Schmierer,
Joscha - Spätestens seit der Wiedervereinigung ließ
sich unter den ehemaligen Häuptlingen und Unterhäuptlingen
der linken Bewegung ein eigenartiges Rumoren und Scharren
beobachten. Der bereits verblichene DDR-Sozialismus mit nuschelndem
Antlitz wurde als Schreckgespenst noch einmal wiederbelebt,
damit die ehemaligen Experten in Sachen Revolution und Partei
den Leichnam noch einmal kräftig ausschimpfen konnten.
Man tat
dies zäh und ausdauernd, und erstaunlicherweise hatten
sie mit dieser Konformistenmasche Erfolg. Vereinzelte Gegenwehr
konservativer Kritiker, welche darauf hinwiesen, dass beispielsweise
Joseph Fischers Bücher zur Lage der Nation nichts enthielten,
was im rechten Lager nicht schon lange Konsens sei, konnte
den Vormarsch der neuen Warn- und Mahngemeinschaft in wichtige
Positionen der Politik, der Medien und des öffentlichen
Lebens nicht verhindern. Als über die Macht der Bilder
rein medial geschürte Zweifel am geläuterten Außenminister
aufkamen, wurde eine Erinnerungswut der 68-Protagonisten entfacht,
die trotz der harschen Ermahnung Enzensbergers einfach nicht
die Klappe halten konnten. In der Fragestunde des Bundestags
stürzten sich dann die CDU-Abgeordneten mit einer den
gesellschaftlichen IQ auf Kühlschranktemperatur gesenkten
sagenhaften Beschränktheit auf die 68er-Vergangenheit,
und damit hatten die doch schon lange Bekehrten genau die
Gegner, die sie sich redlich verdient haben.
Joscha
Schmierer bekannt in der FAZ, dass Demokratie von Anfang
an im Zentrum der Auseinandersetzung stand. Das war
sehr lustig, erfuhr man doch nur wenige Tage später in
der gleichen Zeitung, dass Joscha Schmierer 1968 als Clint
Eastwood verkleidet, d.h. mit Hut, Poncho und Zigarette im
Mundwinkel in Heidelberg herumgelaufen sei, peinlich genau
auf das Image des Freibeuters und Kopfgeldjägers
bedacht. Kurze Zeit später legte er die Kostümierung
ab und nahm nicht nur in seiner neuen Rolle als ZK-Sekretär
seinen bürgerlichen Vornamen Hans-Gerhard wieder an,
sondern wollte als Replikant Josef Bachmanns Parasiten
und kleinbürgerliche Elemente in einer Fischmehlfabrik
umerziehen. Statt bei sich selbst anzufangen wurde
aus dem Mini-Pol-Pot mit den Ausrottungsphantasien ein europäischer
Vordenker, der als Chef der Zeitschrift Kommune mit
ganz ähnlichen, dafür aber staatlich abgesegneten
Phantasien nunmehr vehement für den Eintritt Deutschlands
in den Krieg gegen Jugoslawien stritt. Diese Haltung wurde
mit einem Posten in Fischers Auswärtigem Amt belohnt.
Die
Achtundsechziger-Protagonisten müssten sich daran messen
lassen, was sie heute zur Lösung der großen politischen
Fragen beitragen, zitierte Schmierer stolz die Ermahnung
des FAZ-Chefs Frank Schirrmacher, an der sich der Resozialisierte
empor rankte. Ja, Joscha Schmierer liegt das Wohlergehen Deutschlands
am Herzen, und was immer er tat, er tat es für Deutschland.
Das ist schön, das ist erhebend. In den langen Nächten
der Rehabilitierung und Zerknirschung wird sich Schmierer
immer wieder die gleiche Frage wie Joseph Fischer gestellt
haben, der auch nicht mehr wusste, warum er eigentlich nicht
von Anfang an den geraden Weg gewählt habe.
Nicht nur bei Schmierer allein hat die Gedankenwaschanlage
gewirkt. Auf dem langen, steinigen und verschlungenen Pfad
zu sich selbst regredierten die Alteisengenossen zu den lächerlichen
Autoritäten, über die man sich früher beeumelt
hatte. Kann sein, dass sich die meisten dazu nicht sonderlich
anstrengen mussten, aber es ist schon bemerkenswert, dass
sie im Lichte der zurzeit stattfindenden Banalisierung
von 68 (Karl Heinz Bohrer) eine ganz schlechte Figur
abgeben. Und dass ausgerechnet Karl Heinz Bohrer eine Kritik
mit Grandezza an der schwachen Leistung der 68er geschrieben
hat, zeigt das Ausmaß an, wie übel sie wirklich
dran sind, wenn ihnen in der betulichen und radikalen Ideen
abholden Zeit gesagt werden muss, dass die moralisierende
Bewertung des Gewaltbegriffs intellektuell völlig defizitär
ist. Aber das wird sie nicht mehr treffen, denn die Bankangestelltenmentalität,
die ihnen Bohrer attestiert und die sich als bedenkenträgerische
Affirmation an die Kriminalisierung des yesterday im
Gesicht Fischers niederschlägt, ist bekanntlich gegen
jede Kritik immun. Im System gefangen sind sie schon tot,
bevor sie wirklich abtreten.