdings weiß ich das auch schon, wenn ich den Spiegel schaue und Eins und Eins zusammenzähle. Der Psychologe C. G. Jung, der sich mit der zweiten Lebenshälfte intensiv beschäftigte, sagte über die Lebensmitte: „Dann, in der geheimen Stunde am Mittag des Lebens, wird der Tod geboren.“ Vielen Enddreißigern, so wie mir,  wird jetzt plötzlich bewusst, dass sie nicht ewig leben werden. Und mit dem Bewusstsein kommen die Fragen. Ich frage mich immer häufiger, was mir wirklich wichtig ist? Und ob ich meine Zeit damit vertrödeln will, Dinge zu tun, die ich nicht mag? Die Antwort lautet immer öfter: „Nein, dazu ist meine Zeit zu wertvoll!“ Die Lebensmitte ist der Höhepunkt unseres Daseins. Jetzt findet ein Wechsel, eine Veränderung statt. Und wir fangen an, vieles zu lassen, was uns überholt und unwichtig erscheint. „Herausfinden, was wirklich zählt“, heißt der zentrale Satz in diesem Lebensabschnitt.

Wenn ich ehrlich bin, spüre ich nichts von alldem, was in diesen schlauen Ratgebern steht, in denen es um die sogenannten „Middle Ager“ geht. In einem Buch des Wissenschaftsjournalist David Bainbridge steht beispielsweise, in seinem Mittel-Alter sei der Mensch dermaßen ausbalanciert zwischen Schöpfung und Zerstörung, Gefühl und Verstand, dass ich mich eigentlich glücklich schätzen müsste, endlich am kognitiven Höhepunkt im Leben angelangt zu sein. What? Also von Balance kann hier nicht die Rede sein. Eher ein Laufen über Glasscherben. Und ich komme nicht dran vorbei, mir die Frage zu stellen: „Wie bekomme ich die Kontrolle über mein Leben zurück?“. Irgendwann im Laufe des letzten Jahres dämmerte es mir: Ich konnte nicht komplett nachholen, was ich in der ersten Hälfte meines Lebens versäumt hatte.  Aber ich konnte dafür sorgen, zufriedener zu werden. Das mit der erfolgreichen Pianistin und Eiskunstläuferin konnte ich mir aus dem Kopf schlagen. Aber ein Keyboard kaufen und Schlittschuhlaufen konnte ich durchaus. Es gelang mir immerhin in kürzester Zeit, zweihändig zu spielen und auf dem Eis Pirouetten zu drehen. Mir wurde bewusst, dass es darum ging, sich angemessen um Defizite zu kümmern und herauszufinden, was ich für mich selbst tun kann. Und bis vor einigen Wochen wusste ich noch nicht mal, dass das Wort „Krisis“ eigentlich „Entscheidung“ bedeutet. Eine Midlife crisis ist demnach eine Transformation. Bis dato dachte ich immer, es sei einfach eine scharfzüngige Bemerkung für alternde Playboys in schnittigen Sportwagen. Aber wir dürfen die Krise weder belächeln, noch mittendrin abbrechen. Denn wir hängen alle mit drin. Nicht nur ich habe eine Krise, auch die anderen bekommen sie. Manchmal sogar wegen mir? Ich gebe zu, es ist nicht leicht mit mir. Und in dieser Zeit erst recht nicht. Freunde, Kollegen, Partner, Familie kommen gewiss manchmal an Grenzen, wenn es mir wieder stinkt. Wenn ich „Nein“ sage und meine Ruhe haben möchte. Mich selbst verwirklichen will. Ich befinde mich in einem Lernprozess. Ich möchte erfüllt leben. In diesem Buch „Wir Middle-Ager“ von Bainbridge steht übrigens auch, plötzliche Veränderungen seien typisch für diese Lebensphase. Plötzlich wird die Haut trocken, plötzlich nehme ich an den Hüften schneller zu, plötzlich bin ich mittel-alt. Und, wie er meint, auf dem Höhepunkt der mentalen Stabilität. Die mag kommen. Doch in jene Middle-Agerin muss ich mich erst noch verwandeln. Im Moment schwanke ich immer noch zwischen Panik und Begeisterung.

Was bleibt ist dieser unbändige Überlebensinstinkt, der sich Lebenslust nennt. Ich fordere mehr Selbstbewusstsein von mir selbst und belohne mich dafür immer häufiger mit gutem Essen, einem tollen Wein oder materiellen Dingen. Ich möchte unabhängig bleiben und dennoch lieben. Ich möchte frei sein in meinen Entscheidungen und noch so viel wie möglich von der Welt sehen. Ich möchte, dass es meiner Seele gut geht und will mich frei machen von sämtlichen Konventionen. Ich will einfach glücklich sein!

Letztendlich ist es doch so: Diese Panikattacken werden mir immer wieder passieren. Ich kann sie nicht eliminieren. Ebenso auch nicht dieses Hin- und Hergerissen sein, ob ich jetzt himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt sein soll. Aber ich sage es mal so: Das Alter, in dem ich jetzt bin, ist so ein bisschen wie die Pubertät. Unberechenbar, schräg, merkwürdig, aber auch verdammt spannend. Also Anker los und raus auf die hohe, tobende, stürmische See. Zur Lebenslust gehört nämlich auch ein bisschen Übermut.