Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Joscha Schmierer

Von Klaus Bittermann

 

Schmierer, Joscha - Spätestens seit der Wiedervereinigung ließ sich unter den ehemaligen Häuptlingen und Unterhäuptlingen der linken Bewegung ein eigenartiges Rumoren und Scharren beobachten. Der bereits verblichene DDR-Sozialismus mit nuschelndem Antlitz wurde als Schreckgespenst noch einmal wiederbelebt, damit die ehemaligen Experten in Sachen Revolution und Partei den Leichnam noch einmal kräftig ausschimpfen konnten.

Man tat dies zäh und ausdauernd, und erstaunlicherweise hatten sie mit dieser Konformistenmasche Erfolg. Vereinzelte Gegenwehr konservativer Kritiker, welche darauf hinwiesen, dass beispielsweise Joseph Fischers Bücher zur Lage der Nation nichts enthielten, was im rechten Lager nicht schon lange Konsens sei, konnte den Vormarsch der neuen Warn- und Mahngemeinschaft in wichtige Positionen der Politik, der Medien und des öffentlichen Lebens nicht verhindern. Als über die Macht der Bilder rein medial geschürte Zweifel am geläuterten Außenminister aufkamen, wurde eine Erinnerungswut der 68-Protagonisten entfacht, die trotz der harschen Ermahnung Enzensbergers einfach nicht die Klappe halten konnten. In der Fragestunde des Bundestags stürzten sich dann die CDU-Abgeordneten mit einer den gesellschaftlichen IQ auf Kühlschranktemperatur gesenkten sagenhaften Beschränktheit auf die 68er-Vergangenheit, und damit hatten die doch schon lange Bekehrten genau die Gegner, die sie sich redlich verdient haben.

Joscha Schmierer bekannt in der FAZ, dass „Demokratie von Anfang an im Zentrum der Auseinandersetzung stand“. Das war sehr lustig, erfuhr man doch nur wenige Tage später in der gleichen Zeitung, dass Joscha Schmierer 1968 als Clint Eastwood verkleidet, d.h. mit Hut, Poncho und Zigarette im Mundwinkel in Heidelberg herumgelaufen sei, peinlich genau auf „das Image des Freibeuters und Kopfgeldjägers“ bedacht. Kurze Zeit später legte er die Kostümierung ab und nahm nicht nur in seiner neuen Rolle als ZK-Sekretär seinen bürgerlichen Vornamen Hans-Gerhard wieder an, sondern wollte als Replikant Josef Bachmanns „Parasiten“ und „kleinbürgerliche Elemente“ in einer Fischmehlfabrik „umerziehen“. Statt bei sich selbst anzufangen wurde aus dem Mini-Pol-Pot mit den Ausrottungsphantasien ein „europäischer Vordenker“, der als Chef der Zeitschrift Kommune mit ganz ähnlichen, dafür aber staatlich abgesegneten Phantasien nunmehr vehement für den Eintritt Deutschlands in den Krieg gegen Jugoslawien stritt. Diese Haltung wurde mit einem Posten in Fischers Auswärtigem Amt belohnt.

„Die Achtundsechziger-Protagonisten müssten sich daran messen lassen, was sie heute zur Lösung der großen politischen Fragen beitragen“, zitierte Schmierer stolz die Ermahnung des FAZ-Chefs Frank Schirrmacher, an der sich der Resozialisierte empor rankte. Ja, Joscha Schmierer liegt das Wohlergehen Deutschlands am Herzen, und was immer er tat, er tat es für Deutschland. Das ist schön, das ist erhebend. In den langen Nächten der Rehabilitierung und Zerknirschung wird sich Schmierer immer wieder die gleiche Frage wie Joseph Fischer gestellt haben, der auch nicht mehr wusste, warum er eigentlich nicht von Anfang an den „geraden Weg“ gewählt habe.
Nicht nur bei Schmierer allein hat die Gedankenwaschanlage gewirkt. Auf dem langen, steinigen und verschlungenen Pfad zu sich selbst regredierten die Alteisengenossen zu den lächerlichen Autoritäten, über die man sich früher beeumelt hatte. Kann sein, dass sich die meisten dazu nicht sonderlich anstrengen mussten, aber es ist schon bemerkenswert, dass sie „im Lichte der zurzeit stattfindenden Banalisierung von 68“ (Karl Heinz Bohrer) eine ganz schlechte Figur abgeben. Und dass ausgerechnet Karl Heinz Bohrer eine Kritik mit Grandezza an der schwachen Leistung der 68er geschrieben hat, zeigt das Ausmaß an, wie übel sie wirklich dran sind, wenn ihnen in der betulichen und radikalen Ideen abholden Zeit gesagt werden muss, dass die „moralisierende Bewertung des Gewaltbegriffs intellektuell völlig defizitär“ ist. Aber das wird sie nicht mehr treffen, denn die „Bankangestelltenmentalität“, die ihnen Bohrer attestiert und die sich als „bedenkenträgerische Affirmation an die Kriminalisierung des yesterday“ im Gesicht Fischers niederschlägt, ist bekanntlich gegen jede Kritik immun. Im System gefangen sind sie schon tot, bevor sie wirklich abtreten.

 

 


 

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