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Aprilwetter

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch der April und mit ihm die Zeit, in der das Wetter unberechenbarer ist als eine angetrunkene Zwanzigjährige. Beschränkt der Mensch seine üblen Späße für gewöhnlich auf den ersten Apriltag, präsentiert das Wetter seine Aprilscherze oft den ganzen Monat über. Da ist es schon einmal möglich, dass man bei zwanzig Grad und blauem Himmel mit dem Auto in die Waschstraße fährt und diese nur Minuten später bei zwei Grad und Schneeregen wieder verlässt. Die lang ersehnte erste Cabriofahrt des Jahres kann einem im April durchaus schon einmal vermiest werden, wenn man blauäugig dem Wetterbericht vertraut und Sonne erwartet, mit offenem Verdeck auf der Autobahn dann jedoch eines Besseren belehrt wird und bis zur nächsten Ausfahrt das Wasser bereits knöchelhoch im Fußraum hat…

Früher machte Petrus das Wetter, später dann Jörg Kachelmann. Mittlerweile präsentieren unzählige Internetseiten und Smartphone-Apps für den gleichen Ort zur gleichen Zeit völlig unterschiedliche Wetterprognosen, die alle nur darin übereinstimmen, dass keine von ihnen richtig ist. Darüber sehen viele Nutzer jedoch großzügig hinweg, solange zumindest die neben den bunten Wettersymbolen eingeblendeten noch bunteren Werbeanzeigen zu günstigen Schuhangeboten oder Viagra der Wahrheit entsprechen. Früher hielten sich die Wettervorhersagen gerade im April mit klaren Aussagen bewusst zurück und kündigten stets nur „heiter bis wolkig, zeitweise Regen“ an. Keiner traute sich damals mehr Verbindlichkeit zu. Heute liefern Internet und Apps bereits Monate im Voraus zielsicher Temperatur- und Luftdruckangaben auf die zweite Nachkommastelle genau für jede Hausnummer…

Allen Wetterdiensten und Wetterregeln zum Trotz ist zu Beginn des Frühjahrs niemand wirklich in der Lage, verlässlich vorherzusagen, was sich in der Atmosphäre tut. Selbst Siri und Alexa wissen morgens noch nicht, ob man mittags besser Flipflops oder Gummistiefel bestellen sollte. Das Wetter im April verhält sich wie ein Teenager mit Frühlingsgefühlen, dessen Stimmungsschwankungen einem den Tag verhageln können. Auch wenn es kein Wetterfrosch zugeben würde, übersteigt die Prognosegenauigkeit der Wettermodelle zu Anfang des Frühlings kaum die Trefferquote einer Jahrmarktswahrsagerin. Eher findet man die richtigen Lottozahlen in einer Buchstabensuppe als die richtigen Temperaturen für den Folgetag in einem Wetterbericht. Irgendwie passen die Vorhersagen nicht zum Wetter oder – wie der Meteorologe sagen würde – das Wetter nicht zu den Vorhersagen…

Meist wird von Wetterexperten, nachdem zur Eröffnung der Grillsaison bei angekündigten frühsommerlichen Temperaturen erst einmal der Grill vom Schnee befreit werden musste, die Schuld auf ein Tief geschoben, das irgendwie nicht hoch kam und sich lange nicht entscheiden konnte, ob es nun über Island schlummern oder sich bei uns austoben will. Man muss sich ja auch nicht wundern, dass das Wetter nie zur angekündigten Zeit am angekündigten Ort ist: Bei dem Gewirr aus Linien, Zahlen und Farben, das sich auf Wetterkarten findet, ist es nicht anders als mit den Autofaltkarten von früher, die auch nie dabei halfen, ans richtige Ziel zu kommen und mehr als nur den einen Familienurlaub ins Wasser fielen ließen, als Vati erst nach Stunden auffiel, dass Mutti die Karte falsch herum gehalten hatte und man deshalb den Alpenurlaub an der Nordsee verbringen durfte…

Im Wetterbericht der 1980er war stets noch der Golf von Biskaya Ursprung allen Übels. Als Kind lernte man, dass schlechte Menschen aus Russland, schlechte Angewohnheiten vom vielen Fernsehen und schlechtes Wetter aus dem Golf kommt, von dem niemand wusste, wo er eigentlich liegt. Irgendwann hat es sich die Biskaya dann wohl mit dem Deutschen Wetterdienst verscherzt. Stattdessen hört man heutzutage von Funtensee, dem deutschen Kältepol bei Berchtesgaden. Ankündigungen von Fronten und Stürmen aus Berchtesgaden sind dem deutschen Volk ja vertraut. Dort wusste man schließlich schon vor achtzig Jahren am besten, ob man Bombenwetter oder Blitz kriegt. Hätte man damals zeitig erkannt, dass die angekündigten Hochs eigentlich Tiefs waren, man hätte sich viel Heizen sparen und für den Ausflug nach Stalingrad statt Sonnencreme noch ein Paar Socken mehr einpacken können…

Wer Wetterberichte im Fernsehen verfolgt, dem stellen sich unweigerlich Fragen: 1.) Nach welchem Prinzip werden eigentlich die Städte ausgewählt, die auf den Wetterkarten abgebildet sind? 2.) Sind die Ratiopharm-Zwillinge und der Grippostad-Pinguin überhaupt daran interessiert, dass es gutes Wetter gibt? Und 3.) Woher kommen die vermeintlich seriösen Wetterfeen, die keine Schwierigkeiten hätten, bei Heidi Klum einen Vertrag zu bekommen, es aber vorziehen, im Nachmittagsprogramm über Kaltluft im Hunsrück zu berichten? Geht man von der üblichen Meteorologie-Studentin aus, die selbst nackt aussieht, als würde sie einen Norwegerpulli tragen, vollbringt Fernsehschminke entweder wahre Wunder oder aber die Modelmiezen, die tief dekolletiert über das Wetter am Jadebusen berichten, haben keine Ahnung von dem, was sie ablesen und halten einen Zyklon für eine einäugige Sagengestalt und Graupel für den Körnerkram in Omas Suppe…

Und so harre ich in diesen Tagen wieder einmal jeden Abend aufs Neue gespannt vor dem Fernseher in zweifelhafter Erwartung auf eine neue Wettermärchenstunde, während ich mich mit Wolldecke und Tee vom angekündigten „ersten herrlichen Frühlingstag“ erhole, der mich mittags beinahe weggeblasen hätte, wäre ich nicht vorher schon weggespült geworden. Während sie im Fernsehen etwas von einer gestern noch nicht absehbaren Verzögerung des Hochs und garantiert blauem Himmel für morgen berichten, beginnen meine Terrassenmöbel über den regenüberfluteten Balkon zu treiben, während seltsam weißes Zeug vom Himmel fällt. Aber was will man auch schon von einem Hoch erwarten, das Kevin heißt? Aprilwetter… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

P.S. Satte 299 Euro plus Mehrwertsteuer kostet die Namenspatenschaft für ein Hochdruckgebiet. Dafür kann man nun wirklich gutes Wetter erwarten.

Mindesthaltbarkeit erreicht

„Wer älter wird, wird weiser“ meint ein Sprichwort. Nicht nur denjenigen, die gut in Rechtschreibung sind, wird mit zunehmendem Alter bewusst, dass damit wohl nicht das immer fahler werdende Gesicht gemeint ist, das einen morgens aus dem Spiegel entgegenblickt und das jeden über Vierzig von Tag zu Tag mehr an Opa oder Oma als an einen selbst erinnert. Zu realisieren, dass man älter wird, ist nicht einfach, lässt sich aber gerade bei Frauen in der Regel nicht vermeiden; und auch danach nicht. Zwar versprechen viele überteuere Kosmetika, Firnessgurus und Ernährungstipps ewige Jugend mit Traumgewicht, das einzige was durch diese in Form bleibt und leichter wird, ist jedoch der Geldbeutel. Wer effektiv etwas gegen das Altern tun will, dem bleibt nicht viel anderes übrig, als früh zu sterben…

Mit dem Älterwerden ist das eine verzwickte Sache. In jungen Jahren wünscht man sich sehnlichst, endlich erwachsen zu werden, um selbst entscheiden und tun zu können, was man möchte, da man es als Kind satt hat, machen zu müssen, was andere sagen. Kaum dass man dann erwachsen ist, wünscht man sich sehnlichst die Kindheit zurück, als man noch nicht selbst entscheiden musste und tun konnte, was man mochte, da man es als Erwachsener satt hat, machen zu müssen, was andere sagen. Irgendwie hatte man sich als Kleiner das Leben als Großer toller vorgestellt, als man mit dem Erwachsensein noch lange aufbleiben, nachts Fernsehen schauen und Eis essen so viel man mag in Verbindung brachte statt wie heute Alimente, Steuererklärung und Prostatavorsorgeuntersuchung…

Seit der Kindheit hetzt jeder von uns vermeintlich erstrebenswerten Zielen entgegen wie ein Esel der Karotte. Nur um nach ihrem Erreichen feststellen zu müssen, dass jedes Ziel bloß der Start für die nächste Etappe im Leben ist, an deren Ende eine größere Karotte wartet. Hinzu kommt die nüchterne Erkenntnis, dass es trotz größter Mühen stets jemanden gibt, der das gleiche Ziel schneller und besser erreicht und am Ende die größere Karotte hat. Das ist beim Sandburgenbau im Kindergarten bereits ebenso wie später bei Prüfungen oder beim Sex mit dem langjährigen eigenen Partner. Das Hinarbeiten auf ein Ziel ähnelt der Installation einer App: Ob 100 % erreicht werden, bleibt bis zum Ende spannend und setzt voraus, dass es zu keinem Absturz kommt und man genug Power hat…

Unser Leben ist zu einem All-you-can-eat-Buffet geworden, bei dem wir alles Schöne, was bereits auf dem eigenen Teller liegt, kaum mehr genießen können, da wir uns schon Gedanken machen, was wir uns als Nächstes aufladen. Jeder hastet und blickt neidisch auf den Teller des Nachbarn, um zu prüfen, ob dieser nicht vielleicht ein größeres oder schöneres Stück vom Kuchen abbekommen hat. Das ist beim Mittagessen in der Kantine nicht anders als beim Aushändigen irgendeines Zeugnisses oder beim Besichtigen des neuen Hauses von Freunden. Auch wenn es uns nicht bewusst ist, wir vergleichen uns immer und überall mit anderen und beneiden zumindest unterbewusst diejenigen, die mehr haben als wir selbst. Das wird jeder Mann bestätigten, der ab und an einmal in die Sauna geht…

Unser Leben ist ab dem Moment stressig, in dem sich vor uns der Muttermund öffnet, und bleibt dies so lange, bis sich über uns der Sargdeckel schließt. Dazwischen hetzen wir durch Kindheit, Jugend und Erwachsensein. Zwischen der Lebensphase, in der wir noch in Windeln machen, und der Lebensphase, in der wir wieder in Windeln machen, soll nichts dem Zufall überlassen sein. Mit Durchtrennen der Nabelschnur wird Neugeborenen der Fahrplan fürs Leben in die Hand gedrückt, in dem Einser-Abitur, Medizinstudium cum laude, fünf Sprachen und drei Musikinstrumente obligatorisch sind. Anfangs ist jeder motiviert, erst Kindergarten, dann Schule sowie Lehre oder Studium schnell zu durchlaufen, um frühestmöglich im Beruf zu landen und dort auf Rente oder Tod zu warten…

Gestern kaum gekannt, heute schon verheiratet, morgen bereits wieder geschieden. Irgendwann steht man als Erwachsener um die Vierzig mit seriösem Beruf und geregeltem Einkommen da, blickt zurück auf dreißig Jahre Stress und realisiert, dass vor einem weitere dreißig Jahre Stress liegen, an deren Ende man reicher an Erfahrung und vielleicht auch reicher an Vermögen sein wird; oder bereits tot. Um das eigene Leben umzukrempeln und nur noch das zu machen, auf was man Lust hat, ist man einerseits schon zu alt und andererseits noch zu jung. Auf der Flucht vor der Midlifecrisis kommen viele auf recht dumme Gedanken: Das endet bei den einen in Alkohol, Drogen und Verschuldung wegen Glückspiels, bei den anderen in Heirat, Kindern und Verschuldung wegen des Eigenheims…

Mit zunehmendem Alter wird einem bewusst, wie viel Zeit man früher in Ziele investiert hat, die es nicht wert waren: Die Mühe, die man in der Schule in die Verbindung von Estern im Chemiekurs steckte, für die es am Ende eine Sechs gab und die mit einem Puff endete. Oder die Mühe, die man nach der Schule in die Verbindung mit Esther aus dem Chemiekurs steckte, für die es am Ende keinen Sex gab und die in einem Puff endete. Bedenkt man, wie mühevoll es einst war, mit Vatis Kamera ein paar verwackelte Fotos der umschwärmten Banknachbarin im Freibad zu machen und wie mühelos heute zig hochauflösende Bikinifotos der umschwärmten Büronachbarin bei Twitter und Co. verfügbar sind, kommt man sich vor wie sein eigener Opa, der von der Zeit vor dem Krieg erzählt…

Irgendwann über Vierzig kommen wir Männer in ein Alter, in dem wir uns sonntags nicht mehr darüber ärgern, zu früh wach zu werden, sondern froh sind, überhaupt noch wach zu werden. War Mann einst glücklich, wenn er nicht aus dem Bett musste, reicht es irgendwann zum glücklich sein aus, wenn er noch aus dem Bett kommt. Wer früher stolz war, erst nach dem zehnten Bier Pinkeln zu müssen, ist irgendwann schon zufrieden, wenn das erste Bier nicht schon wieder unten raus will, bevor es oben ganz drin ist. Während es für Millennials wichtig ist, etwas auf dem Teller zu haben, was ihr Gewissen nicht belastet, ist es für uns, die wir unsere Pubertät in den 1990ern verbrachten, mehr und mehr wichtig, etwas auf dem Teller zu haben, was unsere Gebisse nicht belastet…

Bei Frauen geht es in jungen Jahren vor allem darum, Sex zu haben und Kinder zu vermeiden. Diese Haltung wandelt sich mit der Zeit dahin, Kinder zu haben und Sex zu vermeiden. Verhüten Frauen unter Dreißig meist mit der Pille, tun sie es ab Dreißig meist mit Licht im Schlafzimmer. Das Gefallen, das Frauen an Handtaschen in allerlei Farben und Größen mit verschiedensten Verschlüssen haben, schwenkt ab Dreißig auf Tupperdosen in allerlei Farben und Größen mit verschiedensten Verschlüssen um, die wie einst die Handtaschen nach einmaliger Benutzung in einer Schublade verschwinden. Frauen Ü40 sind übrigens der Meinung, Mädels U20 würden es heutzutage mit dem Alkohol übertreiben. Mädels U20 denken über Frauen Ü40 genau das gleiche. Beide haben Recht…

Fest steht, dass auch der, der äußerlich älter wird, sich seine Jugend innerlich erhalten kann. Das wird jeder bestätigen, der schon einmal bei einem Klassentreffen alte Schulkameraden getroffen hat, die äußerlich zwar kahl und dick geworden sind wie ihr Vater, innerlich jedoch noch genau das gleiche Arschloch geblieben sind wie in der zehnten Klasse. Lernen wir beim Älterwerden denn gar nichts aus der Vergangenheit? Vielleicht nur so viel, dass besoffen Auto zu fahren dank Spurhalteassistent im Oberklassenfahrzeug mit Vierzig deutlich einfacher ist als im Kleinwagen mit Zwanzig. Das zu Beginn erwähnte Sprichwort stimmt also vielleicht gar nicht. Oder aber es enthält einen Rechtschreibfehler. Mindesthaltbarkeit erreicht… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

P.S. Wer früher stirbt, ist länger tot.

Die Sache ist gegessen

Menschen und Pflanzen haben mehr gemeinsam als man zunächst vielleicht denken mag. Von beiden gibt es groß wie auch klein gewachsene, weiche wie auch harte Exemplare, von denen mache hübsch, andere eher hässlich sind. Einige von ihnen sind glatt, andere stachelig und wiederum andere beschnitten. Die einen wirken reizend, auf andere reagiert man allergisch oder sogar mit Ausschlag. Manche erweisen sich als nützlich und auch in der Küche zu gebrauchen, während andere zwar gut aussehen, sonst jedoch nur herumstehen und sich vollgießen lassen. Bei beiden Gruppen gibt es solche, die man sich aussuchen kann, und solche, die von Freunden bei Partys mitgebracht werden. Manche duften und machen sich auch im Schlafzimmer gut, während andere so unangenehm riechen, dass man sie am liebsten vor die Tür setzen würde. Bei den einen geht es daher darum, sich fortzupflanzen, bei den anderen darum, sie fort zu pflanzen… Weiterlesen

In der Zukunft von gestern

Wer kennt nicht das Gefühl, das einen immer montags beim Aufwachen ereilt, wenn man nicht glauben kann, dass das Wochenende schon wieder vorbei ist. Gerade war man noch erleichtert, dass die Woche vorüber war, da beginnt schon wieder die nächste. Noch schlimmer ist dieses Gefühl jedes Jahr Anfang Januar. Kaum dass man sich durch einen stressigen Frühling, einen noch stressigeren Sommer, einen nicht minder stressigen Herbst und einen erstrecht stressigen Winter zum Jahresende vorgekämpft hat, in der Hoffnung auf endlich etwas Ruhe und Entspannung zwischen den Tagen, beginnt irgendwo jemand lauthals rückwärts zu zählen, lässt Sektkorken knallen und wünscht einem ein frohes neues Jahr… Weiterlesen

Männergrippe

Kürzlich hatte ich passend zur Vorweihnachtszeit eine schöne Grippe. Weniger jedoch mit Jesuskind, Hirten und Stern von Bethlehem als vielmehr mit Kopfschmerzen, triefender Nase und Husten, der beim Erkältungsbad in der Wanne einen Tsunami auslöste, bei dem anderswo Touristenorte evakuiert worden wären. Es war einer dieser grippalen Infekte, gegen die Frauen immun sind, die bei uns Männern jedoch Nahtoderlebnisse hervorrufen und mehr Taschentücher erfordern als ein einsamer Samstagabend zuhause. Während Frauen in solchen Momenten durch bloßes Lutschen eines Salbeibonbons geheilt sind, hat es die Natur vorgesehen, dass wir Männer unser Testament machen und uns mit letzten Worten via Whatsapp von unseren Freunden verabschieden… Weiterlesen

Mitten im Herbst

Irgendwann in grauer Vorzeit schuf das Universum, der liebe Gott oder eben der Zufall – je nachdem, wem man nun die Schuld an der Entstehung der Erde geben möchte – den Planeten, auf dem wir alle leben und Steuern zahlen dürfen. Mit ihm entstanden neben Ozeanen, Kontinenten und einer Ursuppe mit Einzellern, aus denen im Laufe der Evolution affenähnliche Lebewesen wurden, die intelligent genug sind, um Parkuhren zu erfinden und Tee in Beutel zu packen, auch Jahreszeiten. Seitdem darf sich jeder in unserem, wenn schon nicht politisch, dann zumindest klimatisch gemäßigten Land mit vierteljährlich wechselnden Jahreszeiten herumschlagen. Was wohl nur diejenigen wirklich freut, die ihr Geld mit Frühlings- und Herbstmode oder mit Sommer- und Winterreifen verdienen… Weiterlesen

Einfach Blogger bleiben

Wer ist beim Kramen in einem nahezu vergessenen Schrank nicht auch schon einmal auf ein paar alte Schulbücher gestoßen, die man einst mit der festen Überzeugung behalten hat, sie sicher irgendwann wieder brauchen zu können. Leider war in der Zeit, als bei mir Deutsch- und Erdkundebücher zuerst in Kisten und Kommoden und danach aus Augen und Sinn verschwanden, nicht absehbar, dass sich kurze Zeit später sowohl Rechtschreibung als auch Atlaskarten derart verändern würden, dass ich all das mühsam erlernte Wissen, welche Wörter und Länder zusammengehören und welche getrennt werden, nie mehr nutzen konnte. Ganz zu schweigen von den Schulunterlagen, die bis heute schwarz auf weiß behaupten, S und T wären nie getrennt, Berlin dafür aber schon…

Wer hätte Ende des 20. Jahrhunderts, als die Anzeige des Radioweckers das einzig Digitale im Alltag war, gedacht, dass bloß eine Generation später zwei Minuten vor dem Computer mehr Informationen liefern als zwei Stunden in der Bibliothek. Auch wenn Bücher gegenüber digitalen Dokumenten nach wie vor Vorteile haben, wenn Tischbeine zu kurz sind, hat die Schnelllebigkeit dazu geführt, dass Neuigkeiten mittlerweile so rasch altern, dass sie es gar nicht mehr aktuell aufs Papier schaffen. Wen interessiert noch den stundenalten Wetterbericht aus der Zeitung, wenn das Smartphone die Vorhersage minütlich aktualisiert? Die Welt dreht sich heutzutage so schnell, dass die Morgenzeitung bereits am selben Abend nur noch so aktuell ist wie das Geschichtsbuch aus der achten Klasse…

Wer über 30 ist, stellt fest, dass außer der Anzahl an Kontinenten und Weltkriegen nicht mehr viel von dem stimmt, was man einmal gelernt hat. Es interessiert heute niemanden mehr, dass dass daß hieß und man früher Albträume nur in Schwaben hatte. „Bitte“ und „Danke“ stehen längst auf der Liste der Worte, die aus dem Duden gestrichen werden können, da sie niemand mehr nutzt. Selbst Rechnen hat sich verändert. Kaufte Oma Elfriede früher 10 Kilo Äpfel für einen Euro das Kilo, war 10 Euro die einzig richtige Antwort auf die Frage, was sie zahlen muss. Heutzutage sind 9 Euro ebenso korrekt, da selbst Oma nicht mehr auf dem Markt einkauft, sondern im Internet Preise vergleicht und bestellt, wo es Rabatt gibt und sie dank Versand das Obst nicht mehr selbst heim schleppen muss….

Aus all dem kann man lernen, dass es zum einen nichts bringt, Schulsachen ewig aufzuheben, vor allem aber, dass man – wenn einem einmal Kram aus vergangenen Tagen in die Hände fällt – diesem keine allzu große Bedeutung mehr beimessen sollte. Das gilt für Opas Deutschlandkarte von 1935 ebenso wie für die Liebesbriefe aus der Mittelstufe. Vor allem aber gilt es für Notizen, in denen man während langweiliger sechster Stunden seinen Weltschmerz zu Papier brachte und sich darüber beklagte, dass die süße Sandra mit dem pickligen Thorsten zusammen ist. Seiner Zeit fand man es aus subjektiver Sicht eines Pubertierenden gut, Gefühle aufzuschreiben, heutzutage aus objektiver Sicht eines Erwachsenen allerdings besser, dass diese nie jemand zu lesen bekam…

Anders als früher, als man seine Gedanken einzig für sich selbst auf einen Block schrieb, schreibt man diese heute für die ganze Welt lesbar in einen Blog und philosophiert für die gesamte Menschheit einsehbar darüber, ob Rasenmähen Mord an Pflanzen und es moralisch noch vertretbar ist, einen Schokokuss wie früher Mohrenkopf zu nennen. War ein Tagebuch einst etwas Privates, was niemand lesen durfte, ist ein Weblog heutzutage etwas Öffentliches, was jeder lesen soll. Dieser Überzeugung sind zumindest Blogger, die glauben, die Welt besser zu machen, wenn sie über die Laune ihres Wellensittichs berichten, täglich den Bräunungsgrad ihres Frühstückstoasts posten oder zur Diskussion anregen, welcher Toilettenreinigersorte am besten riecht…

Eines der größten Probleme der digitalen Zeit ist die inflationäre Verbreitung für den Fortbestand der Menschheit völlig irrelevanter Meinungen im Internet, die dort auf ewig verbleiben wie ein Rotweinfleck auf einem weißen Hemd. Während in analoger Zeit peinliche Texte und Fotos irgendwann in Vergessenheit gerieten und in einem Schrank verschwanden, ist in digitaler Zeit an ein Vergessen und in einer Cloud verschwinden nicht zu denken. War man früher selbst Herr der Entscheidung, was im Papierkorb landet oder aus diesem wieder herausgeholt wird, hat man diese Kompetenz mittlerweile längst an Google und Co. abgegeben. Und die sind auch nicht besser als die eigene Mutter, die früher auch stets betonte, nichts mitzulesen, am Ende aber doch über alles Bescheid wusste…

Man gibt sich heute nicht mehr damit zufrieden, eine Meinung zu haben, man möchte auch, dass jeder diese Meinung kennt. Wer früher halbgare Parolen auf Toilettentüren schrieb, kommt heute nicht mehr ohne multimediales Massen-Stalking aus. War Influenza einst eine Krankheit, sind Influencer mittlerweile eine Plage. Beide sind lästig und verbreiten sich schneller als man etwas gegen sie tun kann. An die Stelle seriöser Textbeiträge sind Netzkolumnen und YouTube-Channels mit reißerischen Titeln getreten, die durch Clickbaiting Werbeeinnahmen generieren. So gibt es mittlerweile für alles Vorstellbare und noch viel mehr Unvorstellbares Blogs und Vlogs, bei denen um Likes gebettelt und sich multimedial prostituiert wird, um an Abonnenten zu kommen…

Die Gefahr der Meinungsbildung durch gefährliches Halbwissen ist dank des Internets heute größer als früher, als Blödsinn nur unter denen verbreitet wurde, die in der Schule voneinander abschrieben. Resultat sind immer mehr „urbane Legenden“, also Unwahrheiten, von denen viele glauben, sie seien wahr. Zum Beispiel dass Kühe innerlich ertrinken, wenn sie im seichten Wasser stehen, da sie keinen Schließmuskel besitzen und von hinten volllaufen. Oder dass Ostdeutschland kein Nazi-Problem hat. Verwerflich ist nicht, solche Fakes im Netz zu verfolgen, sondern, diese unbedacht weiterzuverbreiten. Wer im Internet bei der Suche nach dem 45. Präsidenten der USA neben Donald Trump auch Homer Simpson genannt bekommt, sollte zumindest skeptisch sein. Am besten bei beiden Antworten…

Die Hoffnung, bei Fragen von der vermeintlich allwissenden Internetgemeinde die richtigen Antworten zu bekommen, wird meist enttäuscht. Wie Religionen und Bedienungsanleitungen liefert auch das Internet kaum wirklich brauchbare Ratschläge fürs Leben. Anders als in der Schule, als sich nur derjenige meldete, der die Antwort auch wusste, ist es im weltweiten Netz üblich, zu kommentieren, dass das „eine gute Frage“ sei, die man sich „auch schon immer gestellt hat“, deren Antwort man aber „leider auch nicht weiß“. Es mangelt im Internet grundsätzlich nicht an Antworten, jedoch an Fragen, die zu den Antworten passen! Früher waren diejenigen still, die Antworten nicht kannten, um nicht aufzufallen. Heute kommentieren diejenigen, die Antworten nicht kennen, um aufzufallen…

 

Letztens suchte ich bei einem Problem mit dem Web-Browser Hilfe in einem Blog. „Bibi Blogsberg“ ließ mich wissen, dass sie lieber badet statt zu brausen und kein Patentrezept für die richtige Software, dafür aber für das richtige Softeis hat. „Sun Blogger“ fragte mich, ob ich nicht doch weiblich bin und Lust auf ein Treffen hätte und „Jenny from the Blog“ bot mir günstige Markensonnenbrillen an. Die Antwort von „Blogflöte“ war da noch am hilfreichsten, die vorschlug, ich solle mal googeln. Irgendwie ist das Internet nicht viel anders als meine alten Schulhefte: Voll mit Rechtschreibfehlern und Texten, die einem im Leben nicht weiterhelfen. Das muss man wohl akzeptieren und dabei einfach Blogger bleiben… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

P.S. Gibt es im Internet eigentlich ein Schwangerschaftsverhütungsforum mit Namen „Spiralblog“?

Safariurlaub

Es ist doch irgendwie jedes Jahr dasselbe. Nichts bräuchte man dringender als einen erholsamen Urlaub mit etwas Abstand vom Alltag und von der längst überfälligen Steuererklärung. Doch beim Blick auf den Kontoauszug wird einem plötzlich klar, dass es auch diesen Sommer statt für kühlen Wein, Meeresfrüchte und Strand-Bekanntschaften mit Traummaßen wieder nur für lauwarmes Bier, Fischstäbchen und Freibad-Bekanntschaften mit Alptraummassen reicht. Irgendwie hatte man sich den Urlaub dieses Mal anders vorgestellt: Cocktails aus Kokosnusshälften, Bungalow am Meer mit Bad unter freiem Himmel und Blick aufs Wasser. Und jetzt soll es dann doch wieder nur Sangria aus Plastikbechern, Zelt am Moselufer mit Toilette im Gebüsch und Blick auf eine Kläranlage sein…? Weiterlesen

Ganz schön abgebrüht

Er gilt als bester Freund der Briten, die seinen guten Geschmack schätzen. In Boston stand er schon zur Kolonialzeit im Mittelpunkt einer ausladenden Hafenparty. Ein Mitglied des A-Teams benannte sich nach ihm und nicht zuletzt tragen ein Buchstabe und ein Shirt seinen Namen. Neben Roberto Blanco ist er wohl der einzige Schwarze, der allen ein Begriff ist und für den es bei Oma am Tisch stets ein Plätzchen gab. Er symbolisiert Ruhe, auch wenn er unter Dampf steht und gelegentlich überkocht. Bleibt er unbeachtet, reagiert er gelassen mit Kälte. Sauer wird er nie, außer mit Zitrone. Und er spaltet die Gesellschaft wie niemand sonst. Die einen mögen Kaffee, die anderen ihn: Tee… Weiterlesen

Kein Anhalter aus der Galaxis

Es gilt Menschen, die statt aufzuräumen oder Leergut wegzubringen, es in ihrer freien Zeit tatsächlich für erstrebenswerter halten, sich mit Teleskopen vor den Augen und Aluhüten auf dem Kopf die Frage zu stellen, ob es – wenn schon nicht hier bei uns auf der Erde – dann zumindest da draußen im endlosen Weltall irgendwo intelligentes Leben gibt. Als wäre es nicht schon nervenaufreibend genug, sich wegen des Klimawandels und der an Samstagen stets raren Parkplätze vor dem Supermarkt mit dem eigenen Planeten herumschlagen zu müssen, ist eine nicht geringe Zahl von uns Erdlingen der festen Überzeugung, dass es Außerirdische gibt und dass man sie kontaktieren müsse, um sich mit ihnen auszutauschen, von ihnen zu lernen oder zumindest Krieg gegen sie zu führen… Weiterlesen